Madita und Kathinka Best von Daheim
Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Digitales Sprachcafé

Die Videotelefonie-Plattform Daheim ermöglicht vor allem Flüchtlingen, virtuell Deutsch zu lernen. Ein Porträt des Start-ups und dessen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe von Geflüchteten.

Zu Hause sei kein Ort, sondern ein Gefühl. „Zu Hause kann überall sein. Man muss sich wohlfühlen, das ist das Wichtigste“, findet Madita Best. Sie hat vor knapp einem Jahr zusammen mit ihrer Schwester Kathinka das Start-up Daheim gegründet, eine Videotelefonie-Plattform zum Deutschlernen, die sich vor allem an Geflüchtete richtet.

Es ist ein warmer Maitag, schon um zehn Uhr morgens zeigt das Thermometer fast 20 Grad an. Madita Best trägt einen Rock und ein schwarzes T-Shirt. Sie betritt mit Tasche und Fahrradhelm in der Hand das Basecamp in Berlin Mitte. Das Basecamp ist ein Co-Working-Space eines Mobilfunkanbieters, nahe Unter den Linden. Best arbeitet heute hier, denn ihr Schreibtisch ist – wie ihr Zu-Hause-Gefühl – an keinem bestimmten Ort verhaftet. „Ein Büro haben wir nicht. Unser ganzes Start-up ist dezentral und digital organisiert“, erklärt die 28-Jährige, die ursprünglich aus Essen stammt.

Gründerinnen vom Startup Daheim
Herzensangelegenheit

Die Schwestern Kathinka und Madita Best (r.) gehören zum Gründerteam des Start-ups Daheim.

Hier im Basecamp gibt es ein kleines Bistro, Tische zum Arbeiten und, ganz wichtig: W-Lan und Steckdosen ohne Ende. Es ist ein großer, hoher Raum. Von der Decke hängen kugelförmige, kupferfarbene Lampen. An der Wand ist zwischen modernen Kunstwerken ein großer Bildschirm angebracht, auf dem Werbespots in Dauerschleife laufen. Im Hintergrund rattert die Espressomaschine.

Madita Best setzt sich auf eine der schwarzen Lederbänke und nimmt einen großen Schluck von ihrer Orangenlimo. „Unsere Grafikerin ist zurzeit in Neuseeland, unser Community-Manager ist in Schweden. Wir treffen uns morgens oder abends zum Skypen, arbeiten an verschiedenen Orten, wo es uns gerade gefällt. Das ist auch das Konzept unserer Plattform, die man von überall aus nutzen kann.“

Daheim ist „die neue Plattform zum Miteinander-Sprechen und Miteinander-Wohlfühlen“, wie es auf dem Flyer des Start-ups heißt. Bei Daheim treffen Zugezogene auf Muttersprachler, tauschen sich aus und verbessern gleichzeitig ihre Deutschkenntnisse.

Daheim bietet ein einfaches Matching für Gesprächspartner

Lernplattform Daheim in Berlin
Sprache verbindet

Vor allem Flüchtlinge nutzen Daheim, um virtuell Deutsch zu lernen.

Das funktioniert so: Auf der Website www.willkommen-daheim.org erstellt man ein Profil, gibt an, worüber man sprechen möchte und welche Sprachen man beherrscht. Anhand dieser Informationen sucht Daheim dann einen passenden Gesprächspartner aus. Ein intelligenter Matching-Algorithmus verbindet die Nutzer passend zum Sprachlevel, bevor das Gespräch über Video im Browser startet. Daheim ist für die Benutzer komplett kostenlos.

Die Grundidee zu Daheim hatte Madita Best schon lange: „Ich weiß einfach, wie das ist, wenn man in einem fremden Land wohnt, wo man gar nichts versteht“, sagt sie. „Ich habe es selbst erlebt: elfte Klasse, Schüleraustausch in Frankreich. Ich habe niemanden gekannt, konnte überhaupt kein Französisch. Ich habe am Anfang nur Bahnhof verstanden. Nur durch die Hilfe meiner Mitschüler und der Gastfamilie fand ich mich schließlich gut zurecht. Was blieb, war der Gedanke: Da muss es doch eine einfachere Lösung geben!“

Als dann im Jahr 2015 die vielen Geflüchteten nach Deutschland kamen, wurde Madita Bests Idee während ihres Auslandsstudiums konkreter: „Mein Schüleraustausch und mein Auslandsstudium waren zeitlich begrenzte Auslandsaufenthalte. Wenn man hingegen die Entscheidung trifft oder sogar dazu gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, ist es grundlegend, die jeweilige Landessprache zu sprechen. Sonst kann man keine Kontakte knüpfen, und – das ist vor allem in Deutschland so – man findet nur schwer einen Job. Viele Geflüchtete sind derzeit auf der Suche nach einem neuen Zuhause, nicht nur geographisch, sondern auch menschlich.“

