Mohamed Ali Torki ist technischer Leiter der tunesischen Küstenschutzbehörde
Tunesien

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Mehr Sand am Strand

Der steigende Meeresspiegel bedroht Tunesiens 1.100 Kilometer lange Mittelmeerküste. Mit weitreichenden Folgen: Denn die Menschen an der Küste erbringen 90 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung des Landes. Jetzt zeigt der seit 2013 erfolgte Küstenschutz erste Früchte.

Küstenschutzschutzprojekt in Hammam Sousse mit rehabilitiertem Strand. Der Besitzer des Hotels im Hintergrund steht neben der Palme, bis zu der das Wasser reichte, bevor der Küstenschutz installiert wurde.

Der Hotelier Bouaouina Hichem aus der Küstenstadt Hammam Sousse ist erleichtert, dass der Strand vor seinem Hotel nicht weiter zurückgeht.

Bouaouina Hichem (Bild rechts) steht an einer Palme am Strand von Hammam Sousse. „Bis hier ging noch vor drei Jahren das Wasser“, sagt der Hotelier. Hinter ihm, ein paar Meter hinter der Palme mit dem freigespülten Wurzelwerk, steht sein Hotel, das „Dreams Beach“. Hichem stammt aus der Gegend, als Kind hat er hier am Meer Fußball gespielt. Über die Jahre nahm der Strand Meter um Meter ab, kamen die Wellen immer näher. Heute aber breitet sich ein sandiger, weißer Küstensaum vor Hammam Sousse aus. Ungefähr 30 Meter sind es inzwischen wieder vom „Dreams Beach“ bis zum Wasser. „Die Touristen profitieren vom Küstenschutz“, sagt der Hotelbesitzer. Er natürlich auch.

Wie man den Strand des tunesischen Badeortes Hammam Sousse restauriert hat, erklärt Mohamed Ali Torki (Bild oben). Der Ingenieur Torki ist technischer Leiter bei der tunesischen Küstenschutzbehörde APAL (Agence de Protection et d’Amenagement du Littoral) und beaufsichtigt das umfassende tunesische Küstenschutzprojekt.

Video: Maßnahmen für den Küstenschutz in Tunesien (KfW Bankengruppe/Christian Chua und Thomas Schuch).

Der Schutz der tunesischen Küstenlandschaft

Den Strand vor Hammam Sousse hat die APAL wiederaufgebaut, indem sie Unterwasserwellenbrecher anlegen ließ. Die bewirken, dass das Ufer nicht mehr erodiert und sich dort Sand ansammelt. Dies ist eine der Methoden, die Tunesien mit Unterstützung der KfW einsetzt, um seine von Erosion bedrohte Mittelmeerküste zu stabilisieren. Knapp 38 Millionen Euro haben die ersten drei Phasen des Vorhabens gekostet. Es begann 2013 und wurde bisher zu 25 Prozent vom tunesischen Staat und zu 75 Prozent von der KfW im Auftrag der Bundesregierung mit Zuschüssen und Darlehen finanziert. Das Programm verfolgt angesichts eines steigenden Meeresspiegels auch das Ziel, „die Anpassungsfähigkeit der tunesischen Küstenlandschaft an den Klimawandel zu steigern“, sagt Andrea Hauser, Abteilungsleiterin Nordafrika bei der KfW Entwicklungsbank.

Rund 1.100 Kilometer lang ist die tunesische Mittelmeerküste, etwas mehr als zehn Prozent davon gelten als stark von Erosion bedroht. Das kann deswegen verheerende Folgen für Tunesien haben, weil die Landstriche an der Küste das demografische und ökonomische Rückgrat des Landes sind. Neun der zehn größten Städte des Landes liegen am Meer, zwei Drittel der elf Millionen Tunesierinnen und Tunesier leben hier. Sie erbringen 90 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung des Landes. Der (Bade-)Tourismus trägt rund sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Besichtigung des Küstenschutzschutzprojekts in Hammam Sousse mit rehabilitiertem Strand.

Mehr als zehn Prozent der tunesischen Mittelmeerküste gelten als stark erosionsgefährdet.

