Hochsicherheitslabor von Atriva Therapeutics München
Corona-Medikament

Corona-Medikament

Doppelte Wirkung

Atriva Therapeutics beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Entwicklung von Wirkstoffen gegen Influenzaviren. Jetzt arbeitet das Unternehmen an einem Medikament, das an COVID-19 erkrankten Menschen helfen soll.

Team von Atriva Therapeutics

Das Team von Atriva Therapeutics entwickelt Medikamente gegen Influenzaviren. Ein neuer Wirkstoffkandidat soll Corona-Kranken helfen.

Im Juli wird der Wirkstoff den nächsten Schritt machen. Es könnte der vorletzte sein. Am Ende des letzten Schritts würde – wenn alle Erprobungen erfolgreich sind – das neue Medikament zum zugelassenen Medikament. Mit ihm ließen sich schwer an COVID-19 erkrankte Menschen behandeln.

Rainer Lichtenberger ahnte schon Mitte Februar, dass eine Pandemie sich ausbreitet. Weil es längst entsprechende Krisenszenarien gab. Und weil das Biotechnologieunternehmen Atriva Therapeutics, dessen CEO Lichtenberger ist, gute wissenschaftliche Kontakte nach China hat. „Es war klar, dass es mindestens so schlimm wird wie die schwerste Grippe“, sagt Lichtenberger.

Mit Influenzaviren beschäftigt sich Atriva seit seiner Gründung 2015. Die Wissenschaftler des Start-ups, eines Spin-offs der Universitäten Tübingen, Gießen und Münster, haben den Wirkstoffkandidaten in der Annahme entwickelt, damit schwere Influenza und andere von Viren verursachte schwere Atemwegserkrankungen bekämpfen zu können.

Die mehrjährigen Vorarbeiten ermöglichen es Atriva jetzt, bei COVID-19 mit seinem Wirkstoff gleich in die zweite von wahrscheinlich drei klinischen Erprobungsphasen zu gehen. Für Juli plant Atriva den Beginn einer multinationalen Studie mit der Berliner Charité als Leitklinik, bei der Patienten mit mittelschwerem bis schwerem COVID-19 mit dem Wirkstoff ATR-002 behandelt werden sollen. Die deutsche Zulassungsbehörde BfArM zeigte sich in der wissenschaftlichen Beratung bereits sehr unterstützend. Bei der Entwicklung und Herstellung der Prüfmedikation arbeitet Atriva mit seinem langjährigen Partner Evonik zusammen, einem deutschen Unternehmen der Spezialchemie.

Kapitalgeber

KfW Capital investiert in europäische Venture Capital-Fonds, die sich an Unternehmen in der Wachstumsphase in Deutschland beteiligen und so deren Kapitalbasis stärken.

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Anschubfinanzierung durch KfW Capital

Parallel zur Arbeit der Wissenschaftler kümmert sich Lichtenberger um die Finanzierung. Atriva braucht viele Millionen, „wir müssen jetzt klotzen“, sagt der Geschäftsführer, der auch auf öffentliche Förderung hofft. Auf rund 60 Millionen Euro schätzt er den Bedarf, um den neuen Wirkstoff zur Marktreife für die wichtigen Indikationen Influenza und zukünftig auch COVID-19 bringen zu können.

