Gründer von door2door
Gründen

Gründen

Intelligenter Nahverkehr

Sie nennen sich „Visionäre des öffentlichen Transports“: Das Start-up door2door aus Berlin arbeitet an der digitalen Transformation von Mobilität. Mit dem Ziel, einen Nahverkehr zu etablieren, der sich den Menschen anpasst – statt andersherum.

Intelligente Routenführung

Wie die Ally-App die beste Route von A nach B findet, erklärt Gründer Tom Kirschbaum (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch).

Das Büro von door2door liegt in der Torstraße, in Berlin-Mitte, nicht weit vom Rosenthaler Platz – einem Verkehrsknotenpunkt, an dem die Autos mehrspurig fahren und die Straßenbahn rattert. In den lichtdurchfluteten Lofträumen des jungen Unternehmens aber ist es ruhig. Es liegt in einem Hinterhof. Die Hauswände auf dem Weg dorthin sind mit Kunst behängt, und auf dem Tisch im Besprechungsraum liegen kleine Alligatoren aus Gummi. Sie stehen für das derzeit bekannteste Produkt der Firma: den „allygator shuttle".

Der „allygator shuttle“ ist ein Pilotprojekt. Sozusagen das Gesellenstück von Tom Kirschbaum und Maxim Nohroudi, den beiden Gründern von door2door. Mit ihm wollen sie zeigen, was künftig alles möglich ist. Dass man Mobilität neu denken und vor allem umsetzen kann. Und zwar: gemeinschaftlich und digital.

Mitfahrer bei door2door
SAMMELTAXI 2.0

Zehn bis zwanzig „allygator shuttle“-Kleinbusse fahren jeden Freitagabend durch Berlin, sammeln Test-Nutzer ein und bringen sie an ihr Ziel. Die Route wird ständig neu berechnet, um stets zu wissen, welches der beste Weg ist, wen man unterwegs noch einsammeln kann und wen wo wieder rauslassen.

Die Idee hinter dem „allygator shuttle“ ist einfach, aber klug: Er verbindet die Vorzüge des Sammeltaxis, das man vielleicht aus manchen Gegenden Afrikas kennt, mit modernster Technologie. Um zu zeigen, wie das funktioniert, haben Kirschbaum und Nohroudi den Service im Sommer 2016 auf die Straßen Berlins gebracht. Seither fahren jeden Freitagabend zehn bis zwanzig Kleinbusse durch die Metropole, und etwa 12.000 angemeldete Nutzer haben testweise die Möglichkeit, per App eine Mitfahrgelegenheit innerhalb der Stadt zu buchen – egal wohin.

Das Ganze läuft fast wie bei einer Taxifahrt – mit dem Unterschied, dass der Shuttle mehrere Leute mitnimmt, die während der Fahrt ein- und wieder aussteigen, während die Technologie dahinter die Route in Echtzeit neu berechnet, um stets zu wissen, welches der beste Weg ist, wen man unterwegs noch einsammeln kann und wen wo wieder rauslassen. „So günstig wie der Bus, so komfortabel wie eine Limousine“, lautet der Slogan des „allygator shuttle“.

Tom Kirschbaum
Tom Kirschbaum von door2door

Tom Kirschbaum ist Jurist und begeistert sich für das Thema „Mobilität der Zukunft“.

Aber das Besondere ist: Der „allygator shuttle“ wird nicht ernsthaft betrieben als Konkurrenz zu anderen privaten Transportunternehmen wie Uber, Lift oder MyTaxi. Er ist vielmehr das Schaufenster, mit dem die Unternehmer von door2door zeigen, was sie eigentlich können: digitale Plattformen entwickeln, die Lösungen für den öffentlichen Nahverkehr der Zukunft bieten. Denn, was door2door eigentlich verkauft, ist: Software.

Trifft man Tom Kirschbaum und Maxim Nohroudi, so hat man zwei dynamische Männer vor sich, die – wie sie erzählen – „getrieben sind von Fortschrittsgedanken“ und der Vision „einer Mobilität, die den öffentlichen Personennahverkehr komfortabler macht als den eigenen Pkw.“ Aber eines nach dem anderen.

