Porträt von Verena Pausder
Bildung

Bildung

Lernort der Zukunft

Verena Pausder ist eine erfolgreiche Tech-Gründerin, Expertin für digitale Bildung und Innovationsberaterin von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär. Das Weltwirtschaftsforum ernannte sie 2016 zum „Young Global Leader“. KfW Stories sprach mit ihr über TUMO in Berlin, wo die KfW das neue „Center for Creative Technologies“ für junge Leute in der Startphase finanziert.

Zur Person
Verena Pausder steht in einem Büro

1979 in Hamburg geboren, ist Verena Pausder Gründerin von Fox & Sheep und den HABA Digitalwerkstätten. 2016 wurde sie vom Weltwirtschaftsforum zum „Young Global Leader“ ernannt. Kindern chancengleichen Zugang zu digitaler Bildung zu ermöglichen ist in ihren Augen eine der Kernvoraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Dafür hat sie 2017 den Digitale Bildung für Alle e.V. gegründet. 2018 erfolgte die Aufnahme in die Forbes Europe’s Top 50 Women In Tech Liste. Während der Corona-Zeit stellte sie homeschooling-corona.com ins Netz und initiierte den größten Bildungs-Hackathon des Landes #wirfürschule. Dafür wurde sie vom Handelsblatt und BCG als Vordenkerin 2020 ausgezeichnet. Ihr Buch „Das Neue Land“ ist Spiegel-Bestseller und wurde von der Frankfurter Buchmesse, dem Handelsblatt und Goldman Sachs mit dem Sonderpreis „Unternehmerbuch des Jahres“ ausgezeichnet. Darüber hinaus engagiert sie sich für das Thema Bildung im Innovation Council von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär und im Hochschulrat der CODE University in Berlin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Berlin.

Frau Pausder, Sie zählen zu den wenigen Menschen, die das TUMO-Zentrum noch vor der eigentlichen Zielgruppe besichtigen konnten. Die Jugendlichen werden wegen Corona zunächst nur digital unterrichtet. Welche Eindrücke haben Sie dort gewonnen?

Verena Pausder: Ich bin begeistert: Es ist offen, integrativ, hell, kurzum: das absolute Gegenteil von „Kinder sitzen allein im Raum und daddeln vor einem Gerät“. Es sieht überhaupt nicht nach Schule oder einem klassischen Klassenzimmer aus. TUMO ist ein Lernort der Zukunft, das ist klar.

Dabei stammen die Idee und das Pilotprojekt aus einem Entwicklungsland.

Armenien ist uns weit voraus, was Softwareprogrammierung betrifft. Dort hat man schnell begriffen, dass Bildung der einzige Rohstoff ist und die einzige Chance, in der Zukunft mitzuspielen. Die armenischen Softwareentwickler sind weit über die Landesgrenzen bekannt. Deshalb habe ich auch schon vor drei, vier Jahren von TUMO gehört und es mir mit großem Interesse und Faszination im Internet angesehen. Und als ich erfahren habe, dass die KfW das Konzept nach Deutschland importiert hat, habe ich sofort gesagt: Das will ich unterstützen!

Wie kamen Sie zum Thema digitale Bildung?

Meine erste Firma habe ich im Bereich digitales Spielen gegründet, habe aber danach überlegt, dass wir die Kinder ertüchtigen müssen, zu den Gestaltern der digitalen Welt zu werden, das Programmieren zu lernen, Robotics, Data Science, künstliche Intelligenz und Grafikdesign. Um das anzustoßen, habe ich die zweite Firma gegründet, die HABA Digitalwerkstätten, eine Art TUMO für Sechs- bis Zwölfjährige. Das hat mir gezeigt, dass wir auch hier nicht aufhören dürfen: Wir brauchen Angebote bis zum Studium und dann ein entsprechendes Studium, um die Bildungsketteaufrechtzuerhalten. Damit sich etwas tut in unserem Land, das dem Thema digitale Bildung noch zu wenig Priorität einräumt. Und da passt TUMO natürlich wunderbar hinein.

