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Ein Jahr Corona-Hilfe der KfW

Vor genau einem Jahr startete die KfW das Sonderprogramm "Corona-Hilfen". In diesem Frühling 2020 brach die Wirtschaft um 9,7 Prozent ein – ein beispielloser Einbruch in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Große Teile der Wirtschaft waren betroffen und auf Hilfe der Bundesregierung angewiesen. Diese hat die KfW beauftragt, Unternehmen aller Größenklassen mit Liquiditätshilfen zu versorgen.

Ein Jahr Corona-Hilfe der KfW

Dr. Günther Bräunig (Vorstandsvorsitzender) und Dr. Ingrid Hengster (Inlandsvorständin) ziehen Bilanz. (KfW Bankengruppe/Begisheva/Schuch).

Im Laufe des Jahres sind die Hilfen auf eine Produktfamilie angewachsen, sodass weitere Zielgruppen im Inland und Ausland Hilfen erhalten haben, darunter Studierende, Start-ups, gemeinnützige Organisationen sowie die Partnerländer der Finanziellen Zusammenarbeit. Daraus ist das größte Hilfsprogramm der KfW-Geschichte geworden. Insgesamt wurden in einem Jahr 68,9 Mrd. EUR an Zusagen erreicht – nach bereits erfolgten Rückführungen 54,3 Mrd. EUR. Dank der stabilen Förderinfrastruktur und des großen Engagements aller Beteiligten – der Bundesregierung, der Finanzierungspartner, Verbände und Aufsichtsbehörden – konnte das Sonderprogramm „Corona-Hilfen“ blitzschnell aufgesetzt werden. Die Nachfrage in den Tagen danach war enorm: Täglich gingen Anträge für 1 Mrd. EUR bei der KfW ein. 99 % davon wurden automatisch bearbeitet. Aktuell liegt das Zusagevolumen im Sonderprogramm, dem Herzstück der Programmfamilie, bei 61,8 Mrd. EUR – nach bereits erfolgten Rückführungen bei 47,2 Mrd. EUR. Bis zum 31. Dezember 2021 können Unternehmen in Deutschland Anträge stellen.

"Alles, was möglich ist"

Portrait von Roland Siller

Alia Begisheva spricht mit Roland Siller, Mitglied der Geschäftsbereichsleitung der KfW Entwicklungsbank, über die Corona-Krise in den Entwicklungs- und Schwellenländern und das deutsche Hilfsprogramm, das die KfW im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umsetzt.

Herr Siller, Deutschland bekommt die Corona-Pandemie nicht in den Griff. Wie dramatisch ist die Lage in den Entwicklungs- und Schwellenländern?

Roland Siller: Das ist sehr unterschiedlich. Lateinamerika wurde hart getroffen, in Bolivien oder Brasilien sind die Sterbezahlen sehr hoch. Länder, die von Tourismuseinnahmen abhängig sind, leiden stark. In Marokko zum Beispiel sind die Einnahmen im Kunsthandwerk um 95 Prozent eingebrochen, weil keine Touristen mehr da sind. Schwache Regierungs- und Gesundheitsstrukturen verschärfen die Lage zusätzlich. In Bangladesch sind viele Millionen in der Textilindustrie entlassen worden. Und natürlich haben sie nicht eine Lohnfortzahlung wie wir in Deutschland, was sie in Armut stürzt. Burkina Faso hatte etwa vor der Corona-Pandemie nur zwölf Intensivbetten…

Ein Jahr Corona-Hilfe der KfW

Roland Siller diskutiert mit Außenbüroleitern die verschiedenen Aspekte der Corona-Hilfe der KfW Entwicklungsbank. (KfW Bankengruppe/ Sperl/Schuch).

Die Bundesregierung hat das größte Hilfspaket der deutschen Geschichte geschnürt, darunter auch ein Sonderprogramm für die Entwicklungs- und Schwellenländern. Wo sind die Prioritäten?

Der ehemaligen kolumbianische Finanzminister hat einmal in Anspielung auf die Hilfsprogramme der Europäischen Zentralbank in der Euro-Krise 2012 gesagt: „We don’t live in a ‚whatever it takes‘ region. We can do what we can do.” Also: Bei uns geht es nicht um das, was nötig ist, sondern um das, was möglich ist. Das Ziel ist, die Länder nicht so tief ins Loch fallen zu lassen. Und das ist eine riesige Herausforderung. Dafür haben wir in einigen Ländern im Auftrag des BMZ wirklich große Sozialprogramme unterstützt: in Brasilien, in Indien, in Indonesien. Diese Länder haben ähnlich agiert wie Deutschland und haben sich überlegt, wie man eine Art Lohnfortzahlung machen oder zumindest die Ärmsten unterstützen kann. Die Maßnahmen haben die Lage in einigen Teilen der Welt ein Stück stabilisiert. In Ländern wie Burkina Faso war das Ziel, direkt zu unterstützen, etwa mit Mitteln für Krankenhaus- und Laborausrüstung.

Menschen ziehen sich medizinische Schutzkleidung an

Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS wird von der KfW bei der Beschaffung von Laborausstattung unterstützt.

