Jugendliche arbeiten an ihren Projekten im Timo Center
Digitale Bildung

Digitale Bildung

Deutschland lernt von Armenien

Das TUMO Center for Creative Technologies in Armenien hat sich als kostenloses Bildungszentrum für Jugendliche auf Technologie und Design spezialisiert. Ein Gespräch mit den Geschäftsführern Marie Lou Papazian und Pegor Papazian über ihr Projekt und den Export des Modells nach Berlin.

Video: Ein Besuch im TUMO Center von Eriwan (KfW Bankengruppe/Begisheva/Schuch).

Was ist TUMO?

Marie Lou Papazian: TUMO ist ein Ort, an dem Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren nach der Schule experimentieren und Technologien austesten können. Unser Ziel ist es, sie besser auf die spätere Arbeits- und Berufswahl vorzubereiten. In diesem Alter sind junge Menschen sehr lernbegierig und wollen herausfinden, wie die Dinge wirklich laufen. Wir wollen ihnen zeigen, was an Ressourcen zur Verfügung steht und wie sie ihr Potenzial am besten entfalten können.

Pegor Papazian: Von der Sowjetunion hat Armenien ein Bildungssystem geerbt, das nicht wirklich kreativitätsfördernd war. In Bezug auf digitale Medien gab es überhaupt keine Angebote. Wir wollen hier eine Alternative bieten. Ich meine, die meisten Kinder gehen zur Schule, weil sie müssen, nicht weil sie das wollen. Aber ich glaube andererseits, dass Kinder – auch wenn sie es hassen, zu pauken – sehr gerne lernen. Mit TUMO möchten wir ihnen das Lernen leichter machen.

Wie wurde TUMO gegründet?

Pegor Papazian: TUMO wurde auf Initiative von Sam und Silva Simonian gegründet, einem Ehepaar armenischer Abstammung aus Texas. Die meisten Armenier leben außerhalb Armeniens, fühlen sich aber immer noch als Teil der armenischen Nation und betrachten Armenien als ihr Heimatland. Zunächst finanzierten sie das Gebäude, in dem TUMO untergebracht ist. Im zweiten Schritt starteten sie ein gemeinnütziges Projekt zur Förderung der armenischen Jugend.

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Den Jugendlichen stehen für ihre Projekte neueste Technologien zur Verfügung.

Steht TUMO allen Schülern in Armenien zur Verfügung?

Pegor Papazian: Inzwischen betreiben wir in Armenien vier Zentren, ein fünftes ist in Bau. Um das ganze Land abzudecken, brauchen wir 12 bis 15 Zentren, die von sogenannten TUMO-Boxen ergänzt werden, also Mini-Zentren in Containern, die von Standort zu Standort flexibel verlegt werden können.

Was lernen die Schüler im TUMO-Zentrum?

Marie Lou Papazian: Wir bieten 14 verschiedene Fachrichtungen an, von Programmierung, Design, Musik, Schreiben, Animation, Videoproduktion, Fotografie, Robotik bis hin zu Grafikdesign. Unser oberstes Ziel ist es, diese Skills mit Anwendungen aus dem echten Leben zu verbinden. In unserem „Learning Lab“ profitieren die Schüler von diesem Ansatz. Wenn sie beispielsweise mit 3D-Scannern arbeiten, scannen sie Monumente und können dann Videos oder VR-Umgebungen oder auch architektonische Daten für armenische oder sonstige Baudenkmäler erstellen.

Wie lernen die Schüler?

Marie Lou Papazian: Die Schüler sind selbst für ihren Lernerfolg verantwortlich. Du bist dein eigener Chef. Du bestimmst, was du machen willst. Unser Ziel ist es, ihren Ehrgeiz zu wecken und sie immer lernbegieriger zu machen. Es geht nicht nur um die Technologie, es geht um Verantwortung. Wir möchten ein agiles, sehr flexibles Mindset erreichen.

Das Tumo Center von außen

Vier TUMO-Zentren gibt es bereits allein in Armenien, ein fünftes ist derzeit im Bau.

Wie wird Armenien davon profitieren?

Marie Lou Papazian: Mit dem Konzept werden wir das ganze Land rasch voranbringen. Wir hoffen sehr, dass TUMO den Einfluss der nächsten Generation auf Armenien erhöhen wird. Dadurch, dass wir jungen Menschen neue Möglichkeiten eröffnen, die die Entwicklung des Landes positiv beeinflussen können, auch im Hinblick auf Entscheidungsfindung und bürgerschaftliches Engagement.