Zu den Anschubfinanzierern des Start-ups zählt der High-Tech Gründerfonds (HTGF), der dort 2016 einstieg. Einer der bedeutenden Kapitalgeber des HTGF wiederum ist KfW Capital, die Beteiligungstochter der KfW Bankengruppe. „Die aktuelle Corona-Krise zeigt, wie wichtig es ist, dass auch alternative Therapieansätze, die nicht im Fokus der Pharmaindustrie und Venture-Capital-Firmen stehen, finanziert werden. Der High-Tech Gründerfonds hat in der Seedphase von Atriva einen wichtigen Beitrag hierzu geleistet, und wir hoffen, dass wir damit die Entwicklung einer weitreichenden Therapie bei Viruserkrankungen, wie Corona oder Influenza, auf den Weg gebracht haben“, sagt Frank Hensel, Principal des HTGF. KfW-Capital-Geschäftsführer Alexander Thees fügt hinzu: „Das Beispiel Atriva zeigt, wie wichtig es ist, dass neue Ideen zur Bekämpfung von Virus-Atemwegserkrankungen frühzeitig passende Finanzierungen finden – insbesondere, da in der Life Science der Weg zum endgültigen Produkt oft lang und steinig ist. KfW Capital investiert seit der ersten Fondsgeneration in den High-Tech Gründerfonds, der die sehr jungen Technologieunternehmen im Fokus hat und somit dazu beiträgt, dass aus Ideen marktfähige Produkte, im Fall von Atriva möglicherweise lebensrettende Medikamente werden können.“

Wirkungsweise des Medikaments

Der Wirkstoff hemmt eine Signalkaskade in den Wirtszellen, zum Beispiel in der Lunge, die das Virus unbedingt für seine Vermehrung braucht. Zudem lenkt ATR-002 die bei COVID-19 erforderliche Immunantwort sogestalt, dass der Körper die lebensbedrohlichen Spätstadien der COVID-19-Erkrankung besser bekämpfen kann. Entsprechende Patente für seinen Therapiekandidaten hat Atriva beim Europäischen Patentamt angemeldet. Im Vergleich zur Grippe ist COVID-19 nach den Worten Lichtenbergers in drei Punkten problematischer: Es gibt keinen Impfstoff, es gibt keine Medikamente und die Inkubationszeit ist viel länger.

Wie viele Opfer die Corona-Pandemie fordern wird, wissen wir noch nicht. Wie viele es bei der jährlichen Grippewelle sind, dagegen schon: Eine Influenza bringt jedes Jahr weltweit zwischen fünf und zehn Millionen Menschen aus den Hochrisikogruppen ins Krankenhaus, in schweren Jahren sterben mehr als eine halbe Million davon. Bei der COVID-19 Pandemie sind diese Todeszahlen leider schon jetzt mit 360.000 fast erreicht und ein Ende ist nicht in Sicht!

„Wir haben große Bevölkerungsgruppen im Blick“, sagt Lichtenberger über die Ausrichtung seines Unternehmens, „und einen klar strukturierten Entwicklungsweg.“ Seit 30 Jahren arbeitet der Pharmazeut für Life-Science-Firmen, die Hälfte der Zeit als Chef. Umso mehr hat ihn gewundert, „wie schwierig es für Atriva ist, große Investoren zu finden“. Viele Risikokapitalgeber bevorzugen das Gebiet der Onkologie, weil bei Krebserkrankungen „die Markterwartungen berechenbar und groß“ seien. Dagegen wurde die Erforschung von Infektionserkrankungen nach den Worten Lichtenbergers „lange Zeit sträflich vernachlässigt“.

Rainer Lichtenberg
„Die Erforschung von Infektionserkrankungen wurde lange Zeit sträflich vernachlässigt.“

Rainer Lichtenberger, CEO Atriva Therapeutics

Es sei tragisch, dass das Umdenken durch eine Katastrophe ausgelöst wurde, „aber jetzt dreht sich der Wind“. SARS-CoV-2 wird keine große Gefahr mehr sein, wenn die Herdenimmunität eingesetzt haben wird. Nur weiß niemand, wann dies der Fall sein wird. Aber Atriva arbeitet weiter mit seinem Kandidaten. Der Wirkstoff soll Ende des Jahres 2020, also während der nächsten Grippesaison, an Patienten getestet werden. Dem Einsatz in der klinischen Phase II steht auch für diese Indikation aus wissenschaftlicher und regulatorischer Sicht nichts mehr im Wege.

Was den Umgang mit der Corona-Pandemie angeht, fühlt Lichtenberger sich in Deutschland übrigens gut aufgehoben. Die Krise werde insgesamt gut gemanagt, er findet sogar: „Wir machen es besser als jedes andere große europäische Land.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am 30. April 2020.