Uwe D’Agnone ist Gründer von Creapaper.
Gründen

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Das bessere Papier

Die Herstellung von Papier verbraucht viel Energie, Holz und Wasser. Der Unternehmer Uwe D’Agnone hat sich auf die Suche nach einer nachhaltigeren Alternative gemacht. Das von ihm entwickelte Graspapier überzeugte auch die Jury des KfW Awards Gründen 2017. Das Unternehmen Creapaper wurde als Bundessieger ausgezeichnet.

Graspapier

Wie der Gründer auf die Idee zum Papier aus Heu kam (KfW Bankengruppe/n-tv).

Uwe D’Agnone bringt einen Bogen Papier mit an den Besprechungstisch. Das Papier ist recht dick, es ist wellig, man entdeckt kleine, grüne Krümel darin. Mit diesem Papierbogen, hergestellt auf einem traditionellen Papierschöpfsieb, fing alles an. Er war der erste Versuch, aus einer Idee ein neues Produkt zu machen. Er war das erste Stück Graspapier, das der Geschäftsmann, zusammen mit einem Papiermacher aus Rheinbach, hergestellt hat. Sechs Jahre ist das jetzt her. Den Papierbogen hütet D’Agnone wie einen Schatz in seinem Büro im Industriegebiet von Hennef, etwa 20 Kilometer von Bonn entfernt.

„Ich stelle mir gerne selbst Aufgaben, ich bin ein Tüftler“, sagt der 53-Jährige. Er trägt Jeans, die Hemdsärmel hat er hochgekrempelt. Gelernt hat Uwe D’Agnone Industriekaufmann, in einer Tiefdruckerei mit Standorten in Mönchengladbach und Düsseldorf. 1990 hat er sich in Hennef selbständig gemacht. Creapaper heißt seine Firma, 15 Festangestellte arbeiten dort. D’Agnone stellt für Kunden wie die Drogeriekette DM, den Lebensmittelproduzenten Danone oder die Umweltschutzorganisation Greenpeace Werbemittel aus Saatgut und biologisch abbaubarem Papier her. Zum Beispiel den „Kräutergarten“: Aus einer schlichten Pappschachtel wachsen Basilikum, Thymian, Kresse und Thai-Basilikum – man muss sie nicht erst in einen Topf oder ein Beet pflanzen. Im Regal hinter ihm stapeln sich die Produkte, die D’Agnone entwickelt hat und vermarktet. Das sogenannte Graspapier soll zukünftig sein zweites Standbein werden. Der Unternehmer will eine nachhaltigere Alternative zum Papier, das aus Holz hergestellt wird, etablieren.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde das Verschwinden des Papiers prophezeit. E-Books und Tablets waren zum Siegeszug angetreten, das Schlagwort vom „papierlosen Büro“ machte die Runde. Tatsächlich wird heute spürbar weniger Papier verbraucht, um Magazine, Zeitungen oder Bücher zu drucken. Trotzdem steigt der Pro-Kopf-Verbrauch seit Jahren kräftig an. Das liegt vor allem am Boom des Onlinehandels. Denn natürlich müssen all die Produkte, die in großer Zahl im Internet gekauft werden, auch verpackt werden. Mehr als fünf Millionen Pakete werden pro Tag in Deutschland verschickt. Papier und Karton dürften also noch lange gebraucht werden.

Aber Uwe D’Agnone geht es nicht allein darum, den Nachschub an klassischem Papier sicherzustellen. „Vor einigen Jahren habe ich in einem Artikel gelesen, dass in Ländern wie Indonesien jedes Jahr Waldflächen abgeholzt werden, die so groß sind wie die Schweiz. Mein Gedanke war: Dagegen muss man etwas unternehmen“, sagt er. Mit Papier hat der Geschäftsmann seit vielen Jahren zu tun. Also begann er auszuprobieren, aus welchen Rohstoffen man es anstelle von Holz noch herstellen könnte – und landete, nach einigen Versuchen mit diversen Faserstoffen, schließlich bei Gras beziehungsweise Heu.

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Nach den ersten Versuchen mit dem Rheinbacher Papiermacher fand D’Agnone eine Papierfabrik in der Eifel, die sich bereiterklärte, die Herstellung von Papier, das zu einem Großteil aus Gras besteht, auf einer ihrer Maschinen zu testen. Das Ergebnis überzeugte und stachelte den Unternehmer zu weiteren Experimenten an. Mit der Papiertechnischen Stiftung im sächsischen Heidenau erprobte er diverse Rezepturen seines Graspapiers. Welche Faser eignet sich für welches Papier? Wie hoch kann der Grasanteil sein? Wie viel Holz muss es trotzdem noch enthalten? Und er nahm Kontakt zur Universität Bonn auf, vereinbarte eine Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern vom Forschungsbereich Nachwachsende Rohstoffe der Landwirtschaftlichen Fakultät. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt förderte das Projekt. Der junge Bonner Forscher Martin Höller widmete der Entwicklung von Graspapier seine Diplomarbeit.

