Erfindung der mobilen Werkstatt für Rotorblätter
Erneuerbare Energien

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Volle Windkraft voraus

Das Unternehmen WP Systems entwarf und baute die weltweit erste mobile Werkstatt für Rotorblätter von Windkraftanlagen. Mit der innovativen Idee gewann Gründer Holger Müller zusammen mit seinem Team 2017 den KfW Award Gründen.

Erfindung der mobilen Werkstatt für Rotorblätter
Die Geschäftsführer

Ole Renner (links im Bild) hat seinen Job am Leichtbauzentrum Sachsen gekündigt, um mit Holger Müller (rechts) WP Systems zu gründen.

Am Anfang hatte Holger Müller mit dem Gegenwind zu kämpfen. Als er 2002 in der Branche erzählte, eine geschlossene Wartungskammer für Windkraftanlagen bauen zu wollen, erntete er höhnische Kommentare. „‚Don Quijote‘ der Windkraft war noch einer der harmlosesten“, sagt er. Holger Müller erlebte das Schicksal vieler Erfinder: Man hielt ihn für einen verschrobenen Träumer. Doch er ist nicht der Typ, der sich so leicht umpusten lässt.

„Wenn ich mir aber etwas in den Kopf gesetzt habe“, sagt er, „dann verfolge ich das auch.“ Heute – sechzehn Jahre später – sitzt der 54-Jährige im ersten Stock des Geschäftsgebäudes seines Unternehmens WP Systems am Rande von Ruhland in Brandenburg, 30 Kilometer nördlich von Dresden. Aus der Produktionshalle unterhalb seines Büros rollte im Mai 2017 der Prototyp der weltweit ersten mobilen Werkstatt für Rotorblätter von Windkraftanlagen. Er beschäftigt 23 Mitarbeiter. Von seinem Bürofenster aus blickt er auf ein lang gezogenes Feld und den weiten Himmel. Das passt, denn seine Unternehmensgründung zeugt vor allem von Weitblick.

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Weltweiter Vorreiter

Im Mai 2017 war es so weit: Der Prototyp der ersten mobilen Werkstatt für Rotorblätter von Windkraftanlagen rollte aus der Werkstatt.

„Ich war schon früh jemand, der sich Gedanken darüber gemacht hat, wie Dinge funktionieren“, sagt er. „Und darüber, ob es nicht auch anders geht.“ So begann letztlich seine Laufbahn. Müller, der aus Sebnitz in der Sächsischen Schweiz kommt, machte nach dem Abitur eine Lehre zum Anlagentechniker, immatrikulierte sich anschließend an der Uni, um Ingenieur zu werden. Zwei Wochen später exmatrikulierte er sich wieder. Es wollte ihm nicht in den Kopf, wieso selbst Hilfsarbeiter in der DDR deutlich mehr Lohn erhielten als ein fertig studierter Diplom-Ingenieur. Also blieb er zunächst Anlagentechniker und lebte seinen Erfindungsreichtum aus, indem er Ideen an die Neuererbewegung weiterleitete – das DDR-Pendant zum betrieblichen Vorschlagswesen. Es waren, wenn man so will, seine ersten Schritte als Erfinder. Drei Jahre später begann er ein Fernstudium zum Maschinenbautechniker. Direkt im Anschluss, 1992, leitete er bereits seinen ersten Betrieb. Dann erbte er das Haus seiner Großmutter. Ein Wendepunkt.

Müller fragte sich, wie man das Haus auf alternative Weise mit Energie versorgen könnte, und stieß auf die Windkraft. Die Branche befand sich damals in Sachsen noch in den Kinderschuhen. Doch Kenner prophezeiten eine große Zukunft. Und Müller hatte längst angebissen: Die Windkraft faszinierte ihn. Er las sich ein und nahm Kontakt zu Herstellern auf. Anfang 2000 kündigte er seinen Job und machte eine Ausbildung zur zertifizierten Fachkraft für Rotorblattinstandsetzung.

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Der Tüftler

„Ich war schon früh jemand, der sich Gedanken darüber gemacht hat, wie Dinge funktionieren“, erinnert sich Holger Müller.

Die Rotorblätter von Windkraftanlagen verschleißen schnell. Je schneller sie sich drehen, desto stärker der betriebsbedingte Abrieb. „Heute sind die Blattspitzen oft mit mehr als 300 Kilometern pro Stunde unterwegs“, so Müller. „Da wirkt jeder Wassertropfen, jede Staubansammlung in der Luft wie ein Geschoss.“ Die Oberflächen aus glasfaserverstärktem Kunststoff müssen daher regelmäßig gewartet und Schäden müssen repariert werden.

Von Technosportlern, wie Holger Müller einer wurde. Er seilte sich fortan von den Maschinenhäusern der Windkraftanlagen ab. Im Klettergurt neben sich links und rechts einen Eimer: in einem die Flicken aus Glasfasermatten, in dem anderen ein Bindemittel aus Harz zum Verkleben. Zugleich erlebte er hautnah mit, wie die Windkraftanlagen immer größer und größer wurden. Waren die ersten Anlagen in den 1980er-Jahren noch 30 Meter hoch und die Rotorblätter rund sieben Meter lang, ragten die Türme Anfang der 2000er bereits über 100 Meter in die Höhe. Heute erreichen die Türme bis zu 150 Meter – die Rotorblätter sind 70 bis 80 Meter lang.

