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Mobilität

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Überall ist Strom

Zum Tanken an die nächste Laterne. Ginge es nach Knut Hechtfischer und Dr. Frank Pawlitschek, könnte so die Zukunft des Autofahrens aussehen. Die Gründer der Berliner Ubitricity GmbH bieten eine weltweit einzigartige und effiziente Lösung für das Laden von Elektrofahrzeugen und das Abrechnen von Mobilstrom an.

Pfiffige Lösung

Wie funktioniert das Laden von E-Autos an der Straßenlaterne? Unser Video zeigt es (KfW Bankengruppe/n-tv).

Ein Ausflug auf den Berliner EUREF-Campus führt die Besucher immer auch auf eine Zeitreise in die Zukunft. Die Energie- und Mobilitätswende – nirgends in der immer noch vom klassischen Verkehr geprägten Hauptstadt scheint sie greifbarer als auf dem Areal im Schatten des historischen Schöneberger Gasometers. Hier rollen autonom fahrende Kleinbusse im Testbetrieb über das Gelände, tüfteln Jungunternehmer an Wasserstoffmotoren und entwickeln Forscher aus aller Welt Konzepte für das Leben in der Smart City von morgen.

Für die Vision von Knut Hechtfischer und Dr. Frank Pawlitschek lässt sich kaum ein geeigneterer Ort in Berlin finden. Die beiden Gründer und Geschäftsführer der Ubitricity GmbH haben sich vor zehn Jahren mit einem System selbstständig gemacht, das das Laden von Elektroautos auf überzeugende Weise vereinfacht. Denn an den Ladepunkten von Ubitricity – der Firmenname kombiniert die Worte ubiquitous (übersetzt: allgegenwärtig) und electricity – rechnet nicht die Ladesäule, sondern das intelligente Ladekabel des Kunden ab.

Zu den Personen
Gründer von ubitricity

Dr. Frank Pawlitschek (l.) und Knut Hechtfischer haben Ubitricity gegründet.

Möglich macht dies ein smartes, mobiles Ladekabel mit Stromzähler. „Unser intelligentes Ladekabel führt der Autofahrer wie auch sonst das Standardladekabel einfach im Kofferraum seines E-Autos mit“, erläutert Ubitricity-Geschäftsführer Pawlitschek. „Als Ladepunkt reicht dann beispielsweise ein einfacher Ladepunkt an einer Laterne.“ Die ebenso simple wie pfiffige Lösung lässt sich von den Kommunen deutlich billiger und einfacher im gesamten Stadtgebiet umsetzen als die Installation einer Vielzahl herkömmlicher Ladesäulen.

Schließlich kommen die Ladepunkte des Berliner Mobilitätsdienstleisters – sogenannte SimpleSockets – ohne Zähl- und Kommunikationstechnik aus, die ins Ladekabel eingebaut ist. Stattdessen reicht es, eine geeignete Straßenlaterne mit einem entsprechenden Ladepunkt auszustatten, den der Autofahrer mit seinem smarten Ladekabel freischalten kann. Eine bestechende Idee, fand auch die KfW. Sie war eine Zeit lang über einen in Tech-Start-ups investierenden Venture-Capital-Fonds an Ubitricity beteiligt. „Langfristig“, so Pawlitscheks Wunsch, „kann der Stromzähler im Auto selbst integriert sein. Viele Komponenten wie die Kommunikationstechnologie sind in modernen Pkws ja ohnehin schon vorhanden.“

Manche Ideen, das wissen innovative Unternehmensgründer wie Hechtfischer und Pawlitschek nur zu gut, sind ihrer Zeit voraus. So war es jedenfalls 2008, im Gründungsjahr von Ubitricity. Da fristete Elektromobilität sowohl im Bewusstsein der Bevölkerung als auch in den Plänen der heimischen Autoindustrie immer noch ein Schattendasein. Und das, obgleich auch vor zehn Jahren schon viele Experten dringlich eine Mobilitätswende einforderten, um wirksame Ergebnisse im Klimaschutz erzielen zu können.

