Frauen des Gemeinderats in Shine Payan
Afghanistan

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Jetzt reden die Frauen mit

Nach Jahrzehnten der Gewalt muss nicht nur ein Großteil der afghanischen Infrastruktur wiederaufgebaut werden, sondern auch das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihren Staat. Genau dies ist das Ziel des Citizens’ Charter Afghanistan Project (CCAP), das mithilfe von Gemeinderäten den zivilen Wiederaufbau des Landes fördert und damit auch die politische Teilhabe von Frauen.

Video: Mithilfe von Gemeinderäten wird der zivile Wiederaufbau des Landes gefördert und damit auch die politische Teilhabe von Frauen (KfW Bankengruppe/Breuer).

Auf den ersten Blick wirkt die Szene nicht außergewöhnlich: Ein Dutzend Frauen sitzt an einem sonnigen Tag im Innenhof eines Hauses zusammen und unterhält sich. Über den Schulunterricht für Mädchen. Über die jüngsten Ereignisse im Dorf. Über eine mögliche Spendenaktion für arme Familien. Es sind Frauen mit ihren Kindern dabei, Frauen, die kaum volljährig sind, und Frauen, die längst Enkel haben. Doch das, was hier passiert, wäre vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen. Nicht nur, dass sich Frauen in einem Dorf in Afghanistan über Politik unterhalten. Sondern allein schon, dass Frauen überhaupt zusammensitzen und sich austauschen. „Früher sind wir nur aus dem Haus gegangen, um einzukaufen. Aber einen Ort, an dem Frauen miteinander reden können, gab es nicht“, erzählt eine von ihnen.

Die Frauen, die hier zusammensitzen, sind Mitglieder des Gemeinderats im Dorf Shine Payan. Das Dorf liegt im Bagrami-Distrikt südöstlich von Kabul. 450 Familien leben hier in einfachen Häusern, die an ungepflasterten Straßen liegen. Es ist ein traditioneller und konservativer Ort, an dem die Männer arbeiten und die Frauen sich um die Familie kümmern. Doch vor zwei Jahren hat sich etwas geändert in Shine Payan: Seitdem treffen sich hier alle zwei Wochen die 15 weiblichen Gemeinderäte des Dorfes. Sie besprechen Projekte, delegieren Aufgaben, diskutieren Ideen – oder reden über ihren Alltag. Für die Frauen gleicht das einer Revolution.

Mit Henna getönte Hände

Von Henna getönte Hände anlässlich einer Hochzeit. Früher hatten die Frauen nur auf Hochzeiten und Beerdigungen die Möglichkeit, sich auszutauschen.

Bis zu 50 Prozent Frauen in Gemeinderäten

Die Initiative, die ihr Leben verändert hat, heißt Citizens’ Charter Afghanistan Project (CCAP). Sie soll die Bindung zwischen den Kommunen und dem afghanischen Staat stärken und die Grundbedürfnisse der Kommunen verbessern. Bei dem Besuch in Shine Payan begleitet uns Baktash Musawer, Sprecher des Ministeriums für ländliche Entwicklung. Sein Ministerium ist für die Implementierung des Projekts zuständig. Für den Erfolg des Projekts seien zwei Sachen entscheidend: „Die Bevölkerung muss mitentscheiden, welche Infrastruktur die jeweilige Gemeinde benötigt“, sagt Baktash Musawer, „und sie muss an den Projekten mitarbeiten, damit sie sich aktiv am Aufbauprozess des Landes beteiligt.“

Dafür wählen die Menschen in ihren Bezirken und Dörfern Gemeinderäte – sogenannte Community Development Councils (CDCs). Sie vertreten die Gemeinschaft, definieren die Bedürfnisse ihrer Kommunen und entscheiden, was sie am dringendsten benötigen. Für die großen Projekte macht der Staat Vorgaben: Die Kommunen wählen, ob sie staatliche Unterstützung für sauberes Wasser, Infrastrukturprojekte wie Straßen und Brücken oder Energieversorgung benötigen. Die kleineren Projekte gestalten und verwalten die Kommunen selbstständig.

