Die beiden Idagio-Gründer
Innovation

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Klassik digital genießen

Bach und Beethoven im digitalen Zeitalter: Der Streamingdienst Idagio liefert klassische Musik per Handy-App. Der Musikfreund kann präzise suchen – etwa nach Dirigent, Werk und Epoche. Es geht aber auch anders: Die Titel können nach der Stimmung des Hörers ausgewählt werden.

Porträtfoto des Idagio-Gründers Till Janczukowicz
Till Janczukowicz

2015 gründete der 50-Jährige gemeinsam mit Christoph Lange die Idagio GmbH. Janczukowicz startete seine Karriere als Pianist und wurde mit Mitte zwanzig Musikmanager.

Hören Sie gerne klassische Musik? Womöglich schon. Denn eine Studie besagt, dass 19 Millionen Deutsche über 14 Jahren gerne Klassik hören. Aber haben Sie große Ahnung von Klassik? Sind Sie ein Experte? Wahrscheinlich eher nicht.

„Die meisten Leute entschuldigen sich dafür, dass sie sich mit klassischer Musik nicht so gut auskennen. Das ist doch interessant“, sagt Till Janczukowicz. „Nehmen wir zum Vergleich ein anderes deutsches Kulturgut: Fußball. Da ist – gefühlt – jeder Experte. Die wenigsten der 80 Millionen potenziellen Bundestrainer würde je sagen: Sorry, ich kenne mich mit Fußball nicht aus.“

Der 50-Jährige hält kurz inne, setzt sich an seinen ovalen Schreibtisch und lehnt sich zurück. Er ist einer der beiden Gründer von Idagio, dem KfW-geförderten Musikstreamingdienst für klassische Musik. Janczukowicz möchte mit seinem Berliner Start-up den Menschen Klassik per App näherbringen.

Der Name „Idagio“ setzt sich aus dem typischen „i“ der Tech-Start-ups und „Adagio“, der musikalischen Tempobezeichnung für „langsam, gemütlich“, zusammen. „Es sollte schlicht klingen und mit Klassik sowie Technologie assoziiert werden“, so Janczukowicz.

Porträtfoto des Idagio-Gründers Christoph Lange
Christoph Lange

Der 33-jährige Idagio-Mitbegründer stellte schon als BWL-Student den Streamingdienst Simfy auf die Beine.

Wer an Start-ups in der Hauptstadt denkt, der denkt an hippe Großraumoffices mit Kickertisch. Doch Idagio ist anders. Alles wirkt hier sehr aufgeräumt. Es ist ruhig, ab und an klingelt ganz unaufdringlich ein Telefon.

Wenn das typische Start-up-Büro ein chaotisches Klassenzimmer ist, wo es laut ist und man Gefahr läuft, jeden Moment von einem Papierflieger getroffen zu werden – dann ist Idagio eher das gediegene Büro des Schuldirektors: Aufwendiger Stuck ziert die Decken, die Türrahmen sind aus massivem Holz, chinesischer Teppich schützt den Parkettboden. Im Foyer liegen Opern- und Kulturmagazine auf dem Tisch.

Till Janczukowicz trägt eine schwarze Hose und ein graues Wollhemd. „Idagio geht sicher nicht als das typische Start-up-Office durch, das stimmt. Aber wir haben Club Mate“, sagt er und deutet mit der Hand in Richtung Büroküche, wo die koffeinhaltige Szene-Brause im Kühlschrank steht. Ein bisschen Start-up-Klischee erfüllt sich also doch.

Zwei Männer sitzen sich an einem Bürotisch gegenüber und arbeiten an ihren Rechnern
Fast schon gediegen

Bei Idagio im Büro sucht man vergeblich nach dem Kickertisch. Das Berliner Start-up geht Wege jenseits der Klischees – nicht nur mit seinem Streaming-Angebot.

Janczukowicz hat, was klassische Musik betrifft, langjährige Erfahrung. Von Haus aus ist er Pianist. Mit Mitte zwanzig hat er angefangen, als Musikmanager Konzerte zu veranstalten, und 1996 ist Janczukowicz zu Columbia Artists Management gegangen, der weltweit größten und wichtigsten Agentur für Klassik mit Sitz in New York.

Für diese Agentur hat der Aachener im Jahr 2000 die Berliner Niederlassung eröffnet. Über viele Jahre hat er die Karrieren von Dirigenten und Instrumentalisten aufgebaut, hat sich um Konzerte, Aufnahmen und Pressearbeit gekümmert. Er weiß, wie Klassik weltweit funktioniert.

