Computer im TUMO Bildungszentrum in Berlin
TUMO Berlin

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Nachahmer gesucht

Die Corona-Krise zeigte uns: In Sachen digitale Bildung muss in Deutschland noch viel getan werden. Welchen Beitrag dazu das neue Lernzentrum TUMO leisten kann und was die KfW mit dem Projekt langfristig vorhat, berichtet der KfW-Projektleiter Robin Hertz.

Zur Person
Robin Hertz sitzt im Computerraum des Berliner TUMO Centers

Robin Hertz studierte Volkswirtschaft und Politik in England und der Schweiz, anschließend promovierte er über europäische Politik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Seit 2013 arbeitet er bei der KfW in Berlin. Zurzeit leitet er das Projekt TUMO.

Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas, das die Probleme unseres Bildungssystems im digitalen Zeitalter gnadenlos offenlegt. Die digitale Ausstattung an Schulen, die Digitalkompetenz vieler Lehrer und Lehrerinnen sowie die vieler Schüler und Schülerinnen scheinen nicht mehr zeitgemäß. Verena Pausder, Expertin für digitale Bildung, sagt dazu: „Wir haben eine fünf geschrieben und müssen jetzt nachsitzen.“ Dabei wandert der Blick ganz automatisch ins Ausland – etwa nach Dänemark, wo mehr als 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler täglich im Unterricht digitale Medien nutzen, oder nach Estland, wo in der Corona-Krise problemlos auf Fernunterricht umgestellt wurde. Aber auch nach Armenien, wo seit 2011 TUMO als außerschulisches Lernzentrum für digitale und kreative Themen Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren begeistert.

Den Blick nach Armenien hat die größte deutsche Förderbank KfW bereits 2019 gewagt und war begeistert. Ein hochmodern ausgestattetes Bildungszentrum, in das Woche für Woche Tausende Jugendliche kommen, um Skills zu erlernen, die für den Arbeitsmarkt der Zukunft relevant sind, und dabei auch noch jede Menge Spaß haben – das gab es bis jetzt in dieser Größenordnung in Deutschland nicht. Auch das Konzept, durch die Vielfalt an Themen Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Interessen und familiären Hintergründen für einen gemeinsamen außerschulischen Lernort zu begeistern, ist überzeugend. TUMO legt Wert darauf, ein Zentrum für kreative Technologien zu sein. Die angebotenen Themen reichen von 3D-Animation, Film, Musik und Drawing bis hin zu Robotik und Programmieren. Die Vielfalt des Angebots führt unter anderem dazu, dass Mädchen häufig mit weniger technikfokussierten Themen beginnen und dabei Coding entdecken. So landen Jugendliche, die ursprünglich aufgrund des Film- und Musikangebots ins Zentrum kamen, am Ende beispielsweise bei der Entwicklung eines Roboters. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Horizont erweiternd.

KfW-Projektleiter Robin Hertz
„TUMO legt Wert darauf, ein Zentrum für kreative Technologien zu sein.“

Robin Hertz, KfW-Projektleiter TUMO

Die KfW-Bildungsfinanzierung für Privatpersonen bestand bis jetzt im Wesentlichen aus drei Förderprogrammen: dem Aufstiegs-BAföG, dem Bildungskredit und dem KfW-Studienkredit. In allen drei Fällen handelt es sich um Förderdarlehen, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie als Eigenprogramme der KfW umgesetzt werden. So fördert die KfW mit dem Aufstiegs-BAföG im Auftrag des Bundes seit etwa 25 Jahren die berufliche Aus- und Weiterbildung. Mit dem KfW-Studienkredit, den wir erst kürzlich während der Corona-Pandemie mit Unterstützung des Bildungsministeriums auch für alle ausländischen Studierenden zugänglich gemacht haben, finanziert die KfW die Lebenshaltungskosten von Studierenden an staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland. Seitdem der KfW-Studienkredit 2006 ins Leben gerufen wurde, haben wir mit diesem Förderprogramm mehr als 350.000 Studierende durch ihr Studium begleitet. Ein Großteil davon gibt sogar an, ohne den KfW-Studienkredit nicht hätte studieren zu können.

Mobile Computerstation im TUMO Center in Berlin

Der fahrbare Schreibtisch TUMObile erinnert entfernt an einen Autoscooter und kann unkompliziert im Raum bewegt werden.

Innovativer Förderansatz

Dieses Portfolio wird nun um einen für die KfW innovativen Förderansatz ergänzt. Mit dem TUMO-Leuchtturmzentrum in Berlin will die KfW den Weg für zahlreiche weitere außerschulische Lernzentren in Deutschland ebnen, die kreative und digitale Themen miteinander verbinden. Die KfW will zeigen, dass solche Bildungszentren schnell – das bedeutet in circa einem Jahr – aufgebaut werden können. Deshalb hat die KfW Anfang 2020 mit TUMO einen Franchisevertrag unterzeichnet, der es ermöglicht, das erste TUMO-Zentrum in Berlin zu eröffnen.

Es handelt sich um ein Win-win-Szenario. Deutschland profitiert von dem in Armenien entwickelten Ansatz, Armenien nutzt die Franchisegebühren für weitere Bildungsprojekte. Dieses Projekt ist auch für die KfW ein Novum. Während die KfW Entwicklungsbank üblicherweise Ansätze und Ideen aus Deutschland in Entwicklungs- und Schwellenländer trägt, wird nun ein in Armenien entwickeltes Konzept nach Deutschland gebracht.

Das erste TUMO-Zentrum Deutschlands ist in der Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg, der ältesten Fußgängerzone Berlins, entstanden. Dort gibt es auf über 2.000 Quadratmetern moderne Bereiche für selbstständiges Lernen, Workshop-Räume, ein Musikstudio und Platz für Veranstaltungen. Im Normalbetrieb können wöchentlich bis zu 1.000 Jugendliche das Zentrum nutzen, um sich in zehn verschiedenen Themengebieten weiterzubilden und gemeinsam mit Freunden und Freundinnen kreativ zu sein. Wegen der Corona-Pandemie wird gerade online unterrichtet. So können Jugendliche bei Bedarf bequem von zu Hause aus Selbstlernphasen und Workshops absolvieren. Sobald es die Infektionszahlen erlauben, kann dann direkt in den Vor-Ort-Modus gewechselt werden.

Das TUMO-Zentrum in Berlin soll zum Nachahmen anregen. Wir freuen uns daher sehr, dass uns bereits zahlreiche Anfragen zur Umsetzung weiterer TUMO-Zentren erreicht haben. Kinder und Jugendliche überall in Deutschland sollten die Möglichkeit haben, die Skills zu erlernen, die künftig dringend benötigt werden, und zwar unabhängig von ihrem sozio-ökonomischen Hintergrund! Dabei können außerschulische Lernzentren lediglich ein kleiner Baustein in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung sein, die deutsche Bildungslandschaft ins digitale Zeitalter zu befördern. Als Förderbank des Bundes und der Länder wollen wir diesen wichtigen Prozess in Deutschland mitgestalten.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 14. Dezember 2020.