Unterricht in der Nomadenschule in Mali
Bildung

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Schule zum Mitnehmen

Nomadenkinder in Mali können keinen regulären Unterricht besuchen, weil ihre Familien bis zu dreimal im Jahr den Standort wechseln. Die Lösung: mobile Schulen.

Schulgebäude der Nomadenschule in Mali
Tragfähiges Konzept

Die Nomadenschule aus Ästen und Bastmatten lässt sich einfach zusammenpacken und wieder aufbauen.

Das Geräusch von Kreide auf Schiefertafeln erfüllt den Raum, durch das Dach aus Bastmatten fallen nur wenige Strahlen der Mittagssonne. Die Schüler sitzen schon etwas unruhig auf ihren Bänken. Eigentlich ein Tag wie jeder andere in der Klasse von Lehrer Amadou Traoré. Um zwölf Uhr ist der Unterricht zu Ende – wie immer. Nur eines ist heute anders. Nachdem die Schüler ihre Bücher zugeklappt und ihre Stifte eingesteckt haben, packen sie gemeinsam mit ihren Eltern auch das ganze Klassenzimmer zusammen.

Sie werden in einer der mobilen Schulen unterrichtet, die Nomaden und Halbnomaden im westafrikanischen Mali auf ihren Wanderungen durch das Nigerdelta begleiten. Zwei- bis dreimal im Jahr wechseln diese ihren Standort. Dabei legen sie Strecken von bis zu 600 Kilometern zurück. Die Schulen sind Kern des Bildungsprogramms PISE (Programme d’Investissement Sectoriel de l’Education) der malischen Regierung, das der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit einer Finanzierung unterstützt hat und das von der Welthungerhilfe durchgeführt wird. Es soll helfen, die Bildungssituation für benachteiligte Bevölkerungsgruppen im Land zu verbessern. Denn in Mali können nur die wenigsten lesen und schreiben.

Die KfW fördert

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert zahlreiche Projekte im Sektor Bildung.

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„Unter Nomaden ist die Alphabetisierungsrate besonders gering“, sagt Vanessa Gleiss, die das Projekt bei der KfW Entwicklungsbank betreut hat. „Das liegt vor allem daran, dass sie sich nie lange genug an einem Ort aufhalten, um ihre Kinder dauerhaft in die Schule zu schicken.“ Auch ein Internat ist für die meisten Eltern keine Alternative, weil sie im Alltag auf die Unterstützung ihrer Söhne und Töchter nicht verzichten und auch die finanziellen Mittel nicht aufbringen können.

Unterricht in der Nomadenschule in Mali
Pläne für später

Die Schüler sind vom Unterricht begeistert, einige haben schon Berufswünsche. Lehrer und Polizist sind darunter.

Damit die Kinder trotzdem die Chance auf Bildung haben, wird im Rahmen des Programms jeder Dorfgemeinschaft ein Lehrer zugeteilt, der die Nomaden fortan begleitet. Zudem erhalten sie Unterrichtsmaterial sowie klappbare Tische und Bänke, die sich einfach transportieren lassen. Nicht nur Inhalte des staatlichen Lehrplans werden den Schülern vermittelt. Sie erwerben zudem Wissen, das ihnen und ihren Familien bei der Arbeit hilft: zum Beispiel über Viehzucht oder Ackerbau. Außerdem lernen sie im Unterricht viel über Geschichte und Bräuche des Nomadentums in Mali. „Als Fischer haben wir lange gedacht, dass Bildung nur Sache der Städter ist“, sagt Samba Korenzo, Oberhaupt des Nomadendorfs Sirétaba. „Heute sehen wir, wie wichtig sie für uns ist – etwa, um eine Nummer im Telefonverzeichnis zu finden und zu wählen. Die Schule ist mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Gemeinde geworden.“

Dass das Programm heute so erfolgreich ist, war zu Beginn keineswegs selbstverständlich. Denn im März 2012, nur wenige Wochen nach der Eröffnung der ersten mobilen Schulen, kam es in der Hauptstadt Bamako zu einem Militärputsch gegen den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré. Hintergrund war der Aufstand von Tuareg-Rebellen und radikalen Islamisten gegen die malische Regierung, der bis heute zu Gewalt im ganzen Land führt. „Aufgrund der instabilen Lage waren die lokalen Bildungsbehörden längere Zeit nicht besetzt“, sagt Vanessa Gleiß. „Einige mobile Schulen konnten zeitweise nicht betreut werden. Auch für Mitarbeiter der Welthungerhilfe war es zu gefährlich, einzelne Nomadendörfer im Norden Malis zu besuchen.“ Wegen der Kämpfe zogen zudem viele Nomaden in den Südwesten des Landes – mitsamt ihren Schulen.

Quelle
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Dieser Artikel ist erschienen in Chancen Frühjahr/Sommer 2016 "Wanderungen".

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Trotz der politischen Unruhen fand und findet der Unterricht in den 88 mobilen Schulen weiterhin statt. Dafür sorgen vor allem die Eltern der Kinder. Wie viel ihnen am Fortbestand des Projekts liegt, merkt auch Lehrer Amadou Traoré. „Ich weiß gar nicht, wer motivierter ist, die Eltern oder die Schüler“, sagt er. Letztere haben auf jeden Fall auch große Ziele. So etwa der achtjährige Moussa aus Traorés Klasse, der später selbst als Lehrer arbeiten und seine jüngeren Geschwister unterrichten möchte. Sein Schulkamerad Bocar hat sich ebenfalls viel vorgenommen: „Ich möchte Polizist werden und der Unsicherheit in unserem Land ein Ende bereiten.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 31. März 2017

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