Strand von Djerba
Tunesien

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Trinkwasser aus dem Mittelmeer

Eine Meerwasserentsalzungsanlage auf Djerba versorgt die gesamte Bevölkerung der beliebten Urlaubsinsel mit Trinkwasser. Dieser Prozess ist zwar energieaufwändig. Doch die Anlage setzt neue Standards, indem sie Energie zurückgewinnt.

Video: Einblicke in die Meerwasserentsalzungsanlage auf Djerba (KfW Bankengruppe/Christian Chua und Thomas Schuch).

Am Ende steht die Verkostung. Was aus dem Mittelmeer gekommen ist, wird nach einem langen Lauf durch meterdicke Rohre und zehntelnanometerdünne Filter in Gläser abgezapft und herumgereicht. Ein Schluck, ein Nicken. Es schmeckt süß.

50.000 Kubikmeter Süßwasser werden auf der tunesischen Insel Djerba jeden Tag aus Meerwasser produziert, und zwar in einer Qualität, dass „Babys es trinken können“, sagt Mosbah Helali, Geschäftsführer der SONEDE (Société Nationale d’Exploitation et de Distribution des Eaux), des staatlichen tunesischen Wasserversorgers. Die Meerwasserentsalzungsanlage ist die erste ihrer Art in Tunesien und wurde im vergangenen Jahr in Betrieb genommen. Sie hat 75 Millionen Euro gekostet, wovon die KfW im Auftrag der Bundesregierung 60 Millionen Euro finanziert hat. Mit der Anlage, die rund um die Uhr läuft, kann die chronische Wasserarmut des tunesischen Südens gemildert werden.

Mehrwasserentsalzungsanlage in Djerba. Entnahmepunkt an der Küste.

Unter diesem Strand von Djerba verläuft die Leitung, in der das Meerwasser in die Entsalzungsanlage fließt.

Aus Meerwasser wird Trinkwasser

Das Herz der Anlage ist eine Batterie von 350 weißen Filtermodulen, die fast 7.000 Membranen enthalten. Durch sie wird mit hohem Druck Meerwasser mit einem Salzgehalt von rund 40 Gramm pro Liter gepresst. Wassermoleküle passieren die Membranen, alles andere und damit auch die Salzbestandteile werden „ausgesiebt“. Die sogenannte Umkehrosmose ist eines der Standardverfahren der Meerwasserentsalzung.

Insgesamt wird in weltweit mehr als 20.000 Anlagen Trinkwasser aus Meerwasser gewonnen. Die gesamte Trinkwasserversorgung der Golfstaaten basiert auf dieser Technik. Das einzige deutsche Werk steht auf der Insel Helgoland; es produziert am Tag so viel wie die Anlage auf Djerba in einer halben Stunde.

Trinkwassergewinnung auf Meerwasserentsalzungsbasis gibt es nur zum Preis eines großen Energieaufwands. Die Hochdruckpumpen verbrauchen sehr viel Strom. Der staatliche Wasserversorger ist nach den Worten seines Chefs der größte Stromkunde des staatlichen Elektrizitätsversorgers STEG. Aber, sagt Helali, „unsere Anlage hat mit 2,5 Kilowattstunden pro 1.000 Liter Trinkwasser den niedrigsten Energieverbrauch vergleichbarer Anlagen weltweit“. Nicht zuletzt deshalb erreichte die Insel Djerba, die in ihrer Anlage auch Energie rückgewinnt, auf dem Global Water Summit 2019 in London beim Wettbewerb „Meerwasserentsalzungsanlage des Jahres“ den zweiten Platz unter rund 100 Teilnehmern.

Mosbah Helali (Geschäftsführer des tunesischen Trinkwasserwasserversorgers SONEDE) in der Meerwasserentsalzungsanlage auf Djerba
„Unsere Anlage hat den niedrigsten Energieverbrauch vergleichbarer Anlagen weltweit.“

Mosbah Helali, Geschäftsführer von SONEDE

Die hohen Gestehungskosten für das Trinkwasser auf Djerba führen aber nicht dazu, dass die Bevölkerung – 160.000 Menschen leben auf der Insel – einen höheren Preis zahlen muss. In Tunesien legt der Staat die Wassergebühren fest. Sie richten sich, wie Helali erläutert, nach dem Konsum: Wer mehr Wasser verbraucht, muss einen höheren Kubikmetertarif bezahlen.

Meerwasserentsalzungsanlage auf Djerba

Auf dem Weg zum Süßwasser wird das Meerwasser in der Entsalzungsanlage durch große Rohre gepumpt.

