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Medikamente

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Hightech gegen tödliche Fälschungen

Das Chemnitzer Start-up authentic.network startet in Elfenbeinküste ein ehrgeiziges Pilotprojekt: Ein digitales Siegel soll lebensgefährliche Medikamentenfälschungen aufspüren. Profitieren könnten nicht nur Hunderttausende Malariapatienten, sondern ganz Afrika.

Frank Theeg, CEO von Authentic Networks

Mit seinem Chemnitzer Start-up kämpft Geschäftsführer Frank Theeg gegen Medikamentenfälscher.

Nach zermürbenden Stunden am Pool seines Hotels in Elfenbeinküste und ungezählten Telefonaten fürchtete Frank Theeg im Oktober 2019 schon das Aus. Ein Mittelsmann hatte dem Chemnitzer Gründer des Start-ups authentic.network feste Termine mit Regierungsvertretern des westafrikanischen Küstenstaats zugesagt. Aber zwei Tage lang ging gar nichts. Nur Warten. Dann, plötzlich, lief alles ganz schnell. Theeg durfte im Gesundheitsministerium sein Produkt präsentieren: ein digitales Siegel, das auf den Blistern von Malariamedikamenten aufgeklebt wird. Jeder, egal ob Apotheker oder Patient, kann dann per App sofort überprüfen, ob er Original oder Fälschung vor sich hat. Die afrikanischen Experten waren zunächst skeptisch. Eine neuartige Technik? Warum sollte das sicherer sein als die üblichen Barcodes oder QR-Codes? Nach weiteren Gesprächen überzeugte Theeg die Entscheider aus dem Ministerium schließlich mit einem Bild: Das zeigt ein Telefon mit Wählscheibe neben einem Smartphone. So etwa verhalte sich das neue Siegel im Vergleich zu den veralteten Sicherheitssystemen aus dem vergangenen Jahrhundert. Das überzeugte nicht nur in Afrika, sondern auch die KfW-Tochter DEG, die das Pilotprojekt nun mit 340.000 Euro aus Mitteln des develoPPP.de-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) kofinanziert.

Kampf gegen ein lebensgefährliches Milliardengeschäft

Frank Theeg sitzt im Chemnitzer Büro seines Start-ups und zeigt zwei Tablettenschachteln. Auf beiden kleben Siegel, die man nur abziehen kann, indem man die Verpackung zerstört. Bei der Überprüfung mit dem Smartphone zeigt die App im ersten Fall einen grünen Haken, bei der zweiten Packung hingegen ein rotes Warnsignal: Achtung, Fälschung! Jährlich sterben Hunderttausende Erkrankte an Malaria. Fast 90 Prozent der weltweit Infizierten leben und sterben südlich der Sahara in Afrika. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass mindestens ein Drittel der Präparate gegen die mörderische Krankheit gefälscht ist. „Mit dem Pilotprojekt können wir unserem Produkt einen Sinn geben“, so Theeg. „Wir entwickeln hier in Chemnitz somit die Technik, um ein globales Problem zu lösen.“ Der Schlüssel dazu: Blockchain, jenes dezentral über viele Rechner verteilte System der Informationsverarbeitung, das – im Gegensatz zu einem Server als einzigem Speicherort – niemandem gehört und daher nicht zu manipulieren ist. Die in dem Siegel hinterlegten kryptografischen Codes werden also nicht an eine zentrale Datenbank gesendet, sondern mit dem Zwilling der Blockchain abgeglichen. Keine Chance, das hochkomplexe Siegel mit Kopierern zu fälschen. Ein Verfahren, das Ende-zu-Ende-Lösungen für diverse Produkte und Prozesse bietet, um wie bei dem Malariaprojekt die Echtheit von Produkten zu überprüfen. In Elfenbeinküste soll das den einheimischen Fälschermarkt für Malariamittel austrocknen. „Die Technik ist aber auch gut auf Impfstoffe gegen Covid-19 übertragbar“, sagt Theeg. Denn sobald es wirksame Impfstoffe geben wird, sind auch die Fälscher zur Stelle. Medikamentenfälschung ist ein lebensgefährliches Milliardengeschäft. Die im großen Maßstab und verblüffend ähnlich hergestellten Kopien enthalten häufig wirkungslose Substanzen, bisweilen aber auch Inhaltsstoffe mit teils tödlichen Nebenwirkungen.