Wenn Sie auf ein Jahr Corona-Hilfen zurückblicken, wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Es war extrem intensiv, weil wir wenig Zeit zur Verfügung hatten. Denn es war teilweise schwer vorherzusehen, wie es weitergehen wird, ob die Länder, die Verwaltungen dazu in der Lage sind, die Lage unter Kontrolle zu behalten. Ob es Aufstände geben wird, wenn die Menschen sich im Stich gelassen fühlen. Die internationale Hilfe – und Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Geber – hat dieser Entwicklung sicherlich entgegengewirkt. Und die Nachfrage von unseren Partnern war immens. Sowohl von den Regierungen, die nach Liquidität geschaut haben, um ihre Bevölkerung zu unterstützen und handlungsfähig zu sein. Oder von den öffentlichen Banken, die kleine und mittlere Unternehmen vor Ort unterstützen wollten. Private haben sich massiv zurückgezogen: Keiner hat investiert, sondern erstmal auf Sicherheit gesetzt und das Geld bei sich geparkt. Also es war schon eine sehr wacklige Situation. Zug um Zug hat man dann gelernt, damit umgehen. Am Ende war es für alle Beteiligten befriedigend, aber auch hart.

Und dann mussten Sie sich sicherlich die eigene Arbeit ganz neu organisieren…

Ja, denn Reisen waren nicht möglich. Die Verbindung vor Ort haben unsere Außenbüros übernommen. Aber wir konnten uns auch mit den Partnern über Video-Konferenzen austauschen. Die Not war so groß, dass alle einfach Vollgas gegeben haben. Und dann hat es auch überraschend gut funktioniert.

Zwei Männer tragen eine blaue Kühlbox

Zusammen mit der UNICEF unterstützt die KfW in Indien die Erweiterung der medizinischen Kühlkette, um die Durchführung einer COVID-19 Schutzimpfung vorzubereiten.

Und warum hat es so gut funktioniert?

Weil unser soziales Kapital sehr hoch war. Wir haben extrem gute Partnerbeziehungen vor Ort, vor allem durch die Außenbüros und die lokalen Fachkräfte, die lange Jahre dort schon für uns arbeiten und sehr viel Vertrauen genießen. Wir konnten auch mit der Bundesregierung, die sehr flexibel war und schnell reagiert hat, unkomplizierte Verfahren aushandeln. Und dann haben auch hier in der Bank alles getan, damit die Hilfe schnell ankommen konnte. Wir haben in wenigen Monaten konkrete Finanzierungszusagen über 4 Milliarden Euro gemacht, und noch vor Jahresende davon 3 Milliarden Euro bereits ausgezahlt. Das hatten wir in der Geschwindigkeit noch nie.

Kann man daraus lernen für die Zukunft?

Ja, sicherlich. Man kann digital mehr bewirken, als man denkt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es eine Notsituation war. Da sind auch mal Dinge möglich, die sonst eher nicht möglich wären. Auf Dauer, wenn sich in einem Partnerland eine neue Regierung bildet, ist die Präsenz vor Ort essenziell, weil das Vertrauen und eine Partnerbeziehung erst aufgebaut werden müssen. Aber man kann auch Verhandlungen und kleinere Treffen digital stattfinden lassen, sodass wir – hoffe ich – in Zukunft konzentrierter reisen können.

Ist die Pandemie ohne die Entwicklungs- und Schwellenländer überhaupt zu besiegen?

Einen Vorteil gegenüber der westlichen Welt haben die Entwicklungsländer: Die Bevölkerung ist deutlich jünger. Was in einigen Ländern, auch wenn die Zahlen nicht immer gesichert sind, sich Gott sei Dank in deutlich niedrigeren Sterbezahlen ausgedrückt hat. Nur darauf können wir uns aber nicht verlassen, deshalb wurde auch die Impfallianz COVAX für die Entwicklungs- und Schwellenländer gegründet, an der sich die Bundesregierung beteiligt. Insgesamt sollen 1,5 Milliarden Euro eingezahlt werden, da ist ein signifikanter Betrag. Am Ende steht und fällt alles mit der internationalen Solidarität. Und ich bin optimistisch, dass wir – wenn ein gewisses Impfniveau in den entwickelten Ländern erreicht ist – unseren Blick auf die anderen Länder richten.

Die Corona-Hilfe in der FZ und wie die KfW sie umsetzt
Mann sitzt alleine in einem Warteraum mit vielen bunten Stühlen

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer stehen COVID-19 besonders schutzlos gegenüber. Im Rahmen des Corona-Sofortprogramms des BMZ trägt die KfW dazu bei, schnell und wirksam zu helfen. Dabei zählen wir auch auf unsere Außenbüros vor Ort. Wir lassen unsere Partner nicht allein.

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Was können wir in Deutschland von den Entwicklungsländern lernen?

Ich bin sicher, dass die KfW-Büroleiter vor Ort viele Beispiele kennen. Ich denke, dass man in manchen Ländern schon Pandemien gewohnt ist – leider. Unter anderem in Afrika. Und dass es dort durchaus Regierungen gibt, die sehr früh und schnell handeln, die Wirtschaft herunterfahren und Vorsichtsmaßnahmen durchführen. Da ist die Handlungsfähigkeit vom Tempo her eine ganz andere als bei uns.

Also gibt es einen Grund für Optimismus?

Der wirtschaftliche Einbruch ist zwar nicht so groß wie in den entwickelten Ländern. Gleichzeitig kann ein entwickeltes Land nach der Krise wieder Vollgas geben und investieren. Diese Mittel haben Entwicklungsländer nicht und kommen deshalb aus den Dellen nur sehr langsam heraus. Und das bedeutet auch für die aktuelle Corona-Krise, dass am Ende die Verschuldung steigen und die Handlungsfähigkeit der Regierungen zurückgehen werden. Und das kann zu Instabilität und auch zu regionalen Konflikten führen. Das sind für mich die Hauptrisiken.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 31. März 2021.