Dachterrasse des Sharehaus Refugio iin Berlin
Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Integration von Geflüchteten

Hunderttausende Geflüchtete sind in Deutschland eingetroffen. Nun steht die Gesellschaft hierzulande vor der Aufgabe, die Neuankömmlinge bei der Integration zu unterstützen. Fünf Projekte zeigen, wie das funktionieren kann.

Sharehaus Refugio, Berlin

Den Gemeinschaftsraum im fünften Stock haben die Geflüchteten selbst eingerichtet. Mit Teppichen und Kissen ausgelegt, ist er zum ‚Oriental Tearoom‘ geworden und verbindet mit der verlassenen Heimat. An der Wand stehen die Worte ‚Liebe‘ und ‚Vertrauen‘– in arabischer Schrift. Hinter einer Glasfront liegt die begrünte Dachterrasse. Von hier aus haben die Geflüchteten einen Überblick über ihren neuen Lebensmittelpunkt: Berlin. Genauer gesagt: Neukölln.

„Erst dachte ich, das ist nur ein Platz zum Wohnen“, sagt Ibrahim Agha Eyad, „aber es ist ein komplett neuer Lifestyle.“ Der 29 Jahre alte Syrer, der vor zwei Jahren nach Deutschland kam, gehört zu den Erstbeziehern des Sharehaus Refugio, das die Berliner Stadtmission seit Mitte 2015 in Neukölln betreibt. Knapp 40 Menschen wohnen in dem Gebäude, davon sind aktuell 60 Prozent Geflüchtete. Wer hier einzieht, muss bereit sein, „in Gemeinschaft zu leben und sich in die Gemeinschaft einzubringen“, sagt Elke Naters. Gemeinsam mit ihrem Mann Sven Lager leitet die 53-Jährige das Sharehaus Refugio.

Viele Geflüchtete sehnen sich nach Wochen und Monaten in Übergangsunterkünften mit Gemeinschaftsbädern nach einer eigenen Bleibe mit ein bisschen Privatsphäre. Die hat man im Sharehaus. Gleichzeitig könne man hier leicht Kontakte knüpfen, sagt Eyad.

Wie weitere 13 Projekte in Deutschland erhielt das Sharehaus von der KfW Stiftung und von Social Impact, einer Agentur für soziales Unternehmertum, ein achtmonatiges Stipendium in Form eines umfangreichen Qualifizierungsprogramms. Außerdem wurde das Sharehaus mit einem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet, der mit 10.000 Euro dotiert war. Das Programm trägt den Titel Ankommer. Perspektive Deutschland und steht unter der Schirmherrschaft des Bundesministers für Wirtschaft und Energie.

Ziel ist es, die Gründung von sozial orientierten Unternehmen anzuregen, die beispielhaft für die ökonomische Integration von Geflüchteten sind. Geflüchtete integrieren – das gelingt am besten auf lokaler Ebene. Das „Ankommer“-Programm fördert örtliche Projekte auch mit dem Ziel, sie andernorts in der Republik zu Vorbildern zu machen.

Oriental Tearoom des Sharehaus Refugio
Ein Stück Heimat

Den Oriental Tearoom im Sharehaus Refugio haben die Bewohner selbst eingerichtet. Leiterin Elke Naters (Mitte) hat schon Sharehäuser in Südafrika und an anderer Stelle in Berlin entwickelt.

Im Sharehaus wohnen Menschen wie der Wirtschaftsinformatiker Eyad, der an der TU Berlin einen Masterstudiengang beginnt. Oder Ajmal Ibrahimi, 21, aus Afghanistan, der im Sharehaus Deutsch gelernt hat, in einer Notunterkunft als Dolmetscher aushilft und sonntags bei den Fußballern der Sportfreunde Berlin 06 Verteidiger spielt. Oder Mohammad Al Ghamian, 34, aus Damaskus. Der ehemalige UN-Mitarbeiter hat zusammen mit seiner Frau, einer Rundfunkmoderatorin, und weiteren sechs Mitstreitern den Caterer „Levante Gourmet“ ins Leben gerufen. Spezialität: syrische Speisen.

