Maike Carstens von Westhof Bio
Erneuerbare Energien

Erneuerbare Energien

Strom aus eigener Ernte

Überall in Deutschland nutzen Kommunen und Unternehmen erneuerbare Energien. Von den klassischen Energieversorgern werden sie nahezu unabhängig. Zu Besuch bei drei Projekten mit Strahlkraft: Nahwärmenetz in Büsingen, Blockheizkraftwerk bei Westhof Bio, Erdwärme-Nutzung bei Wipotec.

Bene Müller von Solarcomplex
Energieversorger

Zehn Dörfer und Kleinstädte will Bene Müller, Vorstand von Solarcomplex, in den nächsten fünf Jahren mit Wärmenetzen ausstatten.

Sonnenkraft speist Nahwärmenetz in Büsingen

Die Zentralheizung von Büsingen steht auf einer Wiese am Hang oberhalb des Dorfes. Sonnenkollektoren gruppieren sich um einen Betonkubus. Draußen ist es noch kühl, doch die Sonne scheint und deshalb ist es ein guter Tag für Bene Müller. Im Innern des Kubus deutet er auf den Bildschirm des Laptops, mit dem sich die Heizung überwachen lässt. „Da, sehen Sie: 12,6 Grad. Und hier: 77 Grad.”

Müller, Vorstand des Unternehmens Solarcomplex, möchte Kommunen davon überzeugen, sich ein Nahwärmenetz auf Basis regenerativer Energiequellen zuzulegen. Handfeste Argumente liefern Tage wie dieser im März. Während die Sonne die Umgebungstemperatur nur auf 12,6 Grad bringt, erhitzen ihre Strahlen die Vakuumröhren der Sonnenkollektoren so, dass die Wassertemperatur im Speicher der Heizzentrale bei 77 Grad liegt. Genug, um damit im Ort heizen und duschen zu können.

Büsingen liegt am Rhein, zwischen Schaffhausen und dem Bodensee, ist umgeben von der Schweiz und hat 1.300 Einwohner. Die zahlen ihre Rechnungen in Franken, ihre Steuern aber in Euro. Von dem komplizierten Gesetzesgemenge in der deutschen Exklave soll hier nur interessieren, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Büsingen nicht gilt. Als die Gemeinde mit Solarcomplex über den Bau eines Nahwärmenetzes verhandelte, war damit klar: Anders als bei seinen bisherigen Bioenergiedörfern konnte das Singener Unternehmen nicht mit Photovoltaik oder Biogas operieren, weil diese Energiegewinnung in Büsingen nicht staatlich gefördert wird. So entstand die Idee, das Heizwasser für die Büsinger auch von der Sonne erwärmen zu lassen, von der Sonne und einem Hackschnitzelbrenner. In den Sommermonaten, das ist ein Vorteil der Büsinger Variante, reicht die Solarthermie. Der Ofen, der nur mit naturbelassenen Holzresten aus der Region gefüttert wird, steht dann still.

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14 Dörfer und Kleinstädte, zwischen 500 und 5.000 Einwohner groß, haben sich von Solarcomplex bereits Wärmeleitungen legen lassen. In den nächsten fünf Jahren sollen zehn dazukommen, alle aus dem Gebiet rund um den Bodensee. „Wenn ich einmal das Netz habe, kann ich auf jede Technik reagieren”, sagt Müller, „das Netz ist der entscheidende Modernisierungssprung in der Gemeinde.” Ob das Wasser durch Industrieabwärme erhitzt wird oder Windstrom oder Erdwärme oder gar irgendwann einmal von einer Brennstoffzelle, spiele keine Rolle. Dafür müsse man nur die Heizzentrale umbauen, aber nicht das Netz. Müller kommt schnell in den Argumentationsmodus. Er ist debattenerprobt von vielen Bürgerversammlungen. Solarcomplex braucht ja die Zustimmung derer, die von der Umstellung profitieren sollen. Man könnte meinen, Müller sei vom Fach, technisch oder betriebswirtschaftlich. Aber weit gefehlt. Der 51-Jährige hat Geschichte studiert und künstlerisch gearbeitet. Solarcomplex entstand im Jahr 2000 aus den Singener Werkstätten, einem Zusammenschluss kritischer Menschen, die der Meinung waren, den Worten von einer besseren Welt müssten auch mal Taten folgen. Sie verschrieben sich den erneuerbaren Energien. Ein „regeneratives Stadtwerk” nennt Müller sein Unternehmen, dessen Gesellschafterkreis auf mittlerweile mehr als 1.000 angewachsen ist, das 40 Mitarbeiter beschäftigt und seit 2003 jedes Jahr Gewinn gemacht hat.

