Autofahren in Rio
Mobilität

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Immer in Bewegung

Als Ridesharing-Dienst gestartet, will Wunder Mobility von Hamburg aus die Welt erobern – mit cleverer Software, die Nahverkehrsbetrieben und Autoherstellern hilft, neue Mobilitätsangebote zu entwickeln.

Geteilte Fahrten

Der Gründer von Wunder Mobility Gunnar Froh erzählt über die Zukunft der Mobilität und seine Geschäftsidee (KfW Bankengruppe/n-tv).

Die U-Bahn ist voll, immer muss man stehen. Der Bus: billig, aber langsam. Mit dem Auto zur Arbeit fahren, das wär’s. Doch viele Pendler in Manila, die täglich Stunden unterwegs sind, können sich kein eigenes Auto leisten. Die Lösung für das Dilemma in der Hauptstadt der Philippinen? Eine Smartphone-App, die sekundenschnell Autobesitzer und Mitfahrer zusammenbringt: „Be cool, carpool!“, fordert das Hamburger Start-up Wunder Mobility gestresste Pendler in YouTube-Videos auf. Die Kurzfilme, die eifrig in sozialen Medien geteilt werden, erregen genug Aufmerksamkeit, um der deutschen Jungfirma Millionen Nutzer zu bescheren – nicht nur in Manila, sondern auch in anderen Megacitys wie Rio de Janeiro und Delhi.

„Wir wachsen sehr dynamisch“, sagt CEO Gunnar Froh. Bis Jahresende soll die Wunder-App in etwa 20 Städten mehr als 300 Millionen Menschen erreichen, vorwiegend in Entwicklungsländern. „Über unser System können Menschen für wenig Geld zur Arbeit fahren, genauso komfortabel wie mit einem Taxi, das sie sich sonst nicht leisten könnten“, erklärt Froh.

Zu den Personen
Gründer Wunder

Samuel Baker (l.) und Gunnar Froh haben 2014 Wunder gegründet.

Als digitale Mitfahrzentrale helfe Wunder außerdem, den Verkehr zu entlasten – wichtig in rasant wachsenden Millionenstädten, deren Straßen notorisch verstopft sind: „Wir schaffen mit den Leuten, die ohnehin unterwegs sind, eine Art öffentlichen Nahverkehr.“

Geplant hatte Froh eigentlich etwas anderes. Bei der Gründung der Firma 2014 wollte er einen Ridesharing-Dienst nach dem Vorbild von Uber und Lyft aufbauen. Als früher Mitarbeiter von Airbnb war Froh häufig in San Francisco und hatte dort gesehen, wie schnell die privaten Fahrdienstvermittler Fans gewannen, einfach, indem sie per Handy Menschen zusammenbrachten: Autofahrer, die Benzinkosten teilen oder sich etwas Geld dazuverdienen wollten, und Mitfahrer, denen Busse zu lästig und herkömmliche Taxis zu teuer waren.

Wunder Büro
Moderne Prozesse

Im Büro von Wunder hängen Brainstorming-Zettel, darunter formulierte Ziele bis störende Hemmnisse.

Doch in Deutschland kollidierte Wunder mit den strengen Vorschriften zur Personenbeförderung: Wer Geld verlangt, um andere von A nach B zu bringen, braucht eine Genehmigung der Behörden. Statt Klagen zu riskieren, ging Froh lieber ins Ausland. „Wir haben überlegt: Welche Städte könnten solch ein Produkt am dringendsten brauchen? Wo fangen wir an? Wo ist der Leidensdruck am größten?“

Auch wenn die Antwort zunächst nach Asien führte, ist Wunder nun dabei, wieder Europa und die USA anzusteuern. Zusätzlich zur eigenen App, mit der Wunder über Vermittlungsgebühren Geld verdient, bietet das Start-up nun auch Softwarelösungen an, die sich an Busunternehmen, E-Scooter-Verleiher oder Autohersteller wenden. Überall, wo Mobilität auf Abruf gefragt ist, möchte Wunder mitspielen – mal im Vordergrund, wie in Manila oder Rio, gern aber auch im Hintergrund als Dienstleister für andere.

KfW Capital

Der Ridesharing-Dienst Wunder Mobility hat einen Investor gesucht und Cherry Ventures gefunden. Cherry Ventures ist ein VC-Fonds in Berlin, in den KfW Capital investiert ist. Seit 2015 – dem Start des Programms „ERP-Venture Capital - Fondsinvestment“ – hatte sich die KfW mit einem Volumen von insgesamt 265 Millionen Euro an 18 Venture Capital-Fonds beteiligt und gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2016 den Co-Investitionsfonds coparion mit einem Fondsvolumen von 225 Millionen Euro gegründet. Inzwischen hat ihre 2018 gegründete Tochtergesellschaft KfW Capital diese Beteiligungen übernommen.

