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Deutschland hat trotz jahrelanger Stagnation realistische Chancen auf dauerhaft deutlich mehr Wachstum. Die neue Chancen-Studie von KfW Research „Standort Zukunft. Wie Deutschland zu neuer Stärke und Wachstum findet“ kommt zu dem Ergebnis, dass im kommenden Jahrzehnt ein Potenzialwachstum von mehr als einem Prozent jährlich erreichbar ist. Dieses Wachstum ist seit 2015 von knapp zwei Prozent auf nur noch leicht über null gefallen. Voraussetzung für einen nachhaltigen Umschwung ist, dass Deutschland gezielt die drei zentralen Wachstumskräfte Arbeit, Kapital und Produktivität stärkt.
Die dazugehörige Presseerklärung der KfW Bankengruppe wird hier angeboten.
Die folgenden Thesen ordnen wirtschaftliche Handlungsfelder aus der KfW-Research-Studie „Standort Zukunft: Wie Deutschland zu neuer Stärke und Wachstum findet“ ein. Sie sind kein politischer Forderungskatalog der KfW, sondern ein Debattenbeitrag zur Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Produktivität ist der zentrale Hebel für mehr Potenzialwachstum – und zwar nur im Zusammenspiel mit Arbeit und Kapital. Produktivität entscheidet darüber, wie viel Wohlstand mit einer begrenzten Zahl an Arbeitskräften, mit knapperen Ressourcen und mit hohen Investitionsbedarfen geschaffen werden kann. Deutschland wird seinen Wohlstand künftig nicht mehr vor allem über eine wachsende Zahl von Erwerbstätigen und Stärken in einigen Exportindustrien wie Automobil- oder Maschinenbau sichern können. Die Bevölkerung im Erwerbsalter wird schrumpfen, während die Zahl der Menschen im Rentenalter steigt. Damit wächst die Bedeutung dessen, was mit der vorhandenen Arbeitskraft und dem vorhandenen Kapital erreicht wird. Wie stark der Handlungsdruck inzwischen ist, zeigt das Potenzialwachstum: Seit 2015 ist es von knapp zwei Prozent auf nur noch leicht über null gefallen.
Produktivität beschreibt nicht bloß eine Kennziffer. Sie zeigt, wie gut es gelingt, menschliche Arbeit, Maschinen, Wissen und Technologie miteinander zu verbinden. Eine neue Software, ein effizienterer Produktionsprozess, eine bessere Logistik oder der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) können dieselben Arbeitskräfte und Anlagen deutlich leistungsfähiger machen.
Gerade deshalb liegt in der Produktivität die größte Wachstumschance. Digitalisierung und KI werden ihre Wirkung aber nicht von selbst entfalten. Sie müssen in den Unternehmen und der öffentlichen Hand ankommen, in Arbeitsabläufe integriert und durch Weiterbildung, Investitionen und eine leistungsfähige Infrastruktur unterstützt werden. Dabei geht es nicht um einzelne Leuchtturmprojekte, sondern um die Anwendung in der Breite. Im KfW-Research-Szenario wird für die Jahre 2030 bis 2040 im Durchschnitt ein reales Potenzialwachstum von mehr als einem Prozent möglich, wenn man die Rahmenbedingungen für Arbeit, Investitionen und Produktivität in die richtige Richtung weiterentwickelt. Den größten zusätzlichen Beitrag muss dabei die Produktivität leisten.
Drei wichtige Hebel
1. Breite Anwendung: Digitale Technologien, insbesondere KI, müssen schnell in den Arbeitsabläufen möglichst vieler Unternehmen ankommen.
2. Qualifikation: Weiterbildung in digitalen Kompetenzen ermöglicht die Anwendung im Arbeitsalltag.
3. Investitionen in Maschinen, Forschung und digitale Infrastruktur erhöhen die Produktivität dauerhaft.
Das wirtschaftliche Wachstum wird in letzter Konsequenz durch das Zusammenwirken der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Produktivität bestimmt. Bei allen drei Faktoren hat sich die Dynamik in den vergangenen Jahren deutlich abgeschwächt. Es braucht daher eine überzeugende Strategie für dauerhaftes Wachstum, die Investitionen erleichtert, Arbeitskraft mobilisiert und technologische Erneuerung beschleunigt. Die drei Faktoren müssen sich gegenseitig verstärken. Es wäre zu kurz gegriffen, nur an einer Stellschraube anzusetzen. Die Größenordnung wird an zwei langen Linien sichtbar: Die Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigem sank von rund 1.530 Stunden im Jahr 1995 auf etwas mehr als 1.330 Stunden 2025. Die Investitionsquote fiel von 22 Prozent des BIP im Jahr 2000 auf zuletzt 19,6 Prozent im Jahr 2025.