„Wenn ich einmal das Wärmeleitungsnetz habe, kann ich auf jede Technik reagieren.”

Bene Müller, Vorstand von Solarcomplex

Markus Möll ist Bürgermeister von Büsingen seit 2012, dem Jahr, in dem der Ort sein Nahwärmenetz bekam. Das Projekt sei „eine positive Geschichte”, sagt er. Alle öffentlichen Gebäude hängen am Netz: Rathaus, Schule, Kindergarten, auch das Restaurant und Hotel Alte Rheinmühle, das die Kommune verpachtet hat. Die Neigung der Bürger, ihr Haus anschließen zu lassen, steigt verständlicherweise mit dem Alter der Heizung. Wer gerade erst einen Brenner gekauft hat, wird ihn nicht gleich wieder abbauen. Die meisten angeschlossenen Büsinger, berichtet Möll, zahlen zurzeit weder mehr noch weniger als früher mit ihrer Ölheizung im Keller.

Die Frage, ob sich die Abkehr von den fossilen Brennstoffen rechnet, wird auf Bürgerversammlungen am häufigsten gestellt. „Ökologische Argumente sind nur für 10, 15 Prozent der Bevölkerung maßgeblich”, weiß Müller aus Erfahrung. Für die Wirtschaftlichkeit der Solarcomplex-Investition sorgt ein Darlehen der KfW. 3,75 Millionen Euro hat beispielsweise das Büsinger Projekt gekostet, rund 75 Prozent davon stammen aus dem KfW-Programm „Erneuerbare Energien Premium”. Dessen Vorteil ist der Tilgungszuschuss. Ohne den, sagt Müller, „würde die Finanzierung nicht funktionieren”.

Regenerative Energien im Bio-Gewächshaus

Auch Rainer Carstens, 59, und Paul-Heinrich Dörscher, 49, heizen mit regenerativen Energien. In einem ihrer Gebäude muss es fast das ganze Jahr über mollig warm sein, deshalb haben sie daneben gleich ein Blockheizkraftwerk gebaut. Das Gebäude ist Deutschlands größtes Bio-Gewächshaus. Es steht in Wöhrden im schleswig-holsteinischen Dithmarschen. In dem Landstrich unweit der Nordseeküste bilden Windräder die Skyline, auf den Feldern wächst neben anderen Gemüsesorten Kohl besonders gut und viel. Carstens und Dörscher, Inhaber des Landwirtschaftsbetriebs Westhof Bio, haben aber auch einen neuen Markt im Auge: Biotomaten aus Deutschland. Nach Bioland-Kriterien angebaut, energetisch verantwortungsvoll produziert.

Nach Jahren der Planung wagten sie sich an die Zwölf-Millionen-Investition, weil sie in Edeka eine Lebensmittelkette fanden, die ihnen alle Biotomaten abnahm. Seit 2013 gedeihen die roten Früchte im feuchtwarmen Klima des vier Hektar großen Bio-Treibhauses. 1.300 Tonnen ernteten die Pflücker 2014. Seit 2016 werden auch Biogurken und Biopaprika angebaut.

Alles Bio

Der Gemüsehof Westhof Bio setzt auf regenerative Energien. Impressionen aus der Brutstätte der Tomaten. (KfW Bankengruppe/MEHR+).

„Die Tomate ist eine absolute Lichtpflanze”, sagt Carstens. Er steht in dem grünen Dschungel aus 70.000 Pflanzen, die an kompostierbaren Fäden in die Höhe ranken. Wände und Decke des Gewächshauses, das 255 Meter lang, 155 Meter breit und sieben Meter hoch ist, sind aus besonders lichtdurchlässigem Glas gefertigt. Hier und da stehen Pappkartons, die „Wohnungen” der Hummeln aus Holland, die die gelben Blüten bestäuben. Aus fünf von ihnen werden fünf rote Tomaten à 100 Gramm, immer ein Pfund an einer Rispe. So viel Norm muss auch bei Bioprodukten sein. Anders als in einem konventionellen Gewächshaus, das nach Schätzung von Dörscher einen um ein Drittel höheren Ertrag bringen würde, wachsen die Westhof-Tomaten nicht auf Steinwolle, sondern auf Marschboden. Nach der Ernteperiode, die im März beginnt und im November endet, wird er neu aufbereitet.