Ein wichtiges Ziel innerhalb des CCAP ist die Einbindung von Frauen. In ländlichen Gebieten sollen mindestens 35 Prozent der Gemeinderatsmitglieder Frauen sein, in städtischen Gebieten liegt die Quote bei 50 Prozent. So soll die Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben und am politischen Prozess gestärkt werden. Mehr als 12.000 dieser Gemeinderäte gibt es heute in Afghanistan – das entspricht einem Drittel aller Kommunen des Landes.

Samira Wafa

Ratsmitglied Samira Wafa (rechts) setzt sich für mehr Frauenrechte in ihrer Gemeinde ein. Sie hat sechs Kinder und war vor ihrer Wahl in den Gemeinderat noch nie an politischen Entscheidungen beteiligt.

Das Amt fördert das Selbstbewusstsein

Für viele Afghaninnen ist das noch immer Neuland. Auch für die Frauen in Shine Payan. Zwei Jahre ist es her, dass sie das erste Mal im Gemeinderat zusammenkamen. Rund 60 von ihnen hatten sich – ermutigt von Familienmitgliedern – zur Wahl gestellt. „Als ich gewählt wurde, konnte ich es kaum glauben“, erzählt Gemeinderätin Samira Wafa. Die 28-Jährige ist bereits Mutter von sechs Kindern. Bis zu ihrem Amt hatte sie sich nur um den Haushalt gekümmert. Zur Schule ist sie nie gegangen. „Nach der Wahl hat meine Familie gesagt, dass ich jetzt ein Vorbild für andere Frauen sein müsse. Ich war so stolz auf mich und fühlte mich zum ersten Mal wirklich anerkannt.“

Der Anfang war für die 15 weiblichen Gemeinderäte in Shine Payan eine Herausforderung. Keine von ihnen hatte sich jemals mit Politik befasst. Ihr Wissen und Einfluss beschränkten sich auf den eigenen Haushalt. Die Frauen erzählen außerdem, wie misstrauisch sie gegenüber den anderen beim ersten Treffen waren. „Wir sind uns ja nie begegnet“, erklärt Samira, „außer bei Hochzeiten und Beerdigungen.“

„Es geht uns auch darum, dass die Menschen selbst Verantwortung für ihre Gemeinden übernehmen.“

Baktash Musawer, Sprecher des Ministeriums für ländliche Entwicklung

Afghanistan ist eine sehr traditionelle Gesellschaft. Nach Jahrzehnten der Gewalt trauen viele Menschen zunächst niemandem außerhalb ihrer Familie. Doch mit der Zeit lockerte sich die Stimmung im Gemeinderat. Die Frauen stellten fest, dass sie Gemeinsamkeiten hatten – und Ideen. „Ich fühlte mich zum ersten Mal wie ein Teil der Gesellschaft“, erzählt eine ältere Frau, „davor habe ich oft nur die Wand angestarrt.“

Zwei Frauen des Gemeinderats diskutieren

In Afghanistan gibt es mehr als 12.000 Gemeinderäte, in denen jetzt auch Frauen vertreten sein müssen.

Treuhandfonds finanziert Maßnahmen

Das Citizens’ Charter Afghanistan Project ist Teil des Afghanistan Reconstruction Trust Fund (ARTF), des Treuhandfonds für den zivilen Wiederaufbau Afghanistans. Er wurde 2002 ins Leben gerufen und wird von der Weltbank in Kabul verwaltet. Der ARTF finanziert unter anderem Projekte in den Sektoren Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft und Infrastruktur. Mehr als 30 Geber haben in den Fonds bisher eingezahlt. Auch die deutsche Bundesregierung unterstützt den Fonds über die KfW jährlich mit mehreren Millionen Euro. Nicht alle Projekte, die die Gemeinderäte initiieren, werden finanziell unterstützt. „Es geht uns auch darum, dass die Menschen selbst Verantwortung für ihre Gemeinden übernehmen“, sagt Ministeriumssprecher Baktash Musawer.

