Ein Mann schaut aus einer Dachluke auf seine Photovoltaik-Module.
Erneuerbare Energien

Erneuerbare Energien

Solarkraft auf Abruf

Als Energiequelle hat die Sonne einen Nachteil: Sie geht jeden Tag unter. Um Solarkraft auch nach Sonnenuntergang nutzen zu können, hat die Sonnen GmbH einen Speicher entwickelt. Per App kann der Hausbesitzer steuern, wann und wohin der Strom aus seiner Photovoltaik-Anlage fließen soll.

Sonnenspeicher aus dem Allgäu

Ein Videoporträt der Sonnen GmbH aus Wildpoldsried (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch).

Thomas Pfluger schaut zufrieden auf die App auf seinem Tablet: Sein Stromvorrat wächst gerade. Es ist ein frostiger Tag im März. Aber die Sonne schmilzt den Schnee von den Solar-Modulen auf dem Dach des Pflugerschen Hauses, die Photovoltaik-Anlage läuft. Der solare Strom fließt aber nicht ins Ortsnetz, sondern in einen weißen Kasten in Pflugers Keller. Dort, zwischen Weinregal und Getränkekisten, steht: die sonnenBatterie.

Pfluger wohnt in Wildpoldsried im Allgäu. Die Batterie hat er vor zwei Jahren bei der einheimischen Firma Sonnen gekauft. Sie montiert Stromspeicher am Rande des Dorfes im Gebäude einer ehemaligen Puppenmöbelfabrik. Das klingt erst mal nach typischem deutschen Mittelstand, ist aber weit mehr. Das hochangesehene Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat die Sonnen GmbH vor zwei Jahren zu einer der „50 Smartest Companies of the World“ geadelt. Weitere Auszeichnungen aus der Hightech- und Start-up-Szene folgten.

Die sonnenBatterie
Innenleben

Rund 250 Lithium-Eisenphosphat-Batteriezellen stecken in einem großen Batteriemodul. Sie gelten als besonders sicher und langlebig.

Als Energiequelle hat die Sonne ein Manko: Sie geht jeden Tag unter. Der Speicher macht den Nachteil wett. „Wir sorgen dafür, dass Strom dann verfügbar ist, wenn er gebraucht wird“, sagt Philipp Schröder, Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing bei Sonnen. Die Firma hat eine Software entwickelt, die Photovoltaik und Batterie „intelligent arbeiten“ lässt. Per App kann der Hausbesitzer jederzeit seine Anlage überprüfen und steuern, wann und wohin der Strom fließen soll.

„Die Energiezukunft ist dezentral und digital“, sagt Schröder. Er hat Sonnen nach der Gründung 2010 mit aufgebaut, leitete von 2013 bis 2015 das Geschäft des E-Mobilisten Tesla in Deutschland und kam danach wieder zu Sonnen zurück. Schröder hat nicht mal ein Büro in Wildpoldsried, weil er „ständig unterwegs“ ist, im In- und Ausland. Das Unternehmen verkauft nicht nur Stromspeicher in haushaltsüblichen Größen, sondern vernetzt auch Batteriebesitzer in der sonnenCommunity, die ihren erzeugten Strom teilen und so gemeinsam zu Selbstversorgern werden. 120.000 Menschen beziehen ihren Strom bereits aus der sonnenCommunity.

Und schließlich bietet Sonnen mit der sonnenFlat Strom kostenlos für diejenigen an, die ihre Batterien zu einem virtuellen Großspeicher verknüpfen lassen. Dieser kann Versorgungsschwankungen ausgleichen und beispielsweise überschüssige Windenergie zwischenlagern und damit verhindern, dass Windräder wegen Netzüberlastung abgestellt werden müssen. Für solche Dienste gibt es Geld von den Netzbetreibern.

sonnen-Geschäftsführer Philipp Schröder
Potenzial erkannt

Philipp Schröder ist seit 2015 Geschäftsführer für den Bereich Vertrieb und Marketing bei sonnen. Zusammen mit den beiden Gründern hat er das Unternehmen vom reinen Speicherhersteller zum Energieanbieter weiterentwickelt.

Sonnen hat zudem früh den Schritt ins Ausland gewagt, hat Vertretungen in den USA, Australien, Großbritannien und Italien aufgebaut und fertigt seine Batterien für den US-Markt in Atlanta. Auch bietet das Unternehmen die sonnenFlat in Österreich, Australien und Italien an und ist dort damit nach Aussage des Geschäftsführers „Energieversorger mit allen Rechten und Pflichten“.

