Das Gründungsteam von Buses4Future vor einer Wasserstofftankstelle
KfW Award Gründen

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Sauber auf ganzer Linie

In Deutschland befördert der öffentliche Personennahverkehr rund zehn Milliarden Fahrgäste im Jahr. Vielerorts verkehren Diesel-Linienbusse, die Lärm erzeugen und schädliche Stickoxide, Feinstaub und CO₂ ausstoßen. Buses4Future zeigt, dass es auch anders geht: Das Start-up hat Wasserstoffbusse entwickelt, die für eine Wende im Verkehr sorgen können. Das Unternehmen wurde Landessieger Niedersachsen beim KfW Award Gründen 2020.

Ortsbesuch bei Buses4Future (KfW Bankengruppe/n-tv).

Überraschend leise verlässt der zwölf Meter lange Bus den Betriebshof in Münster in Nordrhein-Westfalen. 350 Kilometer wird er heute unterwegs sein und dabei keine Abgase, sondern nur ein kleines Wölkchen aus Wasserdampf ausstoßen. Dafür sorgen die Brennstoffzellen in seinem Inneren.

„Dem Wasserstoff gehört die Zukunft!“, sagt Dr. Hans Hermann Schreier, Geschäftsführer der Buse4Future GmbH. Sein Unternehmen hat den Linienbus an die Stadtwerke in Münster vermietet. Die Eingliederung in die Flotte ist problemlos, er fährt genauso zuverlässig wie die weiteren 200 Busse in der Region. Nur betankt wird er nicht am üblichen Dieselhahn, sondern jeden Morgen zehn Minuten lang mit Wasserstoff befüllt.

Ganz neu ist der Bus nicht, er wurde schon testweise in den Niederlanden eingesetzt. SuperSurf hieß das Projekt, an dem Hans Hermann Schreier zusammen mit seiner Frau Susanne beteiligt war. Hier entwickelten sie hochpräzise optische Messsysteme für Wasserstoffbrennstoffzellen – eine wichtige Voraussetzung, um diese in gleichbleibend hoher Qualität herzustellen. Nach dem Auslaufen des Projekts übernahm das Ehepaar Schreier einen der Busse und gründete gemeinsam mit seinen holländischen Kollegen Jochem Huygen und Dr. Theo Hendriks die Buses4Future GmbH in Oldenburg.

Ein Blick in den Motor eines Buses mit Brennstoffzelle

In den Brennstoffzellen erzeugt Wasserstoff mit Sauerstoff eine kalte Verbrennung, die einen Elektromotor antreibt. Schädliche Emissionen entstehen dabei nicht.

Wasserstoff auf dem Vormarsch

Von hier aus möchte das Gründerteam den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland auf Wasserstoff umstellen. Die Chancen stehen gut. Kommunen haben großes Interesse, denn Wasserstoff gilt als erste Wahl für umweltfreundliche Mobilitätskonzepte und wird zudem umfangreich gefördert. „Der Diesel ist aus gesetzlichen Gründen ein Auslaufmodell. Batteriebetriebene Busse kommen nur 200 Kilometer weit und haben lange Ladezeiten. Wir schätzen, dass in Zukunft etwa 30 Prozent der Busse mit Brennstoffzellen ausgestattet sind“, erläutert Hans Hermann Schreier.

Buses4Future ist vorbereitet. In Nordrhein-Westfalen sollen demnächst weitere Wasserstoffbusse angeschafft werden. Mit rund zehn weiteren Kommunen gibt es Verhandlungen über die Einführung. „Wir rennen offene Türen ein“, sagt Schreier. Der proof of concept für den Markteintritt in Deutschland, also der Nachweis, dass die Geschäftsidee umsetzbar ist, dürfte damit kein Problem sein. Ein weiterer Vorteil: Das Unternehmen sorgt nicht nur für die Busse, sondern bietet ein planerisches Komplettpaket und strategische Partner. Fehlen Komponenten, hilft Buses4Future, sie zu ergänzen. Das kann die Installation einer Wasserstofftankstelle oder ein entsprechender Versorger sein. In diesem Fall wird die Zusammenarbeit mit Erzeugern von „grünem“ Wasserstoff angestrebt. Er wird aus regenerativen Quellen wie Photovoltaik-, Windkraft- oder Biogasanlagen gewonnen, die gerade in Niedersachsen reichlich vorhanden sind.