Gerade für die Geflüchtete ist das Sharehaus ein Markt der Möglichkeiten. Sein „Herz“, sagt Leiterin Naters, sei das öffentliche Café im Erdgeschoss, das von Hausbewohnern und Ehrenamtlichen betrieben wird. Im Saal daneben finden Deutsch- und Yogakurse statt. Die Kiron University, eine Onlinehochschule, hält hier Seminare ab, alle paar Wochen geben die Geflüchteten ein Fest mit Essen und Tanz. Einige Räume des großen Hauses sind an Initiativen vermietet, die ebenfalls mit Geflüchteten arbeiten. Das Sharehaus Refugio soll sich nach den Worten von Naters durch die Einnahmen aus Vermietungen und dem Cafébetrieb selbst tragen.

Für Eyad, Ibrahimi und Al Ghamian wird die Zeit im Sharehaus zum Jahresende vorbei sein. Bis zu 18 Monate kann ein Geflüchteter hier wohnen, dann gibt er seinen Platz an den nächsten weiter. Naters und Lager haben schon in Südafrika und an anderer Stelle in Berlin Sharehäuser entwickelt. Für die schnelle Integration von Geflüchteten sei das „Konzept des gemischten Wohnens und Arbeitens“ eine „gelungene Lösung“, sagt Naters.

dokART, Neubrandenburg

Neukölln hat einen Ausländeranteil von deutlich über 20 Prozent. In Neubrandenburg, zwei Zugstunden nördlich der Hauptstadt gelegen, sind es gerade einmal vier Prozent mit leicht steigender Tendenz. In der Ebene Mecklenburg-Vorpommerns könnte der Zuzug von Geflüchteten schon deshalb willkommen sein, weil die Landflucht tiefe Spuren hinterlassen hat.

Heleen Gerritsen von DokArt konferiert mit Projektbeteiligten
Kulturaustausch

Arbeiten gemeinsam im Projekt dokART: Heleen Gerritsen, Issam Barhmjy, Mazen Ismaiel und Mohamad Anas (v. l. n. r.).

Seit der Wende ist beispielsweise die Einwohnerzahl Neubrandenburgs um fast ein Drittel auf 64.000 geschrumpft. Doch es gibt Versuche gegenzusteuern. „Die Stadt hat ihre Chance erkannt“, sagt Heleen Gerritsen und verweist auf das von der Kommune ins Leben gerufene Netzwerk Migration, an dem sich 15 Vereine, Organisationen, Behörden und Kirchengemeinden beteiligen, die sich um mehr als 2.000 Flüchtlinge kümmern.

Die 37-jährige Niederländerin verantwortet eines der wenigen „Ankommer“-Projekte, die nicht in einer Großstadt angesiedelt sind. dokART heißt es, in Anlehnung an die dokumentART, das internationale Dokumentarfilmfestival, das Gerritsen seit 2014 leitet. Durch den ständigen kulturellen Austausch mit ausländischen Filmschaffenden „sind wir geradezu prädestiniert“ für ein Geflüchtetenprojekt, sagt Holm-Henning Freier, Geschäftsführer des Vereins Latücht Film & Medien, der das Festival seit 1992 veranstaltet.

Seit dem 1. April haben 11 Geflüchtete ein Praktikum in der Medienwerkstatt des Vereins absolviert, die im Gebäude der Volkshochschule untergebracht und mit kinematografischem Equipment ausgestattet ist. Unterricht in Kamera- und Tontechnik steht für die Praktikanten ebenso auf dem Lehrplan wie Filmgeschichte. Neben den kreativen Aspekten gehören Büroarbeit, das Verstehen und Bearbeiten von Standardverträgen, vorbereitende Buchhaltung, das Erstellen von Kostenkalkulationen sowie das Pflegen von Websites zum Programm.

Kameratraining mit Heleen Gerritsen von DokArt
Kameratraining

Heleen Gerritsen erklärt Ahmad Alhamwi Alhafez die Technik. Mazen Ismaiel kümmert sich um den Ton.

Entstanden ist die Idee, mit Geflüchteten zu arbeiten, im vergangenen Jahr. Das Team der Filmfestspiele suchte wie immer Englisch sprechende Praktikanten, die bei der Organisation des fünftägigen Festivals helfen würden. Diesmal meldete sich auch ein in Neubrandenburg wohnender syrischer Flüchtling. Er brachte Freunde mit, sodass schließlich zwei Dutzend Geflüchtete bei der 24. dokumentART im Akkreditierungsbüro und an der Kasse arbeiteten, Gäste empfingen und für die Festivaltage das kommunale Kino Latücht herrichteten. Für die Geflüchteten war das ein erster Schritt in die deutsche Arbeitswelt und eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

„Als Begegnungsort ist der Verein ideal“, sagt Gerritsen. Andere Stellen würden Geflüchtete beraten, „hier geht es auch darum, sich kulturell zu unterhalten“. Die Praktikanten beteiligen sich beispielsweise an der Filmauswahl für die Reihe „Flucht und Ankunft“ und werden Wettbewerbsbeiträge für die eigene Festivalsparte „Europe Expanded“ aussuchen.