Was gefällt Ihnen an TUMO besonders?

Dass TUMO Mädchen genauso wie Jungen anspricht, dass es eben „Zentrum für kreative Technologien“ heißt und nicht etwa „Technisches Zentrum für angewandte Naturwissenschaften“. Das führt dazu, dass Mädchen von Anfang an etwas finden können, was sie anzieht: Musik, Fotografie, Film oder Grafikdesign. Und dann entwickeln sie vielleicht auch eine Leidenschaft für Coding oder Robotics, weil sie darin auch Einblicke bekommen.

Corona hat Deutschland eine Art Digitalisierungsdenkzettel verpasst, gerade in Schulen. Was sollten wir mitnehmen für die Zeit nach Corona?

Corona löste tatsächlich eine große flächendeckende Fortbildungsmaßnahme aus: Zehn Millionen Schüler, ihre Eltern und Lehrer haben sich schon mal mit dem Thema beschäftigt. Nun müssen wir die Herausforderung annehmen und die digitale Bildung als Rohstoff begreifen und fördern. So wie wir Musikschulen oder Sportvereine fördern, weil wir der Meinung sind, der Schulsport allein reicht nicht. Es genügt schon, wenn digitale außerschulische Lernorte vom Staat gewollt sind. TUMO ist ein starkes Signal dafür. Wir haben viel privates Kapital in Deutschland, in Stiftungen, Familienunternehmen et cetera. Ich bin zuversichtlich, dass TUMO sich dank deren Engagement durchsetzen wird.

Verena Pausder an einem Computertisch im Tumo Center in Berlin

Verena Pausder auf dem TUMOmobil - einem fahrbaren Schreibtisch.

Wie könnten wir TUMO weiterdenken?

Wir erleben gerade, dass der Digitalpakt Schule, den die Bundesregierung vor einem Jahr ins Leben gerufen hat, stockt. Die Gelder werden nicht abgerufen, weil in den Schulen Experten fehlen, die sich des Themas annehmen und gemeinsam mit den Lehrern ein Konzept entwickeln. Deshalb begeistert mich die Vorstellung, TUMO könnte eine Art digitale Volkshochschule für Erwachsene werden. Und das könnte die Innovation sein, die in Deutschland entsteht, dafür müssen wir kein armenisches Konzept importieren.

Ein Thema, das heute alle Eltern bewegt: Wie viel Zeit dürfen die Kinder mit den digitalen Geräten verbringen?

Wenn man – wie ich – Jungs hat, hat man zu Hause mit Gaming zu tun. Die Mädchen werden eher von den sozialen Netzwerken absorbiert. Ich unterscheide zwischen Konsum, für den es klare Regeln und zeitliche Beschränkungen gibt, und digitaler Kreativzeit. Wenn die Kinder das Klavierspielen mithilfe einer App lernen, einen Stop-Motion-Film drehen oder in Minecraft im Kreativmodus etwas bauen möchten, dann dürfen sie Extrazeit haben. Weil da das Ergebnis zählt und nicht, wie lange das Kind dafür gebraucht hat. Mit diesem Gedanken habe ich meinen 13-Jährigen auch zu TUMO gebracht.

Mussten Sie ihn überzeugen?

Seine erste Reaktion war: Ich habe doch schon meinen Sport und Schule, das ist genug. Nachdem er sich aber dann doch angemeldet und sich für Grafikdesign, Filme- und Musikmachen entschieden hat, ist er total motiviert – und das, obwohl der Unterricht momentan digital stattfindet und er das tolle Zentrum noch gar nicht gesehen hat. Mich bestätigt das darin, dass wir dem Neuen eine Chance geben müssen. Das gilt auch für Schulen in Deutschland. Wenn wir das Neue erst einmal kennenlernen, dann schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir machen etwas, was Spaß macht, und lernen Sachen, die Relevanz für die Zukunft haben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 14. Dezember 2020.