„250 Ladepunkte haben wir in London bereits installiert.“

Knut Hechtfischer, Gründer Ubitricity

Ladestation Ubitricity
Laterne als Ladestation

Viele potentielle Käufer von Elektroautos haben Sorge keine Aufladestationen im Stadtverkehr zu finden. Eine Lösung wären die Zapfstationen an Straßenlaternen.

Auch heute sind laut Kraftfahrt-Bundesamt zwei Drittel der Neuzulassungen des ersten Halbjahres 2018 immer noch Benziner. E-Autos legten bei den Anmeldungen zwar um 69,1 Prozent zu. Aber 17.234 Elektrofahrzeuge machten gerade einmal einen Anteil von 0,9 Prozent aus. Ein schwerwiegendes Hemmnis für alle potenziellen Käufer von E-Autos: der schleichende Ausbau der Ladeinfrastruktur. Die Laterne als Ladestation böte da eine Lösung, die eine neue Dynamik in den Vormarsch der Elektromobilität auf Deutschlands Straßen herbeiführen könnte.

In Berlin lässt sich an rund 30 Ladepunkten bereits auf diese Weise Strom zapfen. Wer die Technologie in der Praxis bestaunen möchte, dem empfiehlt sich derzeit aber viel eher ein Trip in die britische Hauptstadt. Denn in London genießt die Ladetechnologie aus Berlin besondere Anerkennung. Gemeinsam mit dem im vergangenen Jahr zum Unternehmen hinzugestoßenen Minderheitsgesellschafter, der Siemens AG, hat sich Ubitricity an der Themse unlängst erfolgreich als Anbieter von Ladeinfrastruktur im Rahmen einer Ausschreibung durchgesetzt.

Den Testbetrieb in einzelnen Boroughs, wie die 32 Londoner Stadtbezirke genannt werden, hat Ubitricity ohnehin schon mit Bravour durchlaufen. „250 Ladepunkte haben wir in London bereits installiert“, berichtet Firmenchef Hechtfischer nicht ohne Stolz. Wie sein Mitgründer Pawlitschek von Hause aus Jurist, entwickelte er die grundlegende technische Idee und das Geschäftsmodell von Ubitricity. Seit drei Jahren konzentriert er sich nun auf die Implementierung des Mobile-Charging-Systems in Großbritannien.

Staunezahl Ubitricity

Dafür bietet die Weltstadt an der Themse optimale Voraussetzungen. Aufgrund ihrer dichten Architektur verfügen in der bevölkerungsreichsten Stadt der EU mehr als 70 Prozent der Einwohner über keinen eigenen Pkw-Stellplatz. Stromtankstellen auf Privatgrundstücken sind daher rar und E-Auto-Fahrer auf öffentliche Ladesäulen angewiesen. Der Ladepunkt in der – im Gegensatz zum deutschen Pendant übrigens schlankeren und kleineren – englischen Straßenlaterne greift zudem weitaus weniger ins Londoner Straßenbild ein als eine große Zahl von eigens installierten Ladesäulen. Nach London könnte bald auch schon New York folgen: Aus einem Klimaschutzwettbewerb der US-Metropole ging Ubitricity jüngst ebenfalls siegreich hervor. Ein mögliches Pilotprojekt wird dort von den Stadtvätern und -müttern wohlwollend geprüft.

Quelle
Cover Chancen Nachhaltigkeit

Ubitricity ist eines der sechs Beispiele für nachhaltige Mobilität in CHANCEN Herbst/Winter 2018 „Eine bessere Welt ist möglich“.

Fast ließe sich angesichts des weltweiten Interesses an der smarten Ladetechnik aus Schöneberg mutmaßen, der Prophet gelte wie so oft im eigenen Land wenig. In der Tat gestaltet sich die Situation in deutschen Städten und Gemeinden aufgrund der vielen beteiligten Player beim Ausbau der Ladeinfrastruktur oft schwieriger als in anderen Ländern. Dennoch konnten die Berliner gerade in Nordrhein-Westfalen schon Kommunen wie Iserlohn, Unna oder Velbert in Kooperation mit den dortigen städtischen Energieanbietern für ihre Idee gewinnen. Und die Heimatstadt Berlin steht nach wie vor ganz oben auf der Prioritätenliste der Visionäre von Ubitricity.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 26. Oktober 2018