Illustration, die den Kolumnisten Jan Weiler zeigt
Kolumne

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Die Kraft der Langeweile

Langeweile. Wer kennt sie noch im Zeitalter von iPhones, Tweets und Netflix? Unser Kolumnist Jan Weiler macht sich Gedanken über analoges Kuchenbacken und digitalen Wandel.

Der Autor
Porträtfoto des Kolumnisten Jan Weiler

Jan Weiler ist Chefredakteur des „SZ Magazins“ gewesen, bevor er mit Büchern wie „Das Pubertier“ oder „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ mit liebevoll-scharfsinnigen Beobachtungen zum Bestsellerautor wurde.

Mehr über Jan Weiler

Als ich ein Junge war, hatte ich manchmal nichts zu tun. Dann langweilte ich mich und durchschlenderte das Haus auf der Suche nach Abenteuern. Ich sah zu, wie der Staub im Sonnenlicht tanzte, und ging in die Küche, wo meine Mutter Kuchen buk. Ich setzte mich auf die Anrichte und sah ihr dabei zu, wie sie Teig in einer emaillierten Schüssel rührte. Am Ende durfte ich den Gummischaber ablecken. Ich lebte in einer durch und durch analogen Welt, so wie alle Menschen. Niemand konnte sich vorstellen, dass diese Welt veränderbar war.

Und dann ist es aber so gekommen. Die Welt ist in den vergangenen drei Jahrzehnten eine andere geworden, sie hat sich digital runderneuert. Zuerst kamen die CD-Player, deren Technik kein Schwein verstand. Digital sei sie, hieß es nur. Dann kamen DVDs, Laptops, das Internet, E-Reader, Netflix.

Spätestens seit der Einführung des iPhones 2007 war es mit der Langeweile vorbei. Sie wurde ausgerottet wie Pest, Masern oder Polio. Als sei die Langeweile eine Krankheit. Dabei kennzeichnete sie den wertvollen Zustand zwischen einem nicht näher beschreibbaren Verdruss und einer genialen Idee, um der Langeweile ein Ende zu setzen. Sie war Vehikel für Geistesblitze und gleichzeitig die weichste Matratze, auf der sich Gedanken ausruhen konnten.

Die Kolumne zum Hören

Genießen Sie Jan Weilers Text von ihm selbst vorgelesen (KfW Bankengruppe/Jan Weiler).

Meinen Kindern gilt die Langeweile heute als Todfeind. Sie wissen nicht mit ihr umzugehen und hassen es, wenn im Ferienhaus kein Netz ist. Das Digitale an sich ist ihr Lebensraum. Und natürlich ist der sehr bequem. Die Digitalisierung ist im Großen und Ganzen etwas Schönes. Datenpäckchen sausen wie geölte Blitze durch die Erde und die Luft und transportieren allerhand nützliche Informationen und noch viel mehr Blödsinn wie zum Beispiel Essensbestellungen an Restaurants, in die man auch zu Fuß gehen könnte. Oder Musik von Unheilig. Oder Tweets vom amerikanischen Präsidenten.

Gerade mit dem Blödsinn kommt nicht jeder zurecht. Der große Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger wütet des Öfteren als Kritiker der Digitalisierung. Er hat nicht in allem recht und vermischt in manchen seiner Artikel Thesen und Tatsachen, die nicht zusammengehören. Womit er jedoch einen Nerv bei mir trifft, obwohl ich knapp vierzig Jahre jünger bin als er, das ist dieses wehrlos machende Gefühl des Nicht-standhalten-Könnens.

Quelle
Cover CHANCEN Erfolg in der digitalen Welt

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2017 „Erfolg in der digitalen Welt".

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Während man sich in früheren Zeiten dem Fortschritt wenigstens in Teilen entziehen konnte, ist das heute nämlich nicht mehr möglich. Die Telekom will bis 2018 das analoge Telefonnetz abschalten, der terrestrische Empfang fürs Radio steht vor dem Aus, jeder Kleinwagen verfügt über einen Bordcomputer, in dem Tausende von Daten ununterbrochen aktualisiert werden.

Das hat viele Vorteile, aber manchmal macht es mich auch nervös. Dann träume ich mich zurück in meine Kindheit, in der die Rührschüsseln noch emailliert waren. Emaillierte Schüsseln mit leicht abgeplatzten Rändern. Bekommt man auch nicht mehr, nirgends. Wobei: Long-Tail-mäßig gibt es sicher einen Versand dafür. Und wenn er von Bolivien aus seine Waren verschickt: Ich werde ihn finden. Innerhalb weniger Sekunden. Ein Hoch auf die digitale Welt. Wenn die Schüssel geliefert wird, werde ich Kuchen backen. Aber ich weiß jetzt schon, dass es nicht so sein wird wie damals.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 6. Juni 2017