Jacqueline Grundner und ihr Start-up 1001 Plateaus
Menschen

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Diese Frau macht Menschen Mut

Selbsthilfegruppen und Öffentlichkeitsarbeit für geschlechtliche Vielfalt: Mit ihrem Start-up tausendundein plateau will Jacqueline Grundner Menschen zur Seite stehen, die sich fremd im eigenen Körper fühlen.

Jacqueline Grundner verwandelt mit Make-up eine Frau in einen Mann
Lebenshilfe

Der Schminkstand an öffentlichen Plätzen gehört genauso zu Jacqueline Grundners Hilfsangeboten wie individuelle psychosoziale Beratung.

Wenn Jacqueline Grundner ihren Rock gegen eine Hose tauscht, die Brust abgebunden ist und ein bunter Bart ihr Gesicht bedeckt, schauen die Menschen genauer hin. Wird Jacqueline zu Jack, sorgt das für Irritation. Wie diesen Sommer beim Kulturfest in Essen, als Grundner an ihrem Drag-King-Stand mit Pinsel und Make-up Besucherinnen in Männer verwandelt. Grundner will für Vielgeschlechtlichkeit sensibilisieren. Und nicht nur das: Sie will Betroffenen helfen und psychosoziale Angebote für Menschen mit trans- und intergeschlechtlichem oder queerem Lebenshintergrund schaffen. Dafür hat sie sich von ihrem sicheren Job verabschiedet und sich in das Abenteuer ihres Social-Start-ups gestürzt.

Die 30-Jährige spielt mit ihren Identitäten; mag es, nicht ganz eindeutig zu sein. Geschlecht ist für sie zum größten Teil ein gesellschaftliches Konstrukt, das sich zu hinterfragen lohnt. „Mich als Mann in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist vielleicht mit einer gewissen Überwindung verbunden, es ist aber auch ein Akt der Befreiung von vorherrschenden gesellschaftlichen Normen. Trans zu sein ist hingegen nichts, für das mensch sich entscheidet; es ist ein bedeutender Teil der Identität, dessen Unterdrückung ein Eingriff in die Selbstbestimmung ist“, so Grundner.

Jacqueline Grundner und ihr Start-up 1001 Plateaus
Transformation

An ihrem Drag-King-Stand verwandelt Jacqueline Grundner mit Kunstbart, Pinsel und Make-up Frauen in Männer.

Die Hilfen, die Grundner anbieten will, reichen von der Moderation von Selbsthilfegruppen über Begleitung im Alltag bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Vielfalt ist ein großes Thema in Grundners Leben, die sich selbst als queer versteht. Die Arbeit mit psychisch kranken Menschen ebenso: „Ich weiß, dass es einen großen ungedeckten Hilfebedarf bei meiner Zielgruppe gibt und dass die Gesellschaft immer noch starken Druck auf uneindeutige Identitäten ausübt. Für transgeschlechtliche, intersexuelle oder queere Menschen begünstigt dies die Entwicklung psychischer Erkrankungen.“

Neben der Arbeit mit den Betroffenen will die Unternehmerin auch für gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen und der Diskriminierung Betroffener entgegenwirken: „Ich möchte unsere Gesellschaft ein bisschen offener, bunter und vielfältiger gestalten.“

Vor einem Jahr hat sich die Sozialarbeiterin mit ihrer Geschäftsidee unter dem Namen tausendundein plateau für das Stipendium am Social Impact Lab beworben. Das Lab ist eine gemeinsame Initiative der KfW Stiftung mit der Prof. Otto Beisheim Stiftung, Franz Haniel & Cie. GmbH und Social Impact gGmbH und will Menschen fördern, die mit sozial-innovativen Ideen die Welt verändern wollen. Diese Social Entrepreneurs erhalten professionelle Unterstützung bei ihrer Unternehmensgründung, inklusive Arbeitsplätzen im Co-working Space in Duisburg.

Jacqueline Grundner im Gespräch, zuhörend
Unerschrocken

Jacqueline Grundner hat tausendundein plateau gegründet, damit Deutschland vielfältiger wird.

„Tausendundein plateau ist ein ganz hervorragendes Beispiel für ein Social Start-up, denn es adressiert ein enorm wichtiges Thema“, sagt Martina Köchling, Programmdirektorin der KfW Stiftung. „Jacqueline Grundner bietet erstmals soziale Dienstleistungen für Menschen an, deren Geschlechteridentität, sexuellen und romantischen Präferenzen von der Norm abweichen. Betroffene und Wohlfahrtsverbände warten nur darauf, dass sie endlich mit ihrer Einrichtung loslegen kann.“

Für Grundner ist das Lab ein Ort der Unterstützung und des Austausches. Seit Januar besucht sie dort Workshops, schreibt Businesspläne und Konzepte und liest sich in Vorgaben und Gesetzestexte ein. Die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses hat ihr nie besonders imponiert. „Ich bin kein Sensations-Seeker, der den ständigen Adrenalinrausch braucht“, sagt sie, „aber ich habe schon eine gewisse Unerschrockenheit.“

Ihr Start-up war für Jacqueline Grundner daher nur konsequent. Zudem ist es ihr wichtig, dass die Betroffenen die Hilfen nicht selbst bezahlen müssen, sondern die Kosten im Rahmen der staatlichen Leistungen zur Teilhabe übernommen werden. Um das zu ermöglichen, nimmt sie den immensen Verwaltungsaufwand in Kauf und beantragt die Zulassung beim Landschaftsverband Rheinland, um als freier gemeinnütziger Anbieter der Eingliederungshilfe arbeiten zu dürfen.

Jacqueline Grundner
„Die Gesellschaft übt immer noch starken Druck auf uneindeutige Identitäten aus.“

Jacqueline Grundner, tausendundein plateau

Über Workshops ist Grundner selbst mit dem Thema Drag-Kinging, also das spielerische Wechseln vom Weiblichen zum Männlichen, in Berührung gekommen. Sie hat offene Trans-Cafés und queere Gruppenangebote geleitet und sich selbst ein Jahr lang als Jack in der Öffentlichkeit gezeigt. Ihre Abschlussarbeit an der Hochschule Osnabrück hat sie über die Konstruktion von Geschlecht als Herausforderung für die soziale Arbeit geschrieben.

Nach ihrem Bachelor hat die Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe und im Bereich der sozialpsychiatrischen Hilfen gearbeitet und festgestellt, dass etliche ihrer Klienten einen queeren Lebenshintergrund haben, ein spezielles Angebot für diese Menschen aber bislang fehlte. Hier setzt Grundner nun mit ihrem Projekt an.

Quelle
Cover CHANCEN 2017

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2017 „Mut“.

Zur Ausgabe

Der Name tausendundein plateau geht zurück auf das abstrakt-theoretische Werk „Mille Plateaux“ des Philosophen Gilles Deleuze und des Psychoanalytikers Félix Guattari – für einige die heimlichen Begründer der Queer-Theorie.

Bis die Unternehmerin die ersten Klienten ganz offiziell begleiten kann, will sie die Zeit nicht nur am Schreibtisch verbringen. Dann tauscht sie den Stift gegen einen Pinsel, steht vor ihrer Kundin wie ein Maler vor der Leinwand und bringt mit lockerem Schwung die dunklen Pigmente auf die Augenbrauen. Sie liebt es, an ihrem Drag-King-Stand die Übergänge von Frau zu Mann sichtbar zu machen. Eine Chance auch für nicht queere Menschen, die eigene Rolle zu hinterfragen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 27. November 2017