Das Arbeitsvolumen bleibt wichtig. Ebenso wichtig sind Investitionen in Maschinen, Gebäude, Netze, Forschung und digitale Systeme. Die Produktivität kann die beiden anderen Faktoren wirksamer machen und auch dort Wachstum ermöglichen, wo die Zahl der Arbeitskräfte nicht mehr steigt. Das ist eine gute Nachricht, weil es um einen gestaltbaren Prozess geht – und Deutschland kein ökonomisches Wunder braucht. So ist, das zeigt das KfW-Research-Szenario, wieder ein durchschnittliches reales Pro-Kopf-Wachstum von mindestens einem Prozent möglich.
Drei wichtige Hebel
1. Arbeit mobilisieren: Mehr Menschen sollen arbeiten können und länger im Erwerbsleben bleiben.
2. Kapital mobilisieren: Wenn private und öffentliche Investitionen sich klug ergänzen, entsteht Zukunftswertschöpfung.
3. Produktivität steigern: Technologischer Fortschritt und Innovation machen Arbeit und Kapital wirksamer.
Investitionen heute sind die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum morgen. In Deutschland herrscht jedoch seit Jahren eine ausgeprägte Zurückhaltung. Unternehmen sehen sich mit schwachen Nachfrageperspektiven, hohen Energie- und Arbeitskosten, Unsicherheit, einer erheblichen Bürokratiebelastung und absehbarem Mangel an Fachkräften konfrontiert. Besonders im Mittelstand bleibt die Bereitschaft zu investieren relativ niedrig. Zugleich verschärft der demografische Wandel in vielen Branchen die Herausforderungen bei Unternehmensnachfolgen. Von 2019 bis 2025 gingen die Unternehmensinvestitionen preis- und kalenderbereinigt um 8,3 Prozent zurück. Im Durchschnitt der letzten vier Quartale entsprachen sie nur noch 10,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – ein Niveau, das zuvor lediglich während der globalen Finanzkrise erreicht worden war.
Unternehmen investieren nicht, weil der Staat es wünscht, sondern wenn sich ein Vorhaben wirtschaftlich rechnet und die Risiken kalkulierbar sind. Die Politik kann diese Entscheidungen nicht selbst treffen. Sie kann aber Voraussetzungen für Investitionen verbessern: durch klare langfristige Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungen, verlässliche Förderinstrumente und einen besseren Zugang zu Fremd-, Mezzanine- und Eigenkapital. Bereits die Rückkehr zum langfristigen Mittelwert – ein Anstieg der Unternehmensinvestitions-quote um einen Prozentpunkt – könnte das Potenzialwachstum über längere Zeit um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte erhöhen.
Die mit der staatlichen Investitionsoffensive eröffneten Spielräume müssen in der gegenwärtigen Schwächephase eine Initialzündung sein. Entscheidend ist, dass die Mittel zügig fließen, tatsächlich zusätzlich ein-gesetzt werden und dort ankommen, wo sie private Investitionen ergänzen und neue Wertschöpfung ermöglichen. Ob und in welcher Form solche Instrumente eingesetzt werden, ist letztlich eine politische Entscheidung.
Drei wichtige Hebel
1. Planbarkeit: Langfristig klare und stabile Rahmenbedingungen sowie schnellere Genehmigungen senken Investitionsrisiken.
2. Finanzierung: Fremd-, Mezzanine- und Eigenkapital müssen für tragfähige Vorhaben verfügbar sein.
3. Zusätzlichkeit und Tempo: Öffentliche Mittel müssen zügig fließen, private Investitionen ergänzen und neue Wertschöpfung auslösen.
