Illustration von Jörg Thadeusz
Kolumne

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Komm schon, Alter!

Selbstfindung in Sri Lanka, dickeres Auto, Fallschirmspringen? Solche Midlife-Crisis-Themen treiben unseren Kolumnisten nicht um. Vielmehr fragt Jörg Thadeusz sich, wann ihn endlich jemand für sein Lebenswerk auszeichnen will.

Zur Person
Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz ist Journalist und Moderator. Im rbb ist er regelmäßig mit „Thadeusz" und „Thadeusz und die Beobachter" auf Sendung.

Es ist fast wie damals. Als ich auf das Sprießen über der Oberlippe wartete. Mit dem Bartwuchs würde doch bestimmt auch der doofe Stimmbruch enden. Zum Glück hat damals niemand ausgeplaudert, wie viele Vollbärte einem wachsen, ehe die Sache mit den Frauen kontrollierbarer wird.

Jetzt warte ich auf dich, Alter. Wieder eine kommende Lebensphase. Die Ähnlichkeiten mit der ersten Pubertät liegen auf der faltiger gewordenen Hand. Bevor wir Männer die nächste Ebene der menschlichen Reife erreichen, brennen uns erst wieder die Sicherungen durch. Wie damals.

Über den Erinnerungen an die Teenager-Zeit liegt zwar größtenteils ein gnädiger Nebel. Manches ist aber unvergessen. Fahren ohne Führerschein. Hauen, Saufen, Pöbeln. Nicht schön, aber wahr. Soll doch niemand heute behaupten, ihm sei es damals vor allem um „Jugend musiziert“ gegangen.

Verglichen damit ist die „zweite Pubertät“, die Midlife-Crisis, eher harmlos. Jedenfalls so lange, wie niemand die zurückgelassene Frau fragt. Die mit Hypothekenzahlungen und vorwurfsvoll guckenden Kindern in der Doppelhaushälfte sitzt. Während derjenige, der das kleine Glück jahrelang mitgeträumt hat, eine Yogalehrerausbildung in Sri Lanka macht.

Endlich braune Strickjacken

Fallschirmspringen, neues Motorrad, dickeres Auto oder endlich wieder einmal eine dicke Tüte kiffen – ich bin den klassischen Versuchungen für einen Mittvierziger noch nicht erlegen. Lieber möchte ich in aller Ruhe auf das Alter warten.

Komm schon, Alter!

Jörg Thadeusz liest seine Kolumnen auch vor.

Körperlich bin ich so weit. Die Haare haben sich größtenteils verabschiedet. Der Rest steht auf meinem Kopf rum wie Partygäste, die kein Ende finden. Was sich unter den Augen abspielt, würde selbst die wohlmeinendste Kosmetikerin nicht mehr als ›Fältchen‹ umschreiben.

Im Gemüseladen werde ich nicht mehr mit „junger Mann“ angesprochen. Stattdessen habe ich den Eindruck, dass das verkaufende Quasi-Kind lauter redet, wenn es das Wort an mich richtet.

Worauf ich warte? Natürlich darauf, dass mir Weisheit einschießt. Es liegt immer ein Stift bereit. Für den Fall, dass ich etwas sage, was einmal den Weg in das Innere eines Glückskekses finden könnte. Ich warte darauf, dass mir braune Strickjacken endlich gut stehen. Es wäre auch schön, wenn die bald anrufen würden. Die Leute, die mich entweder für mein Lebenswerk auszeichnen oder meine Autobiografie verlegen wollen.

Quelle
Cover CHANCEN Alter

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2014 „Alter...”.

Zur Ausgabe

Immerhin hat sich schon die Überschrift eines Vortrags in mein Gedächtnis gebissen: „Das Geschenk des Älterwerdens erkennen”. Es fühlen sich wohl viele angesprochen. Denn der Referent wiederholt seinen Vortrag an mehreren Abenden. Ist es wirklich ein Geschenk? Ich warte noch. Bis ich irgendwann „Danke“ sage.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 17. März 2017