Arzt und Patient in Afghanistan
Gesundheit

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Ein Stück Sicherheit

Afghanen gehören immer noch zu den größten Flüchtlingsgruppen, die in Europa Asyl suchen. Doch es gibt Gebiete im Land, in denen sich die Lage verbessert. In Nordafghanistan trägt die KfW seit knapp zehn Jahren über ein Aufbauprogramm zur Stabilisierung bei.

Frauen im afghanischen Krankenhaus in Naland
Gute Versorgung

Blick in einen der Behandlungsräume an einem ganz normalen Tag. Das Krankenhaus in Naland bietet der Bevölkerung lebensrettende Ersthilfe bei Notfällen sowie Routinebetreuung bei Alltagskrankheiten.

Neue Klinik in Nordafghanistan

Für jemanden, der in dem Distrikt Yaftal-e-Payen dringend ärztliche Hilfe braucht, ist es ein weiter Weg in die Provinzhauptstadt. Ein zu weiter. „Manchmal war es sehr schwierig, Patienten nach Faizabad zu bringen“, erzählt der Arzt Ahmad Zubair, „manchmal haben wir es auch nicht geschafft.“ Seit einem Jahr nun haben 60.000 Menschen in Yaftal und angrenzenden Distrikten im bergigen Norden Afghanistans eine Klinik in ihrer Nähe, im Dorf Naland, das zwei Stunden von Faizabad entfernt liegt. Dank des neuen Hospitals sei es viel einfacher geworden, Kranke zu behandeln, so Zubair.

Das ockerfarbene Krankenhaus ist ein Projekt aus dem Stabilisierungsprogramm Nordafghanistan (SPNA), eines von insgesamt 423 Einzelvorhaben. Ausgestattet mit 105 Millionen Euro, die im Auftrag des Auswärtigen Amts von der KfW zur Verfügung gestellt wurden, startete das SPNA 2010 und geht 2019 ins letzte Jahr.

Zahl zum Artikel über ein Krankenhaus in Afghanistan

„Das Programm erleichtert das Leben der Menschen unter schwierigen Bedingungen“, sagt Dr. Anja Hanisch, Projektmanagerin bei der KfW in der Abteilung Afghanistan, Pakistan und Irak. Seit mehr als 40 Jahren erleben Afghaninnen und Afghanen Krieg und Bürgerkrieg. Millionen sind in den Iran geflohen oder nach Pakistan, rund 250.000 haben zwischen 2014 und 2018 einen Asylantrag in einem EU-Land gestellt.

Programme wie das SPNA hingegen können vor Ort Veränderung initiieren: Sie erhöhen die Bildungschancen, stärken die Gesundheitsversorgung, modernisieren die Infrastruktur. So entstanden mehr als 250 Schulen und mehr als zwei Dutzend Kliniken. Geld floss aber auch in die Fortbildung lokaler Entwicklungsgremien und in die Einbindung örtlicher Verwaltungsstellen, alles mit dem Ziel, Vertrauen in staatliches Handeln zu erhöhen.

Zahl über ein Krankenhaus in Naland in Afgnaistan

Die Klinik in Naland ist einstöckig und schlicht. Sie ist wie alle Gebäude des SPNA-Programms nach standardisierten Plänen des afghanischen Staates errichtet worden. „Was so gebaut ist, dass es zum Kontext passt, lässt sich auch einfach reparieren“, erklärt Anja Hanisch. 300.000 Euro hat der Bau gekostet. Er verfügt über zehn Betten, eine Geburts- und eine Tuberkulosestation sowie eine Impfambulanz. Im Sommer kümmert sich das medizinische Personal, neun Frauen und Männer, um 200 Patienten am Tag, im Winter, wenn Schnee und Eis in der dünn besiedelten Region die Wege blockieren, sind es etwa 50 Patienten. In der kalten Jahreszeit behandeln sie hier vor allem Erkältungskrankheiten, im Sommer, so der Arzt Ahmad Zubair, Durchfall, Bluthochdruck, Arbeitsunfälle. Menschen mit schweren Krankheiten oder Verletzungen werden hier erstversorgt und dann, mit einem Arztbrief versehen, ins Hospital nach Faizabad geschickt.

