Straßenbahn in Tunis
Mobilität

Mobilität

Viel ins Rollen gebracht

Verkehrsemissionen tragen zu einem großen Teil zur Klimaerwärmung bei. Daher engagiert sich die KfW weltweit für eine nachhaltige Mobilität. In sechs Beispielen aus vier Kontinenten zeigen wir, wie Menschen bereits jetzt umsteuern.

Den Heureka-Moment hatten die beiden Start-up-Unternehmer nicht stilecht in einer Garage, sondern beim Gespräch über die Energiewende. „Der Stromzähler muss mobil werden, dann können wir aus jeder Laterne eine Ladestation machen“, sagte Knut Hechtfischer plötzlich, und sein Partner Dr. Frank Pawlitschek begriff sofort, welches Potenzial in dieser Aussage steckte. Denn ein Riesenproblem auf dem Weg zur E-Mobilität sind die begrenzten Lademöglichkeiten für Elektroautos. Derzeit gibt es in Deutschland nur 4.730 Ladestationen mit je meist zwei Ladepunkten – laut vielen Experten eine erschreckend geringe Zahl.

Die Lösung der Gründer Hechtfischer und Pawlitschek mit ihrer Firma Ubitricity ist ebenso simpel wie effektiv: Der Stromzähler wird ins Kabel integriert und fährt als mobile Ladestation im Kofferraum des E-Autos mit. So kann der Ladepunkt auf eine Systemsteckdose reduziert werden, die nahezu überall installiert werden kann, wo Strom verfügbar ist: zu Hause, am Arbeitsplatz oder in Straßenlaternen. Eine bestechende Idee, die auch einen von der KfW seinerzeit mitfinanzierten Venture-Capital-Fonds überzeugte.

Damit wäre eine wichtige Frage zukünftiger Mobilität gelöst: Wie bringt man regenerative Energie und E-Mobilität kostengünstig und mit einem vertretbaren technischen Aufwand in Einklang? Denn eines scheint sicher: In Zukunft wird alles auf E-Motoren hinauslaufen. Orkane, Hochwasser, Dürren, Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg – zu katastrophal sind die globalen Auswirkungen von fossil angetriebenen Motoren in Verkehr, Industrie oder Haushalten, als dass man weiter Öl und Kohle verbrennen könnte.

Lesen Sie unter der Bildergalerie weiter.

Derzeit liegt der Anteil des Straßenverkehrs an den Treibhausgasen bei 17 Prozent. Aber dabei wird es nicht bleiben. Eine Studie des International Transport Forums von 2017 stellt fest, dass es weltweit einen stark ansteigenden Mobilitätsbedarf gibt, und prognostiziert im schlimmsten Szenario beim Gesamtverkehr zu Lande, zu Wasser und in der Luft einen CO²-Anstieg um 70 Prozent bis 2050. Selbst das optimistische Szenario mit einer ambitionierteren Verkehrspolitik, so die Studie, würde kaum dazu führen, dass die 2015 in Paris vereinbarten Klimaziele, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten, erreicht werden.

Die dringende Notwendigkeit der Umorganisation des Verkehrswesens hat die KfW lange erkannt. „Deshalb unterstützen wir weltweit Investitionen, die die Mobilität optimieren und Umweltbelastungen vermindern“, sagt Karl Ludwig Brockmann, Konzernbeauftragter Nachhaltigkeit bei der KfW. Laut Daniel Römer, Senior Economist bei KfW Research, werden die Fahrzeuge der Zukunft zunehmend vernetzt, autonom, elektrifiziert und geteilt genutzt – mit entsprechenden Konsequenzen für die Wertschöpfungsprozesse in der Fahrzeugproduktion. „Tief greifende Änderungen im Bereich der Mobilität scheinen unausweichlich“, befindet er. Diese stellten jedoch eine Chance dar – auch für Deutschland. Der Forscher zeigt sich optimistisch, dass der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft gelingt: „Künftige Generationen werden sich möglicherweise wundern, dass wir in Autos mit leicht entflammbarem Tankinhalt und lärmendem Verbrennungsmotor saßen und dabei gesundheitsschädliche Abgase verursachten.“

