Illustration zur Kolumne von Stanisic
Kolumne

Kolumne

Schön getanzt in Jugoslawien

Krieg in Kroatien, Tanzen im Sozialismus, „Wind of Change“ als Lieblingslied: Der Schriftstelller Saša Stanišić über sein Leben als Teenager.

Zur Person
Der Autor Sasa Stanisic

Saša Stanišić, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019, gehört zu den gefeierten Schriftstellern seiner Generation. Geboren 1978 in Višegrad, floh er 1992 vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland. Mehrfach ausgezeichnet, landete er zuletzt mit „Herkunft“ einen Bestseller.

Der Krieg in Kroatien begann 1991. Ich war dreizehn Jahre alt, lebte fünfhundert Kilometer von den Schüssen entfernt und ich konnte, noch nachdem die Nachrichten und alle Gespräche voll von dem Krieg waren, nicht glauben, dass er wirklich wahr war. Ich konnte nicht glauben, dass Nachbarn und Kollegen aufeinander losgingen und Jugoslawien auseinanderfiel. Vor allem konnte ich nicht glauben, dass Tito nicht sofort aus seinem Grab aufstand, um mit einer Zombie-Armee ehemaliger Funktionäre in Kroatien aufzuräumen.

Eine andere wichtige Sache, die ich nicht glauben konnte, war, dass Nataša lieber mit dem anderen Saša tanzen wollte, dem mit der Tolle, als mit mir, während unseres Antikriegsfestes im Restaurant „Garten“. Sonst war das Fest ein voller Erfolg, obwohl es nicht wie erhofft zum Frieden geführt hatte, sondern ein paar Monate später auch in Bosnien die ersten Schüsse fielen, aber gut. Wir, ein Dutzend Acht- bis Vierzehnjähriger, schmückten die Tische mit dem roten Stern und hängten jugoslawische Fähnchen und Tannenkränze an die Wände. Die Kränze sollten für Frieden stehen, aber in Wirklichkeit sahen sie aus, als käme Väterchen Frost gleich durch die Tür.

Wir rezitierten Lobeslyrik: auf Jugoslawien. Auf die Gemeinschaft, die Kindheit, die Liebe. Ich speziell rezitierte Verse auf die Liebe und sah dabei zu Nataša, die im Publikum saß und nicht zu mir sah. Jemand sang ein Partisanenlied, ein anderer einen amerikanischen Popsong. Es gab eine Kindertalkshow mit Gästen, die zu Themen wie „Dinosaurier“ und „Antifaschismus“ etwas zu sagen hatten. Meine Großmutter organisierte die Tombola und gewann selbst.

Die Kolumne zum Hören

Genießen Sie Saša Stanišić' Text von ihm selbst vorgelesen (KfW Bankengruppe/Saša Stanišić).

Was für eine schöne Vergeblichkeit. In den letzten Zuckungen Jugoslawiens feierten wir Jugoslawien so naiv und fantastisch und eben vergeblich, wie Jugoslawien als Idee auch gewesen war: eine Welt aus Gleichen, die weder durch Herkunft noch durch Religion getrennt werden sollten, und in der alle die gleichen Rechte genossen. Mit gesundem Sozialismus, mit Reise- und Meinungsfreiheit – es sei denn, du hast die Meinungsfreiheit zu wörtlich genommen, dann war es auch schnell mal aus mit deiner Reisefreiheit. Am Abend spielte Musik. „Wind of Change“ von den Scorpions war mein Lieblingslied zu der Zeit, und ausgerechnet dazu tanzte also Nataša mit Saša, dem mit der Tolle.

Ziemlich genau ein Jahr nach dem Fest wird ein serbischer Söldner meine Großmutter fragen, wie sie zulassen konnte, dass ihr Sohn eine „Türkin“ heiratet. Die Häuser der muslimischen Bevölkerung sind da bereits Brandruinen.

„Rassisten sind grundsätzlich unhöfliche Menschen“, soll mein Großvater einmal gesagt haben. Es ließ sich in Jugoslawien lange Zeit gut gegen Rassismus und Faschismus sein. Umso unerhörter erscheint die Selbstverständlichkeit, mit der in den Neunzigern Rassisten in Belgrad, in Zagreb, in Vukovar und auch in Višegrad aufmarschierten. Welten vergehen, stellt man sich denen, die sie vergehen lassen wollen, nicht früh und entschieden in den Weg.

Quelle
Cover Chancen

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2019 „Wendezeiten“.

Zur Ausgabe

2018 erst habe ich Nataša wiedergesehen. Der Krieg hatte unsere Wege weit auseinandergelegt. Wir sprachen lange, erinnerten uns auch an unser Friedensfest, an die unbeschwerte Jugend, in der vieles möglich schien für viele und dann für viele so vieles unmöglich wurde. Ich verriet Nataša, dass ich gern mit ihr getanzt hätte damals. Sie wunderte sich, sagte, wir haben doch getanzt, sie erinnere sich sogar an das Lied – „Wind of Change“. „War es schön?“, fragte ich. „Haben wir schön getanzt in Jugoslawien?“ Sie lachte, weil die Frage immens komisch war, doch dann sagte sie mit großem Ernst: „Ja, wir haben schön getanzt in Jugoslawien.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am 4. Oktober 2019