„Wir haben gemerkt: Wir können die Carpooling-Technologie, die wir entwickelt haben, genauso gut nutzen, um zum Beispiel Smart Shuttles zu betreiben“, sagt Froh. Solche Sammeltaxis oder Kleinbusse fahren keine festen Routen ab, sondern orientieren sich am Bedarf. Sie sammeln Nutzer ein, die sie per Smartphone zu sich rufen, und die Software des Betreibers berechnet die kürzesten Wege, um möglichst effizient alle Passagiere ans Ziel zu bringen.

Zu den Kunden, die Wunder für seinen digitalen Verkehrslotsen bereits gefunden hat, gehören regionale Anbieter wie die Verkehrsbetriebe Bachstein in Celle ebenso wie internationale Großkonzerne, darunter Tata und Wipro in Indien, die japanische Marubeni-Gruppe, aber auch BMW und Daimler. Viele Autohersteller sind derzeit dabei, eigene Smart-Shuttle-Angebote aufzubauen. Denn kaum jemand zweifelt daran, dass sich die Art, wie sich Milliarden Menschen fortbewegen, in den kommenden Jahren grundlegend ändern wird. Die zunehmende Verstädterung bringt den herkömmlichen Nahverkehr in Großstädten rund um die Welt an die Belastungsgrenze; zugleich ermöglichen E-Mobilität, Vernetzung und (in Zukunft) autonomes Fahren neue Dienste, bei denen das Teilen meist praktischer und billiger ist als das Besitzen.

Carpooling Wunder
Mitfahrgelegenheit

Wozu alleine fahren, wenn man doch jemanden mitnehmen könnte – das ist die Grundidee vom Carpooling.

Fast die Hälfte der Europäer und zwei Drittel der Menschen in China wären bereit, ihr eigenes Auto aufzugeben, wenn es attraktive Alternativen gäbe, berichtet die Unternehmensberatung PwC in ihrem Digitalauto-Report 2018. Der Markt für Mobilität auf Abruf („Mobility as a Service“) soll in den USA, Europa und China bis 2030 auf gigantische 1,3 Billionen Dollar wachsen. Kein Wunder, dass Investoren sich auf vielversprechende Start-ups aus diesem Sektor stürzen: Allein im vergangenen Jahr pumpten Risikokapitalgeber nach Berechnungen von Bloomberg 28 Milliarden Dollar in Anbieter aller Art – ob Privattaxivermittler, E-Scooter-Verleiher oder Carsharing-Dienste.

Um in dem hart umkämpften Markt zu bestehen, setzt Gunnar Froh von Wunder Mobility auf maximale Vielfalt bei den eigenen Dienstleistungen: „Unser Wettbewerbsvorteil ist: Wir sind der einzige Softwareanbieter weltweit, der das ganze Spektrum abdeckt.“

Wunder Smart Shuttle
Mobilität auf Abruf

Shuttle rufen statt selbst fahren: Mitfahrangebote sorgen für Entlastung auf überfüllten Straßen in Metropolen.

Städte, die nach günstigen Lösungen für den öffentlichen Nahverkehr suchen, würden bei seiner Firma ebenso fündig wie Autohersteller, die neue Mobility-Dienste anbieten wollen, aber kein Interesse haben, Millionen in die Entwicklung eigener Systeme zu stecken.

Im Idealfall soll Wunder sich zu einem Zulieferer nach dem Vorbild von Bosch entwickeln: „anerkannt, sehr profitabel und mit einem positiven Einfluss auf die Gesellschaft“, sagt Froh. Ginge es ihm nur um Geld, hätte er die Firma längst verkaufen können: Angebote lagen bereits auf dem Tisch. Doch ihn reize „das Abenteuer, etwas Größeres aufzubauen“, erklärt der 35-Jährige. Das Team von derzeit 80 Mitarbeitern wollen Froh und sein Partner Sam Baker, der als COO das operative Geschäft verantwortet, in den nächsten zwölf Monaten verdoppeln.

Gerade hat Wunder 26 Millionen Euro an frischem Kapital aufgenommen, um die ehrgeizigen Pläne zu finanzieren. Über den Fonds des Berliner Wagniskapitalgebers Cherry Ventures hat auch die KfW schon früh in Wunder investiert. „Das hat uns geholfen, auch international Geldgeber zu finden“, sagt Froh.

Quelle
Cover Chancen Nachhaltigkeit

Wunder Mobility ist eines der sechs Beispiele für nachhaltige Mobilität in CHANCEN Herbst/Winter 2018 „Eine bessere Welt ist möglich“.

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Wohin er die Firma lenken will, weiß er genau. Der Weg dahin allerdings liegt im Ungewissen. Ständig ändert sich die Wettbewerbslandschaft, immerzu ergeben sich neue Chancen, aber auch Risiken. „Man muss schnell reagieren und experimentieren. Das eigentliche Produkt entsteht beim Machen.“ Nur wer beweglich bleibt, hat im Markt der Mobility-Dienste gute Aussichten, erfolgreich ans Ziel zu kommen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 26. Oktober 2018