Virtual-Reality Flugsimulator „Birdly“
Smart Cities

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Verschwörung im Datenraum

In der Wirtschaft ist es längst üblich, sich Entwicklungslabore für innovative Projekte zu leisten. Genau so geht nun auch die Stadt Ulm vor. Schon jetzt ist Ulm „Zukunftsstadt 2030“ wie auch „Digitale Zukunftskommune“ des Landes Baden-Württemberg.

Baustellen des Bau des Citybahnhof Ulm und der Stadtquartiere um den Bahnhof

Das Viertel rund um den Ulmer Hauptbahnhof verändert sich in den kommenden Jahren stark. Die Stadt macht das Quartier zu einem Modellprojekt des technologischen Wandels.

Immer im Juli tritt das Ulmer Stadtoberhaupt auf den Balkon des Schwörhauses und legt, einer jahrhundertealten Tradition folgend, Rechenschaft ab über die Lage der Kommune. Im vergangenen Jahr verkündete Oberbürgermeister Gunter Czisch: „Wir haben uns das Ziel gesetzt, digitale Vorzeigestadt in Deutschland zu werden.“

Welchen Weg Ulm dabei einschlägt, kann man im Nachbargebäude des Schwörhauses erfahren. Dort, unweit von Rathaus und Münster, widmet man sich auf mehreren Etagen dem ehrgeizigen Vorhaben. In Erdgeschoss und Keller logiert das Experimentallabor „Verschwörhaus“. Darüber sitzt der Digital-Hub für die Ulmer Wirtschaft, der kleine und mittelständische Unternehmen in Digitalisierungsfragen berät. Und noch ein Stockwerk höher wirkt die Geschäftsstelle Digitale Agenda, eine Anfang 2018 ins Leben gerufene Einheit der Stadtverwaltung.

Digitalisierung funktioniere nur „im Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Bürgerschaft, Verwaltung“, sagt Sabine Meigel. Sie leitet die Digitale Agenda, die nunmehr auch das „Modellprojekt Smart City“ umsetzt. So heißt der Wettbewerb, der vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und von der KfW ausgelobt und mit insgesamt 750 Millionen Euro Fördergeld des Bundes ausgestattet wurde. Ulm gehört zu dessen ersten Gewinnern. Die schwäbische Stadt erhält von der KfW einen Zuschuss von acht Millionen Euro und gibt selbst vier Millionen Euro dazu.

Sabine Meigel, der Leiterin der Geschäftsstelle Digitale Agenda der Stadt Ulm

Sabine Meigel leitet die Geschäftsstelle Digitale Agenda.

Digitale Wende schon früh eingeleitet

Ulm hat bereits mehrjährige Erfahrungen mit dem Thema, ist „Zukunftsstadt 2030“ wie auch „Digitale Zukunftskommune“ des Landes Baden-Württemberg und findet sich im Smart-City-Atlas des Informations- und Telekommunikationsverbandes Bitkom. Gunter Czisch, seit 2016 Oberbürgermeister, schob schon vor zehn Jahren, damals noch in seiner Funktion als Erster Bürgermeister, die Digitalisierung auf der Rathausagenda nach oben. Unter den 51 Bewerberkommunen des Bundeswettbewerbs „Zukunftsstadt 2030“ hatten nur drei auf das Thema Digitalisierung gesetzt – eine davon war Ulm. „Aufbau der digitalen Kompetenz in der Stadt und Aufbau der stadteigenen Infrastruktur zur Datenhaltung nach demokratisch legitimierten Regeln“, so beschreibt Czisch den Ulmer Ansatz.

