Bürgermeister von Brandis, Herr Jesse
Smart Cities

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Digitale Lokomotive

Die sächsische Kleinstadt Brandis macht seit Jahren durch Innovation auf sich aufmerksam. Jetzt will sie sechs weitere Gemeinden mit in die Zukunft ziehen.

Brandis von oben

Auf dem Markt, dem Zentrum der sächsischen Stadt Brandis, gibt es freies WLAN.

Brandis steht recht gut da. Das alte Gewerbegebiet ist fast ausgebucht, die Nachfrage nach Bauplätzen für Wohnhäuser größer als das Angebot. Und doch sagt Arno Jesse (Bild oben): „Wir müssen kooperieren.“ Jesse ist der Bürgermeister von Brandis, und „wir“ sind die kleinen Kommunen im Partheland. Benannt nach dem Flüsschen Parthe, liegt es zwischen dem ökonomisch starken Leipzig sowie den Mittelzentren Grimma und Wurzen. Gegen diese Konkurrenz wollen die Kommunen attraktiv bleiben, für Bürger und Betriebe, und ihre Eigenständigkeit bewahren. Deshalb haben sie Ende 2018 die Region Partheland ins Leben gerufen und kooperieren jetzt bei dem Zukunftsthema par excellence: Digitalisierung.

Mit 750 Millionen Euro fördern das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und die KfW den technologischen Wandel im Rahmen der „Modellprojekte Smart Cities“. Nicht nur mittlere und große Städte kommen in den Genuss von Zuschüssen, sondern auch kleine wie Brandis mit seinen knapp 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern oder Dörfer wie das halb so große Großpösna. Mit Naunhof, Borsdorf, Belgershain, Parthenstein und Machern bilden Brandis und Großpösna die Modellregion Partheland, die für die Strategie- und Umsetzungsphase des Smart-Cities-Projekts von der KfW 4,7 Millionen Euro erhält; ein zusätzliches Drittel steuern die Gemeinden selbst bei.

Passgenaue Digitalisierung

Brandis hat damit zum dritten Mal in kurzer Folge in einem Förderwettbewerb von Bund oder Land erfolgreich abgeschnitten. 2014 wurde der Ort sächsische Innovationskommune, seit 2017 ist er eine von deutschlandweit neun Modellkommunen Open Government des BMI. Treibende Kraft hinter den Bewerbungen ist der aus Oldenburg stammende Jesse. Ehedem Geschäftsführer einer Marketingagentur und seit 2013 Bürgermeister, lebt er seit 2002 in der Kleinstadt im Leipziger Speckgürtel.

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Im ländlichen Raum „geht es um klassische Daseinsvorsorge“, sagt Jesse über die digitale Zukunft, nicht um „teure technische Lösungen“. Sensorik spielt abseits der Ballungszentren eher eine Nebenrolle. Parkplätze finden sich hier immer, für die Müllabfuhr ist der Kreis zuständig, Open-Source-Plattformen zählen nicht zu den vordringlichsten Wünschen der Bevölkerung.

Brandis ist so etwas wie die Lokomotive der Region Partheland. Dank der Förderungen aus früheren Wettbewerben verfügt der Ort über digitale Ausstattungen, die „wir uns weder finanziell noch von der Manpower hätten leisten können“, sagt Jesse. Viele Verwaltungsprozesse und auch der Bauhof sind digitalisiert, der Rat der Stadt arbeitet weitgehend ohne Papier, der Marktplatz und der Bahnhof in Brandis-Beucha sind WLAN-Zonen. Es gibt eine Bürger-App und einen ansprechenden kommunalen Internetauftritt mit Mitmachportal und Mängelmelder. Teilhabeprojekte wie „Kinder entdecken Brandis“ mithilfe einer App haben die Möglichkeiten des technologischen Wandels erlebbar gemacht.

