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Demografischer Wandel

Demografischer Wandel

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Jede Woche wandern weltweit drei Millionen Landbewohner in urbane Zentren ab. Besonders in Asien stellt Landflucht die großen Städte vor enorme Herausforderungen. KfW-Expertin Christine Heimburger erklärt, warum es keine Alternative zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung gibt.

Die Autorin
Christine Heimburger im Porträt

Christine Heimburger leitet die Abteilung Ostasien und Pazifik des Geschäftsbereichs KfW Entwicklungsbank. Sie ist seit 1989 für die KfW tätig und leitete auch für einige Jahre das Büro der KfW in Jakarta.

Die Urbanisierung schreitet unumkehrbar voran. Bis 2030 wird es mehr als 500 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern geben, die meisten davon in Asien. Während es in Europa etwa 150 Jahre dauerte, bis 50 Prozent der Bevölkerung in urbane Zentren gewandert waren, vollzieht sich der Wandel in Asien in nur 60 bis 70 Jahren. Dieser Prozess wirkt sich direkt auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung aus. Auch der Ressourcenverbrauch steigt.

Ein wichtiger Grund für die Menschen, in der Stadt ihr Glück zu suchen, ist die Perspektivlosigkeit auf dem Land. Asiatische Bauern haben oft nur fünf bis zehn Hektar Land zur Verfügung, um ihre fünf- bis siebenköpfige Familie zu ernähren. Bei der Ernte werden kaum Überschüsse erwirtschaftet, mit denen sich Maschinen oder Dünger anschaffen und höhere Erträge erzielen ließen. In Ländern wie Kambodscha konnten zwar erhebliche Erfolge bei der Armutsbekämpfung erreicht werden – aber schon eine Missernte würde genügen, um viele kleinere Farmbetriebe unter die Armutsgrenze zu bringen.

In vielen Ländern werden große Teile der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche an internationale Konzessionäre vergeben, zum Beispiel für den Anbau von Ölpalmen. Oft ist dies auch mit Enteignung und Vertreibung verbunden. Besonders den Jüngeren bleibt keine andere Wahl, als Zuflucht in den Städten zu suchen. Hinzu kommt ihr Wunsch, den Zwängen der traditionellen dörflichen Strukturen zu entkommen.

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Binnenmigration ist nicht per se negativ zu bewerten: Städte sind wirtschaftliche Wachstumsmotoren. Weltweit werden in ihnen etwa 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts generiert. Die hohe Bevölkerungsdichte in Städten ermöglicht effizienteren Zugang zu Arbeit, Mobilität, Bildung, Gesundheit sowie sozialer und politischer Teilhabe. Straßennetze, Strom- und Wasserversorgung können in Städten um 15 bis 35 Prozent kostengünstiger entwickelt und betrieben werden als auf dem Land.

In den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern allerdings geschieht das Wachstum der Städte unkontrolliert. Nicht nur die Bevölkerung der Städte, auch die Anzahl der Slumbewohner wird sich bis 2050 auf drei Milliarden verdreifachen. Besonders die Armen werden im urbanen Raum häufig Opfer von Krankheit, Verkehrsunfällen und Kriminalität. Sie sind auch überdurchschnittlich oft von Naturkatastrophen betroffen. Städte verursachen mehr als 70 Prozent aller klimaschädlichen Treibhausgase und verbrauchen rund 70 Prozent der weltweiten Ressourcen.

Diese negativen Effekte sind oft direkte Folge des unkontrollierten Stadtwachstums. Überforderte Verwaltungen, niedriges Wohlstandsniveau und mangelnde Unterstützung durch die Zentralregierung mindern die finanziellen Möglichkeiten für den Aufbau von Infrastruktur. Doch genau die braucht es, damit sich das Potenzial einer Stadt entfalten kann: Effizienzvorteile können nur in verdichteten Siedlungsstrukturen wirken, zum Beispiel entlang von Verkehrskorridoren oder in Zentren. Diese Strukturen sollten möglichst in einem frühen Stadium der Stadtentwicklung geprägt werden. Spätere Änderungen lassen sich aufgrund bereits gebauter Wege und Siedlungen, hoher Bodenpreise und aufgrund von Eigentumsrechten nur mühsam und zu hohen Kosten umsetzen. Da Städte im frühen Stadium ihrer Entwicklung oft nicht über ausreichend Finanzkraft verfügen, sind internationale Geldgeber und Entwicklungsbanken gefragt. Sie können mit Know-how und passender Finanzierung Lücken füllen.

Quelle
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Dieser Artikel ist erschienen in Chancen Frühling/Sommer 2016 „Wanderungen".

Zur Ausgabe

Bei der Konferenz wurde eine neue Städteagenda ( New Urban Agenda –NUA) entwickelt und beschlossen, die ein Recht auf Stadt postuliert. Die rund 200 teilnehmenden Regierungen haben darin Leitlinien erarbeitet, die in den kommenden zwei Jahrzehnten Energieverbrauch und Umweltverschmutzung in urbanen Räumen deutlich reduzieren sollen. Nur so können Städte für ihre Bewohner lebenswert werden. Große Beachtung fand auch die von der deutschen Bundesregierung lancierte Transformative Urban Mobility Initiative (TUMI). Im Rahmen dieser Initiative sollen städtische Mobilitätsprojekte im Gesamtvolumen von einer Milliarde Euro pro Jahr umgesetzt werden. Die KfW wird diese Initiative maßgeblich fördern.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 4. Mai 2017