Die größten Investitionslücken bestehen vielerorts bei der öffentlichen Infrastruktur und insbesondere auf kommunaler Ebene. Schulen, Straßen, öffentlicher Verkehr, digitale Netze sowie Strom- und Wärmeinfrastruktur sind keine Nebenthemen. Sie bestimmen zentral darüber, ob Unternehmen ihre Standorte entwickeln können, ob Fachkräfte gewonnen und ob neue Technologien eingesetzt werden. Der wahrgenommene Investitionsrückstand der Kommunen lag 2025 bei 231 Milliarden Euro; davon entfallen 69 Milliarden Euro auf Schulen und 54 Milliarden Euro auf Straßen und Verkehr.
Öffentliche Investitionen schaffen Nachfrage und erhöhen zugleich das Produktionspotenzial. Gut geplante Infrastruktur stößt private Investitionen an, weil sie die Ertragsaussichten von Unternehmen verbessert. Deshalb ist die Qualität der Mittelverwendung entscheidend. Eine klare Priorisierung wachstumsrelevanter Projekte ist die zentrale Voraussetzung. Die KfW-Research-Studie „Standort Zukunft: Wie Deutschland zu neuer Stärke und Wachstum findet“ verdichtet die verschiedenen Schätzungen insgesamt auf einen zusätzlichen öffentlichen Investitionsbedarf von 400 bis 600 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren – also auf 40 bis 60 Milliarden Euro jährlich. Empirische Untersuchungen für Deutschland ergeben, dass ein zusätzlicher Euro öffentlicher Investitionen das Bruttoinlandsprodukt kumuliert um mehr als einen Euro, im günstigen Fall sogar um rund zwei Euro erhöht.
Förderbanken wie die KfW leisten in diesem Prozess innerhalb ihres gesetzlichen Auftrags einen wichtigen Beitrag. Sie teilen Risiken und schließen Finanzierungslücken, wo der Markt allein nicht ausreicht. Förderinstrumente sollten dabei subsidiär ausgestaltet werden, um privates Kapital zu mobilisieren und Verdrängung zu vermeiden. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für Kommunen, Stadtwerke und Transformationsprojekte.
Die Ausgestaltung von Förderinstrumenten, ihre Finanzierung und ihre Verteilungswirkungen sind politische Aufgaben. Für die KfW kommt es auf einen transparenten, subsidiären und marktergänzenden Einsatz an. Ein Beispiel ist der Ende 2025 gestartete Deutschlandfonds, den Bundesregierung und KfW gemeinsam aufgesetzt haben. Er mobilisiert privates Kapital in den Zukunftsfeldern Mittelstand, Energieversorgung sowie Start-ups und Scale-ups. Dazu gehören beispielsweise große Zukunftsinvestitionen in neue Technologien und Produktionsanlagen, der Ausbau von erneuerbaren Energien, Wärmenetzen und Stromnetzen, aber auch die Gewinnung von Rohstoffen und die Finanzierung von innovativen Technologien wie Deep Tech, KI und Biotech sowie die Entwicklung von Lösungen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Der Bund stellt dafür öffentliche Mittel und Garantien in Höhe von rund 30 Milliarden Euro bereit. Damit sollen insgesamt Investitionen von rund 130 Milliarden Euro ausgelöst werden – als Investitionsoffensive neben dem staatlichen Sondervermögen.
Drei wichtige Hebel
1. Priorisierung: Infrastrukturmittel auf wachstumsrelevante Projekte priorisieren.
2. Hebelwirkung: Öffentliche Finanzierung soll Risiken teilen und privates Kapital mobilisieren, nicht verdrängen.
3. Umsetzung: Kommunen und Unternehmen brauchen einen breiten, verlässlichen Zugang zu Finanzierung und privatem Kapital.
Bürokratie ist kein abstrakter Kostenfaktor. Sie bindet Zeit, Geld und qualifizierte Arbeitskräfte. Lange Genehmigungsverfahren verzögern Investitionen, komplizierte Förderbedingungen überfordern kleinere Unternehmen und Kommunen, und widersprüchliche Regelungen erschweren Innovationen. Wie konkret diese Belastung ist, zeigt der Blick auf Gründungen: Gründerinnen und Gründer des Jahres 2025 verwendeten im Durchschnitt mehr als fünf Stunden pro Woche auf gesetzliche und regulatorische Anforderungen. Bei Vollerwerbsgründungen waren es etwa neun Stunden, bei Vollerwerbsgründungen mit Beschäftigten
sogar mehr als zwölf Stunden. Umfragen der KfW unter mittelständischen Unternehmen zeigen immer wieder, welche Belastung die Bürokratie für die Unternehmen darstellt.