Gesteinsbrocken und Zäune aus Pinienholz

Im Pariser Klimaschutzabkommen hat Tunesien den Schutz seiner Küste zu einem seiner Schwerpunkte im Kampf gegen den Klimawandel erklärt. Die Regierung rechnet mit einem Anstieg des Mittelmeerspiegels um bis zu einem halben Meter bis 2050 und einem daraus resultierenden Verlust von einem halben Prozent des Bruttoinlandsproduktes pro Jahr – sofern man der Bedrohung nicht begegnet. „Das Küstenschutzprogramm trägt dazu bei, dass Tunesien seine Klimaziele erreicht“, sagt Dr. Günther Bräunig, Vorstandsvorsitzender der KfW, bei einem Besuch in Hammam Sousse, „und dass sich hier die Lebensbedingungen verbessern. Von den bisher umgesetzten Projekten haben bereits 600.000 Menschen profitiert.“

Robuste Ufer können den steigenden Fluten widerstehen und damit die dicht besiedelten Lebensräume und ökonomischen Zentren vor Überflutungen schützen. Meerwasser, das ins Land dringt, verschlechtert auch die Trinkwasserversorgung, weil es Böden und Grundwasser versalzt.

Neben Unterwasserwellenbrechern wie in Hammam Sousse setzt die APAL noch andere Verfahren ein, um den Wellen zu trotzen. Zum Beispiel hat sie auf einer Länge von bisher vier Kilometern mit Zäunen aus Pinienholz Dünen stabilisiert, die als natürliche Schutzbarriere fungieren. An anderen Stellen wie auf der Insel Kerkennah, die vor der Hafen- und Industriestadt Sfax liegt, säumen Gesteinsbrocken das sandige Ufer. Dahinter verläuft eine asphaltierte Esplanade, kleine Plätze werden angelegt. Der Streifen am Meer dient dem Schutz, das Ufer wird als Lebensraum für die Bewohner aber zugleich aufgewertet, sagt Torki.

Zäune aus Pinienholz zur Stabilisierung der Dünen

Die tunesische Küstenschutzbehörde stabilisiert die Dünen unter anderem mit Zäunen aus Pinienholz.

Eignung von Meeresbodensand wird geprüft

Eine „Win-win-Situation“ nennt der APAL-Ingenieur die Tatsache, dass Küstenschutz und Strandgewinnung Hand in Hand gehen. Wobei die APAL nicht nur Touristen im Auge hat. In Rafraf, zwischen der Kapitale Tunis und der Küstenstadt Bizerte gelegen, hat sie Buhnen gebaut und 500.000 Kubikmeter Sand aufgeschüttet. Die Bevölkerung von Rafraf bekam so, was ihr lange Zeit fehlte: einen Strand.

Am schwierigsten erwies sich die Materialbeschaffung. Sand von Stränden zu nehmen, ist in Tunesien seit den 1980er-Jahren gesetzlich verboten. Würde sich nicht Wüstensand als Ersatz anbieten? Der ist pulverig, sagt Torki, viel zu fein. 40 Kiesgruben haben die APAL-Mitarbeiter besucht, bis sie das passende grobkörnige Material gefunden haben. Drei, vier Millionen Jahre alt sei der Sand, den sie nach Rafraf geschafft haben, erzählt Torki und spricht eine naheliegende Alternative an: Strand aus Sand vom Meeresboden. Entsprechende Machbarkeitsstudien, sagt Torki, finanziere die KfW im Auftrag der Bundesregierung in Tunesien.

Video: Im Auftrag der Bundesregierung unterstützt die KfW Tunesien bei verschiedenen Projekten (KfW Bankengruppe/Christian Chua und Thomas Schuch).

Der steigende Meeresspiegel und Überflutungen bleiben eine Gefahr für die tunesische Mittelmeerküste. Etwa 30 Kilometer Ufer sind bisher geschützt. Der größte Teil der Aufgabe liegt noch vor der tunesischen Küstenschutzbehörde. „Dort, wo sich der Klimawandel bemerkbar macht, müssen wir eingreifen“, sagt Torki. Seine Behörde habe gelernt, nachhaltig zu arbeiten. Früher habe der Staat ein Programm gemacht und sei dann wieder verschwunden. Die heute angelegten Buhnen sollen 50 Jahre halten. Mindestens.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 9. März 2020.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.