Eduardo Gordillo zuhause
Naturschutz

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„Mein Leben soll Spuren hinterlassen“

Eduardo Gordillo hat einen Weg gefunden, um die Berge von Plastikmüll kleiner werden zu lassen. Seine Firma Bio-Lutions stellt Einweggeschirr und Verpackungen aus Agrarresten her. Das ist kostengünstig, zu 100 Prozent kompostierbar und bringt auch Kleinbauern Vorteile.

Zur Person
Eduardo Gordillo

Eduardo Gordillo lebt in einem selbstentworfenen Aktivhaus in Niedersachsen. Seine deutsche Frau lernte der 51-jährige Kolumbianer in seiner Heimat kennen. Für sie ist der erfolgreiche Architekt nach Deutschland gezogen. Quasi ohne Sprachkenntnisse begann er in Stuttgart Industriedesign zu studieren. Fünf Jahre nach seinem Abschluss gründete er in Hamburg die Firma upgrading, die Aufsteller etwa für Kosmetikprodukte oder Schmuck produziert. Parallel dazu entwickelte er mit seiner Firma Bio-Lutions in den letzten fünf Jahren ein Material, das aus Agrarresten gewonnen wird und zur Verpackung und als Einweggeschirr genutzt werden kann.

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Herr Gordillo, 2017 ist für Ihre Firma Bio-Lutions ein entscheidendes Jahr. Nach fünf Jahren mit Entwicklung und Testphasen geht Ihr Verpackungsmaterial aus Agrarabfällen in Serienproduktion.

Das stimmt. Noch stellen wir in unserer indischen Pilot-Produktionsanlage nur 600 Kilo pro Monat her. Ab April 2018, wenn die Fabrik ausgebaut ist, sind es sechs Tonnen – pro Tag.

Wer sind Ihre Kunden?

Das ist zum Beispiel Bigbasket, der größte Online-Supermarkt in Indien. Oder Licious, der größte indische Online-Fleischhändler, und Coffee Day, das indische Pendant zu Starbucks. Dann gibt es noch Distributoren, die unser Einweggeschirr in größerem Maßstab verkaufen. Es gibt so viele Interessenten, dass wir für 2019 schon den Aufbau der zweiten Produktions­linie planen.

Woher kommt diese große Nachfrage in Indien?

Die Inder brauchen richtig schnell Lösungen. Das Müllabfuhrsystem dort funktioniert nicht. Überall auf der Straße liegt Müll, Müll, Müll. Das meiste davon ist Plastik. Die Kühe, die in Indien als heilig angesehen werden und frei herumlaufen, fressen diesen Kunststoff, und dann sterben sie. Wir hier in Deutschland sehen weniger von unserem Müll. Aber natürlich braucht auch Deutschland weniger Verpackungen aus Kunststoff. In anderen Ländern ist der Ruf aber drängender: Jetzt! Hier! Bitte sofort!

Produzieren Sie deshalb in Indien?

Bedarf besteht natürlich weltweit. Für eine Firma wie Bio-Lutions, die gerade erst anfängt, ist es weniger riskant, in einem Land wie Indien zu starten, wo die Kosten niedriger sind. Da kann man mehr ausprobieren und auch mal Fehler machen. Und die Region um Bangalore, wo wir unseren Standort haben, ist noch aus einem weiteren Grund ideal: Dort gibt es 300.000 Hektar Agrarland, also viele Agrarreste – unser Rohstoff. Auch der soziale Aspekt war uns wichtig. Viele Bauern in Indien können mit ihrem Einkommen die Familie nicht ernähren. Durch den Verkauf der bisher ungenutzten Agrarabfälle an Bio-Lutions erwarten wir, dass sich ihre Lebenssituation verbessert. Und dann hilft uns auch das Make-in-India-Programm: Das ist eine Initiative der Regierung, die Indien als industriellen Standort attraktiver machen soll. Hinzu kam die Sache mit dem Plastikverbot.

Welches Plastikverbot?

Einige Bundesstaaten in Indien haben Einweg-Plastik komplett verboten. Auch der Bundesstaat Karnataka, wo Bio-Lutions jetzt produziert.

Es gibt bereits Alternativen zum Plastik, etwa aus Pappe oder biologisch abbaubarem Kunststoff. Was macht Bio-Lutions anders?

Wir benutzen nur Wasser und getrocknete Pflanzenreste, keinerlei weitere Zusatzstoffe außer Hitze zum Trocknen.

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Wie funktioniert das?

Ich habe mit Richard Hurding von Zelfo Technology ein patentiertes Upcycling-Verfahren entwickelt, das Agrarabfälle in mikrofeine Fasern verwandelt. Die Oberfläche der Fasern ist so angeraut, dass sie aneinander haften bleiben, wenn man Wasser hinzugibt. Den Faserbrei kann man in beliebige Formen pressen und trocknen.

Sie sind eigentlich Architekt und Industriedesigner. Was hat Sie dazu gebracht, dieses Material zu entwickeln?

Spätestens seit der Geburt meiner Tochter, die heute sieben Jahre alt ist, mache ich mir Sorgen, dass wir unsere Erde zerstören. Vor etwa fünf Jahren kam der Moment, in dem ich mir sagte, ich möchte etwas mit meinem Leben anfangen, das Spuren hinterlässt – und zwar im Bereich Ökologie.

Und warum eine Alternative zum Einweg-Plastik? Warum nicht Wale oder den Regenwald retten?

Klar, es gibt Tausende andere Bereiche, in denen man aktiv werden kann. Aber ich bin kein Tierarzt oder Biologe. Ich bin Industriedesigner, und da waren Verpackungen naheliegend. Der Dokumentarfilm „Plastic Planet“ hat mich aufgerüttelt. Ich wollte ein Material entwickeln, mit dem wir die Welt der Verpackung verändern können.