Auf den Salzgehalt kommt es an

Die haushohen Betonblöcke der Anlage von Djerba liegen am Rande der Hotelkomplexe unweit des Mittelmeerufers. Das Meerwasser wird zwei Kilometer vor der Küste in elf Metern Tiefe entnommen und unter dem Strand hindurch in die Anlage geleitet. Nach Abschluss der Entsalzung sind aus 100 Litern Meerwasser 35 Liter Süßwasser geworden, die anderen zwei Drittel werden zurück ins Meer geleitet. Das passiert mithilfe von technischen Einrichtungen, die eine zügige Verdünnung der Sole sicherstellen, denn dieses Wasser enthält ja alle Meerwasserbestandteile wie Salz und Mineralien in entsprechend höherer Konzentration.

Bei dem in der Umkehrosmose gewonnenen Süßwasser tendieren der Salz- und der Mineralgehalt gegen null. Bevor es in die Trinkwasserleitung eingespeist wird, muss es deshalb remineralisiert und mit Wasser aus Tiefbrunnen im Verhältnis 5:1 gemischt werden, sodass der Salzgehalt bei 1,5 Gramm pro Liter liegt.

Mehrwasserentsalzungsanlage in Djerba.

In der Röhren-Batterie stecken die Membranen, die das Salz aus dem Wasser filtern.

Kredite von der KfW

Ohne Wasserentsalzung gäbe es nicht genügend Trinkwasser für die Bevölkerung im regenarmen Süden Tunesiens. Hier herrscht in vielen Teilen Wüstenklima. Die KfW hat deshalb mit einem Kredit von 25 Millionen Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) schon ein Brackwasserentsalzungsprogramm unterstützt, das 2005 begann. Zehn Anlagen, die salzhaltiges Grundwasser entsalzen, arbeiten bereits. „Belastetes Trinkwasser ist ein erhebliches Gesundheitsrisiko“, erklärt Dr. Günther Bräunig, Vorstandsvorsitzender der KfW, bei einem Besuch auf Djerba. Deshalb „werden sechs weitere Anlagen gebaut“. Die KfW stellt dafür im Auftrag des Bundes einen Kredit über 55 Millionen Euro zur Verfügung, der 70 Prozent der gesamten Investition abdeckt.

Mit einem jährlichen durchschnittlichen Niederschlag von 150 Millimetern gehört der Süden Tunesiens zu den regenärmsten Gebieten der Welt. Bis zum Bau der Meerwasserentsalzungsanlage wurden Djerbas Bevölkerung und eine Million Touristen im Jahr mit einem Mix aus Brackwasser aus Tiefbrunnen auf der Insel, das in einer Anlage entsalzt wird, sowie salzhaltigem Frischwasser vom Festland versorgt. Damit aber konnte der Bedarf an hygienisch einwandfreiem Wasser seit Jahren schon nicht mehr durchgehend gedeckt werden. Vor allem in der Hochsaison im Sommer musste die SONEDE zusätzlich schwefel- und salzhaltiges Wasser aus weiteren Tiefbrunnen in die Leitungen pumpen.

Video: Im Auftrag der Bundesregierung unterstützt die KfW Tunesien bei verschiedenen Projekten (KfW Bankengruppe/Christian Chua und Thomas Schuch).

„Wir wollen die Bevölkerung im Süden, vor allem die in der Wüste mit Trinkwasser versorgen“, sagt SONEDE-Chef Helali. Während der Tourismussaison wird das gesamte entsalzte Meerwasser für die Insel gebraucht. Außerhalb dieser Zeiten fließt Wasser aus der neuen Anlage aber auch ins Festlandsnetz. Dadurch werden die schmalen Grundwasserressourcen im Süden geschont. Die Kapazität der Meerwasserentsalzung auf Djerba kann innerhalb der bestehenden Gebäude noch um 50 Prozent erweitert werden.

2021 wird die SONEDE, die drei Millionen Haushalte im Land mit Trinkwasser versorgt, in Zarat bereits ihre zweite Meerwasserentsalzungsanlage in Betrieb nehmen. Der Ort liegt auf dem Festland gegenüber von Djerba. Der Bau der Anlage von Zarat wird ebenfalls mit einem Kredit der KfW aus Mitteln der deutschen Bundesregierung finanziert. Auch Zarat wird 50.000 Kubikmeter Süßwasser pro Tag liefern, die Kapazität der Anlage kann sogar verdoppelt werden.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 16. März 2020.

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