Konditoreikette Gourmandise in Tunis mit Gründerin Radhia Kamoun Megdiche
Tunesien

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Der süße Traum von Gourmandise

In Tunesien arbeiten 85 Prozent aller Beschäftigten in kleinen und mittleren Unternehmen. Weil sie selten Kredite von tunesischen Banken erhalten, hilft AfricInvest, eine Investmentfirma aus Tunis. Wie wichtig diese Unterstützung ist, zeigt das Beispiel von Radhia Kamoun Megdiche, die dank der Finanzierung den Traum ihrer Mutter verwirklichen konnte.

Video: Die Bäckerei Gourmandise hat sich auf tunesisches Gebäck spezialisiert. (KfW Bankengruppe/Christian Chua und Thomas Schuch).

Hinter den weißen Mauern arbeiten in weißen Räumen Frauen und Männer in weißen Kitteln und weißen Hauben. Weiß ist auch das Lieblingskonfekt der Chefin: eine kleine glatte Kugel mit einer Blattgoldverzierung.

Gourmandise heißt die Manufaktur von Radhia Kamoun Megdiche (Bild oben). In dem Werk in einem Außenbezirk der tunesischen Hauptstadt Tunis entstehen jeden Tag Tausende Kuchen und Croissants und mehrere Zentner Naschereien.

Auf orientalischem Konfekt basiert der Erfolg des Unternehmens. Gourmandise ist in Tunesien zu einem Begriff geworden dank seiner Läden in den meisten großen Städten an der Mittelmeerküste des Landes.

Konditoreikette Gourmandise in Tunis mit Gründerin Radhia Kamoun Megdiche

Souad Kamoun (gerahmtes Bild) gründete 1976 die Konditorei Gourmandise. Ihren Traum, ein Geschäft in Tunis zu eröffnen, hat ihre Tochter Radhia Kamoun inzwischen verwirklicht.

Erfolgreich mit orientalischen Delikatessen

„Ich habe den Traum meiner Mutter erfüllt“, sagt Radhia Kamoun. Ihre Mutter Souad Kamoun war eine begeisterte Bäckerin und gründete 1976 eine Konditorei, um, wie ihre Tochter erzählt, „uns fünf Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen“. Die Familie lebte in Sfax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens, südlich der Hauptstadt an der Küste gelegen. Ihr Ziel, ein Geschäft in der Hauptstadt zu eröffnen, konnte Souad Kamoun nicht mehr verwirklichen. Sie starb 1987 im Alter von 50 Jahren. Tochter Radhia übernahm zusammen mit ihrem Bruder den Betrieb mit drei Mitarbeiterinnen.

Heute beschäftigt die Feinkostmanufaktur 660 Menschen, davon 60 in Leitungspositionen. 42 Prozent der Belegschaft sind Frauen. Das Unternehmen zahlt übertariflich und erfüllt internationale Normen des Qualitätsmanagements und der Lebensmittelverarbeitung. 25 Gourmandise-Läden gibt es mittlerweile tunesienweit, 13 betreibt das Unternehmen selbst, zwölf haben Franchise-Nehmer eröffnet. Sie werden täglich mit frischen Produkten beliefert, die in Kühlwagen die Produktionsstätten Tunis und Sfax verlassen.

Konditoreikette Gourmandise in Tunis

Alle Produkte von Gourmandise entstehen in Handarbeit in den Manufakturen in Tunis oder Sfax.

Gourmandise erfüllt internationale Normen

Ein Gang durch die Großbäckerei und -konditorei in der Nähe des Flughafens von Tunis zeigt: Tatsächlich werden alle Produkte von Hand gemacht, in einer Vielzahl kleinerer, abgeschlossener Räume für jeweils einen Produktionsschritt. Eier aufschlagen, Tomaten schneiden, Teig ausstechen, für jeden Vorgang gibt es eine Arbeitsstätte. Hier wird Butter abgewogen, dort dunkle Schokolade mit dem Messer zerkleinert. An einem Tisch wälzt eine Frau Gebäckkugeln in Nussbröseln, an einem anderen faltet eine Kollegin dünne Avocadoscheiben für Cocktailhäppchen. Und dann warten da noch die Pappvorlagen für die Hochzeitstorten „Maryne“ oder „Orchidia“ oder „Anemone“ darauf, aus Teig nachgebaut zu werden.

Es wird gerührt und geschmolzen und gekocht und gebacken. „Mit Haushaltsgeräten“, sagt Radhia Kamoun, „nur etwas größeren.“ Die fertigen Chargen stapeln sich vor Ladeluken, die Namen tragen wie „Marseille“, „Mana“ oder „Marza“ und die Läden bezeichnen, die die Macarons und Canapés und Millefeuilles und Petits Fours bestellt haben.

Konditoreikette Gourmandise in Tunis

Mithilfe der finanziellen Unterstützung von AfricInvest wurde aus der Konditorei Gourmandise eine Feinkostkette mit 660 Beschäftigten und 25 Geschäften in ganz Tunesien.