Die Frauen aus Shine Payan zeigen, wie das geht. Alle zwei Wochen kommen sie zusammen, legen eine Agenda fest und setzen ihre Ideen um. Nicht, weil sie dafür Geld bekommen. Sondern, wie Samira Wafa sagt, „weil ich meine Gesellschaft gestalten will und weil es mir Freiheit gibt“. Obwohl sie sich noch immer vornehmlich um ihre Familie kümmert, fühlt sie sich jetzt verantwortlich für etwas Größeres. So geht es vielen Frauen hier.

Kinder erhalten Unterricht

Die Frauen vom Gemeinderat organisieren unter anderem Schulunterricht für Kinder von Binnenflüchtlingen.

Unabhängigkeit durch Unterricht

Gemeinsam haben sie letztes Jahr eine Tafel veranstaltet, als nach der Ernte nicht genug Essen für die armen Familien da war. Sie organisieren Nähkurse für Frauen, damit die sich ein kleines Einkommen mit Handarbeiten verdienen können. Sie besuchen Familien und überzeugen die Eltern, ihre Töchter zur Schule gehen zu lassen. Und sie zeichnen Karten für Frauen, die zeigen, wie man zu Fuß zum nächsten Arzt gelangt. Das mag banal klingen. Aber viele Frauen in ihrem Ort haben nie ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. „Es geht uns auch darum, langsam unabhängiger zu werden“, erklärt Gemeinderätin Bibi Manija.

Bibi Manija, 27, ist ein besonders engagiertes Mitglied des Gemeinderats. Sie ist eine der wenigen Frauen hier, die studiert hat. Ihre Bildung will sie nutzen, um ihrer Gemeinde zu helfen. Seit ihrer Wahl unterrichtet sie Frauen im Dorf, die nie lesen und schreiben gelernt haben. Außerdem organisiert sie Schulunterricht für die Kinder von Binnenflüchtlingen, die keinen Platz in staatlichen Schulen bekommen. Für viele Frauen hier ist sie ein Vorbild. „Ich wusste früher noch nicht einmal, wie ich die Namen meiner Kinder schreibe“, erzählt eine Frau in der Runde, „und auf dem Basar konnte ich die Apotheke nicht vom Friseursalon unterscheiden, weil ich die Schilder nicht lesen konnte. Dank Bibis Unterricht kann ich das jetzt.“

Wir fördern

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert weltweit zahlreiche Projekte im Bereich Armut und Empowerment.

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Bibi, Samira und ihre Kolleginnen bilden nur die Hälfte des Gemeinderats in Shine Payan. Die anderen 15 der insgesamt 30 Mitglieder sind Männer aus ihrem Dorf. Offiziell sind sie eine Einheit. Tatsächlich treffen sie sich getrennt – so verlangt es die traditionelle afghanische Gesellschaft. Was die jeweiligen Gruppen machen, erfahren die Mitglieder über informelle Wege, wie etwa über ihre Ehepartner. Aufgrund der Geschlechtertrennung hat sich der Rat auch thematisch aufgeteilt: Die Frauen kümmern sich um Frauen- und Familienthemen, die Männer treffen die Entscheidungen bei Infrastrukturprojekten. „Wir machen in unserer Gemeinde schon die meiste Arbeit“, sagt eine ältere Frau, „aber so haben wir endlich ein bisschen Unabhängigkeit.“ Die Frauen kichern. „Wenn wir mal ganz ehrlich sind“, wirft eine Frau ein, „dann ist die größte Leistung der Männer hier, dass sie uns machen lassen.“ „Und dass wir von ihnen endlich als Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden“, fügt Samira Wafa hinzu.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 3. März 2020.