Kennengelernt haben sich die beiden 2007 in Witten/Herdecke. Maxim Nohroudi, der Business Economics studiert hat, hatte dort sein erstes Start-up gegründet: ein Forschungsinstitut zum Thema „Corporate Governance“, also der Führung und Aufsicht von Unternehmen. Der Jurist Tom Kirschbaum kam als Dozent. Und beide stellten fest, dass es ein Thema gab, das sie gleichermaßen fesselte: „die Mobilität der Zukunft“. Sie besuchten Fachkongresse und fragten sich: „Wie kommen Menschen künftig von Tür zu Tür?“

Erst recht, als die Aschewolke eines isländischen Vulkans im Frühjahr 2010 den europäischen Luftverkehr lahmlegte und demonstrierte, wie schwer es war, auf die Schnelle Reise-Alternativen zu finden. Kirschbaum und Nohroudi fanden: „Das muss besser gehen!“ Sie dachten an Mobilitätsplattformen, die den Menschen das Reisen per App erleichtern. 2012 gründeten sie ihr Start-up, nannten es door2door und fingen an zu experimentieren.

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Maxim Nohroudi
Maxim Nohroudi von door2door

Maxim Nohroudi hat Business Economics studiert und bereits ein weiteres Start-up gegründet: ein Forschungsinstitut zum Thema „Corporate Governance“.

Zunächst entwarfen sie eine Plattform für Langstreckenreisen, später tüftelten sie an Elektrobike-Flotten für kleine Kommunen – bis sie auf das kamen, was sie dauerhaft packte: Plattformen, die es ermöglichen, die unterschiedlichsten Transportmittel des Nahverkehrs miteinander zu vernetzen. Und zwar sowohl öffentliche Busse, S-, U- und Straßenbahnen als auch private Mobilitätsservices wie Taxen oder Ride-Sharing-Angebote. Noch dazu angepasst an die Situation vor Ort – an einzelne Städte und Kommunen und vor allem die Menschen.

Nohroudi und Kirschbaum fragten sich: „Wie kriegen wir es hin, dass die Menschen sich nicht mehr nach den Angeboten des Nahverkehrs richten müssen – sondern umgekehrt: dass der Nahverkehr sich danach richtet, wo die Menschen hinwollen?“ Die Antwort: mit Kooperation und Vernetzung – mit Ride-Sharing- und On-Demand-Angeboten, die auf Abruf bereitstehen. Gebraucht wurde ein digitales Baukastensystem, das sich je nach Region und vorhandenen Transportmöglichkeiten individuell auf die Bedürfnisse vor Ort konfigurieren lässt.

Zusammen mit Software-Ingenieuren entwickelten sie die Basis für ihr Baukastensystem, das im Wesentlichen aus drei Komponenten besteht: erstens einer modernen Technologie – aus Algorithmen, die es verstehen, sämtliche Routen, die die Menschen zurücklegen wollen, zu berechnen. Zweitens dem Bereich Datenanalyse – der genau herauszufinden weiß, wo Bedarf besteht. Und drittens dem Bereich Infrastruktur – dem es gelingt, die unterschiedlichsten Anbieter von Mobilität miteinander zu vernetzen.

Die door2door-Gründer Kirschbaum und Nohroudi
Lücken schliessen

Die door2door-Gründer arbeiten daran, auch die Orte erreichbar zu machen, die noch nicht optimal angebunden sind.

„Wenn Menschen zu beliebigen Zeitpunkten von einem individuellen Punkt zum anderen wollen“, so Maxim Nohroudi, „ist das technologisch gesehen die Königsdisziplin.“ Doch zugleich kann man heute schon viel machen: Kirschbaum zeigt auf einen Stadtplan auf einem Computerbildschirm und zoomt auf ein einzelnes Gebäude: „Auf der Basis von Daten können wir heute sehen, wie gut Menschen an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen sind – und zwar heruntergebrochen bis auf einzelne Standorte wie Cafés, Schulen oder Häuser“, erklärt er. Hier setzt ihre Arbeit an: Sie decken Lücken auf und versuchen für einzelne Orte und Bedarfsmomente Infrastrukturlösungen zu finden.

Doch die komplizierte Technologie war nicht ihre größte Hürde – es waren die Schranken in den Köpfen. Das klassische Schicksal von Pionieren. „Wir mussten permanente Übersetzungsarbeit leisten, um Investoren, Kunden und die Politik von unserer Vision zu überzeugen“, so Tom Kirschbaum.

