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Corona-Krise

Corona-Krise

Neue Medizintechnik bewährt sich

Robotertechnik zur Mobilisierung von Intensivpatienten, digitale Sprechstunden, künstliche Intelligenz bei der Desinfektionskontrolle: Innovative Technologien helfen im medizinischen Bereich im Kampf gegen die Corona-Pandemie. KfW Stories stellt vier Firmen vor.

Krankenschwester

Um zu ermitteln, ob Krankenhausmitarbeiter ihre Hände häufig genug desinfizieren, setzt die GWA Hygiene GmbH auf künstliche Intelligenz.

GWA Hygiene: Künstliche Intelligenz in Kliniken

Zu den ungewöhnlichen Auswirkungen der Corona-Krise zählt, dass Alltagsprodukte urplötzlich zu Mangelware werden. Desinfektionsmittel zum Beispiel. Ist im Krankenhaus eine Flasche leer, wird sie durch eine volle ersetzt. Normalerweise. Gibt es aber nicht genug Nachschub, muss man „priorisieren“. Sagt Tobias Gebhardt, CEO des Stralsunder Start-ups GWA Hygiene. Mit der GWA-Hygiene-Software NosoEx geht das. Mit ihr sieht man auf einen Blick, wo wie viel Desinfektionsmittel verbraucht wird.

Das Hygienemanagementsystem basiert auf Transpondern, die das Klinikpersonal trägt, jede Berufsgruppe einen spezifischen. Die Transponder „kommunizieren“ per Bluetooth mit den Desinfektionsspendern auf den Fluren und in den Räumen des Krankenhauses. So lässt sich ermitteln, welche Berufsgruppe sich wo und wie oft die Hände desinfiziert. Die Daten zeigen der Klinik den Umgang mit Hygiene und bilden die Grundlage für die Beseitigung möglicher Defizite. Wer sich die Hände desinfiziert, ohne einen Transponder zu tragen, wird den Klinikbesuchern zugerechnet.

GWA Hygiene wolle „mithilfe von Daten das Bewusstsein für Hygiene schärfen“, sagt Gebhardt. Hygieneverantwortliche in Krankenhäusern verfügten meist über kein eigenes Budget. Einerseits. Andererseits infizieren sich jedes Jahr zwischen 400.000 und 600.000 Patienten in deutschen Kliniken an Keimen, häufig über die Hände.

GWA Hygiene

Die Software NosoEx erfassst und übermittelt den Status der Desinfektionsspender in Kliniken.

In mehr als 30 Krankenhäusern, Pflegeheimen und Dialysestationen im In- und europäischen Ausland ist das NosoEx-System installiert. „Wir glauben nun umso mehr an technologiebasierte Unterstützung für die Infektionsprävention der Zukunft“, sagt Gebhardt. Mit dem Marketingauftritt hält GWA Hygiene sich in der Corona-Krise zurück, setzt aber darauf, dass das Krankenhausmanagement nach dem Abflauen der Pandemie der Desinfektionskontrolle größere Relevanz einräumt.

Seit 2018 ist der High-Tech Gründerfonds (HTGF) in GWA Hygiene investiert, ein Start-up aus dem Bereich Life Science. „Ein großer Teil der Mittel des HTGF fließt in Unternehmen aus den Bereichen Med-Tech, Digital Health, Pharma und Chemie“, erklärt Marco Winzer, Partner beim HTGF. „Wir sehen uns als Plattform“, sagt er und hebt darauf ab, dass Start-ups beim HTGF nicht nur eine Finanzierung erhalten, sondern auch vom Know-how und der Expertise des gesamten Netzwerks und der Fondsinvestoren profitieren können. Die Kapitaleinlagen des HTGF III stammen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, von Industrieunternehmen und von KfW Capital, einer Beteiligungstochter der KfW Bankengruppe.

Tobias Gebhardt
„Mithilfe von Daten wollen wir das Bewusstsein für Hygiene schärfen.“

Tobias Gebhardt, CEO GWA Hygiene

multiBIND: Desinfektion ohne Alkohol

„Viren, Bakterien und andere Keime zu zerstören, darin sind wir sehr gut“, sagt Thomas Lisowsky. Das Kölner Unternehmen multiBIND wird bereits seit 2006 vom HTGF unterstützt. Es hat eine Dekontaminations- und Desinfektionslösung erfunden und patentiert, die, im Gegensatz zu anderen Desinfektionsmitteln, keinen Alkohol enthält und wasserlöslich ist. „Unser Mittel können Sie im Prinzip trinken“, sagt Lisowsky.

multiBIND ist im Grunde ein Zwei-Mann-Betrieb, bestehend aus den Molekularbiologen Lisowsky und Karlheinz Esser. Esser arbeitet im Labor, Lisowsky kümmert sich um das Geschäft, um Patente und Lizenzen. Das Unternehmen stellt selbst nur Prototypen her und verdient am Verkauf der Lizenzen für die Rezepturen.

„Viren, Bakterien und andere Keime zu zerstören, darin sind wir sehr gut.“

Thomas Lisowsky, CEO multiBIND

Kapitalgeber

KfW Capital investiert in europäische Venture Capital-Fonds, die sich an Unternehmen in der Wachstumsphase in Deutschland beteiligen und so deren Kapitalbasis stärken.

