Förderbanken wie die KfW machen sich für den Meeresschutz stark
Naturschutz

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„Es wird ein langer Weg“

Überfischung, Korallenbleiche, Plastikmüll: Der Zustand der Ozeane verschlechtert sich dramatisch. Die KfW-Expertinnen Barbara Schnell und Eva Witt sprechen über das neue Meeresschutzprojekt Clean Oceans Initiative, das während der Weltbanktagung auf Bali vorgestellt wurde.

Zu den Personen
Barbara Schnell, Eva Witt

Barbara Schnell (l.) arbeitet seit 2001 bei der KfW. Sie war zuerst als Projektmanagerin für Wasser/Abwasser und Teamleiterin für Finanzsystementwicklung in Asien zuständig. Seit April 2018 leitet sie die Abteilung Sektor-politik des Geschäftsbereichs Entwicklungsbank der KfW, die sich um sektorfachliche Themen und Wissensmanagement kümmert.

Eva Witt (r.) ist seit 1995 bei der KfW tätig. Sie leitete die Abteilung Osteuropa des Geschäftsbereichs Entwicklungsbank der KfW, bevor sie 2017 die Abteilung Bundes- und Europaangelegenheiten des Gesamtkonzerns übernahm.

Warum ist das Thema Plastikmüll in den Meeren plötzlich so aktuell?

BARBARA SCHNELL: Das Thema ist nicht neu, aber die Erkenntnis, dass die Meere zugemüllt und keine unerschöpfliche Ressource sind, ist im öffentlichen Bewusstsein endlich angekommen. Dazu haben sicherlich die Bilder von verendeten Walen mit Massen an Plastik im Magen oder von anderen Meerestieren, die sich in Plastik oder Netzen verfangen haben, beigetragen. Aber auch die Aufnahme des Meeresschutzes in die Sustainable Development Goals war politisch ein wichtiges Signal, anfangs war das ja gar nicht vorgesehen. Sich dieses Themas entschlossen anzunehmen gehört zu den großen Aufgaben unserer Zeit.

Warum?

EVA WITT: Die Meere sind von elementarer Bedeutung für das Klima wie auch für die Artenvielfalt. Sie bieten Nahrung für zwei Milliarden Menschen. Ihr Zustand aber verschlechtert sich dramatisch. Überfischung, Korallenbleiche und das Abholzen von Mangroven sind nur einige der Stichworte. Besonders augenfällig ist die rapide zunehmende Vermüllung: Schon heute befinden sich in den Ozeanen geschätzte 100 Millionen Tonnen Plastikabfall. Das Plastik gefährdet die Tiere in und am Meer und gelangt über die Nahrungskette auch zurück zum Menschen.

Was kann die Weltgemeinschaft tun, um das Problem in den Griff zu bekommen?

SCHNELL: Es gibt bereits sehr viele Projekte, die das Problem von verschiedenen Seiten angehen – von der Einrichtung von Schutzzonen bis zur Abfallvermeidung und Abwasserreinigung. Allein das Meeresschutzportfolio der KfW beläuft sich auf knapp 400 Millionen Euro. Momentan geht es vor allem darum, die Kräfte zu bündeln, jeden einzelnen Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren und mit vereinten Kräften eine Kehrtwende einzuleiten.

Und wie nimmt die KfW diese Aufgabe wahr?

WITT: Gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) sowie der französischen Entwicklungsbank AFD hat die KfW auf der Weltbanktagung eine europäische Initiative zum Schutz der Meere vor Verschmutzung und Mülleintrag gegründet, die Clean Oceans Initiative. Gemeinsam wollen wir in den nächsten fünf Jahren zwei Milliarden Euro bereitstellen, um Abfallentsorgung und Abwasserreinigung in Entwicklungs- und Schwellenländern zu finanzieren.

Weg mit dem Plastikmüll!

Die KfW Bankengruppe hat Mitte Oktober 2018 gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank und der französischen Entwicklungsbank Agence Française de Développement die Clean Oceans Initiative gestartet. Die Partner stellen zunächst zwei Milliarden Euro bereit, um die Verschmutzung der Weltmeere zu reduzieren.

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Viele Entwicklungsländer müssen nicht nur mit eigenem Müll fertigwerden, sondern auch mit den Mengen, die vom Meer angespült werden. Die Wegwerfgesellschaften sind wir …

WITT: Deshalb müssen wir Europäer die Verantwortung übernehmen. Dabei gilt es, unser eigenes Wirtschaften nachhaltiger und ressourcenschonender zu gestalten. In Europa möchten wir gemeinsam mit weiteren nationalen Förderbanken im kommenden Jahr eine Plattform aufsetzen, über die wir Projekte im Bereich der Kreislaufwirtschaft fördern: zum Beispiel die Aufarbeitung oder Verwertung gebrauchter Elektrogeräte oder Start-ups, die innovative Lösungen zur Abfallvermeidung und -verarbeitung entwickeln. Wir möchten auch mit der EU-Kommission zusammenarbeiten, die bereits 2015 einen Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft verabschiedet hat. Die Förderung der Kreislaufwirtschaft soll zu einer nachhaltigen, CO₂-armen, ressourcenschonenden und wettbewerbsfähigen Wirtschaft in Europa beitragen.

Die Clean Oceans Initiative

KfW-Vorstandsvorsitzender Dr. Günther Bräunig stellt die Clean Oceans Initiative auf Bali während der Weltbanktagung vor (KfW Bankengruppe/Dr. Michael Helbig).