Eine Vision, die übrigens auch beinhaltet, dass es künftig weniger Fahrzeuge auf den Straßen geben kann – und somit mehr Lebensqualität: „Es gibt eine Studie der OECD“, so Nohroudi, „die besagt, dass man 97 Prozent des Individualverkehrs, also der privaten Pkw, einsparen kann, wenn die übrigen drei Prozent On-Demand-Shuttlebusse sind – unter der Prämisse, dass sie eingebunden sind in eine bereits existierende Infrastruktur.“ Und genau das kann door2door.

Pilotprojekt My Bus

In Duisburg bestellen Fahrgäste bei Bedarf per App einen Kleinbus - eine Zusammenarbeit von door2door und der Duisburger Verkehrsgesellschaft (KfW Bankengruppe/n-tv).

Doch bis sie ihre Kunden, die Industrie und die Politik davon überzeugt hatten, dauerte es. Deshalb sind sie auch ihrem Hauptinvestor Dr. Günter Lamperstorfer dankbar, der von Beginn an an sie glaubte. Oder der KfW Bankengruppe, die das junge Unternehmen seinerzeit mit Kapital aus dem ERP-Startfonds unterstützte.

Der klassische individuelle und öffentliche Verkehr in den Metropolen steht aufgrund der zunehmenden Überlastung der Verkehrssysteme vor einer Reformation“, erklärt Markus Schmitz, Senior-Investmentmanager bei der KfW, was die Bank an dem Unternehmen überzeugte. „Gebraucht wird ein dynamisches, nachfrageorientiertes System, bei dem Routen, Taktungen und Art der eingesetzten Fahrzeuge auf dem tatsächlichen Mobilitätsbedürfnis der Menschen basieren, die in Zukunft keine Fahrzeuge mehr besitzen, sondern Mobilität nutzen wollen. Dass die door2door GmbH die technologische Umsetzung dafür leisten kann, hat sie durch den Shuttle-Piloten ,allygator‘ in Berlin bereits bewiesen.“

Der „allygator shuttle“ war tatsächlich der Durchbruch. Heute wendet sich die Industrie dem Unternehmen langsam zu und fragt nach dessen digitalen Mobilitätslösungen. Zu den Kunden von door2door gehören bereits die Deutsche-Bahn-Tochter DB Arriva, die sich in 14 europäischen Ländern im Regionalverkehr engagiert, das portugiesische Toll-Collect-Unternehmen Brisa und europaweit tätige Automobilhersteller, die weitere Ride-Sharing-Plattformen aufbauen wollen. door2door hat mittlerweile über 60 Mitarbeiter. Das Team ist international und besteht zur Hälfte aus Software-Ingenieuren, die permanent an Verbesserungen des Systems tüfteln.

Quelle
Cover CHANCEN Erfolg in der digitalen Welt

door2door ist Teil der Fotostrecke „Unsere Gründer“ in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2017 „Erfolg in der digitalen Welt“.

Zur Ausgabe

Und erst Ende Mai verkündete door2door den nächsten Meilenstein: Sie haben jetzt ihren ersten offiziellen Kunden für ihre Shuttle-Systemtechnologie. Die kleine Kreisstadt Freyung in Niederbayern startet ab September die bundesweit erste On-Demand-Lösung für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). door2door hat sie entwickelt. Denn gerade auch für den ländlichen Raum sind die Fahrservices interessant.

Freyung hat 7300 Einwohner und wie viele Orte im ländlichen Raum das Problem, dass der ÖPNV die Bedürfnisse der Bürger nicht unbedingt komfortabel bedient. Doch in Zukunft muss dort niemand mehr stundenlang an einer Bushaltestelle an der Landstraße warten. Die Leute bestellen per App einfach den „Freyung Shuttle“ – egal wann und wohin sie wollen. Sollte sich das herumsprechen und immer mehr Fans finden, werden die Menschen tatsächlich deutlich öfter überlegen, ob sie überhaupt ein eigenes Auto brauchen. Und wie die weitere Zukunftsmusik klingt, kann man sich auch vorstellen: In eine solche Systemtechnologie könnten in einer nächsten Stufe auch autonom fahrende Autos eingebunden werden.

Aktualisiert am: Dienstag, 27. Februar 2018