Wie finanzieren Sie den Betrieb?

Pegor Papazian: TUMO ist in einem sechsstöckigen Technologiezentrum untergebracht. Wir sitzen in den ersten beiden Etagen, die vier oberen Stockwerke sind an IT- und Technologieunternehmen vermietet. Mit den Mieteinnahmen können wir unsere Kosten decken, sodass wir 15.000 Kinder in Eriwan kostenfreien Unterricht anbieten können, 20.000 in Armenien insgesamt.

TUMO-Zentrum

Die KfW weitet ihr Engagement zur Förderung von Bildung in Deutschland mit einem innovativen Leuchtturmprojekt aus: In Berlin entsteht voraussichtlich bis zum Herbst 2020 ein Lernzentrum für digitale Bildung nach den Modell des in Armenien entwickelten „TUMO-Center for Creative Technologies“. Die KfW finanziert Ausstattung und Betrieb für die kommenden fünf Jahre. Das von der KfW in Berlin finanzierte TUMO-Zentrum ist in seiner Vielfalt das erste kostenlose Lernangebot zu digitalen Themen in Deutschland.

Wer arbeitet bei TUMO?

Pegor Papazian: Wir haben über 200 Mitarbeiter, von denen etwa zwei Drittel unterrichten. Viele sind ehemalige Schüler, die aktuell an der Universität eingeschrieben sind und bereits erste Außenerfahrung haben. Außerdem haben wir Workshopleiter, die echte Profis in ihrem Fachgebiet, wie Animation, Coding, 3D-Modelling etc., sind. Diese arbeiten üblicherweise Teilzeit bei uns, während sie ihre Fähigkeiten mit ihrer hauptberuflichen Tätigkeit auf aktuellem Stand halten.

Wie begann die internationale Expansion?

Pegor Papazian: Wir waren überrascht, dass es außerhalb Armeniens Nachfrage nach unserem Konzept gab, selbst in entwickelten Ländern. Es fing damit an, dass die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, unser TUMO-Zentrum besichtigte. Im Prinzip sagte sie: „Ich will auch eins.“ Wir dachten zuerst, sie sage das nur aus Höflichkeit, aber nun gibt es ein TUMO-Zentrum in Paris. Danach gab es ständig weitere Anfragen aus dem Ausland, aus Berlin, Moskau, Kiew, Los Angeles, Kuwait.

Musikunterricht im Tumo Center

Die Workshopleiter gehen in der Regel vormittags ihrer Profession nach, nachmittags unterrichten sie dann am TUMO Center.

Gibt es Regeln, die man bei der Gründung eines neuen TUMO-Zentrums befolgen muss?

Marie Lou Papazian: Wir wollen nicht, dass es nur für reiche Kinder zugänglich ist – stattdessen wollen wir, dass TUMO für die Kinder in der Region entweder gratis oder zu hoch subventionierten Preisen verfügbar ist.

Welche Vorteile sehen Sie in den ausländischen TUMO-Zentren?

Pegor Papazian: Ganz praktisch gesehen haben die ausländischen TUMO-Zentren für uns eine neue Einkommensquelle eröffnet. Dies ist jedoch sekundär. Was wirklich spannend ist, ist der Wissenstransfer. Wir erleben schon jetzt, dass Ideen aus Paris zu uns kommen und wir unser Programm anpassen, damit es noch universeller und noch zielgerichteter wird. Wir sind sicher, dass das Gleiche mit Deutschland passieren wird, besonders, wenn erst einmal mehrere Zentren dort eröffnet wurden.

Also freuen Sie sich darauf, ein TUMO-Zentrum in Berlin zu sehen?

Pegor Papazian: Die Eröffnung des TUMO-Zentrums in Berlin ist ein Meilenstein für uns. Wir sehen Deutschland als eines der führenden Länder in Wissenschaft und Technologie und sind begeistert von der Kooperationsbereitschaft unseres deutschen Partners, der KfW. Wir sind beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der wir dieses Projekt planen und umsetzen konnten. Deutschland hat uns überrascht, und wir sind sehr erfreut darüber, nun hier präsent zu sein.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 21. Januar 2020.