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Die Corona-Pandemie verschafft „uns einen riesigen Aufschwung“, sagt Lisowsky, denn „die Welt ist voll mit SARS-CoV-2-RNA“. Überall finde sich genetisches Material des Virus. Das Problem mit Kontaminationen werde dabei unterschätzt. Jedes molekularbiologische Institut „muss eine passende Dekontaminationslösung haben“. Würden Labore und Diagnostikmaterialien nicht einwandfrei desinfiziert und dekontaminiert, gäbe es viele falsch-positive Testergebnisse. Nicht jeder Mensch, bei dem man SARS-CoV-2-RNA nachweisen kann, ist mit dem Virus infiziert.

Lisowsky illustriert die Fehlerquelle der sogenannten PCR-Analyse mit der Geschichte vom „Phantom von Heilbronn“. Zwischen 1993 und 2008 fand die Polizei an mehr als einem Dutzend Tatorten die DNA-Spur ein und derselben vermeintlichen Täterin. Ihr wurde zwischenzeitlich auch der Mord an jener Heilbronner Polizistin angelastet, der tatsächlich auf das Konto des NSU ging. Später ergab sich, dass die bei der Spurensicherung benutzten Wattestäbchen mit der DNA einer Mitarbeiterin des Herstellers der Stäbchen verunreinigt waren.

Reactive Robotics: Roboter mobilisieren Intensivpatienten

Auch das Münchner Unternehmen Reactive Robotics, 2015 gegründet und 2016 ins Portfolio des HTGF gekommen, kann mit seinem Geschäftsmodell in der Corona-Pandemie das Gesundheitswesen unterstützen. Mithilfe des robotischen Assistenzsystems VEMO (Very Early Mobilization), das seit 2019 in Krankenhäusern zugelassen ist, können geschulte Krankenpflegerinnen und -pfleger auf Intensivstationen Patienten mobilisieren. Was sonst zwei, drei Pflegekräfte machen müssten, schafft jetzt eine Person mithilfe der Robotik. „Liegezeiten und Beatmungsdauer lassen sich auf diese Weise um rund 20 Prozent senken“, sagt Alexander König, Gründer und CEO von Reactive Robotics. Der daraus resultierende Effekt in der Krise: Betten auf Intensivstationen könnten früher für Covid-19-Patienten frei gemacht werden.

Reactice Robotics im Hörsaal

Robotik wird zur Mobilisierung von Patienten seit 2019 auch in Krankenhäusern eingesetzt.

„In der angespannten Personalsituation kann ‚Kollege VEMO‘ die körperlich anstrengende Arbeit übernehmen“, betont König. Pflegepersonal könne sich dem Patienten zuwenden, der Einsatz der Robotik unterstütze die herausfordernde Mobilisierung.

Ausgelöst von der aktuellen Pandemie arbeitet Reactive Robotics, deren System bisher an fünf Kliniken eingesetzt wird, an einem neuen Konzept. Weil es zu wenige Krankenschwestern und Krankenpfleger gebe, könne man in Kliniken das Assistenzsystem auch von externen Physiotherapeuten bedienen lassen, erläutert König. Etwa zwei Stunden dauere die Schulung an dem Gerät. Ein entsprechendes Konzept will das Unternehmen in wenigen Wochen vorlegen. „Corona geht ja nicht vorbei“, sagt König. Er ist sicher, dass die Pandemie Therapieformen wie denen seines Unternehmens mehr Zustimmung verschafft: „Die Krise leistet der Robotik Vorschub.“

Heartbeat medical: digitale Diagnosen

Auch die Telemedizin bekommt Aufwind, sagt der HTGF-Partner Winzer. Auf diesem Gebiet bewegt sich heartbeat medical. Das Start-up, 2014 gegründet und seit 2015 im Portfolio des HTGF, beschäftigt sich derzeit nach den Worten seines Geschäftsführers Yannik Schreckenberger „ausschließlich mit Corona“. Das Unternehmen mit Standorten in Berlin und Köln hat in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité eine Software für digitale Patientenbefragungen und Symptombeobachtungen entwickelt und überwacht Covid-19-Infizierte und Verdachtsfälle, die sich in häuslicher Quarantäne befinden.

Yannik Schreckenberger
„Wir entlasten ärztliches Personal und helfen bei Therapieentscheidungen.“

Yannik Schreckenberger, CEO heartbeat medical

Mitarbeiter in Konferenzraum von Heartbeat Medical

In den Berliner Räumlichkeiten von heartbeat medical konferieren die Mitarbeiter mit Kollegen, die von anderen Standorten aus arbeiten.

Zum Kundenkreis von heartbeat medical zählen Gesundheitsbehörden und Krankenhäuser. Der Service des Unternehmens: Anhand standardisierter Fragebögen können Patienten zu Hause Befindlichkeiten wie beispielsweise Fieber, Schmerzen und andere Symptome dokumentieren und die Daten elektronisch an die behandelnden Ärzte übermitteln. Die nutzen sie für Diagnostik und Behandlung und auch zur Vorbereitung von Sprechstunden. „Wir entlasten ärztliches Personal“, sagt Schreckenberger, und „helfen bei Therapieentscheidungen“.

Mehr als 100.000 Patientinnen und Patienten haben das System der sogenannten Patient Reported Outcomes bereits genutzt. Dank dieser Praxiserprobung konnte heartbeat medical sein Angebot schnell auf die Krankheit Covid-19 und deren Symptomatik umbauen. Schreckenberger, schon vor seinem Engagement bei heartbeat medical unternehmerisch im Bereich Digital Health tätig, sagt: „Symptomverfolgung wird zu wenig beachtet.“ Er ist sicher, dass die Pandemie einen großen Schub für das Thema „Datensammlung und -management in der Gesundheitsbranche“ bringen wird.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 7. Mai 2020.