„Klassische Musik ist wahrscheinlich die universellste Chiffre der Welt. Man muss Klassik nicht übersetzen. Man kann in Berlin auf einen Knopf drücken, und in China und am Nordpol versteht man die Musik gleichermaßen.“

Firmengeschichte
Logo und Claim der IDAGIO GmbH

- gegründet 2015

- Firmensitz: Berlin

- Teamgröße: 24 Mitarbeiter

- Dienstleistung: Streaming-App für klassische Musik

- Lizenzabrechnungssystem: nach tatsächlich gehörten Sekunden („Fair-Trade-Streaming”)

- Für wen: 25.000 registrierte Nutzer in 72 Ländern

- Angebotsumfang: rund 26.300 Stunden klassische Musik

Mehr über Idagio

Dieser Knopf ist seit 2015 Idagio. Till Janczukowicz hat das Start-up vor zwei Jahren mit Christoph Lange gegründet. Lange hat schon während seines Studiums sein erstes Unternehmen auf die Beine gestellt: Mit 22 Jahren gründete der damalige BWL-Student den Musikstreamingdienst Simfy, der zum größten deutschen Wettbewerber Spotifys wurde.

Janczukowicz und Lange sind das ideale Team für einen Klassik-Streamingdienst. „Christoph und ich sind sehr komplementär und mittlerweile auch richtig gute Freunde“, sagt Janczukowicz über seinen Mitgründer, der nach dem Aus von Simfy eigentlich nichts mehr mit der Musikindustrie zu tun haben wollte. Ein Freund von Janczukowicz brachte die beiden dann zusammen, sie trafen sich, und nach einer Stunde war klar, dass sie etwas zusammen auf die Beine stellen wollten.

„Der ursprüngliche Plan war es, schlicht die gesamte gemeinfreie Klassik auf eine Plattform zu bringen und weltweit zugänglich zu machen. Erst später entstand die Idee, einen kompletten Streamingdienst für klassische Musik zu gründen“ – und Idagio war geboren.

Die Streaming-Plattform wurde während der Salzburger Festspiele gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern gelauncht. Heute arbeiten 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Idagio. Fast alle im Team haben einen Bezug zur klassischen Musik.

Der Discover-Modus von Idagio auf einem Handy
Die Struktur

Herkömmliche Streamingdienste unterscheiden nach Titel, Album und Künstler. Für klassische Musik ist diese Einteilung unzureichend. Idagio entwickelte ein neues Konzept, sortiert nach Komponist, Interpret, Werk, Epoche und Instrument.

Der 33-jährige Christoph Lange bringt bei Idagio das technische und betriebswirtschaftliche Wissen mit, verantwortet die Produktentwicklung. Die große Herausforderung bestand für ihn darin, sich mit aktueller Technologie der Zukunft der klassischen Musik zu widmen.

Denn von Struktur und Wesen her unterscheidet sich Klassik deutlich von übrigen Musik-Genres, wie Janczukowicz verdeutlicht: „Wir haben gemerkt, dass Klassik auf den herkömmlichen Streamingdiensten nicht adäquat funktioniert. Dort gibt es nur die strukturelle Unterscheidung zwischen Titel, Album und Künstler. Doch wenn ein Dirigent Beethovens 9. Symphonie dirigiert – wer ist dann der Künstler: Der der Dirigent? Beethoven? Das Orchester? Einer der vier Sänger? Irgendjemand bleibt immer auf der Strecke!“

Bei Idagio bekommt man kuratierte Ergebnisse, die präzise nach Komponist, Interpret, Werk, Instrument und Epoche sortiert sind. Dafür musste aber erst eine technologische Grundlage geschaffen werden. Und es brauchte Geld.

„Viele Investoren fanden die Idee spannend. Außerdem haben sie gesagt: Ein Klassik-Start-up muss aus Berlin kommen. Wenn das aus Shanghai oder dem SiliconValley käme, wäre das nicht glaubwürdig. Denn Berlin ist sowohl Start-up- als auch Klassik-Metropole“, sagt Janczukowicz.