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Ein Siegel gegen kriminelle Netzwerke

Den Impuls für das deutsch-afrikanische Pilotprojekt gab eine Tagung des Chemnitzer Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich, der afrikanische Regierungsvertreter mit deutschen Unternehmern vernetzte. „Drei Monate später rief jemand aus Elfenbeinküste an, kurz danach kam eine Einladung“, erzählt Frank Theeg. Das war erst vor 15 Monaten. Seither arbeitet das Chemnitzer Start-up an zwei Baustellen. Die größere befindet sich in Afrika. Theeg musste lernen, dass Abstimmungsprozesse bei seinen Partnern anders laufen. Weniger planbar und ergebnisorientiert nämlich. Mittlerweile hat er sich aber in einer Konferenz in Abidjan mit allen wichtigen Kooperationspartnern des Landes abgestimmt: darunter Polizei, Zoll, Apotheker-, Pharma- und Krankenhausverband. Vor wenigen Tagen – Anfang September 2020 – kam endlich die erlösende Nachricht, dass die ivorische Regierung offiziell grünes Licht für den Start geben wird. Schon im Mai kommenden Jahres könnte es losgehen. Mit nahezu fälschungssicheren Siegeln und einer App, die sich jeder herunterladen kann.

Die Werkstatt von authentic.network ist zugleich das Herzstück des kleinen Start-ups mit nur sechs festen Mitarbeitern. Nebenan sitzen vier Entwickler vor ihren Rechnern und feilen am Feintuning für die App. Um diese marktreif zu entwickeln, haben sie zwei Jahre lang mehrere Hundert verschiedene Smartphones getestet. „Nicht mal die iPhone-Welt funktioniert einheitlich“, sagt Entwicklerchef Torsten Stein. „Unser Ziel war es, alle verfügbaren Geräte durchzutesten und die App entsprechend anzupassen.“ Auch solche mit abgespeckten Android-Varianten, die in Afrika weit verbreitet sind. Damit die Technik beim Start auf möglichst vielen Geräten funktioniert. In der Entwicklungsphase musste das kleine Team lernen, riesige Datenmengen sauber auf dem Siegel abzulegen und diese dann mit jedem Smartphone verlässlich auslesen zu können. Das Ergebnis bietet nicht nur Hightech-Sicherheit. Die App zeigt zudem auf wenige Meter genau an, wo eine Fälschung auftaucht. Kriminelle Netzwerke können dadurch besser lokalisiert werden. Darüber hinaus können Patienten über die App gesundheitliche Probleme nach der Einnahme melden, was Hinweise auf minderwertige Präparate geben kann. Das Siegel bietet also nicht nur Sicherheit, sondern kann diverse Akteure des Gesundheitssystems miteinander vernetzen und mit wichtigen Informationen versorgen.

Frank Theeg hofft, dass nach einem gelungenen Start weitere afrikanische Staaten nachziehen werden. Ein Minister aus Niger habe ihm bei einem Treffen anvertraut, dass in seinem Land das Risiko größer sei, in Apotheken Fälschungen zu kaufen als Originale. Um das lukrative Geschäft der Fälscher wirksam zu bekämpfen, braucht es zum einen korruptionsfreie Registrierungsbehörden, die Medikamente von verlässlichen Produzenten und Lieferanten beziehen, zum anderen braucht es eine sichere Technik. Die will Frank Theeg mit authentic.network liefern. Profitieren könnten alle, die tödliche Krankheiten wie Malaria, aber auch Korruption bekämpfen möchten. Vor allem aber jene Patienten, die derzeit nicht wissen, ob in einer Tablettenschachtel lebensrettende Hilfe oder der Tod verpackt ist.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 28. Oktober 2020.