Blick vom kleinen Innenhof auf das prämierte Gebäude
Bauen

Bauen

Licht im Hinterhof

Ein versteckter Gewerbebau im Inneren eines Häuserblocks wurde in ein luftiges Wohnhaus verwandelt. Jetzt bieten dort zwei individuell gestaltete Wohnungen den Luxus von Freiraum mitten in Stuttgarts beliebter Südstadt – Platz drei beim KfW Award Bauen 2017.

Raus aus dem Schattendasein

Wie das Architekten-Paar Tina und Daniel Seiberts Licht und Leben in das Stuttgarter Hinterhaus brachten (KfW Bankengruppe/n-tv).

Stuttgart gilt gemeinhin als ziemlich modern und aufgeräumt. Altertümliche Hinterhof-Nischen, die für ungewöhnliche Wohnidyllen taugen, vermutet man hier eher nicht. Doch Tina und Daniel Seiberts haben genau das gefunden. Nur ein paar hundert Meter von der City leben sie jetzt in einem früheren Gewerbe-Hinterhaus. Es bietet Enge und viel Platz, wenig Sonne und Helligkeit, dichteste Nachbarschaft und ungestörte Intimität.

Der L-förmige Bau, der zusammen mit Vorderhaus und Nachbarmauer einen kaum 30 Quadratmeter großen Hof begrenzt, hat schon einiges hinter sich: den Aufbau in der Gründerzeit, Kriegsbeschädigung und Reparatur. Den Betrieb einer weißen Wäscherei, einer schwarzen Druckerei und schließlich eines schimmernden Sanitärhändlers. Dann aber entstanden im Vorderhaus Eigentumswohnungen.

Hinten war Gewerbe fortan unerwünscht, also wurden Selbst-Ausbauer zum Wohnen gesucht, was aber sogar in Stuttgart nicht leicht war. Tina Seiberts: „Um das als Wohnraum zu sehen, brauchte man schon viel Vorstellungskraft.“ Davon hatte das junge Architektenpaar mehr als Geld. Die beiden verhandelten ein halbes Jahr, bis der Rohbau für sie erschwinglich wurde.

Die KfW fördert

Die Bauarbeiten in der Tübinger Straße 85 in Stuttgart wurden mit Mitteln zur Förderung von Bestandsimmobilien finanziert.

Mehr erfahren

Seine Verwandlung brachte Überraschungen jeder Art. Solide wirkende Bims-Leichtbetonwände „lösten sich beim Dagegenklopfen in Staub auf“. Der Abriss einer harmlos wirkenden Toilettentrennwand beschäftigte dagegen drei Männer einen Tag lang. Denn sie war, warum auch immer, aus 36 Zentimeter starken Blöcken gemauert. Auch die stark ergrauten Außenwände kauften die beiden quasi blind; nach dem Erwerb sagte Daniel Seiberts: „Wir machen jetzt mal ein Experiment, schlagen den Putz ab und gucken, was dahinter ist.“

Wand mit Fenster, die Küche von Wohnraum trennt
Sichtbar

Die Wand mit Fenster trennte früher Büro und Werkstatt, jetzt schaut man von der Küche ins Wohnzimmer durch.

Es waren Ziegel und lange Fensterstürze, wie erwartet, aber mal aus Naturstein und mal aus Beton, mal aus der Kaiser- und mal aus der Nachkriegszeit.

All diese Spuren haben die beiden bewahrt, aber die Fassade hell geschlämmt, um Düsternis im kleinen Hof zu vermeiden. Drinnen führt die Treppe mit originalen Terrazzo-Stufen und dünnem Metallgeländer aufwärts, wo aus der Wand Rohreinlässe ragen. Die Holz- und Glastrennung zwischen dem einstigen Produktionsraum und dem Büro-Kabäuschen separiert heute Wohnraum und Küche – deren Lärm und Gerüche, aber nicht den Durchblick.

Die Seiberts halten sich meist in der oberen Etage auf, wo bodentiefe, dreifach verglaste französische Fenster vergessen lassen, dass man sich inmitten eines dichten Altbaublocks befindet. Von hier geht der Blick zwischen einer ganzen Reihe von Vorderhäusern links und Hintergebäuden rechts hindurch, trifft auf Bäume im Hof und führt in die Weite, wo man zuerst nur Enge vermutet hat. Und weil keine Wohnungen direkt gegenüber sind, sondern nur seitwärts, guckt keiner der vielen nahen Nachbarn direkt in Seiberts' Fenster.

Lesen Sie unter der Bildergalerie weiter.

Preisverleihung 2017

Eindrücke von dem Gala-Abend in Berlin, auf dem die KfW Awards Bauen 2017 vor prominenten Gästen verliehen wurden (KfW Bankengruppe/n-tv).

Im Erdgeschoss ist neben ihrem Arbeitsraum eine kleine Mietwohnung mit Rigipswänden abgeteilt, die sich problemlos entfernen oder verschieben lassen. Davor ist der Hof veredelt mit kleinen Beeten und dazwischen einer opulenten Holzterrasse. Ein pfiffig geschaffener Freiraum-Luxus mitten in der Stuttgarter Innenstadt.

Quelle
Cover des Print-Magazins BAUEN & WOHNEN 2017

Das Preisträger-Porträt ist erschienen in bauen + wohnen 2017.

Zur Ausgabe

Das Projekt in Stichworten

Projekt: Einbau zweier Wohnungen in ein bisheriges Gewerbe-Hinterhaus
Lage: Tübinger Str. 85, Stuttgart-Süd
Baujahr: Gebäude ca. 1900, Ausbau 2013–2016
Bauherren: Daniel und Tina Seiberts
Architektin: Tina Seiberts
Energieberater: Gutbrod Bau Physik GmbH

Fläche: 190 Quadratmeter Grundstück
Wohnfläche: 160 Quadratmeter in zwei Wohnungen, zum Teil variabel der einen oder anderen Wohnung zuzuschlagen
Baukosten/Quadratmeter: ca. 1.250 Euro

Qualitäten für die Bewohner: Zentrales, unabhängiges Wohnen in urbaner und individueller Atmosphäre
Qualitäten für die Gesellschaft: Schaffung von innerstädtischem Wohnraum im Bestand

Energiesparen: Dämmung von Wänden, Dach und Boden, neue Fenster, Brennwertkessel, Solarthermie
Barrierearmut: Schwellenlose Bäder
KfW-Förderung: Programm 151 „Energieeffizient Sanieren“
KfW-Standard: KfW-Effizienzhaus 100

Veröffentlicht auf KfW Stories am: Dienstag, 23. Mai 2017