Bewohnerin geht mit ihrem Hund in Potsdam-Drewitz spazieren
Energieeffizienz

Energieeffizienz

Ein internationales Vorbild

Als Plattenbausiedlung in den letzten Tagen der DDR gestartet, dann der Tristesse verfallen. Heute dank mutiger Projektentwickler als emissionsarme Gartenstadt zu neuem Leben erblüht: Potsdam-Drewitz.

Eine Bewohnerin der Gartenstadt Potsdam-Drewitz steht auf ihrem Balkon
Neuer Ausblick

Bianka Mögelin genießt die Aussicht von ihrem Balkon auf den Park, der früher eine graue Straße war. Die Menschen im Quartier leben nicht mehr nur zurückgezogen in ihren Wohnungen.

Grau in grau! – Wenn Bianka Mögelin beschreibt, wie Drewitz vor wenigen Jahren aussah, dann spricht sie von den Farben im Wohngebiet am Rande Potsdams: „Sämtliche Plattenbauten hier waren aus grauem Waschbeton, unser Treppenhaus war grau, die Straße war grau. Und wenn es geregnet hat, war alles noch grauer“, erzählt die 46-jährige Pflegerin, die in einer Potsdamer Augenklinik arbeitet. „Selbst am Wochenende hat man draußen kaum jemanden gesehen, weil niemand an der Konrad-Wolf-Allee spazieren gegangen ist. Nur in den Wohnungen hat es sich natürlich jeder schön gemacht.“

Heute erinnert hier nicht mehr viel an diese eintönige Umgebung. Mögelin steht auf ihrem großen Balkon, den orangefarbene Sonnensegel einrahmen, und zeigt, wo vor wenigen Jahren noch direkt vor ihrer Haustür eine 60 Meter breite Hauptstraße verlief. Nun blickt sie auf einen Park mit grünen Rasenflächen, jungen Linden, blühenden Rosen. Drei Mädchen spielen in den kleinen Fontänen eines Springbrunnens. „Der Park ist eigentlich immer voller Menschen. Schön ist das. Jetzt sieht man mal, wie viele Kinder hier leben“, sagt die Frau mit den kinnlangen braunen Haaren.

Energetische Sanierung

Stimmen und Impressionen zum Projekt der emissionsarmen Gartenstadt Potsdam-Drewitz (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch).

Mögelin gehört mit ihrem Mann und ihrem Sohn Nicolas zu jenen Drewitzern, die den Wandel des Quartiers von Anfang an miterlebt haben, sie ist stolz darauf. Denn bis vor kurzem war jene Siedlung, die zu den letzten Plattenbauprojekten der DDR zählt, nicht nur grau. Drewitz galt auch als Problemviertel ohne Perspektive. Ein Bezirk, über dessen Abriss sogar diskutiert wurde.

80 Prozent der Schulkinder wachsen hier in Familien auf, die von Hartz IV leben. Es gibt viele zugewanderte Familien und zahlreiche Senioren. Doch inzwischen ist der Bezirk bekannt als innovative Gartenstadt und wird als Vorzeigeprojekt regelmäßig von deutschen und internationalen Delegationen besucht – sogar aus Asien und Lateinamerika sind schon interessierte Gäste angereist.

Carsten Hagenau steht in der Gartenstadt Potsdam-Drewitz
Vordenker

Carsten Hagenau wollte den Menschen in Potsdam-Drewitz mit seiner Idee einer aufblühenden Gartenstadt ihre Würde wiedergeben – und es ist ihm gelungen.

Wie konnte das gelingen? „Für mich war die Überlegung: Wenn es so vielen Menschen in Drewitz schon schlechtgeht, dann sollten sie zumindest einen Ort haben, auf den sie stolz sein können. Das hat etwas mit Würde zu tun“, sagt Carsten Hagenau vom Arbeitskreis Stadtspuren. Der 56-Jährige koordiniert den Dachverband der Potsdamer Wohnungsunternehmen und ist einer der Vordenker des neuen Drewitz. „Am Anfang stand die Idee der Gartenstadt“, erzählt er. „Schon 2005 gab es bei einer Tagung die Überlegung, den Menschen hier die Möglichkeit zu geben, die Grünflächen zu gestalten, Obst und Gemüse anzubauen und sich dort zu treffen.“

Es blieb ein Traum, bis 2009 die kommunale Wohnungsbaugesellschaft ProPotsdam, der in Drewitz 1.600 Wohnungen gehören, den Umbau des Quartiers anstieß. Zwei Jahre später stand ein mutiger Plan: bis 2050 eine Zero-Emission-City zu schaffen. Das hieß, nicht nur die Gebäude durch energetische Sanierung, Solarzellen und grüne Fernwärme in Null-Emissions-Häuser umzuwandeln. Es sollte auch der Energiebedarf im ganzen Stadtteil gesenkt werden.