Während der Praktika lernen die Migranten erste filmhandwerkliche Fertigkeiten und drehen eigene Videos. Auch eine Ausbildung in Veranstaltungstechnik und Mediengestaltung komme für Geflüchtete infrage; zwei Lehrstellen kann die Medienwerkstatt besetzen. Aber, sagt Gerritsen, „dafür braucht man gute Deutschkenntnisse“.

CodeDoor, Frankfurt, Berlin

Beim „Ankommer“-Projekt CodeDoor hilft dagegen eher Englisch. Das kam Liban Hassan, 27, entgegen. Der somalische Geflüchteter lernte im vergangenen Jahr unter der Obhut des Gießener CodeDoor-Mitgründers Karan Dehghani eine Programmiersprache. Hassan war der erste Teilnehmer des Projekts CodeDoor. Dessen Name ist Programm: Er bedeutet so viel wie „Programmieren öffnet Türen“. Zurzeit absolviert Hassan ein Praktikum bei der Gießener Bundesagentur für Arbeit. Parallel besucht er eine Sprachschule, um sein Deutsch zu verbessern.

Hassan will auch den mehrmonatigen Programmierkurs der Online-Universität Udacity aus dem Silicon Valley belegen, der im Zentrum der Arbeit von CodeDoor steht. Absolventen erwerben dabei einen Miniabschluss, ein sogenanntes Nanodegree, und die Fähigkeit, Apps zu programmieren und Webseiten zu bauen. Neben dem Stipendium wurde das Projekt CodeDoor mit 20.000 Euro Startgeld ausgezeichnet.

„Udacity hat gefallen, dass wir nicht nach Geld gefragt haben, sondern nach Ausbildung.”

Karan Dehghani, Mitgründer von CodeDoor

CodeDoor ist ein Ankommerprojekt
Zahlenfreunde

Liban Hassan (vorn) an seinem Praktikumsplatz bei Swiss Commerce. CodeDoor-Mitgründer Karan Dehghani (r.) fördert den Nachwuchsprogrammierer aus Somalia.

Normalerweise kostet der Programmierkurs 200 US-Dollar im Monat. Udacity, vom ehemaligen Stanford-Professor und früheren Google-Entwickler Sebastian Thrun mitgegründet, stellt CodeDoor das Unterrichtsmaterial für die Geflüchtete umsonst zur Verfügung. Wie das? Dehghani präsentierte den Udacity-Machern die CodeDoor-Idee in einer Mail. Nach zwei Tagen kam eine positive Antwort. „Udacity hat gefallen, dass wir nicht nach Geld gefragt haben, sondern nach Ausbildung.“

Den Absolventen von CodeDoor prophezeit Dehghani gute Jobchancen. „Programmierer werden gesucht“, sagt er, „wir sind gut mit Start-ups vernetzt“, und: „Unsere Programme sind sehr praxisnah.“ CodeDoor bietet inzwischen auch in Frankfurt und Berlin Kurse an. 25 freiwillige Tutoren helfen den Geflüchteten regelmäßig beim Studium; rund 150 werden, so schätzt Dehghani, bis zum Jahresende ihr Nanodegree haben.

Die Anforderungen an die „Ankommer“- Projekte sind hoch. Von den Trägern, die ein Stipendium erhalten, erwarten KfW Stiftung und Social Impact ein Konzept, wie sich das jeweilige Modell selbst tragen, wie es zu einem sozialen Unternehmen werden kann. Denn die neuen Sozialunternehmen spielen nach der Überzeugung von KfW Stiftung und Social Impact „eine wichtige Rolle bei der Lösung der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen mit ökonomischen Mitteln“.

CodeDoor Mitgründer
Tricks und Kniffe

Karan Dehghani gibt Hilfestellung und prophezeit den Absolventen gute Jobaussichten. Programmierer sind gefragt.