Deutschland braucht einen leistungsfähigen Staat, der klare Regeln setzt und Verfahren zuverlässig vollzieht. Unternehmen und Bürger sollten Informationen nicht mehrfach bei unterschiedlichen Behörden einreichen müssen. Digitale One-Stop-Shops, also zentrale Anlaufstellen, verbindliche Entscheidungsfristen, automatische Genehmigungen nach Fristablauf und das Once-Only-Prinzip können Prozesse beschleunigen.
Dabei geht es nicht um weniger Schutz, sondern um intelligente und wirksamere Regulierung. Notwendige Schutzstandards müssen wirksam bleiben, aber jede neue Regel sollte darauf geprüft werden, ob sie ihren Zweck erreicht, wie hoch ihre Folgekosten sind und ob sie unternehmerische Initiative unnötig einschränkt. Eine schlanke Verwaltung ist kein Nebenaspekt, sondern ein harter Standortfaktor. Allein zwei seit Sommer 2025 umgesetzte EU-Richtlinien haben den Erfüllungsaufwand der deutschen Wirtschaft nach Berechnungen des Normenkontrollrats um fast vier Milliarden Euro pro Jahr erhöht. Bürokratieabbau setzt deshalb unmittelbar Arbeitszeit für Kunden, Innovation und Wachstum frei.
Drei wichtige Hebel
1. Einfachheit: Verfahren und Förderbedingungen müssen verständlich und digital zugänglich sein.
2. Geschwindigkeit: Verbindliche Fristen und automatische Genehmigungen können Entscheidungen beschleunigen.
3. Wirkungsprüfung: Jede Regel sollte auf Zweck, Konsistenz, Folgekosten und unnötige Einschränkungen geprüft werden.
Hohe Energiepreise und die Abhängigkeit von fossilen Importen belasten die Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Gleichzeitig ist der Umbau der Energieversorgung eine große Investitions- und Innovationschance. Versor-gungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaverträglichkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie müssen zusammen gedacht werden. Erdgas kostete in Deutschland und Europa im ersten Quartal 2026 rund viermal so viel wie in den USA.
Der wichtigste Weg führt in Deutschland vor allem über Energieeffizienz, Elektrifizierung und den zügigen Ausbau erneuerbarer Energien. Wer Energie effizienter einsetzt, senkt Kosten und verringert den Bedarf an Erzeugungs- und Netzinfrastruktur. Wer fossile Anwendungen elektrifiziert, kann stärker auf heimisch erzeugten Strom zurückgreifen. Erneuerbare Energien reduzieren langfristig die Abhängigkeit von laufenden Brennstoffimporten. Das Einsparpotenzial beim Endenergieverbrauch der Industrie wird bis zu 40 Prozent gegenüber 2023 geschätzt. Ein Anstieg der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien um zehn Prozent ging zuletzt mit einem Rückgang des Börsenstrompreises um etwa 6,5 Prozent einher.
Damit dieses Potenzial gehoben werden kann, müssen Netze, Speicher und flexible Nachfrage mitwachsen. Smart Meter, dynamische Preissignale und ein intelligentes Strommarktdesign können helfen, Verbrauch und Erzeugung besser zusammenzubringen. Für die Finanzierung der Energieinfrastruktur braucht es einen breiteren Instrumentenmix aus Krediten, Eigenkapital, Mezzanine-Finanzierungen und gegebenenfalls öffentlichen Garantien. Allein für Stromverteilnetze und die netzgebundene Wärmeversorgung werden bis 2045 Investitionen von 535 Milliarden Euro veranschlagt; rund zwei Drittel davon müssen bereits in den kommenden zehn Jahren erfolgen.
Drei wichtige Hebel
1. Effizienz und Elektrifizierung: Energieeffizienz hat Priorität; fossile Anwendungen sollten schrittweise elektrifiziert werden.
2. Infrastruktur: Netze, Speicher und Flexibilisierung der Nachfrage müssen zügig weiter mit dem Ausbau erneuerbarer Energien wachsen.
