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Mobilität

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Metro sticht Moped

65 Prozent des Verkehrs in Nagpur entfallen auf motorisierte Zweiräder. Um CO₂ einzusparen und die Luft zu verbessern, setzt die Millionenstadt nun auf den Ausbau ihres öffentlichen Nahverkehrsnetzes. Seit 2015 wird an dem Großprojekt gearbeitet. Den Löwenanteil bei der Finanzierung der Maha-Metro übernimmt die KfW mit einem Förderkredit über 500 Millionen Euro.

Öffentlicher Nahverkehr für indische Großstadt
Akzente setzen

Mit ihren Giebeldächern aus roten Blechen erinnert die bereits fertiggestellte ebenerdige Khapri-Station an einen viktorianischen Bau.

Baustaub hat sich über die Orange aus Beton gelegt. Sie krönt eine Säule im Zentrum Nagpurs und symbolisiert die „Orange City“. Den Beinamen führt die indische Millionenstadt, weil sie für ihren Orangenanbau bekannt ist. Hinter dem Apfelsinendenkmal ragen Betonpfeiler in den Himmel. Hier entsteht die spektakulärste Haltestelle der neuen Metro von Nagpur, die Station Zero Mile. Wenn die Bahn Ende des Jahres 2019 ihren Betrieb aufnimmt, soll sie der „Orange City“ zu einem modernen Image verhelfen.

Die indische Regierung forciert seit einigen Jahren den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. In neun Städten fahren mittlerweile Metros, in zwei Dutzend weiteren sind sie im Bau oder geplant. Das von 2,5 Millionen Menschen bewohnte Nagpur soll eine besonders gute Bahn bekommen: ökologisch ausgerichtet, effizient geplant, schnell gebaut, marktwirtschaftlich kalkuliert.

Mit Abschluss der ersten Bauphase werden zwei Linien mit jeweils 20 Stationen auf einer Strecke von insgesamt rund 40 Kilometern in Betrieb gehen. Umgerechnet 1,2 Milliarden Euro werden dann verbaut sein. Den Löwenanteil bei der Finanzierung übernimmt die KfW mit einem Förderkredit über 500 Millionen Euro. Die französische Entwicklungsbank AFD steuert 130 Millionen bei, den Rest teilen sich der indische Staat und der Bundesstaat Maharashtra, in dem Nagpur liegt. Es ist eines der größten Darlehen, das die KfW jemals für ein einzelnes Projekt vergeben hat. KfW-Vorstand Joachim Nagel zeigt sich während eines Besuchs in Nagpur beeindruckt: „Die Metro wird zum Katalysator der Stadtentwicklung.“

Öffentlicher Nahverkehr für indische Großstadt
Mit Übersicht

Brijesh Dixit, Chef der Maha-Metro, ist klar: Seine Bahn wird nur erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Menschen zur Metro zu bringen – und damit weg vom motorisierten Zweirad.

Auf den Mittelstreifen der Magistralen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung stehen Betonpfeiler in dichten Abständen. Sie tragen die Schienenstrecke, die an vielen Stellen die Häuser überragt. Auf acht Kilometern wird es zwei oder gar vier Ebenen geben: Dort fährt über der Straße die Eisenbahn, noch eins höher verläuft die Autobahn, und ganz oben liegen die Metrogleise.

Die Stationen sollen auch städtebauliche Impulse setzen. Mit ihren Giebeldächern aus roten Blechen erinnert die bereits fertiggestellte ebenerdige Khapri-Station an einen viktorianischen Bau. Eine Glashülle umgibt die ebenfalls schon einsatzbereite Haltestelle Airport South. Und Zero Mile schließlich ist als 90 Meter hohes, 20-geschossiges Hochhaus konzipiert, mit dem Bahnhof im fünften Stock und Geschäften, Hotels und Büros drunter und drüber. Der Name Zero Mile erinnert daran, dass Nagpur der geografische Mittelpunkt des britischen Kolonialreiches Indien (zu dem auch das heutige Pakistan, Bangladesch und Myanmar gehörten) gewesen sein soll.

So beeindruckend die Baupläne sind, entscheidend für den ökologischen und ökonomischen Erfolg des Projektes wird sein, dass „wir die Menschen zur Metro bringen“, sagt Brijesh Dixit, Chef der öffentlichen Betreibergesellschaft Maharashtra Metro Rail Corporation, kurz Maha-Metro, die parallel auch die Metro in der Fünf-Millionen-Stadt Pune baut. Der schienengebundene Lokalverkehr ist in Indien kein Selbstläufer. Die Aufgabe lautet: „Wenn die Menschen aus dem Haus gehen, müssen sie wissen, wie sie mit dem öffentlichen Nahverkehr an ihr Ziel kommen“, wie Metro-Planungsdirektor Ramnath Subramaniam erklärt.

Öffentlicher Nahverkehr für indische Großstadt
Hauptkonkurrent

Mopeds dominieren die Straßen. 65 Prozent des Verkehrs in Nagpur entfällt auf die motorisierten Zweiräder.

Motorisierte Zweiräder sind der Hauptkonkurrent im Stadtverkehr. 20 Millionen Mopeds, Roller, Motorräder sind im vergangenen Jahr in Indien verkauft worden. Sie sind das erschwingliche Gefährt für Singles, Paare und Familien, die dabei sind, zur Mittelschicht aufzusteigen.