Riesige Gewächshäuser gibt es in Deutschland viele, nach ökologischen Kriterien betriebene nur wenige. Das Blockheizkraftwerk auf dem Westhof läuft mit Gas aus der eigenen Biogasanlage. Mit deren Rückständen wird der Boden im Gewächshaus gedüngt, die Anlage liefert zudem den für die Tomatenzucht wichtigen Stickstoff. Mit Regenwasser aus dem Rückhaltebecken neben dem Gewächshaus werden die Tomaten bewässert. Das Projekt finanzierte der Westhof genau wie die Büsinger mit Mitteln aus dem KfW-Programm „Erneuerbare Energien Premium”.

Maike Carstens von Westhof Bio
„Der ökologische Gedanke spielt bei unseren Stammkunden eine große Rolle.”

Maike Carstens, Marketing und Vertrieb Westhof Bio

20 Kilo Tomaten isst jeder Deutsche im Jahresschnitt. Bioware aus Deutschland ist selten und deshalb gefragt. „Der ökologische Gedanke spielt bei unseren Stammkunden eine große Rolle”, sagt Maike Carstens, 31. Wie ihre drei Geschwister arbeitet auch sie im elterlichen Betrieb. Nach einer Ausbildung zur Großhandelskauffrau und einem Betriebswirtschaftsstudium in Kiel und Hamburg ist sie jetzt zuständig für Vertrieb und Marketing. „Für gesunde Ernährung habe ich mich schon immer interessiert”, sagt sie, „das wurde uns in die Wiege gelegt.”

Ihr Vater war einer der Bio-Vorreiter in dieser Gegend. Rainer Carstens stellte den Westhof, den er 1978 von seinem Vater übernommen hatte, 1989 auf biologischen Landbau um. Sein Nachbar Dörscher, dessen Familie seit gut 150 Jahren Landwirtschaft in Dithmarschen betreibt, schaute sich das ein paar Jahre an und dachte zunächst: „Was macht der Rainer da? Ohne Tiere? Der hat ja den ganzen Winter nichts zu tun.” Er selber merkte, dass er Jahr für Jahr mehr spritzte, um die Erträge zu halten. 2002 taten sich Carstens und Dörscher zusammen. Heute haben sie rund 1.000 Hektar unterm Pflug. Westhof Bio ist damit einer der größten Bio-Gemüsebetriebe in Deutschland. Er beschäftigt 110 Mitarbeiter, davon 20 im Gewächshaus, und noch mal so viele Saisonkräfte.

Die KfW fördert

Die vorgestellten Projekte wurden mit Mitteln aus dem KfW-Programm Erneuerbare Energien Premium gefördert.

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Der Ackerbau ist eine zyklische Form des Wirtschaftens, abhängig von den Jahreszeiten. Aber auch energetisch denken Carstens und Dörscher in Kreisläufen. „Energieneutralität” haben sie sich zum Ziel gesetzt. 2014 hat der Westhof zum ersten Mal alle Energien, die er verbraucht, selbst erzeugt. Kleegras aus eigenem Anbau sowie der Abfall aus Feldproduktion und Gemüsefrosterei liefern das Biogas fürs Blockheizkraftwerk. Die Abwärme aus der Frosterei hilft zusätzlich beim Beheizen des Gewächshauses.

Auf dem Trecker sitzen die beiden Agrarstrategen zum eigenen Leidwesen nicht mehr oft. Die Liebe zu Land und Beruf ist geblieben. Das Schönste dabei? „Vielleicht”, sagt Dörscher, „wenn man an einem Frühjahrsabend über die Felder geht und das junge Grün der Möhren in der tiefstehenden Sonne leuchtet.”