3. Finanzierung: Kredite, Mezzanine-Finanzierungen, Eigenkapital und gegebenenfalls Garantien müssen sinnvoll zusammenspielen.
Der demografische Wandel wird den Wettbewerb um Arbeitskräfte verschärfen. Bis 2040 wird die Bevölkerung im Erwerbsalter um 4,3 Millionen sinken, während die Zahl der Menschen im Rentenalter ab 67 Jahren um 3,9 Millionen steigt. Der Fachkräftemangel zeigt sich dann nicht nur in unbesetzten Stellen – in der Folge müssen Unternehmen Aufträge ablehnen, Nachfolger fehlen, öffentliche Dienstleistungen werden langsamer.
Der Arbeitsmarkt muss daher flexibilisiert werden, mehr Menschen müssen in Beschäftigung gebracht und länger im Arbeitsleben gehalten werden. Dazu gehören bessere Bedingungen für Frauen, Ältere und Menschen mit niedrigerem Einkommen sowie echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ebenso muss bedarfsgerechte Zuwanderung ermöglicht werden, indem Verfahren zur Anerkennung von Qualifikationen und zur Erteilung von Aufenthaltstiteln beschleunigt werden. Die KfW-Studie zeigt die mögliche Größenordnung an zwei Szenarien: Unter den in der Studie getroffenen Annahmen könnte eine Anhebung des regulären Rentenalters im Jahr 2041 von 67 auf 67,5 Jahre bei einer Erwerbstätigenquote von 65 Prozent in diesem Alter ein Äquivalent von rund 180.000 zusätzlichen Arbeitskräften schaffen. Unter den Annahmen eines zweiten Szenarios könnte eine Anhebung des Alters für die vorgezogene Altersrente für langjährig Versicherte von 63 auf 64 Jahre bereits zeitnah rund 250.000 Arbeitskräfte mobilisieren.
Mehr Arbeitskräfte allein werden jedoch nicht reichen. Es ist ebenso entscheidend, diese Kräfte besonders produktiv einzusetzen. Unternehmen und Staat müssen Prozesse überprüfen, Tätigkeiten neu organisieren, Weiterbildung ermöglichen und digitale Technologien nutzen. Auch hier bleibt Produktivität der Schlüssel: In den vergangenen zehn Jahren stieg die Stundenproduktivität der deutschen Wirtschaft nur noch um durchschnittlich 0,6 Prozent pro Jahr – und je Erwerbstätigem stagnierte sie.
Drei wichtige Hebel
1. Erwerbsbeteiligung: Frauen, Ältere und Menschen mit niedrigerem Einkommen brauchen bessere Bedingungen für Beschäftigung.
2. Vereinbarkeit und bedarfsgerechte Zuwanderung: Familie und Beruf müssen besser vereinbar sein, Qualifikations- und Aufenthaltsverfahren schneller werden.
3. Produktive Arbeit: Unternehmen und Staat müssen Prozesse neu organisieren und den Einsatz digitaler Technologien ausbauen.
Bildung ist die Schlüsselinvestition in Produktivität, Innovationskraft und gesellschaftliche Teilhabe. Deutsch-land weist in dieser Hinsicht bei Basiskompetenzen, digitalen Fähigkeiten und Bildungschancen erhebliche Defizite auf. Aktuell verfehlen 34 Prozent der Neuntklässler den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss in Mathematik und 16 Prozent in Deutsch.
Die Lösung muss früh ansetzen: mit verbindlichen Sprachstandserhebungen, früher Sprachförderung, star-ken Basiskompetenzen in Lesen, Schreiben und Mathematik sowie gezielter Unterstützung benachteiligter Kinder. Bildungserfolg darf nicht vom Elternhaus abhängen. Ein von drei Bundesländern vorgeschlagenes Bildungsziel sieht deshalb vor, die Zahl der Schülerinnen und Schüler unterhalb der Mindeststandards zu halbieren, den Anteil auf Regelstandard um 20 Prozent und den Anteil mit besonders hohen Leistungen um 30 Prozent zu erhöhen. Überträgt man dieses Bildungsziel auf Deutschland, so könnte dies über die Lebens-zeit eines heute geborenen Kindes zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von knapp 21 Billionen Euro ermöglichen – fast das Fünffache des deutschen Jahres-BIP von 2025.