Dehghani, der kurz nach seinem Abitur ein Internet-Geschenkportal entwickelte und den virtuellen Laden an einen Handelskonzern verkaufte, ist heute hauptberuflich für einen Start-up-Investor tätig. Er entspricht dem Bild eines sogenannten Social Entrepreneurs. Sein Erlösmodell für CodeDoor: Jedes Unternehmen, das einen der ausgebildeten Programmierer einstellt, zahlt eine Spende in Höhe von mindestens 500 Euro an das Projekt. Und jeder Geflüchtete soll nach seiner Ausbildung ein Jahr lang zehn Stunden pro Monat unentgeltlich für CodeDoor arbeiten. Die Einnahmen, so die Kalkulation, sollten für eine professionelle Verwaltung des Projekts reichen. Bisher arbeiten noch alle ehrenamtlich.

„Nachhaltige Wertschöpfung“, so beschreibt der Deutsch-Iraner Dehghani das Ziel des CodeDoor-Projekts, das zuvorderst Menschen in Arbeit bringen will. Wertschöpfung auch in einem sozialen Sinn: „Wir geben den Menschen Hoffnung.“ Der heute 40-Jährige kommt, wie er selbst sagt, „aus der Internet- und Start-up-Welt“.

Chancen gestalten, Heidelberg, Passau, München

Das verbindet ihn mit Lars Maertins, 25, aus Heidelberg. Der Physikstudent schwört auf Mentoring in der Ausbildung: Ein Jugendlicher, der sich – aus welchen Gründen auch immer – mit der Schule schwertut, bekommt einen Betreuer an die Seite gestellt. Dieses Mentoring-Prinzip hat Maertins schon bei dem erfolgreichen Programm „Rock Your Life!“ für Hauptschüler verfolgt, dessen Heidelberger Verein er von 2013 bis 2015 geleitet hat. „Ich wollte Menschen mit schlechteren Chancen bessere Möglichkeiten zum Übergang in den Arbeitsmarkt geben und zurzeit sind es Geflüchtete, die dies am meisten brauchen“, begründet er seinen Wechsel von Rock Your Life! ins eigene Projekt „Chancen gestalten“, das er im Februar 2015 aus der Taufe hob.

„Zurzeit sind es Geflüchtete, die das Programm am meisten brauchen.”

Lars Maertins, Initiator von „Chancen gestalten“

Gründer von Chancen gestalten: Maertins
Klares Ziel vor Augen

Mehrere Standorte von „Chancen gestalten“ will Lars Maertins in den nächsten Jahren eröffnen.

Feste Räumlichkeiten erfordert sein Projekt – noch – nicht. Die Mentoren treffen sich einmal die Woche an wechselnden Orten mit ihren Mentees – den Menschen, die sie betreuen. Es sind Geflüchtete, die die Johannes-Gutenberg-Berufsschule in Heidelberg besuchen. Gemeinsame Unternehmungen wie Wanderungen, Stadtbesichtigungen und Kochen runden das Programm ab. Ziel ist, dass die Mentees einen Hauptschulabschluss oder ihre Ausbildung schaffen. Im Mentoring-Prozess wird Deutsch gesprochen, „was gewiss anstrengend ist“, sagt Maertins, „aber unsere Mentees werden dadurch am besten gefördert“.

Er hat eine recht genaue Vorstellung davon, wie sein Sozialunternehmen aussehen soll, und hat noch während seines Studiums die gUG (gemeinnützige Unternehmergesellschaft), welche als Dach über den lokalen Vereinen steht, gegründet. Diese gUG berät die Vereine und ist zudem für die Ausbildung der Mentoren und Mentoring-Koordinatoren verantwortlich. Die Vereine wiederum zahlen Abgaben an die Zentrale und akquirieren die Mittel für ihr Mentoring-Programm bei lokalen Sponsoren, Stiftungen und kommunalen Stellen.

Chancen gestalten - so geht's weiter

Mehr als 200 Geflüchtete haben mittlerweile das Mentoring-Programm von „Chancen gestalten“ an den Standorten Heidelberg, Passau und Osnabrück durchlaufen. Ein Standort in München wird gerade aufgebaut, ein weiterer soll noch in der Region Essen entstehen.

Der Mentoring-Markt ist nach Maertins’ Beobachtung derzeit stark umkämpft. Sehr viele Programme würden angeboten. Als Beweis für die Qualität von Chancen gestalten nennt er die „sehr geringe Abbrecherquote“. Ausreichend Mentoren zu finden, sei kein Problem.