„Wir haben uns gefragt, wie viel Energie benötigt wird, damit die Menschen ihren Alltag organisieren können“, erläutert Hagenau. „Müssen sie ins Auto steigen, um die Kinder zur Kita oder in die Schule zu bringen? Brauchen sie ein Auto, um ins Stadtzentrum zu kommen, oder haben sie tolle Angebote mit Tram und Bus?“

Jörn-Michael Westphal steht vor einem Modell der Gartenstadt Potsdam-Drewitz
Zukunftsfähig

Jörn-Michael Westphal von ProPotsdam hat mit dazu beigetragen, dass aus der Plattenbausiedlung ein ökologischer Vorzeigestadtteil geworden ist, auf dessen Dächern Solarkraft getankt wird.

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Carsharing-Angebote und Leihstationen für Fahrräder wurden geplant. Außerdem sollten die soziale Infrastruktur sowie Handel und Gewerbe im Bezirk gefördert werden. Insgesamt 300 Millionen Euro wurden dafür als Kosten veranschlagt. Mehr als 13 Millionen Euro wurden von der KfW finanziert. „Drewitz war eines unserer Pilotprojekte, als wir 2011 im Auftrag des Bundes das Programm zur energetischen Stadtsanierung gestartet haben. Dort ist es umfassend gelungen, den integrierten Ansatz zu verwirklichen“, sagt Kay Pöhler, 52, der bei der KfW als Produktmanager das Förderprogramm Energetische Stadtsanierung verantwortet.

Die Häuser benötigen nur noch die Hälfte der Energie. Die andere Hälfte stammt aus Windenergie, die Wärme erzeugt. Auch für die Mobilität gibt es nachhaltige Ideen: So bietet beispielsweise ProPotsdam Ein- und Zweizimmerwohnungen in Kombination mit einem Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr an. Doch so visionär und ambitioniert das gesamte Konzept war, bei zahlreichen Mietern sorgte es anfangs für Aufregung. Vor allem viele Bewohner der Konrad-Wolf-Allee waren skeptisch, weil die große Verkehrsstraße in einen Park umgewandelt werden sollte. Einige Mieter fürchteten nun um ihre Parkplätze vor der Haustür. Sie wollten mitreden – in einer demokratisch gewählten Bürgervertretung.

„Ich lief die Konrad-Wolf-Allee entlang und dachte nur: Ist das schön hier!“

Mandy Bürger, Bewohnerin in Potsdam-Drewitz

Ein Modell der Gartenstadt Potsdam-Drewitz
Gut geplant

Die Sanierung eines ganzen Stadtteils wurde unter anderem in 64 öffentlichen Gesprächsrunden mit den Bewohnern gemeinsam entwickelt. Die bereits sanierten Häuser von ProPotsdam und Genossenschaften sind in dunklem Holz dargestellt.

Bürger schaute sich nach einer behindertengerechten Wohnung um. „Es war extrem schwierig, Angebote mit Fahrstuhl zu finden, die auch so liegen, dass man kurze Wege hat – zum Beispiel, um ins Krankenhaus zu fahren“, sagt sie. Nach einem Jahr wurde ihr die Wohnung in Drewitz vorgeschlagen. „Ich lief die Konrad-Wolf-Allee entlang, im Park blühten gerade die Rosen, fast so wie in einem englischen Garten. Und ich dachte nur: Ist das schön hier!“, sagt die 44-Jährige. Im August 2015 zog sie mit ihrem Sohn, einem Labrador und zwei Katzen in eine Wohnung mit Blick auf den Park. „Hier habe ich genügend Platz, so dass mich auch meine zwei größeren Söhne am Wochenende besuchen können“, sagt sie.

Auch Bianka Mögelin ist nach den Umbauarbeiten mit ihrer Familie wieder in ihre alte Wohnung zurückgezogen. Die war nun komplett saniert: Wände, Fußböden, Heizung, Bad, Küche – quasi ein Neubezug. „Alles ist jetzt bunt, modern und schön“, sagt sie. Und vor allem sehe man nicht mehr, dass das mal ein Plattenbau war. Das ist für die Pflegerin das Wichtigste.

Quelle
Cover CHANCEN 2017

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2017 „Mut“.

Zur Ausgabe

„Die Platten stehen für mich dafür, dass Drewitz einst als ein sozialer Brennpunkt betrachtet worden ist. Sie stehen für Vorurteile“, sagt Bianka Mögelin. „Heute hat Drewitz einen besseren Ruf.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 30. Oktober 2017