Dank AfricInvest entsteht eine Konditoreikette

Ein Reich des Genusses war Gourmandise von Beginn an, hochwertige Kekse und Kuchen kreierte schon die ambitionierte Gründerin Souad Kamoun. Dass daraus viele Jahre später die wichtigste Konditoreikette Tunesiens wurde, hat sehr viel mit AfricInvest zu tun, einer Investmentfirma aus Tunis. An deren Fonds hat sich die KfW beteiligt. „Wir unterstützen damit die Beschäftigungsförderung in Tunesien“, sagt Joachim Nagel, der im Vorstand der KfW für die Entwicklungsbank zuständig ist.

97 Prozent der tunesischen Firmen sind kleinste, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU). Bei ihnen arbeiten 85 Prozent aller Beschäftigten. Aber: „Für die KKMU ist es außerordentlich schwierig, bei tunesischen Banken Kredite zu bekommen“, sagt Nagel. Deshalb hat die KfW den Weg über AfricInvest gewählt. 2012 investierte sie dort zum ersten Mal, bei etwas über 34 Millionen Euro liegt die Beteiligung heute. Dazu zählen auch jene 2,5 Millionen Euro, die in dem Fonds TunInvest Croissance stecken, der neben Gourmandise auch Unternehmen aus der Möbel-, der Abfall- oder der Marketingbranche unterstützt.

Ein anderes Erfolgsbeispiel für die KKMU-Finanzierung ist der Thunfischkonservenhersteller BK Foods in der Küstenstadt Sousse. 2006 gegründet, beschäftigt die Fabrik heute 550 Frauen und Männer. Mehr als 25 verschiedene Thunfischprodukte werden dort hergestellt. Das Unternehmen hat eine Zertifizierung für koschere und Halal-Waren und vertreibt seine Produkte in den nordafrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), eine hundertprozentige Tochter der KfW, ist mit 15 Millionen Euro an dem Leasingfinanzierer Tunisie Leasing & Factoring beteiligt, der seit 2012 die Expansion von BK Foods finanziell unterfüttert.

Konditoreikette Gourmandise in Tunis

Die Gourmandise-Produktpalette umfasst neben den süßen Naschereien inzwischen auch herzhafte Snacks.

Neue Produkte erweitern das Feinkostangebot

AfricInvest, der Financier von Gourmandise, wurde in den 1990er-Jahren gegründet, verwaltet inzwischen ein Kapital von 1,3 Milliarden Euro und unterhält Büros in acht afrikanischen Ländern und in Frankreich. 2015 stieg AfricInvest bei Gourmandise ein.

„Wir hatten ein Ertragsproblem“, sagt Radhia Kamoun. Ihr Unternehmen war bis 2010 expandiert, zählte damals 200 Beschäftigte. Nach der tunesischen Revolution 2011 aber gingen die Geschäfte zurück. Auch änderte sich das Verhalten der Kunden. „Früher luden die Tunesier Menschen zu sich nach Hause ein, inzwischen gehen sie mehr aus“, erzählt Radhia Kamoun.

Konditoreikette Gourmandise in Tunis

Internationale Ambitionen: Radhia Kamoun träumt davon, Gourmandise-Feinkost bald auch in anderen Ländern produzieren zu lassen.

Mit Gourmandise bis nach Europa

Die AfricInvest-Manager rieten zu besserer Vermarktung und intensiverem Vertrieb. Salzige Snacks erweiterten das süße Angebot, das Franchise-System wurde eingeführt, die Läden hochwertiger ausgestattet. Gourmandise biete ein „hochqualitatives Produkt“, sagt Karim Trad, einer der Gründer von AfricInvest. Das unterscheide Kamouns Unternehmen von den Wettbewerbern. Die Konkurrenz über den Preis sei aber spürbar, denn nach den Worten Trads zahlen viele Konkurrenten weder Steuern noch Sozialabgaben.

Den Schritt in die Hauptstadt, von dem ihre Mutter träumte, hat Radhia Kamoun geschafft. Jetzt will sie, unter Mithilfe von AfricInvest, die Landesgrenzen überschreiten. Eine Expansion in die anderen Maghreb-Staaten schwebt ihr vor, in den Golfstaaten will sie ihre Marke etablieren und selbst in Europa kann sie sich Gourmandise-Geschäfte vorstellen. Welche Tücken bei einer internationalen Ausrichtung auftauchen können, zeigt ein kleines Beispiel: Ganze vier Jahre dauerte es, bis algerische Behörden den Namen des tunesischen Deli-Produzenten als Marke registrierten.

Video: Im Auftrag der Bundesregierung unterstützt die KfW Tunesien bei verschiedenen Projekten. (KfW Bankengruppe/Christian Chua und Thomas Schuch).

Die grundsätzliche Herausforderung: Erstmals würden Gourmandise-Spezereien nicht in Gourmandise-Manufakturen produziert. Vielmehr würde ein Handbuch den Franchise-Konditoren im Ausland en détail die Rezepturen erklären. Zum Beispiel auch, wie die kleine weiße Kugel mit dem Blattgold zubereitet wird. Sie heißt Mlabess, besteht aus Mandelpulver, Orangenschale, Ei und Zuckerguss und ist ein traditionelles Gebäck aus Sfax, der Heimat von Rhadia Kamoun Megdiche.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 3. März 2020.

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