Das Mentoring-Programm, an dem in Heidelberg seit Gründung knapp 80 Geflüchtete teilgenommen haben, hat bereits einen Ableger in Passau. Dieser wendet sich ausschließlich an Geflüchtete, die eine Lehre absolvieren. Fürs Mentoring – er hat das auch bereits selbst gemacht – hat er schon heute keine Zeit mehr. „Ich baue gerade ein Unternehmen auf“, sagt er und er wisse, dass er so am besten helfen könne.

Made in Germany

Binnen weniger Monate hat sich „Stitch by Stitch“ zu einem veritablen Betrieb entwickelt. So arbeitet das Unternehmen heute (KfW Bankengruppe/n-tv).

Stitch by Stitch, Frankfurt

Dem Sozialunternehmer in spe Lars Maertins haben die Frankfurterinnen Claudia Frick und Nicole von Alvensleben eines voraus: Mit Selbstständigkeit kennen sie sich aus, sie sind schon seit geraumer Zeit ihre eigenen Chefinnen. Frick, 43, ist Modedesignerin und Schneidermeisterin und hat vor sieben Jahren ihr eigenes Modelabel Coco Lores gegründet. Von Alvensleben, 47, Designerin und Werbekauffrau, bringt Marketing- und Designkenntnisse in das gemeinsame „Ankommer“-Projekt ein, das Stitch by Stitch (Stich für Stich) heißt und sich um die Herstellung textiler Produkte dreht.

„Wir geben Geflüchteten die Möglichkeit, aus ihrer Warteposition zu kommen.”

Claudia Frick, Gründerin Stitch by Stitch

Näherin bei Stitch by Stitch
Nähanleitung

Syrerin Esra Ali (r.) schaut gern auch im Atelier von Claudia Frick, Mitinitiatorin von Stitch by Stitch, vorbei.

In einem Hinterhof im Frankfurter Stadtteil Nordend liegt Fricks Atelier. Hier, zwischen Stoffballen, Garnrollen und Nähmaschinen, entwirft sie die Coco-Lores-Kollektion. Und hier schaut ihr gelegentlich Esra Ali über die Schulter, eine 20 Jahre alte Syrerin, die vor einem Jahr mit Eltern und Geschwistern nach Deutschland geflüchtet ist.

„Ich habe Lust, auch mal selbst etwas zu entwerfen“, sagt die junge Frau, die in Syrien ein Modedesign-Studium begonnen hatte. Jetzt ist sie erst einmal die erste weibliche Geflüchtete, die bei Stitch by Stitch mitarbeitet. Sie näht mit der Maschine und mit der Hand – und „stickt ganz toll“, wie Frick sagt. Angestellt wurde Esra Ali, die an Vormittagen die Schule besucht, bei dem Projekt nach Absolvierung ihres Eingliederungspraktikums.

Mit ihrem „Ankommer“-Projekt wollen Frick und von Alvensleben die Lösungen zweier Probleme kombinieren. „Wir geben Flüchtlingen die Möglichkeit, aus ihrer Warteposition herauszukommen“, sagt Frick. Und sie versuchen, dem Schneiderinnenmangel in Deutschland abzuhelfen. Werkstätten, die Entwürfe zu Kleinserien verarbeiten, sind rar.

Dieses Problem teilt Coco Lores mit anderen kleinen Labels. Deshalb kamen schon bald die ersten Aufträge etwa für T-Shirts oder Taschen herein, nachdem sich der Start von Stitch by Stitch etwas herumgesprochen hatte. „Handwerkliches ist wieder gefragt“, sagt von Alvensleben. Frick erwartet zudem eine im wahrsten Sinne des Wortes stoffliche Bereicherung ihrer Tätigkeit. Das Schneiderhandwerk folgt einerseits auf der ganzen Welt gleichen Arbeitsweisen, andererseits bilden sich aber auch regionale Besonderheiten heraus.

Und so freut sich Designerin Frick schon auf Näherinnen, die Techniken beherrschen, „die wir nicht mehr verwenden oder nicht kennen“, und die ihre Expertise ins Projekt einbringen. Nicht, dass das Nähen reine Frauensache wäre. Auch Männer haben sich schon bei dem „Ankommer“-Projekt beworben, es gebe sogar mehr Anfragen von männlichen als von weiblichen Geflüchteten, berichten die Initiatorinnen. Doch zunächst soll Stitch by Stitch ein Frauenprojekt bleiben.