Für die Wipotec GmbH ist Geothermie die Energie der Zukunft

Hört man Theo Düppre zu, könnte man zunächst meinen, er sei ein Bruder im Geiste der beiden Landwirte aus Schleswig-Holstein. „Wir wollen keinen Einsatz von fossiler Energie mehr”, sagt der 66 Jahre alte Unternehmer aus Kaiserslautern, und: „Mein Ziel ist es, bei Wärme und Strom autark zu sein.”

Doch den gebürtigen Saarländer Düppre treibt nicht die ökologische Überzeugung. Der Gründer und Geschäftsführer der Wipotec GmbH, ein Waagen-Hersteller auf Weltniveau, sagt: „Mich hat das technologisch Machbare gereizt.” So wie in seinem Unternehmen, das 1988 entstand und heute 700 Mitarbeiter beschäftigt, davon 550 am Stammsitz in Kaiserslautern. Sie stellen Waagen für dynamische Wiegeprozesse her, 2.000 pro Jahr. Diese sorgen dafür, dass der Verbraucher nicht weniger erhält, als auf der Verpackung steht, der Produzent aber auch nichts verschenkt. Wipotec-Waagen wiegen unter anderem in der Lebensmittel-, der Pharma-, der Logistikbranche. In der Stunde zum Beispiel 21.000 Tütensuppen oder 44.400 Kekswaffeln oder 400.000 Medikamentenkapseln. Oder 14.400 Briefe.

„Für mich ist Geothermie die Energiequelle der Zukunft."

Theo Düppre, Gründer und Geschäftsführer der Wipotec GmbH

Theo Düppre von Wipotec
Tüftler

Nicht ökologische Überzeugung treibt Theo Düppre, sondern die Faszination für das technisch Machbare.

Vor elf Jahren hat Düppre, der Ingenieur von Beruf ist und nach wie vor Waagen mitentwickelt, ein neues Betätigungsfeld entdeckt: regenerative Energien. Aber gegen den Trend widmet er sich nicht den oberirdischen Potenzialen wie Sonne oder Wind, sondern geht unter die Erde: „Für mich ist die Geothermie in 1.500, 1.800 Meter Tiefe die Energiequelle der Zukunft.“ Die Variante scheint teuer, doch Düppre hat eine pfälzische Firma engagiert, die auch bei sogenannten mitteltiefen Erdsonden auf einen großen Bohrturm verzichtet und mit einem Lkw als Plattform auskommt. Auf der Suche nach einer Finanzierung ist auch Düppre auf das KfW-Angebot „Erneuerbare Energien Premium“ gestoßen: „Ohne das hätten wir das alles nicht gemacht.“

„Alles“ ist bei Wipotec eine ganze Menge. Neben einer der Werkshallen ist ein Betondeckel im Boden eingelassen. Darunter führt ein Rohr 1.500 Meter tief in den Sandstein. Dort liegt die Temperatur bei 56 Grad. Wasser fließt durch ein Rohr nach unten, wird erhitzt und kommt mit 30 Grad wieder an die Erdoberfläche. Damit lässt sich die Fußbodenheizung betreiben, die in allen Gebäuden – auf insgesamt 18.000 Quadratmetern – verlegt ist.

Quelle
Cover Chancen Wärme

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2015 „Wärme“.

Zur Ausgabe

Die neuesten Werkshallen entsprechen dem Passivhaus-Standard und werden mit LEDs beleuchtet. Strom bezieht Wipotec von einer Photovoltaik-Anlage in der Nähe des Betriebs. Luft, die durch Edelstahlrohre in einem Regenrückhaltebecken geleitet wird, wärmt oder kühlt die Werkshallen, je nach Jahreszeit. Auf den Dächern liefern Sonnenkollektoren warmes Wasser. Und unter den Parkplätzen liegt eine „Naturbatterie“. 300 Bohrsonden führen 25 Meter tief in den Sandstein. Nicht benötigte Energie wird hinabgeleitet und dort gespeichert. Und dann ist da noch das „Schlössl“ im südpfälzischen Oberotterbach. Düppre hat dort das Amtshaus aus dem 18. Jahrhundert restauriert und in ein Restaurant und Hotel verwandelt. Energetisch sind die alten Gemäuer jetzt auf neuestem Stand. Eine Fußbodenheizung sorgt für Wärme – und die kommt selbst hier aus der Erde.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 24. März 2017

Aktualisiert am: Freitag, 10. November 2017