Mehrfamilienhaus in der Dennewitzstraße in Berlin gewinnt Award Bauen und Wohnen
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Auf die Spitze getrieben

Die Erbauer des schimmernden Neubaus an der Berliner Pohlstraße haben auf einer Brache mit viel Mut und Fantasie einen lebenswerten Ort geschaffen. Das Mehrfamilienhaus belegt den ersten Platz beim KfW Award Bauen und Wohnen 2016.

Ein irrwitziger Berliner Ort: Hier rattert die Hochbahn – die legendäre Linie 1, besungen im gleichnamigen Musical des Berliner Grips-Theaters – auf einer langen Stahlbrücke über einen Park. In einem Torbau verschwindet sie in Höhe des dritten Stocks, überquert in einer gedeckten Brücke eine Straße, rollt dann mitten durch ein Wohnhaus und sinkt im Hinterhof in einem oberirdischen, aber vollständig zugebauten Tunnel langsam in die Erde wie eine sich eingrabende Schlange.

So sehen Sieger aus

Einst Brachfläche, heute schickes Mehrfamilienhaus. Bauherren und Architekten erzählen, wie Idee und Bau entstanden sind (KfW Bankengrupp/n-tv).

Nebenan, an der Pohlstraße, steht ein Haus, das unter den vielen eigenwilligen Neubauten der Stadt eines der ausgefallensten ist: ein 80 Meter langer Riegel, der an einem Ende schiffsähnlich spitz zuläuft. An der Fassade schimmern 800 gold-beige lackierte Gitterroste in der Sonne. Mutig wagt es sich bis auf 15 Meter an die Bahnschlange heran. Geschaffen hat sich dieses Haus eine Gemeinschaft, die typisch für das kreative, aufstrebende Berlin ist. Künstler, Designer und Architekten gehören dazu, außerdem ein Richter und eine Diplomatin. Eine ältere Bewohnerin hat gerade auf dem Dach ihren 70. Geburtstag gefeiert, der jüngste ist im April geboren. Sie kommen aus Holland, der Türkei, Italien und Japan, aus Berlin-Tiergarten und vielen anderen Gegenden.

Zusammen kauften sie das lang gestreckte Grundstück am Hochbahntunnel, das mehr als 50 Jahre lang brachgelegen und an das sich kein Bauträger herangetraut hatte. Denn es ist schmal und wegen der vorbeifahrenden Züge starker Lärmbelastung ausgesetzt. 2009 konnte man so ein Grundstück noch günstig bekommen – obwohl der Potsdamer Platz zu Fuß erreichbar ist. Zwar zeigten vierzehn Architekturbüros Interesse, elf von ihnen gaben nach einer Besichtigung aber auf.

Mehrfamilienhaus in der Dennewitzstraße mit geschickter Raumaufteilung
Entspannt

Unterschiedliche Raumhöhen und bodenhohe Fenster sorgen für Wohnqualität.

Die Architekten Christoph Roedig und Ulrich Schop blieben aber dran. Die beiden hatten Erfahrung mit solchen Lagen: Am Prenzlauer Berg haben sie ein Baugruppenhaus entworfen, das direkt auf eine heftig befahrene S-Bahn-Strecke guckt. „Trainspotter“ nannten sie es – eine Heimstatt für Bahnliebhaber. Die Brache an der Pohlstraße interessierte sie zuerst nur als architektonische Herausforderung. Damals ahnten sie noch nicht, dass sie ein paar Jahre später selbst hier einziehen würden.