„Unsere größten Ziele sind Integration und gegenseitiges Kennenlernen. Integration beinhaltet gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Zur wirtschaftlichen Teilhabe können wir nicht direkt beitragen, aber wir können sie vereinfachen: indem Geflüchtete auf unserer Plattform Deutsch üben, den Umgang mit den Menschen in Deutschland kennenlernen und sich dadurch sicherer fühlen“, erklärt Best. Andersherum sei es aber auch wichtig, dass die Menschen in Deutschland die Geflüchteten kennenlernen: „Echte Integration kann nur funktionieren, wenn alle miteinander kommunizieren und lernen, einander zu verstehen.“

Gründerin von Daheim
Auch ohne Büro daheim

Madita Best trägt ihr Büro in der Tasche, sie kann überall arbeiten, wo es Internet gibt.

Bevor sie Daheim gründen konnten, mussten sich Madita und Kathinka Best aber erst auf die Suche nach jemandem machen, der eine solche Plattform bauen konnte. „Wir haben dann über ein paar Ecken einen zugezogenen Entwickler aus Ungarn kennengelernt. Eigentlich wollten wir erst mal nur von ihm wissen, was das für ein Aufwand wäre – doch er war so begeistert von der Idee, dass er unsere Plattform gleich selbst programmiert hat.“

Sein Name ist Gergő Ertli, der 30-Jährige lebt mittlerweile in Tel Aviv. „Er war außerdem unser idealer Testnutzer, weil er selbst kein Deutsch kann.“ Gergő ist neben den Schwestern Best einer der drei Gesellschafter von Daheim. Das Start-up ist als gemeinnützige Unternehmergesellschaft eingetragen. „Wir sind ein Non-Profit-Start-up“, erklärt Best. „Das heißt, alles, was wir an Geld einnehmen, fließt in unser Projekt und unsere gemeinnützigen Ziele zurück.“ Daheim finanziert sich unter anderem durch Spenden. Über einen Button auf der Homepage kann man das Start-up unterstützen. „Man kann uns aber auch direkt bei betterplace.org unterstützen“, sagt Madita Best. Betterplace.org ist Deutschlands größte Spendenplattform für soziale Projekte.

Vielfältige Unterstützung für unkonventionelle Vordenkerinnen

Mit Rat und Tat begleitet wurde die Gründung des Start-ups Daheim in Duisburg von den Mitarbeitern des dortigen Social Impact Lab. Das Social Impact Lab Duisburg ist eine gemeinsame Initiative der Prof. Otto Beisheim Stiftung, der Franz Haniel & Cie. GmbH, der KfW Stiftung und der Social Impact gGmbH.

„Social Entrepreneurs wie Madita Best sind unkonventionelle Vordenkerinnen und motivierte Problemlöserinnen, die in der Gründerszene eine starke Strahlkraft besitzen“, lobt Martina Köchling, Programmdirektorin Verantwortliches Unternehmertum und Soziales Engagement bei der KfW Stiftung. „Uns beeindruckt die Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und zugleich auch in ein unternehmerisches Risiko zu gehen. Deswegen bieten wir als KfW Stiftung zusammen mit der Social Impact gGmbH in deren Social Impact Labs in Duisburg und Frankfurt den Gründerinnen und Gründern Qualifikation und Netzwerk an, damit sie am Markt bestehen und nachhaltige Impulse für ein anderes Denken geben können.“

„Wir stehen auch noch mit weiteren Stiftungen in Kontakt, die unser Projekt gut finden“, sagt Madita Best und hofft auf weitere Unterstützung.

Quelle
Cover CHANCEN Erfolg in der digitalen Welt

Das Start-up Daheim ist Teil der Fotostrecke „Unsere Gründer" in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2017 „Erfolg in der digitalen Welt".

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Bisher sind etwa 2.000 Nutzer bei Daheim registriert. „An guten Tagen sind 50, 60 Leute online, an schlechten eher 20“, schätzt Best. Sicher ist aber: „Alle Nutzer, mit denen wir bisher geredet haben, sind immer ganz erstaunt, wie einfach und intuitiv unsere Plattform zu bedienen ist.“

Einige Nutzer hätten sich sogar schon außerhalb von Daheim verabredet oder seien zum bekannten Videotelefoniedienst Skype umgezogen. „Das ist ein gutes Zeichen, wir finden das super. Das Ziel ist ja nicht, dass die Leute auf unserer Plattform bleiben, sondern dass sie sich untereinander besser verstehen“, erklärt Madita Best und überlegt kurz. „Das klingt jetzt vielleicht paradox: Im Idealfall ist Daheim irgendwann überflüssig, weil sich alle verstehen.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 27. Juni 2017