Arno Jesse
„Im ländlichen Raum geht es um klassische Daseinsvorsorge, nicht um teure technische Lösungen.“

Arno Jesse, Bürgermeister von Brandis

So weit ist man an den anderen Standorten des Parthelandes noch nicht. Aber auch für diese Kommunen gilt ja das Onlinezugangsgesetz des Bundes: Bis 2022 müssen alle kommunalen Dienstleistungen auch online angeboten werden. In Dörfern ist der Weg zur Gemeindeverwaltung zwar kürzer, aber da eine flächendeckende Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt, kann er trotzdem beschwerlicher sein. Deshalb ist die Aussicht, sich Behördengänge sparen zu können, für Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, erfreulich.

Mehrmonatige Testphasen

Auf einem ersten Treffen haben Vertreter der Smart-Cities-Modellregion Partheland, beraten von Informatikern und Ingenieuren, erste Projekte entwickelt, die Chancen auf eine KfW-Förderung haben. So will man schon im Jahr 2020 in einer mehrmonatigen Testphase untersuchen, wie sich E-Mobilität auf dem Land organisieren lässt. Geplant ist, mit einem privaten Partner temporär einen Verleih für E-Autos und E-Fahrräder auf die Beine zu stellen. Ein Gedanke dabei ist auch: Die Kommunen haben Dienstwagen, die sie nicht auslasten. Carsharing könnte beim Betrieb des eigenen Fuhrparks Ersparnisse bringen.

Preisträger gesucht

Die „Modellprojekte Smart Cities“ sind ein Förderwettbewerb des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) für Städte und Gemeinden in Zusammenarbeit mit der KfW. Das BMI vergibt dafür Zuschüsse über die KfW in einer Gesamthöhe von 750 Millionen Euro, verteilt auf vier Staffeln. Im vergangenen Jahr wurden in der ersten Runde 13 Projekte ausgewählt. Bewerbungen für die zweite Staffel können bis zum 20. April 2020 eingereicht werden.

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Neben E-Mobilität soll in Brandis auch Smart Living erprobt werden. Das barrierefreie, energieeffiziente, digital unterstützte Wohnen kann beispielsweise alten Menschen den Umzug in ein Heim ersparen. Drei Wohnblöcke der stadteigenen Wohnbaugesellschaft, bei denen ohnehin eine energetische Sanierung ansteht, sollen als Smart Homes miteinander verknüpft und mit digitalen Angeboten ausgestattet werden. Smart Living gilt als Leuchtturmprojekt, weil die anderen Kommunen erprobte Konzepte leicht übernehmen und schnell von den Brandiser Erfahrungen profitieren können.

Ein drittes Beispiel ist das stationäre Digitallabor. Es soll im ehemaligen Bürgerhaus im Stadtteil Beucha eingerichtet werden, in dem die Kommune auch ein Gründerzentrum und ein Coworking Space etablieren will. „Für die Digitalisierung sensibilisieren“, beschreibt Jesse den Zweck des Digitallabors und sagt, dass diese eben auf dem Land auch „noch nicht richtig angekommen“ sei. Im Digitallabor können Bürgerinnen und Bürger anhand von Prototypen erleben, wie der technologische Umbau aussehen, welche Folgen er haben könnte. Für dieses Projekt interessieren sich mehrere Partheland-Orte. Einmal technisch ausgestattet, könnte das Labor quasi von Ort zu Ort ziehen.

Denn bei allen Projekten geht es immer auch darum, die Menschen in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen. Der Brandiser Bürgermeister sieht generell in dem Smart-City-Projekt eine Chance, „Bürger für die Stadtgesellschaft zu motivieren“. Er erlebe „gerade einen enormen Veränderungsprozess, selbst wenn ihn viele Bürger noch gar nicht wahrnehmen“.

Die Region rund um Leipzig, zu der auch die Partheland-Kommunen gehören, ist Wachstumszone. Die Einwohnerzahl der größten sächsischen Stadt ist in den vergangenen zehn Jahren um 100.000 gestiegen. Grimma, das östlich ans Partheland grenzt, hat im selben Zeitraum um 50 Prozent zugelegt. Die Gemeinden des Parthelandes müssen Synergien heben, wenn sie sich behaupten wollen, denn dass jeder „alle Kompetenzen anbietet, wird auf Dauer nicht funktionieren“, ist sich Jesse sicher. Smarte Lösungen können helfen, stark zu bleiben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 28. Januar 2020.