Digitale Kompetenzen gehören inzwischen ebenso zur Grundbildung wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Informatik, Datenverständnis und der reflektierte Umgang mit digitalen Anwendungen müssen in Schule, Ausbildung und Studium verankert werden. Zugleich muss Weiterbildung in allen Stadien eines Arbeitslebensqualitativ überprüfbar und stärker an den tatsächlichen Anforderungen von Digitalisierung, Innovation und Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.
Drei wichtige Hebel
1. Frühe Förderung: Sprache, Lesen, Schreiben und Mathematik müssen früh und verbindlich gestärkt werden.
2. Digitale Grundbildung: Informatik, Datenverständnis und reflektierte Anwendung gehören in alle Bildungswege.
3. Lebenslanges Lernen: Weiterbildung muss qualitativ überprüfbar und an den tatsächlichen Anforderungen ausgerichtet sein.
Deutschland muss die Ambition haben, bis 2035 einer der führenden Technologie- und Innovationsstandorte zu werden. Unser Land verfügt über ein ausgesprochen leistungsfähiges Innovationsökosystem und ex-zellente Forschung und Entwicklung. Dennoch gelingt es nicht immer und in manchen Branchen viel zu selten, neue Technologien schnell genug in erfolgreiche Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu überführen. Beim Transfer in neue Märkte besteht Aufholbedarf.
Der Handlungsdruck ist sehr groß: Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben verharren seit 2019 bei rund 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; das bereits für 2025 formulierte Ziel von 3,5 Prozent wurde damit nicht erreicht. In der Spitze braucht es eine konzentrierte Förderung strategischer Zukunftstechnologien und eine bessere Verbindung von akademischer und unternehmerischer Forschung. Missionsorientierte Programme, klare Ziele, Reallabore und leistungsfähige Transferinstitutionen helfen, aus Forschung schneller Anwendungen zu machen.
In der Breite darf Innovationsförderung nicht auf Unternehmen mit eigener Forschungsabteilung beschränkt bleiben. Viele mittelständische Unternehmen, die das Rückgrat unserer deutschen Wirtschaft bilden, innovieren durch praktische Erfahrung, Kundenkontakte und Kooperationen. Sie benötigen niedrigschwellige Finanzierung, Beratung, qualifizierte Beschäftigte und weniger bürokratische Hemmnisse. Die öffentliche Beschaffung kann als erster Markt eine bedeutende Rolle spielen.
Auch die Kombination von Wagniskapital und Mittelstand kann hier eine Lösung sein – und zu einer Deutschland-Formel für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit werden. Mittelständische Unternehmen mit innovativen Ideen brauchen leichteren Zugang zu Eigenkapital und Investoren. Zusätzlich können Start-ups Lösungen für konkrete Probleme des Mittelstands liefern. KfW bzw. KfW Capital setzt hier an, etwa als Ankerinvestorin bei WIN400 oder im Wachstumsfonds II. Die Konzentration ist erheblich: 62 Prozent der FuE-Ausgaben der Wirtschaft entfallen auf Unternehmen mit mindestens 5.000 Beschäftigten. Gleichzeitig sank der Anteil innovativer mittelständischer Unternehmen in einem Zwölf-Jahres-Zeitraum um 56 Prozent. Gerade diese verlorene Breite beschreibt das ungenutzte Transfer- und Produktivitätspotenzial.
Drei wichtige Hebel
1. Spitzenforschung: Strategische Zukunftstechnologien brauchen eine klare Priorisierung und leistungsfähige Transferstrukturen.
2. Breitentransfer: Mittelständische Unternehmen benötigen Finanzierung, Beratung, Fachkräfte sowie niedrigschwellige Zugänge und eine verbesserte Vernetzung mit dem Venture-Capital-Ökosystem.