KfW Award Gründen

Der KfW Award Gründen prämiert junge Unternehmen, die innovative Ideen umsetzen.

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Schon früh zeichnete sich ab, dass man die gigantischen Flügel bald nicht mehr abmontieren können würde, um größere Arbeiten an ihnen auszuführen. Es gab kaum noch Kräne dafür, außerdem wurde es zu teuer. Die Branche entwickelte deshalb offene Arbeitsbühnen, vergleichbar mit denen von Fensterputzern an Hochhäusern. Müller dachte: „Das kann noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.“

Denn ein Problem lösten auch diese Bühnen nicht: das mit dem Wetter. Um Reparaturen am Rotorblatt ausführen zu können, muss die Außentemperatur zwischen 15 und 25 Grad Celsius betragen. Außerdem muss es trocken sein und möglichst staubfrei. „Solche Bedingungen haben wir in Deutschland nur an 80 bis 90 Tagen im Jahr“, so Müller. 2002 meldete er deshalb ein Patent an. Seine Vision: ein Leichtbaugehäuse mit verschiebbaren Öffnungen und Neigungswinkeln, das in unmittelbarer Nähe am geschwungenen Rotorblatt entlangfahren kann. Eine Kammer, die sich wasserdicht verschließen lässt und werkstattähnliche Bedingungen bietet. Sprich: eine Lösung, die auch bei Regen funktioniert und somit die möglichen Arbeitstage im Jahr verdoppelt.

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Eifrige Mitarbeiter

Zwölf Ingenieure aus den Bereichen Maschinenbau und Leichtbau und diverse Materialwissenschaftler arbeiteten gemeinsam am Prototyp.

„So etwas wird es niemals geben“, sagten Leute aus der Branche. Das spornte Müller nur an. Er dachte an Fußball und sagte sich: „Angegriffen wird dort auch nur der, der den Ball hat“ – und tüftelte weiter. Dennoch begann eine Zeit der Entbehrungen. Ihm fehlten die Geldgeber. Vorerst nahm er einen festen Job an, verzichtete auf Urlaub und sparte. Schließlich wollten die Kosten für den Patentanwalt bezahlt werden.

Als er 2010 das Patent bekam, stürzte er sich wieder in die Arbeit. Doch erneut brauchte er Geduld, musste Businesspläne schreiben, die richtigen Ingenieure kennenlernen, die technische Umsetzbarkeit nachweisen, Fördermittel beantragen. Und gerade als es nach einem Durchbruch aussah, machte ihm auch noch die Politik einen Strich durch die Rechnung: Plötzlich war nicht mehr klar, ob das Sächsische Wirtschaftsministerium die Förderung genehmigen würde.

Verdrossen schaute Müller über die Landesgrenzen hinaus – nach Brandenburg, wo man ihm 2015 den roten Teppich ausrollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits fünf weitere Gesellschafter gefunden. Gemeinsam brachten sie das Eigenkapital von 200.000 Euro auf, das sie zur Gründung benötigten – zehn Prozent der Gesamtsumme von zwei Millionen, die es für den Prototyp brauchte. Unter den Gesellschaftern: Ole Renner, der zweite Geschäftsführer, der seinen Job am Leichtbauzentrum Sachsen kündigte, um mit Müller das Wagnis zu starten. Zwölf Ingenieure aus den Bereichen Maschinenbau und Leichtbau sowie diverse Materialwissenschaftler machten sich ans Werk. Zwei Jahre später war der Prototyp fertig.

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Erste Erfolge

Die erste Wartungskammer haben Ole Renner und Holger Müller nach Rumänien verkauft.

Auf den ersten Blick erinnert er an eine Art Skigondel, die mit Stahlseilen am Maschinenhaus der Windkraftanlage befestigt und per Seilwindenhinaufgezogen wird. In der Decke sowie in den Böden der Wartungskammer befinden sich flexibel verstellbare Öffnungen, durch die das Rotorblatt von oben in die Kammer einsticht und unten wieder hinaustreten kann. Auf diese Weise kann die Kammer nicht nur direkt am Rotorblattentlangfahren, sondern lässt sich auch effizient abdichten und ermöglicht so auch die Arbeit an Regentagen. Zudem ist sie beheizbar und sorgt damit für konstante Arbeitsbedingungen.

Als der Prototyp fertig war, kam endlich auch die Anerkennung. Müller und sein Team gewannen Preise – darunter den KfW Award Gründen 2017 als Landessieger in Brandenburg. Wichtig war auch die Branchenmesse Husum Wind im Herbst 2017. Nach der Präsentation des Prototyps klopften ihnen die Leute auf die Schulter. Einer sagte: „Ich war skeptisch, aber das, was Sie hier gemacht haben – da ziehe ich den Hut.“ Die Hersteller großer Windkraftanlagen kommen jetzt auf sie zu und interessieren sich für größere Stückzahlen. Die erste Wartungskammer ist verkauft, sie geht nach Rumänien. Außerdem spinnen Holger Müller und seine Leute längst weiter. Sie haben ein zweites Unternehmen namens „Structrepair“ gegründet und einen neuen Werkstoff zum Flicken der Rotorblätter entwickelt. Nebenbei arbeiten sie an einer Technik für den Rückbau von Windkraftanlagen. Einmal Erfinder, immer Erfinder.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 25. September 2018