Damit aus Heu tatsächlich Papier werden kann, muss es zunächst getrocknet und gemahlen werden. Danach wird es – auch, um es besser transportieren zu können – zu Pellets verarbeitet. Bislang erledigt das ein Unternehmen aus dem Münsterland für Creapaper. Im kommenden Frühjahr will Uwe D’Agnone in der Nähe von Stuttgart, auf dem Gelände der Papierfabrik Scheufelen, seine erste eigene Anlage zur Pellet-Herstellung in Betrieb nehmen. Optisch erinnert das zu Pellets gepresste Heu an Tierfutter. In der Papierfabrik werden die Pellets in Wasser aufgelöst und können dann weiterverarbeitet werden. D’Agnone sagt, dass sein Graspapier wahrscheinlich bei 90 Prozent oder mehr aller heute üblichen Papierprodukte verwendet werden kann. Nur Transparentpapier sei damit nicht herzustellen. Das Kartonpapier, das er aktuell produziert, hat einen Grasfaseranteil von etwa 50 Prozent. Der Rest ist Altpapier oder Frischfaser aus Holz. „Ich gehe aber davon aus, dass ein Grasanteil von 65 Prozent machbar ist“, erklärt D’Agnone.

KfW Award Gründen

Der KfW Award Gründen (ehemals GründerChampions) zeichnete im Oktober 2017 die 16 Landessieger und einen Bundessieger für ihre Geschäftsideen aus. Einen Überblick über alle Gewinner und weitere Informationen zum Wettbewerb finden Sie hier.

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Was macht sein Produkt zum besseren Papier? „Im Vergleich zum klassischen Papier werden bei der Herstellung des Rohstoffs für Graspapier etwa 75 Prozent der CO₂-Emissionen eingespart“, behauptet der Unternehmer. „Die Ökobilanz ist um ein Vielfaches besser.“ Uwe D’Agnone zählt stolz die Vorteile seines Graspapiers auf. Wenn er eine Tonne seiner Pellets herstelle, dann würden dabei gerade einmal zwei Liter Wasser zum Einsatz kommen. Wolle man aus Holz eine Tonne Zellstoff herstellen, den man für die Papierproduktion benötigt, dann müssten dabei etwa 6.000 Liter Wasser eingesetzt werden. Ganz ähnlich falle die Energiebilanz aus: Rund 6.000 Kilowatt Strom würden bei der Gewinnung von einer Tonne Zellstoff aus Holz verbraucht, bei einer entsprechenden Menge Gras-Pellets komme man mit 137 Kilowatt aus. Und: Bei der Herstellung der Pellets könne – anders als bei der Zellstoffgewinnung aus Holz – auf chemische Zusatzstoffe verzichtet werden. Außerdem wären die Transportwege von Holz, das zu Zellstoff verarbeitet in den Papierfabriken zum Einsatz kommt, oft sehr weit. D’Agnone will seine Pellets dagegen möglichst nah an den Fabriken produzieren. Sein Ziel ist es, dass das Heu für sein Graspapier in Zukunft in weniger als 50 Kilometer Entfernung zu der jeweiligen Fabrik verarbeitet wird.

Am Anfang war es für den Unternehmer schwer, Papierfabrikanten davon zu überzeugen, seine Gras-Pellets zu verarbeiten. Die Sorge der Betreiber, dass das Gras ihren Geräten schaden könnte, war enorm. Erst eine Zusammenarbeit mit dem Otto-Versand ermöglichte D’Agnone einen ersten Großauftrag. Für das Versandhaus sollte er einen Schuhkarton herstellen. Mit dem lukrativen Auftrag im Rücken konnte er einen Papierhersteller als Partner gewinnen. Heute sind es insgesamt elf Papierfabriken, die mit Creapaper zusammenarbeiten. Sie sitzen nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden und in Italien. Seit kurzem arbeitet D’Agnone mit der Supermarktkette Rewe zusammen. Creapaper stellt die Pappkartons her, in denen der Konzern seine Bio-Äpfel verkauft. Der Geschäftsmann will mit seinem Graspapier auch international expandieren. Er hofft, dass er bereits im kommenden Jahr Gewinn machen wird.

„Mit meinem Graspapier habe ich die Möglichkeit, wirklich etwas zu bewegen.“

Uwe D’Agnone, Gründer von Creapaper

Anerkennung für sein Projekt, das die Papierherstellung nachhaltiger machen soll, hat er sowieso schon reichlich erhalten: Im November 2016 wurde das Unternehmen im Berliner Umweltministerium mit dem „Start Green Award 2016“ in der Kategorie Start-ups ausgezeichnet. Beim Unternehmenswettbewerb „KfW Award Gründen 2017“ wurde Creapaper erst zum Landessieger Nordrhein-Westfalen gekürt und erhielt anschließend in Berlin auch die Auszeichnung als Bundessieger „KfW Award Gründen 2017“. Über den deutschen Wagniskapitalgeber eCapital ist die KfW an Creapaper beteiligt.

Mit Blick auf die Wachstumskurven im Bereich Verpackungen sieht Uwe D’Agnone seine Suche nach einer umweltfreundlicheren Alternative zum klassischen Papier aus Holz auch „als Lebensaufgabe“. „Mit meinem Graspapier habe ich die Möglichkeit, wirklich etwas zu bewegen“, sagt er.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 13. Oktober 2017