3. Nachfrage und Kapital: Öffentliche Beschaffung und Wagniskapital können den Weg von der Idee in den Markt verkürzen.
Deutschland muss bei der Anwendung digitaler Technologien deutlich schneller werden. Entscheidend ist, dass Unternehmen diese Technologien in der Breite einsetzen, ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln und produktiver werden. 2024 entsprachen Deutschlands IT-Investitionen lediglich 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; vergleichbare große Industrieländer erreichten 2,8 bis 4,0 Prozent. Wie eng digitale Kapitalausstattung und Produktivität zusammenhängen, zeigt eine aktuelle ZEW-KfW-Analyse: Ein um zehn Prozent höherer Digital-Kapitalstock eines mittelständischen Unternehmens geht im Durchschnitt mit einer rund 0,16 Prozent höheren Produktivität einher.
Dafür braucht es digitale Kompetenzen, leistungsfähige Infrastruktur, verlässliche Regeln für Datenschutz und IT-Sicherheit sowie passende Finanzierungsangebote. Förderkredite, Zuschüsse, Beratung und Transferangebote sollten stärker verbunden werden. Der Rückstand zeigt sich ebenso bei den Rahmenbedingungen: 2025 lag Deutschland in der EU beim Anteil der staatlichen Dienstleistungen für Unternehmen, die online abgewickelt werden können, auf Rang 23 und beim Anteil der Festnetzanschlüsse mit mindestens 100 Mbit/s auf Rang 20.
Gleichzeitig ist der deutsche Markt für viele digitale Geschäftsmodelle zu klein. Start-ups und Scale-ups brauchen die Möglichkeit, schnell in Europa zu wachsen: Ein einheitlicher Rechtsrahmen, weniger regulatorische Fragmentierung und eine stärker koordinierte öffentliche Beschaffung könnten den europäischen Binnenmarkt in einen echten Skalierungsraum verwandeln, wie es die USA und China bereits sind.
In vielen Technologiefeldern werden mit der rasanten Durchdringung von Digitalisierung und KI die Karten neu gemischt. Das ökonomische Wohlergehen eines Landes wird in der kommenden Dekade entscheidend davon abhängen, an diesem technologischen Wandel zu partizipieren – und sich, wo immer möglich, an die Spitze der technologischen Entwicklung zu stellen. Obgleich die deutsche Wirtschaft nicht überall Weltmeister sein kann, gibt es Bereiche, in denen die traditionelle Stärke der deutschen Industrie und des heimischen Mittelstands eine sehr gute Ausgangsposition bietet, um ganz vorne mitzuspielen.
Drei wichtige Hebel
1. Anwendung: Unternehmen müssen digitale Technologien in der Breite einsetzen und ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln.
2. Ökosystem: Kompetenzen, Infrastruktur, Regulierung und Finanzierung müssen besser zusammenspielen.
3. Skalierung: Ein stärker integrierter europäischer Rechts- und Wirtschaftsraum kann Wachstum erleichtern.
Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird seine industrielle Stärke nur behaupten, wenn er strategische Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, Technologien und Lieferketten verringert. Die Konzentration wichtiger Wertschöpfungsstufen in einzelnen Ländern, allen voran China, ist ein Risiko für Industrie, Energie-wende und Digitalisierung. Rund 30 Prozent der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes hängen an der Herstellung von kupferhaltigen Waren, zehn Prozent an lithiumhaltigen Gütern und 22 Prozent an Pro-dukten mit seltenen Erden. Gleichzeitig erwartet die EU-Kommission für zwölf kritische Rohstoffe bis 2030 je nach Material einen drei- bis fünffachen jährlichen Bedarf gegenüber 2020.
Das Ziel darf jedoch keine wirtschaftliche Abschottung sein. Resilienz entsteht durch Diversifizierung, europäische Kooperation, verlässliche Handelsbeziehungen und gezielte Investitionen in eigene Wertschöpfung. Dazu gehören Verarbeitungskapazitäten, Recycling, Forschung und neue Technologien ebenso wie stabile Partnerschaften mit Lieferländern. Bei zeitnaher Kapazitätsausweitung erscheint eine heimische Primärproduktion von jeweils zehn Prozent der EU-Nachfrage nach Kupfer und Lithium sowie 20 Prozent bei Flussspat möglich. Neue Verfahren könnten zudem die Recyclingquote bei Magneten aus seltenen Erden deutlich über das bisherige Niveau von weniger als einem Prozent heben. Aus wirtschaftlicher Sicht spricht viel dafür, dort europäisch zu handeln, wo einzelne Mitgliedstaaten zu klein sind. Der Critical Raw Materials Act, europäische Finanzierungsinstrumente und ein stärker integrierter Binnenmarkt können helfen, Abhängigkeiten zu reduzieren und zugleich neue Märkte zu entwickeln. Die konkrete politische Ausgestaltung bleibt den zuständigen Institutionen überlassen. Geostrategische Handlungsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gehören heute zusammen.