Staunezahl Mobilität

Im Zuge dieser Verkehrswende wird von den Bürgern nicht weniger verlangt als ein Kulturwandel. Jahrzehntelang gepflegte Mobilitätsgewohnheiten gilt es zu verändern – gerade in den Industrieländern. Unter jüngeren Menschen hat jedoch bereits ein Umdenken eingesetzt. Automobilexperten wie Trendforscher beobachten bei dieser Bevölkerungsgruppe eine wachsende Abkehr vom Auto als Prestigeobjekt. Diese verbindet das Gefühl von Freiheit und Abenteuer nicht mehr mit den eigenen vier Rädern. Zudem ermöglichen Angebote wie Carsharing, ein Gefährt zu nutzen, ohne es zu besitzen.

Hier kommt der Megatrend der Digitalisierung wie gerufen. Denn erst sie eröffnet die Chance, nachhaltige Mobilität auch praktikabel zu gestalten. Darauf beruht die Entwicklungsarbeit des Hamburger Technologiezulieferers Wunder Mobility, in den die KfW über den Fonds Cherry Ventures investiert ist. Um Individualverkehr und Verkehrskollaps zu vermeiden, kann man sich auf seinem Smartphone über die Wunder-App Mitfahrgelegenheiten organisieren oder diese anbieten. „Wir sind unter anderem in Manila aktiv, einer Stadt, die für fünf Millionen Menschen konzipiert wurde, deren Großraum aber heute 20 Millionen Einwohner hat“, sagt Lukas Loers, Finanzchef bei Wunder. Auch in Bangalore und Rio de Janeiro ist das expandierende Hamburger Unternehmen inzwischen vertreten.

Schon jetzt sind die Straßen in den Ballungsgebieten des Planeten überfüllt, in den nächsten 20 Jahren dürfte sich die Zahl der Neuzulassungen weltweit von 80 auf 120 Millionen erhöhen. Allein in Deutschland hat sich zwischen 2011 und 2017 die Zahl der Staukilometer mehr als verdreifacht – Tendenz steigend. Eine Zahl macht besonders deutlich, wie viel Potenzial noch zu heben ist: Im Schnitt 1,4 Menschen sitzen in Deutschland in einem Auto. Könnte man die Quote auf 2,8 verdoppeln, wären nur noch halb so viele Autos auf der Straße.

Quelle
Cover Chancen Nachhaltigkeit

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2018 „Eine bessere Welt ist möglich".

Zur Ausgabe

Um Mobilität zu vergemeinschaften, ist ebenso der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs gefragt. So engagiert sich die KfW etwa in Tunis bei der Finanzierung von S-Bahn und Straßenbahn, die Tausende Menschen von der Straße holen und Emissionen reduzieren. Den Aspekt der digitalen Vernetzung hat die Millionenstadt Huainan in Angriff genommen, als Vorreiterin weiterer chinesischer Metropolen, die ihre Verkehrsflüsse besser leiten wollen. Auch der Ausbau von Radwegen in Südafrika entlastet den Straßenverkehr und macht die Bevölkerung mobil.

Einen Trick haben die Leute von Ubitricity mit ihren intelligenten Ladekabeln übrigens noch in der Hinterhand, allein die passende Netzumgebung fehlt bislang: Wenn Zigtausende Autos 90 Prozent der Zeit nutzlos herumstehen, könnte man doch in ihren Batterien überschüssige Energien beispielsweise aus Windparks vorübergehend speichern und bei Bedarf abrufen. Denn wenn das schlaue Kabel den Stromeingang messen kann, dann kann es auch zählen, was wieder abfließt.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 20. November 2018