Was ist von technischen Lösungen wie den großen Saugern zu halten, die Plastik aus dem Meer fischen?

SCHNELL: Es ist gut, verschiedene Ideen zu entwickeln, die Vermüllung der Meere zu reduzieren. Leider sind diese technischen Lösungen aber noch nicht ausgereift, um große Flächen zu reinigen. Wir sollten uns auf solche Säuberungsaktionen auch nicht verlassen. Ich denke, es ist viel erstrebenswerter, das Problem an Land anzugehen, das heißt, zu verhindern, dass der Müll überhaupt in die Meere gelangt.

Sie meinen ein effektives Abfallmanagement, also die Sammlung und idealerweise das Recycling des Plastikmülls …

WITT: Ja, weil jedes Jahr zwischen acht und zehn Millionen Tonnen Plastikmüll zusätzlich in die Meere gelangen – meistens vom Land. Ohne Gegenmaßnahmen wird es in den Ozeanen im Jahre 2050 mehr Plastik als Fisch geben. Das Gleiche gilt für die Abwässer, die vor allem in vielen Ländern Asiens – aber auch andernorts – ungeklärt in Flüsse oder Meere eingeleitet werden.

Gibt es Entwicklungsländer, die mit gutem Beispiel vorangehen?

SCHNELL: Das kleine, dicht besiedelte ostafrikanische Binnenland Ruanda hat vor einigen Jahren kurzerhand Plastikverpackungen und die zuvor allgegenwärtigen Plastiktüten verboten und überwacht dieses Verbot strikt. In Tunesien hat die deutsche Entwicklungszusammenarbeit den Aufbau einer Abfallwirtschaft seit Ende der 1990er-Jahre unterstützt. Über Produktabgaben analog zum deutschen grünen Punkt werden die Verbraucher von Plastikverpackungen an den Kosten von deren Beseitigung beteiligt – und so unter anderem dazu animiert, weniger davon zu verbrauchen. Dort bestätigte sich übrigens eine wichtige Erkenntnis zur Abfallwirtschaft: Die Sammlung und die Sortierung von Abfällen bieten erhebliche Chancen, dauerhafte Jobs auch an wenig qualifizierte Menschen zu vergeben.

Förderbanken wie die KfW machen sich für den Meeresschutz stark
Lösungsansätze an Land

„Es ist erstrebenswerter, das Problem an Land anzugehen“, rät KfW-Expertin Barbara Schnell, „das heißt, zu verhindern, dass der Müll überhaupt in die Meere gelangt.“

Vor einiger Zeit wurde im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bereits der Blue Action Fund ins Leben gerufen. Wie unterscheidet er sich von der neuen Initiative?

SCHNELL: Der Blue Action Fund bringt staatliche und nicht staatliche Akteure zusammen, damit sie gemeinsam mehr für Küsten- und Meeresschutz erreichen können. Es geht vor allem darum, mehr und besser verknüpfte Schutzgebiete auszuweisen und vorhandene – derzeit sind es weltweit erst rund vier Prozent der gesamten Meeresfläche – besser zu managen. Es geht um umweltfreundliche Fischerei, um nachhaltige Aquakulturen und sanften Tourismus.

Haben Sie bereits Erfolge vorzuweisen?

SCHNELL: Die ersten Projekte wurden schon 2017 bewilligt. Vor Costa Rica, Panama, Kolumbien und Ecuador, wo der Blue Action Fund mit der amerikanischen Naturschutzorganisation Conservation International zusammenarbeitet, wird zum Beispiel momentan das Management von zwölf Meeresschutzzonen verbessert. Damit sich Rochen, Thunfische, Haie und Meeresschildkröten erholen und die örtlichen Fischer auch künftig von nachhaltiger Fischerei leben können. Mittlerweile haben wir bereits mehr als ein Dutzend Vorhaben aus dem Blue Action Fund finanziert. Auch weitere Geber wie Schweden und die französische AFD sind bereits dazugestoßen, weitere potenzielle Geldgeber haben konkretes Interesse angemeldet.

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Aktiver Schutz

Mithilfe des Blue Action Fund sollen Meeresschutzzonen ausgebaut werden. Die KfW hat bereits mehr als ein Dutzend Vorhaben finanziert.

Gehen Sie davon aus, dass man das Problem tatsächlich lösen kann?

WITT: Es wird ein langer und nicht immer einfacher Weg werden. Auch können wir es nur gemeinsam mit den relevanten Regierungen, anderen Finanzierungspartnern, den UN-Organisationen und den Zivilgesellschaften schaffen. Wie gesagt, ohne Gegenmaßnahmen wird es in den Ozeanen im Jahre 2050 mehr Plastik als Fisch geben. Das heißt, wir müssen jetzt anfangen!

Was macht Sie zuversichtlich?

WITT: Beim Tropenwaldschutz haben wir in den 80er-Jahren ebenfalls bescheiden angefangen und seither viel erreicht: Wir haben nachhaltige Nutzungsmuster mit besserem Schutz verbunden. In vielen Gegenden ist die Entwaldungsrate rückläufig. Fast zwei Dutzend Länder haben es sogar geschafft, ihre Waldfläche wieder zu vergrößern, dazu gehören Staaten wie Chile, China, Thailand oder Vietnam. Warum sollte im Meer nicht möglich sein, was auch an Land funktioniert hat?

Veröffentlicht auf KfW Stories am: Freitag, 12. Oktober 2018