Drei wichtige Hebel
1. Diversifizierung: Unternehmen müssen sich bei kritischen Rohstoffe, Technologien und Lieferketten breiter aufstellen.
2. Europäische Zusammenarbeit: Wo einzelne Mitgliedstaaten zu klein sind, braucht es gemeinsame europäische Lösungen.
3. Eigene Wertschöpfung bei kritischen Ressourcen: Verarbeitung, Recycling, Forschung und neue Technologien müssen gezielt gestärkt werden.
Deutschland hat die Voraussetzungen für ein Comeback. Der Mittelstand, industrielle Kompetenz, Forschung und qualifizierte Beschäftigte sind starke Ausgangspunkte. Diese Stärken müssen durch Investitionen, Innovationen, Bildung, Digitalisierung und eine leistungsfähige öffentliche Hand wieder verbunden werden. Die volle ökonomische Ernte eines dynamischeren Innovationssystems lässt sich nur einfahren, wenn die Durchdringung von Innovationen und neuer Technologien in alle Bereiche der Wirtschaft deutlich besser gelingt. Das Venture-Ökosystem, das sich in Deutschland jüngst sehr dynamisch entwickelt hat, steht dabei am Anfang des Prozesses. Von hier muss der Funken jetzt überspringen.
Es geht darum, Mittelstand, Start-ups und Kapital besser zusammenzubringen – als eine neue Wachstumsformel für Deutschland. Die Aufgabe besteht dabei darin, aus einzelnen Maßnahmen ein ganzheitliches Ökosystem zu schaffen, in dem Innovationen und Technologien rasch diffundieren. Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und Zugang zu Kapital. Kommunen brauchen Handlungsspielräume, Beschäftigte Qualifizierung und Investoren attraktive Märkte. Politische Entscheidungsträger müssen Prioritäten setzen und dort Hebel einsetzen, wo private Investitionen allein nicht ausreichen. Die KfW kann und wird im Rahmen ihres gesetzlichen Förderauftrags weiter einen wichtigen Beitrag hierzu leisten.
Das deutsche Finanzsystem ist weiterhin stark bankgeprägt: Die Aktiva des Bankensektors entsprechen rund 245 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in den USA sind es etwa 80 Prozent. Die auf einem Dividendenbarwertmodell beruhenden Aktieneigenkapitalkosten börsennotierter Unternehmen lagen seit 2020 im Euroraum im Durchschnitt bei 8,2 Prozent, in den USA bei 6,7 Prozent.
Das ist kein Argument gegen Banken. Deutschland braucht vielmehr ein ausgewogenes Finanzsystem, in dem Banken und Kapitalmärkte komplementäre Funktionen übernehmen. Banken bleiben insbesondere für die Finanzierung des Mittelstands unverzichtbar; tiefere Kapitalmärkte können eigenkapital- und auch risikokapitalnahe Finanzierung verbreitern, Risiken auf mehr Schultern verteilen und wachstumsorientierten Unternehmen die europäische Skalierung erleichtern. Zugleich gilt es, langfristige Ersparnisse stärker für produktive Investitionen zu mobilisieren.
Drei wichtige Hebel
1. Europäischer Kapitalmarkt: Nationale Hürden müssen sinken, damit Kapital leichter grenzüberschreitend investiert werden kann und Kapitalkosten für Unternehmen fallen.
2. Risiko- und Wachstumskapital: Eigenkapital wie Venture Capital und weitere kapitalmarktnahe Instrumente müssen die Bankenfinanzierung ergänzen.
3. Langfristige Ersparnisse: Mehr Renditeorientierung und kapitalgedeckte Vorsorge können privates Kapital für produktive Investitionen mobilisieren
Die Studie zum Download finden Sie hier(PDF, 5 MB, barrierefrei).
Zum Zwölf-Punkte-Papier geht es hier(PDF, 199 KB, nicht barrierefrei).
Zu KfW Research geht es hier.
Stand: 08. September 2026
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