Doch wie funktioniert der Wasserstoffantrieb eigentlich genau? Die Verfahrenstechnikerin Susanne Schreier erklärt es: „Brennstoffzellen sind aus hochwertigem karbonischem Material gefertigt. Eine Zelle besteht dabei aus zwei sogenannten Bipolarplatten, jede so groß wie ein DIN-A4-Blatt. Zwischen ihnen liegt eine platinbeschichtete Membran, die als Katalysator dient. Werden nun Wasserstoff und Luft eingespeist, entstehen ein Elektronenaustausch und eine sogenannte kalte Verbrennung.“ Der so erzeugte Strom treibt einen Elektromotor für die Fahrt an. Ein Teil des Stroms wird in einer Batterie gespeichert und deckt damit einen zeitweilig höheren Bedarf ab, wenn der Bus beispielsweise bergauf fahren muss. Bis zu 40 dieser Zellen sind in sogenannten Stacks zusammengefasst und werden im Bus verbaut. Im Gegensatz zu einem Pkw spielen Größe und Gewicht der Stacks eine geringe Rolle. Wichtiger ist die Haltbarkeit – die Lebensdauer eines Linienbusses ist auf mindestens zwölf Jahre angelegt, in denen er über eine Million Kilometer zurücklegt.

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Das Gründungsteam von Buses4Future vor einer Wasserstofftankstelle

Die Gründer von Buses4Future beziehen sich mit ihrem Unternehmensnamen auf die Fridays for Future-Bewegung, denn auch sie setzen sich für eine klimafreundliche Zukunft ein.

Erfahrung und Engagement

Der 74-jährige Hans Hermann Schreier ist leidenschaftlicher Unternehmer. Nachdem er mehrere eigene Firmen erfolgreich aufgebaut und eine sogar an die Börse gebracht hat, war ein ruhiges Rentnerleben undenkbar für ihn. „Da vergreist man“, sagt er lachend. Auch Susanne Schreier ist über sechzig und hat ein eigenes Unternehmen geleitet, Gleiches gilt für ihre Mitgründer Jochem Huygen und Theo Hendriks. Trotzdem gründen auch sie nicht mal eben beim Abendessen.

Das Team erhielt einen Platz im „Start-up Accelerator GO!“ in Oldenburg, um das Konzept weiter auszubauen. Sogar ein Gründungsstipendium war Teil des Förderprogramms. „Ich habe für mein Studium damals kein BAföG bekommen und jetzt ein Stipendium vom Staat! Das ist eine großartige Wertschätzung unserer Arbeit“, sagt Hans Hermann Schreier.

Im Herbst 2019 erfolgte die Gründung der GmbH. Finanziert wird der weitere Aufbau durch Seed Capital der NBank. Die Gründerpersönlichkeiten und die in Aussicht stehenden Aufträge aus mehreren deutschen Städten haben die Förderbank sofort überzeugt. Weiterhin hat ein privater strategischer Investor aus dem Bereich der alternativen Energien für eine nachhaltige Finanzierung des Ausbaus Interesse angemeldet.

KfW Award Gründen

Der KfW Award Gründen 2020 zeichnete im November 16 Landessieger und einen Bundessieger (ooia) für ihre Geschäftsideen aus. Außerdem wurden zwei Sonderpreise vergeben. Bewerbungen für den neuen Wettbewerb können ab Juli 2021 eingereicht werden.

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Gestalten und verändern

An ihrem Firmensitz im Coworking-Space des Technologie- und Gründerzentrums Oldenburg fällt das Ehepaar auf – die meisten hier sind halb so alt. Trotzdem lernen beide Seiten viel voneinander und sind in regem Austausch. „Wir sind die Generation Overheadfolie. Millionenprojekte haben wir mit dem Stift auf diesen Folien skizziert. Und nun brauchten wir plötzlich Pitch Decks, das haben wir noch nie gemacht“, erzählt Susanne Schreier und verrät, dass sie für die Erstellung dann doch Profis engagiert haben.

Buses4Future verweist mit dem Firmennamen ganz bewusst auf die Fridays-for-Future-Bewegung. Als Schüler und Studenten waren die Schreiers oft auf Demonstrationen, gegen Bildungsnotstand, BAföG-Reduzierungen oder die Startbahn West. Heute ist der Klimaschutz ihr größtes Anliegen. „Protestieren ist gut, aber einer muss auch mal was machen. Und warum sollen das nicht wir sein?“, sagen sie.

Buses4Future weitet nun den Vertrieb aus, in den nächsten vier Jahren sollen mindestens 200 Busse verkauft werden. Der renommierte Preis der KfW ist sehr gut geeignet, um weiter bekannt zu werden. Er hat für ein großes Presseecho und viele Anfragen gesorgt. Gleichzeitig unterstützt diese Qualitätsauszeichnung das Unternehmen bei der Akquise von Partnern.

Dass ihre Arbeit überaus jung hält und Spaß macht, sieht man dem Gründerpaar an. Wenn sich die beiden doch einmal zur Ruhe setzen möchten, gibt es in ihrem Netzwerk viele geeignete Personen, die ihr Werk weiterführen können. Buses4Future ist damit eines der ganz wenigen Unternehmen, die schon bei der Gründung an die Nachfolge denken.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 9. Februar 2021.