65 Prozent des Verkehrs in Nagpur entfällt auf die Zweiräder. Der öffentliche Personennahverkehr kommt nur auf einen Anteil von 15 Prozent. Die Metro, so das ehrgeizige Ziel, soll diesen auf 35, 40 Prozent erhöhen. Das kann nur gelingen, wenn die Stationen gut erreichbar sind. Und so werden Buslinien die Stationen anfahren – konsequenterweise im rein elektrischen Betrieb –, Radfahrer und Fußgänger ihr eigenes Wegenetz rund um die Haltestellen bekommen. Dort finden sich Haltebuchten für Taxis, Parkplätze für Autos und Zweiräder und Ladestationen für E-Bikes. Alles folgt dabei der Verpflichtung, „die höchsten Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten“, sagt Planungsdirektor Subramaniam. Sie sei „das Besondere an der Zusammenarbeit mit der KfW“.

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Öffentlicher Nahverkehr für indische Großstadt
Enger Austausch

KfW-Vorstandsmitglied Dr. Joachim Nagel im Gespräch mit Metro-Planungsdirektor Ramnath Subramaniam auf dem Dach der South Airport Metro Station in Nagpur.

Mit der Reduzierung des Zweiradverkehrs wäre viel für die Verringerung der CO₂-Emissionen und die Verkehrssicherheit, für den Ressourcenschutz und für bessere Luft in der Millionenstadt erreicht. Die Metro nämlich bedient sich überwiegend der Sonnenenergie. Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Stationen und Solarpaneele entlang der Trassen sollen 65 Prozent des insgesamt für den Betrieb der Bahn benötigten Stroms erzeugen. Abwasserrecycling, hängende Gärten an den Trassenständern und 5.000 Bäume, die als Ersatz für die während des Baus gefällten gepflanzt wurden, vervollständigen die ökologischen Maßnahmen.

Auch bei der Finanzierung geht Maha-Metro neue Wege. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf (eine Karte für die ersten zwei Kilometer wird umgerechnet zwölf Cent kosten) sollen den Betrieb der Metro decken. Mit den Erlösen aus Geschäften rund um die Bahn werden Zinsen gezahlt und Kredite getilgt. Maha-Metro verdient über eine Vereinbarung mit der Kommune daran mit, dass die Preise für Grund und Boden in der Umgebung der Trassen und Stationen steigen. Die Betreibergesellschaft vermietet kleine Geschäfte in den Haltestellen und verkauft Namensrechte an ihnen. „60 Prozent unserer gesamten Einnahmen wollen wir aus dem Geschäft generieren, dass wir unabhängig vom Ticketverkauf machen“, erläutert Subramaniam.

„Die Metro wird zum Katalysator der Stadtentwicklung.“

KfW-Vorstand Dr. Joachim Nagel

Baustelle Maha-Metro
Räume nutzen

Betonpfeiler werden in dichten Abständen errichtet. Sie tragen die Schienenstrecke, die an vielen Stellen die Häuser überragt.

Seit dem 1. Juni 2015 wird im Drei-Schicht-Betrieb auf der Baustelle gearbeitet, die sich durch die Stadt zieht. „Wir sind voll im Zeitplan“, sagt Vorstandschef Dixit sichtlich zufrieden. Und wenn das bis Ende kommenden Jahres so bleibt, dann hat Maha-Metro innerhalb von nur viereinhalb Jahren eine komplette Metro gebaut. 8.500 Menschen beschäftigt das Milliardenprojekt derzeit, allein 7.000 von ihnen ziehen Trassen und Stationen hoch; auf 1.000 wird die Zahl derer geschätzt, die später mal dauerhaft für Maha-Metro arbeiten.

Die Bürger und Bürgerinnen Nagpurs werden auf Plakaten um Nachsicht für Verkehrsbehinderungen während des Baus gebeten („Today’s pain is tomorrow’s gain“) oder auf die große Bedeutung des Vorhabens eingestimmt: „Transforming Nagpur“. Auf Probefahrten lernen seit Sommer 2018 vor allem Schülerinnen und Schüler die Vorteile der Metro kennen. Zwei Züge, in den Markenfarben Hellgrün und Orange bemalt und mit Tigerbildern beklebt – in der Nähe Nagpurs liegt das Tigerreservat Tadoba Andhari –, rollen dazu vom Depot aus über einen bereits fertigen Teilabschnitt. Die Metro Hyderabad leiht die beiden Züge dafür aus. Die eigenen Bahnen hat Maha-Metro in China bestellt, 23 Züge mit je drei Waggons. Die Signaltechnik für die beiden Linien wird von Siemens zugeliefert.

Noch harrt die Metro der Eröffnung, da macht man sich schon an die Bauphase II. Ein erstes Finanzierungskonzept soll im April 2019 stehen. An den vier Endpunkten der beiden Linien wird das Netz um insgesamt 50 Kilometer verlängert werden. Pendler aus der Region will man so bewegen, ihr Zweirad stehen zu lassen. Nagpur wird dank der Metro unter Einhaltung ökologischer Grundsätze ökonomisch boomen, da sind sich die Maha-Metro-Macher sicher. Aus diesem Prozess kann auch die KfW einen Gewinn ziehen. „Wir machen Erfahrungen“, sagt KfW-Vorstand Nagel, „die wir bei der Zusammenarbeit mit anderen Städten einbringen können.“ In vielen Teilen der Erde hat der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs noch gar nicht richtig begonnen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Mittwoch, 5. Dezember 2018