Bio-Lutions Produkte
Keine Pappe

Den Produkten von Bio-Lutions sieht man nicht an, dass sie nur aus Pflanzenresten plus Wasser gemacht sind.

Ein großes Ziel! Bei knapp fünf Jahren Entwicklung gab es bestimmt einige Rückschläge.

Sehr viele sogar. Am schwierigsten war es im Dezember 2014, als der mechanische Prozess zur Gewinnung der Fasern noch nicht funktionierte. Da habe ich gesagt: Wir versuchen es noch ein paarmal, aber wenn das nicht geht, dann müssen wir eine neue Richtung einschlagen. Dann müssen wir es anders probieren!

Sie hätten Ihr Ziel nicht einfach aufgegeben?

Ich wollte keine Teillösung. Überall geben sich die Menschen mit Teillösungen zufrieden. Aber ich wollte DIE Lösung haben. Sicher, das war Ende 2014 sehr frustrierend, aber dann haben wir es noch zweimal probiert, und dann hatten wir es! Unser Verfahren kann überall auf der Welt zum Einsatz kommen. Es ist egal, ob das Ausgangsmaterial aus Reisstroh, Bananenstämmen oder Tomatenpflanzen besteht. Unsere Verpackungen sind zu 100 Prozent kompostierbar, können CO₂-neutral verbrannt oder, wenn sie zu uns zurückkommen, auch recycelt werden. Mehr geht nicht. Das ist die Natur.

Wie meinen Sie das?

Die Natur kennt keinen Abfall. Jedes Produkt könnte wiederverwendet werden, wenn es von Beginn an dafür entworfen wäre. Es ist ein Kreislauf. So funktioniert die Natur.

Eduardo Gordillo mit Kollegin
„Jedes Produkt könnte wiederverwendet werden, wenn es von Beginn an dafür entworfen wäre.“

Eduardo Gordillo, Gründer und Geschäftsführer von Bio-Lutions

Wir finanzieren

Mit ihrem Programm Up-Scaling finanziert die KfW-Tochter DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft – innovative Geschäftsmodelle. Das Programm richtet sich an junge Unternehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern, die mit ihrem Vorhaben bereits positive Entwicklungseffekte generieren und sich vergrößern wollen. Dafür stellt die DEG zinsfrei 500.000 Euro bereit, die im Erfolgsfall zurückgezahlt werden müssen. Im Falle der Bio-Lutions GmbH beteiligt sich die DEG an der Finanzierung der Produktionsanlagen in Bangalore.

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Davon sind wir noch weit entfernt.

Nehmen wir als Beispiel Erdöl. Es braucht drei Millionen Jahre, um zu entstehen. Wir produzieren daraus Produkte, die wir in einer Minute verbrauchen. Drei Millionen Jahre in einer Minute! Wir werden weiter Verpackungen für den Transport brauchen. Aber wir sollten schnell nachwachsendes Material wie Pflanzen dafür verwenden. Wir benutzen die Produkte daraus weiterhin nur eine Minute. Aber die Ökobilanz ist wesentlich besser. Und es ist wirtschaftlicher. Denn uns war immer klar: Wenn unsere Verpackungen nicht bezahlbar sind, werden wir damit nie erfolgreich sein. Ökologie folgt Ökonomie.

Verpackungsingenieure oder Verfahrenstechniker sind die Fachleute auf diesem Gebiet. Woher nahmen Sie die Überzeugung, dass ausgerechnet Sie es schaffen, aus Agrarabfällen Verpackungen herzustellen?

Ich glaube, wenn jemand den ganzen Tag in seinem Fachbereich tätig ist und viel Know-how hat, begrenzt ihn das auch. Und wenn jemand wie ich mit weniger Kenntnissen kommt, dann kann man mit Naivität an das Thema herangehen, scheinbar blöde Fragen stellen und kommt am Ende zu einem ganz anderen Ergebnis.

Ist das eine Herangehensweise, die sich für Sie im Leben bewährt hat?

Ja, immer. Mein Credo ist: uninformiert sein, um das Offensichtliche ignorieren zu können. Ist der eigene Rahmen zu eng, kann man sich nicht bewegen.

Woher nehmen Sie dieses mutige Selbstbewusstsein?

So bin ich geboren. Fragen Sie meine Mutter! Ich bin von klein auf immer viele Risiken eingegangen. Zu viele manchmal.

Für ein Kind sicher lehrreiche Erfahrungen. Wie gehen Sie als Geschäftsmann mit Risiken um?

Wir haben alles durch meine Firma upgrading finanziert. Mit meinen Partnern Stefan Dircks und Peter Mayr stellten wir die Mittel zur Verfügung. Und mit ihnen habe ich jeden Schritt abgesprochen. Stefan Dircks war es auch, der den Kontakt zur DEG hergestellt hat. Und jetzt finanziert die DEG unsere Pilotanlage in Bangalore mit.

Quelle
Cover CHANCEN 2017

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2017 „Mut”.

Zur Ausgabe

Was bedeutet die Zusammenarbeit mit der DEG für Sie?

Die DEG ist wie ein richtiger Partner. Sie gibt uns sehr professionellen Rat, und zugleich ist die Zusammenarbeit mit der Bank sehr menschlich.

Wenn man wie Sie oft Neuland betritt, gibt es Rückschläge. Warum entmutigen die Sie nicht?

Natürlich hat man schwierige Phasen. Aber irgendwie liegt es in unserem Charakter, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Weil die Ziele, die man verfolgt, noch immer da sind.

Was muss denn passieren, damit Sie Ihren Mut verlieren?

Ich? Meinen Mut verlieren? Sterben! (lacht)

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 21. November 2017