Das Allgäuer Start-up wächst so außerordentlich schnell, dass es mittlerweile zum Weltmarktführer gebracht hat. „Wir haben den Umsatz in vier Jahren verfünffacht und peilen für dieses Jahr 100 Millionen Euro an“, bilanziert Schröder. In sieben Jahren will man bei einer halben Milliarde sein. Mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Sonnen inzwischen, davon 80 am zweiten deutschen Standort in Berlin. 40 Mitarbeiter umfasst allein das Softwareteam. Die Expansion des Start-ups finanzieren Investoren. 100 Millionen Euro sammelte Sonnen bis Ende vergangenen Jahres ein und zählt unter anderem den US-Konzern General Electric und den chinesischen Windturbinenhersteller Envision zu seinen Kapitalgebern.

Bauteile der sonnenBatterie
Made in Allgäu

Mehr als 1.000 sonnenBatterien verlassen derzeit monatlich das Werk in Wildpoldsried. Hier ein zentrales Bauteil, das die enthaltenen Komponenten wie Batterien, Wechselrichter oder Energiemanager verbindet.

Die KfW ist über ihre Beteiligung an einem Fonds der deutschen Venture-Capital-Gesellschaft eCapital seit 2016 bei dem Allgäuer Unternehmen mit im Boot. „Wir unterstützen den technologischen Wandel und das Wachstum der deutschen Wirtschaft auch im Bereich Erneuerbare Energien“, sagt Markus Schladt, Abteilungsdirektor Beteiligungsfinanzierung der KfW Bankengruppe, und nennt Sonnen „eines unserer vorbildlichsten Engagements in diesem Bereich.“

Sonnen profitiert auch vom Paradigmen-Wechsel im Geschäftsmodell Stromversorgung. Mit fossilen Brennstoffen betriebene Großkraftwerke rechnen sich nicht mehr. Energielieferanten verlegen sich zunehmend auf dezentrale Produktion und Versorgung. Die Einspeisevergütung für Besitzer von Photovoltaik-Anlagen sinkt, für die ersten läuft sie 2020 aus.

KfW Capital übernimmt

Sonnen GmbH hat einen Investor gesucht und eCapital gefunden. eCapital ist ein VC-Fonds, in den KfW Capital bereits investiert ist, da die neue KfW-Tochtergesellschaft mit Beginn ihres operativen Geschäfts bestehende Beteiligungen des Mutterhauses übernommen hat. Seit 2015 – dem Start des Programms „ERP-Venture Capital - Fondsinvestment“ –hatte sich die KfW mit einem Volumen von insgesamt 265 Millionen Euro an 18 Venture Capital-Fonds beteiligt und gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2016 den Co-Investitionsfonds coparion mit einem Fondsvolumen von 225 Millionen Euro gegründet.

Schon heute bekommen Besitzer von neuen Anlagen im Schnitt nur noch etwa 12 Cent für die eingespeiste Kilowattstunde, zahlen aber 30 Cent für eine zugekaufte. Der Zukauf, so die Sonnen-Idee, lässt sich weitgehend vermeiden, wenn man den selbst produzierten Strom speichert und „Prosumer“ wird, Produzent und Konsument in einem.

Dank der Sonnen-Batterie kann die Familie Pfluger aus Wildpoldsried nach eigenen Aussagen 75 Prozent ihres Strombedarfs mit der eigenen Solaranlage decken. Und wenn die Energie gerade nicht anderweitig im Haus gebraucht wird, hängt Pfluger auch noch sein Elektroauto ans Batteriekabel. Pfluger hat ausgerechnet, dass sich mit den heutigen Strompreisen die Investition in 15 Jahren amortisieren wird.

Auf Menschen wie Pfluger fokussiert sich das Unternehmen. „Unser Kunde ist der Eigenheim-Besitzer“, sagt Schröder. Rund 16 Millionen Einfamilienhäuser gibt es in Deutschland und 1,5 Millionen Photovoltaik-Anlagen. In Deutschland sind bisher erst 80.000 Solarbatterien installiert, etwa ein Viertel davon Sonnen-Produkte. Der Markt birgt also enormes Potenzial. Gegenwärtig verlassen das Wildpoldsrieder Werk 1.000 Batterien im Monat, die aus eigens für die Firma produzierten Komponenten zusammengesetzt werden.

Quelle
Cover CHANCEN „Innovation“

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2018 „Neue Ideen erhellen die Welt“.

Zur Ausgabe

Sonnen hat sich die 2500-Einwohner-Gemeinde als Standort gezielt ausgesucht. Dank des Engagements des langjährigen Bürgermeisters Arno Zengerle trägt Wildpoldsried den Titel „Energiedorf“. Sieben Windräder drehen sich am Hang über dem Ort, sie gehören Bürgerinnen und Bürgern. Dank Wind, Sonne und Biogas produziert Wildpoldsried sieben Mal mehr Strom, als es verbraucht, und verkauft die Überschüsse. Kommunalpolitiker aus allen Kontinenten informieren sich an Ort und Stelle über die ökologische Wende im Kleinen. „Wildpoldsried und Sonnen bilden eine Symbiose“, sagt Schröder. Schließlich lautet der Slogan des Unternehmens: „Saubere und bezahlbare Energie für alle“.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 12. April 2018