Mutter in einem afghanischen Krankenhaus in Naland
Patienten im Blick

Pro Tag werden 200 Patienten von neun Medizinern und Medizinerinnen behandelt, darunter auch viele Neugeborene.

Baukontrollen nur per App möglich

Michael Sickert, Maschinenbau- und Wasserbauingenieur von Beruf, hat den ein Jahr dauernden Bau der Klinik von Yaftal kontrolliert. Mit zehn afghanischen Mitarbeitern vor Ort und zwei deutschen Kollegen überwacht das Consulting-Unternehmen Nisar & Sickert die im SPNA gebündelten Projekte in den vier Provinzen Badachschan, Baglan, Kunduz und Tachar. Sie liegen an den Grenzen zu Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan und sind zusammen etwa so groß wie Österreich, kommen aber auf nicht mehr als vier Millionen Einwohner.

Als das SPNA begann, konnte sich Sickert noch frei im Norden Afghanistans bewegen. Seit dem weitgehenden Abzug der Nato-Truppen 2014 hat sich die Sicherheitslage im Land deutlich verschlechtert, auch in einzelnen Gebieten des SPNA. Dortige Projekte dürfen Sickert und seine deutschen Kollegen aus Sicherheitsgründen nicht mehr besuchen. Dank einer App können sie den Fortschritt aber kontrollieren. Sie bekommen vom Bauleiter vor Ort per Smartphone Bilder und Berichte zu den Bauabschnitten und können darauf reagieren. Ohne das SPNA, sagt Anja Hanisch, „würde es den Menschen schlechter gehen“. Trotz wachsender Gefahren hätten nur drei Projekte aus Sicherheitsgründen abgebrochen oder in andere Provinzen verschoben werden müssen: „Das ist eine beachtlich niedrige Quote.“

Krankenhaus in Naland in Afghanistan
Günstige Lage

Das neue Hospital liegt mitten im nordafghanischen Bergland. Als Folge konnte sich die gesundheitliche Situation der dortigen Bevölkerung merklich verbessern.

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Programms ist die Kooperation mit den Distriktentwicklungsräten. 67 Distrikte, Landkreisen vergleichbar, gibt es in den vier SPNA-Provinzen. Die gewählten Räte legten fest, wie die 300.000 Euro, die die Distrikte jeweils aus dem SPNA-Programm bekamen, auszugeben seien.

„Dezentrale Beschlüsse und schnelle Ausführung“, das unterscheidet nach den Worten Michael Sickerts das SPNA von Hilfsprogrammen, die über die Zentralregierung in Kabul abgewickelt werden. Indem man die Räte als Repräsentanten der örtlichen Bevölkerung mit ins Boot holte, stellte man sicher, dass nur Projekte, die der Allgemeinheit nützen, umgesetzt wurden. Zumeist entschieden sich die Räte für eine Schule. Sie wurde in der Regel dort gebaut, wo es bereits eine alte Lehranstalt und damit auch Lehrkräfte gab.

„Referenzcharakter“ für andere Vorhaben

Als „Vorzeigeprojekt“ (Sickert) im SPNA-Programm gilt die 2015 fertiggestellte achtklassige Schule im Dorf Teschkan in der Provinz Badachschan, die von 1.100 Schülerinnen und Schülern besucht wird. Zum einen bezieht der von Grünanlagen umgebene Bau seinen Strom von einer Photovoltaikanlage, deren überschüssige Energie in Batterien gespeichert wird, zum anderen sind Computerkurse mit eigenen Rechnern Teil des Unterrichts.

Quelle
Cover CHANCEN Europa

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2019 „Wir sind Europa“.

Zur Ausgabe

Was das Stabilisierungsprogramm Nordafghanistan bewirkt hat, besitzt „Referenzcharakter für andere Länder und Vorhaben“, resümiert KfW-Projektmanagerin Anja Hanisch. Die Aufgaben wachsen rasant. Nach Prognosen der Vereinten Nationen wird 2030 die Hälfte aller armen Menschen auf der Welt in fragilen Staaten leben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 11. Juni 2019