Quelle
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Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2016 „Wanderungen“. Er wurde im Juni 2017 aktualisiert.

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Textilunternehmen lassen vor allem in Entwicklungsländern fertigen, wegen der gering bezahlten Arbeitskräfte. Auf „Made in Germany“ aber, das weiß von Alvensleben, achten Kunden. Produkte, die die Werkstatt Stitch by Stitch verlassen, sind nicht nur „Made in Germany“, sie sind überdies „Made by Refugees“. Auch Stitch by Stitch erhielt neben dem Stipendium 20.000 Euro Startgeld von einer extern besetzten Jury.

Und so geht es weiter mit den Stipendienprogrammen

Aufgrund der hohen Qualität der Projekte aus 2015 setzten die KfW Stiftung und Social Impact gGmbH ihr Stipendienprogramm mit 15 neuen Gründerteams fort. Das Stipendium hat eine Laufzeit von bis zu acht Monaten und umfasst Leistungen im Gegenwert von 12.500 Euro. Darunter fallen Coaching, Fachberatung, Workshops und ein Co-Working Arbeitsplatz in den Labs 80 der Social Impact gGmbH, u.a. in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und Duisburg. Nach dem Stipendium gibt es die Möglichkeit, an einem Tandem-Programm teilzunehmen: Partner aus der Wirtschaft und dem dritten Sektor entwickeln mit den Stipendiaten die Lösungsansätze weiter, damit das Projekt in der Praxis durchstarten kann.

Hinzu kommt die Chance auf den Gewinn von 20.000 Euro Startgeld im Rahmen des neugeschaffenen Special Impact Awards. KfW Stiftung und Social Impact gGmbH würdigen in den Kategorien Ankommer, AndersGründer und Community Award nachhaltige Geschäftsmodelle zur Lösung sozialer Probleme aus den Social Impact Labs Frankfurt und Duisburg. Diese Inkubatoren werden von der KfW Stiftung unterstützt. Insgesamt wird Startgeld in Höhe von 45.000 Euro ausgelobt.

Das sind die Preisträger 2017

Am 6. Juni 2017 fand die Verleihung des „Special Impact Awards“ von KfW Stiftung und Social Impact gGmbH in Frankfurt statt. Der 2017 erstmals ausgelobte Preis zeichnet im Rahmen der Förderprogramme „ANKOMMER. Perspektive Deutschland“ sowie „AndersGründer“ Geschäftsmodelle von Gründern aus, die gesellschaftliche und soziale Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen möchten – nachhaltig und skalierbar.

In der Kategorie „ANKOMMER. Perspektive Deutschland“ geht der „Special Impact Award“ in Höhe von 20.000 Euro für die Entwicklung von innovativen und (sozial)unternehmerischen Lösungskonzepten, die geflüchteten Menschen einen verbesserten Zugang zu Bildung, Ausbildung und Arbeitsplätzen in Deutschland ermöglichen, an das Team Willkommen in der Pflege. Angesiedelt im „Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe e. V.“ bietet das Programm ein umfassendes Orientierungsangebot, das einen niederschwelligen Einstieg in den Pflegeberuf mit Schwerpunkt Altenpflege sowie in hauswirtschaftliche Berufe ermöglicht.

In der Kategorie „AndersGründer“ geht das Startgeld in Höhe von 20.000 Euro für die Lösung eines sozialen Problems und der Überführung der Idee in ein nachhaltig wirksames Unternehmen an das Team Companion2go. Das Team aus Marburg hat eine Plattform entwickelt, die niedrigschwellig eine Vernetzung von Menschen mit und ohne Behinderungen für eine gemeinsame Teilnahme an Events und Reisen ermöglicht.

In der Kategorie „Community Award“, gewählt durch die Online-Community der beiden Programme „AndersGrü̈nder“ und „ANKOMMER. Perspektive Deutschland“, geht der Preis in Höhe von 5.000 Euro an Bemela Coffee. Das Team aus Frankfurt am Main baut ein Unternehmen auf, das fair gehandelten Kaffee vertreibt und gleichzeitig in einem speziellen Kaffee-Trainingscenter geflüchteten Menschen einen Einstieg in den Beruf des Barista ermöglicht.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Mitwoch, 21. Juni 2017

Aktualisiert am: Montag, 15. Januar 2018