Das Verschwörhaus geht schon in sein viertes Jahr. „Jugend hackt“-Plakate an den Wänden, Sitzsäcke, viele Laptops, viele Kabel, ein ständiges Kommen und Gehen. „Wir sind ein FabLab und Hackspace mit städtischer Förderung“, sagt Stefan Kaufmann, von der Kommune angestellter Projektmanager des Laboratoriums. Auf 500 Quadratmetern werkelt und bastelt, wer will, in der realen Welt oder der virtuellen, mit 3-D-Druckern, Lasercuttern, computergesteuerten Fräsen, aber auch mit Parkautomat, Fernschreiber und Slush-Eismaschine. In einer Holzwerkstatt werden Möbel gebaut, im Keller laufen die Server des Internetknotens „Verschwörhaus“. „Freiheit lassen, keinen Plan vorgeben“, beschreibt Sabine Meigel den Arbeitsansatz. Im Austausch aller entwickeln sich neue Ideen. Und das ohne ökonomischen Druck. „Wir müssen kein Geld verdienen“, sagt Stefan Kaufmann vom Experimentallabor.

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Messdaten für den Bürgerservice

Der freie Arbeitsansatz schreibt Erfolgsgeschichten. Eine davon ist die Münster-Node, ein streichholzschachtelgroßer Datensender, entwickelt im Verschwörhaus. Das batteriegetriebene Kleinstgerät speist Messdaten in das Ulmer Netzwerk LoRaWAN ein. Die Abkürzung steht für Long Range Wide Area Network, also für „weitreichendes Netzwerk“. Ulm zählte dank des Engagements der Initiative Ulm Digital e.V. zu den ersten Städten weltweit, die flächendeckend über LoRaWAN verfügten. Durch diese „Tür zum Internet der Dinge“ lassen sich sehr günstig kleine Datenmengen über größere Entfernungen übertragen. Zum Beispiel eben die Messdaten der Münster-Node. Die Einsatzvarianten der Messsensoren sind schier grenzenlos: Wassertemperatur im Badesee, Gießbedarf bei Beeten, Pollenflug im Stadtpark, Risse in Bauwerken, Eis auf dem Radweg und so weiter und so weiter.

Sabine Meigel
„Freiheit lassen, keinen Plan vorgeben.“

Sabine Meigel, Leiterin Geschäftsstelle Digitale Agenda

Meigel hat in ihrem Studium Landschaftsarchitektur mit Informatik verbunden und sich auch beruflich immer wieder mit Geodaten beschäftigt. Die Stadt müsse Geodaten in einer eigenen Datenbank sichern und verwalten, sagt sie, plädiert aber auch für eine Freigabe bestimmter Informationen. Wo im Stadtgebiet welcher Baum stehe, müsse beispielsweise nicht geheim sein. Mit solchen Daten könnte jemand eine Radrouten-App für Pollenallergiker schreiben.

Bürgerbeteiligung in der Konzeptphase

Wie die meisten anderen Modellprojekte wird auch Ulm in den nächsten zwei Jahren zunächst eine Strategie ausarbeiten. Zwar gibt es Erfahrungen aus Pilotprojekten und dem E-Government im Rathaus, aber nötig seien auch „Leitlinien für die Digitalisierung, die in allen Bereichen der Verwaltung verankert“ sind, erklärt Meigel.

Bei der Frage, welche Projekte nach Ende der Konzeptphase umgesetzt werden sollen, kann sich Ulm auch an den mehr als 400 Ideen von Bürgerinnen und Bürgern orientieren, die bei bisherigen Befragungen gesammelt wurden. Mobilität schält sich als ein Schwerpunkt heraus. Dabei geht es um intelligente Verkehrssysteme, die für eine Stadt von der Größenordnung Ulms (125.000 Einwohner) auch passen. Für die Marktführer im Carsharing oder bei Mieträdern beispielsweise ist Ulm als Markt zu klein und nicht profitabel.

Preisträger gesucht

Die „Modellprojekte Smart Cities“ sind ein Förderwettbewerb des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) für Städte und Gemeinden in Zusammenarbeit mit der KfW. Das BMI vergibt dafür Zuschüsse über die KfW in einer Gesamthöhe von 750 Millionen Euro, verteilt auf vier Staffeln. Im vergangenen Jahr wurden in der ersten Runde 13 Projekte ausgewählt. Bewerbungen für die zweite Staffel können bis zum 20. April 2020 eingereicht werden.