Krach machen wie die Bahn können wir auch

Das von ihnen dann gemeinsam mit den Büros DMSW sowie sieglundalbert geplante Projekt sprach sich herum. Einige Interessenten hatten zwar Bedenken; die Architekten konnten diese aber ausräumen: Nein, das Haus wackelt nicht dauernd wegen der Züge, weil es mit einer Stahlkonstruktion abgepuffert wird. Nein, man wird auch nicht von lauter kahlen Flächen umgeben sein, weil gegenüber ein Dutzend Häuser entstehen und der alte Güterbahnhof zum Park wird. Und auch die Sonne scheint auf das Haus über die niedrig bebauten Flächen hinweg. Und was ist mit dem Bahnlärm? Zusätzlich zum geplanten Einbau der dreifach verglasten Fenster gab Ulrich Schop die heitere Parole aus: „Die U-Bahn kann zwar Krach machen. Aber das können wir auch.“

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Preisgekröntes Mehrfamilienhaus in Berlin
Gartenblick

Zwischen Haus und überdachter Bahnstrecke liegen Gemeinschaftsgrün und Fahrradschuppen.

Von den Goldgittern abgesehen, ist am Haus nichts opulent. In den Treppenhäusern schaut man auf rauen Sichtbeton, in manchen Wohnungen auch. Die Erbauer hatten sich auf das Konzept eines „veredelten Rohbaus“ geeinigt: nackte Räume, die sie nach Belieben und auf eigene Kosten ausbauen und füllen könnten. Auch die Aufteilung war ziemlich frei. Nur wenige Stützwände führen durchs Haus; auf den großen Flächen dazwischen kann jeder Wände ziehen, wie er will. Im Flur von Roedig und Schop zum Beispiel findet eine Tischtennisplatte Platz.

Verbreitet ist die sogenannte Insel in der Wohnungsmitte, ein langer Block mit Küche, Bad und deckenhohen Schränken, um den Kinder mit Begeisterung herumlaufen. Hier wurden wahre Alleskönner unter den Raummöbeln hergezaubert. Bei Familie Yikici hängt auf der einen Seite der Insel der Riesenbildschirm, im Inneren verschwinden Schiebetüren, die ab und an zum Abtrennen des Gästezimmers gebraucht werden. Und aus der Mitte klappt ein Bett heraus.

Besonders faszinierend sind die Räume an der Hausspitze: Sie haben Fenster auf drei Seiten: In den unteren Etagen scheint die Hochbahn auf die Wohnung zuzurollen, oben reicht der Blick weit bis auf die Kuppe des Kreuzbergs. Unten im Gärtchen wachsen holländische Tulpen und Bohnen, deren Mutterpflanze einst Ulrich Schops Großmutter züchtete. Es gibt reichlich Fahrradschuppen und -ständer, aber keine Tiefgarage: Auch gut verdienende Innenstadt-Berliner finden Autos überflüssig. Unter dem Dach befinden sich keine Penthouse-Wohnungen, sondern ist eine Gemeinschaftsfläche, so groß, dass an einem Hausende eine Party gefeiert werden kann und an dem anderen Romantiker in Ruhe den Sonnenuntergang genießen können.

Quelle
Cover Bauen und Wohnen 2016

Dieser Artikel ist erschienen in bauen + wohnen 2016.

Zur Ausgabe

Das Projekt in Stichworten

Projekt: 39 Wohnungen in einem dreiteiligen Neubau
Lage:
Berlin-Tiergarten, an einem oberirdischen Hochbahntunnel und nahe dem Park am Gleisdreieck
Baujahr: 2013
Bauherren: Gemeinschaft von 39 Personen, Paaren und Familien
Architekten: roedig.schop, DMSW, sieglundalbert, alle Berlin

Fläche: 2.275 Quadratmeter
Grundstück: 4.447 Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche
Gesamtkosten/Quadratmeter: 2.078 Euro („veredelter Rohbau“)

Qualitäten für die Bewohner: Wohnen am Park mit guter City-Anbindung; grüner Hof, gemeinsame Dachterrasse
Qualitäten für die Gesellschaft: Wohnungen auf einem schwierigen Grundstück, doch in begehrter Innenstadtlage nahe Park und City. Ambitionierte Architektur
Energiesparen: Fernwärme, Dämmung, Lüftungsanlage
Barrierearmut: Aufzüge, Vermeidung von Schwellen, barrierearme Türen und Sanitärbereiche
KfW-Standard: KfW 85

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 7. April 2017