Die KfW fördert

Zukunftsweisende Vorhaben und innovative Unternehmen fördert die KfW mit dem ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit (380)

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Die KfW hält aktuell etwa acht Prozent der Unternehmensanteile von Idagio: „Wir haben uns mit Risikokapital beteiligt, wie es bei jungen, innovativen Unternehmen ohne Sicherheiten üblich ist“, erklärt Michael Kesper, Senior Investment-Manager bei der KfW. „Für uns waren sowohl das innovative Geschäftsmodell, als auch die Technologie von Idagio sehr interessant. Durch die Digitalisierung verändert sich die Musikwelt, immer mehr Menschen nutzen Streamingdienste – und warum sollte das nicht auch für Klassik funktionieren? Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich Idagio am Markt durchsetzen wird.“

Der Austausch mit der KfW war laut Gründer Till Janczukowicz wunderbar und unkompliziert. „Ich bin glücklich, dass die klassische Musik, die weltweit als deutsches Kulturgut wahrgenommen wird, auch von deutschen Investoren gefördert wird.“. Es investierten noch andere namhafte Geldgeber: Macquarie Capital, einer der führenden australischen Venture-Capital-Investoren, und Brain-to-Ventures (b-to-v), das führende Netzwerk von Entrepreneuren in Europa. Über b-to-v kam auch der Kontakt zur KfW zustande.

Mittlerweile hat Idagio durch organisches Wachstum 25.000 registrierte Nutzer in 72 Ländern aufgebaut. „Etwa drei Jahre am Stück“ könne man bei Idagio Musik hören, ohne dass sich ein Werk wiederholt. Aktuell kommen etwa 3.000 neue Aufnahmen pro Woche neu hinzu.

Handy-Display, auf dem die Stimmungsfunktion von Idagio zu sehen ist
In Stimmung

Erregt, melancholisch, zärtlich, wütend, leidenschaftlich, meditativ: Das ist nur eine kleine Auswahl der Stimmungen, aus denen der Idagio-Nutzer wählen kann. Das geht natürlich nicht nur auf dem Handy, sondern auch auf dem Tablet, Notebook oder PC.

Für Labels und Rechteinhaber ist Idagio besonders attraktiv. „Weil wir ein Lizenzabrechnungssystem für Klassik entwickelt haben. Bei herkömmlichen Diensten passt das nicht: Ein Popsong dauert drei Minuten. Wagners Ring aber über 300 Minuten. Wenn ich normal abrechne, macht’s nach ein paar Sekunden ‚Klick‘, und ein Track gilt als gespielt. Ob danach noch zwei oder 200 Minuten kommen, spielt keine Rolle.“

Die Höhe der Lizenzabgaben wird bei Idagio nach tatsächlich gehörten Sekunden ermittelt. Das ermöglicht Musikern, Veranstaltern, Künstlermanagements und Labels eine gerechte Teilhabe. „Der Vorstand der Wiener Philharmoniker nannte das in einem Interview mit dem Magazin ‚Der Spiegel‘ Fair-Trade-Streaming“, sagt Till Janczukowicz.

Idagio liefert Musik per Handy-App in die Hosentasche. „Wir bringen die Klassik im digitalen Zeitalter so nah wie möglich zu den Menschen. Näher als über das Smartphone komme ich nicht an die Nutzer heran“, weiß Till Janczukowicz. Wenn es nach ihm geht, dann ist es in der heutigen schnelllebigen Zeit fast schon eine Notwendigkeit, Klassik zu hören: „Sie ändert unseren Aggregatzustand. Sie macht glücklich, traurig, beruhigt. Sie hilft uns, innezuhalten und mal kurz abzuschalten, vernünftiger zu atmen, loszulassen.“

Till Janczukowicz sitzt an seinem Schreibtisch in seinem Büro
„Man muss Klassik nicht übersetzen. In China und am Nordpol versteht man die Musik gleichermaßen.“

Till Janczukowicz

Hörprobe

So klingen bei Idagio die Wiener Philharmoniker mit Offenbachs berühmter Barkarole „Schöne Nacht, du Liebesnacht” (KfW Bankengruppe/Idagio).

Auf die Frage, ob alteingesessene Klassik-Liebhaber nicht eher ihrer Schallplattensammlung als einem Streamingdienst vertrauen, antwortet Till Janczukowicz mit einem Beispiel aus der Zeitungsbranche: „If you want to save the newspaper business, remove the word paper. Es geht um die Musik, nicht um das Auslieferungsformat.“

Die Idagio-App ist leicht verständlich, gut strukturiert und hat ein ansprechendes Design. Über die Mood-Funktion kann man je nach Gefühlslage aus 16 Stimmungen wählen. Und das Beste daran ist: „Man muss nicht einmal wissen, was eine Ouvertüre ist, wer Beethoven war, wann er seine Neunte schrieb.“

Sie müssen gar keine Ahnung von Klassik haben. Und Sie müssen sich nicht einmal dafür entschuldigen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 31. März 2017