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Digitale Teilhabe für Ältere und Einkommensschwächere gehört ebenfalls zu den relevanten Aufgaben. Es müsse bei der Digitalisierung „nicht immer die neueste und damit auch teuerste Technik“ eingesetzt werden, sagt Meigel und nennt als Beispiel Bildschirme in den Foyers von Genossenschaftswohnungen. Dort könnten Bewohner Informationen über Wetter, Müllabfuhr, Veranstaltungen oder Buslinien abrufen.

Mit dem Geld aus dem Smart-Cities-Projekt will Ulm vor allem digitale Lösungen für die Quartiere rund um den Bahnhof erarbeiten. Wenn Stuttgart 21 (einschließlich der neuen Schnellstrecke über die Schwäbische Alb) fertig ist, verkürzt sich die Fahrzeit zwischen Ulm und der Landeshauptstadt auf eine halbe Stunde. Die neue Nähe wird die Nachfrage nach Wohn- und Büroraum in den teilweise sanierungsbedürftigen Vierteln rund um den Bahnhof fördern.

Digitale Lösungen für Neubaugebiete aber sehen anders aus als solche für bereits existierende Viertel. „Intelligente“ Straßenlaternen zum Beispiel, deren Helligkeit sich unter anderem dem Verkehrsaufkommen anpasst, lassen sich im Neubaugebiet gleich einplanen, während ein nachträglicher Umbau im gewachsenen Wohngebiet teuer wäre, weil dafür Straßen aufgerissen werden müssten.

Virtual-Reality Flugsimulator „Birdly“

Ein virtueller, selbst gesteuerter Rundflug über das Ulm von 1890: Der Simulator „Birdly“ am Münsterplatz macht’s möglich.

Stadt und Wirtschaft beteiligen sich am 3F Coworking Space

Wie Stadt und Wirtschaft beim Thema Digitalisierung kooperieren können, könnte sich am Beispiel des Ende 2019 im Geschwister-Scholl-Haus eröffneten 3F Coworking Space zeigen. Meigels Mannschaft lotet gerade Formen der Zusammenarbeit mit dem „Freiraum für Freigeister“ aus, wie sich das Projekt der 4H health products Entwicklungs GmbH nennt.

Um Bürgerinnen und Bürger in Ulm und um Ulm herum die „Smart City“ näherzubringen, will das Team der Digitalen Agenda neue Dialogformen ausprobieren. An Workshops zur Digitalisierung beteiligen sich vor allem technikaffine Menschen und Ältere mit viel freier Zeit. „Wir müssen aber auch dahin, wo sich Familien aufhalten“, sagt Meigel, auf Spielplätze zum Beispiel.

Am Münsterplatz hat die Stadt „m25“ eröffnet, eine Art Showroom, der unter anderem Lust auf Digitalisierung machen soll. Hier wird Meigels Geschäftsstelle Anfang 2020 für einige Wochen ein Pop-up-Büro eröffnen, um über das Projekt „Smart City“ zu informieren. Eine digitale Attraktion beherbergt m25 bereits: den Flugsimulator Birdly. Bäuchlings auf dem Gerät liegend, können Besucher virtuell über dem Ulm von 1890 schweben. Die digitale Stadtansicht ist dafür am Computer historisch treu rekonstruiert worden. Der Birdly erinnert an die Idee des Schneiders Albrecht Ludwig Berblinger. Am 24. Juni 2020 jährt sich zum 250. Mal der Geburtstag des berühmtesten Ulmers. Sein Traum vom Fliegen scheiterte kläglich. Heute aber ist „der Schneider von Ulm“ als Visionär rehabilitiert.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 30. Januar 2020.