Gründer Beheshti und Al-Hakim
Gründen

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Trinkwasser für alle

Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. In Ländern wie Somalia oder Jemen ist es oft verschmutzt – und aufbereitetes Wasser teuer. Boreal Light hat eine Anlage entwickelt, die an vorhandene Quellen angeschlossen wird und die Bevölkerung günstig versorgen kann. Dafür wurde das Berliner Unternehmen im Wettbewerb KfW Award Gründen 2019 als Bundessieger ausgezeichnet. Zusätzlich gewannen die Gründer den Publikumspreis.

Bundes- und Publikumssieger

Technologie für sauberes Trinkwasser: Boreal Light erhält den KfW Award Gründen 2019 (KfW Bankengruppe/n-tv).

In einer nüchternen Halle im Industriegebiet von Berlin-Marienfelde prüfen Hamed Beheshti und Ali Al-Hakim ein letztes Mal ihre Wasseraufbereitungsanlage. In Kürze wird sie eingepackt und ausgeliefert. Die Gründer zeigen auf die einzelnen Teile: „Das Solarpanel erzeugt den Strom für die Pumpe. Sie fördert Brackwasser oder Salzwasser aus den vorhandenen Quellen, das kann ein Brunnen, ein See oder das Meer sein. Es läuft durch verschiedene, auf das Wasser zugeschnittene Filter. Am Ende kann Trinkwasser entnommen werden, das wir sehr günstig verkaufen.“

Die chemiefreien Anlagen des Unternehmens sind vor Ort in einem festen Bau untergebracht, dem WasserKiosk. Nach der Aufbereitung wird das übrige salzhaltige Wasser kostenfrei für Duschen, Toiletten und zum Wäschewaschen abgegeben. An vielen Orten entstehen neben dem Kiosk Landwirtschaft und Fischzucht. Zusammen mit den Bewohnern werden große Becken gebaut und eine Sauerstoffpumpe an den WasserKiosk angeschlossen. Das ist wenig Arbeit für eine ertragreiche Fischzucht. Die verlegten Rohre eignen sich zudem für Vertical Farming, also den mehrstöckigen Anbau von Gurken, Tomaten und Bohnen. Auch für ein Feld, das mit einer Tröpfchenbewässerung versorgt wird, kann das restliche Wasser verwendet werden.

Einfache Reparatur
Einfache Wartung

Handelsübliches Werkzeug reicht aus, wenn an den Anlagen etwas repariert werden muss.

Kampf für eine preisgünstige Wasserversorgung

Boreal Light hat die Erfindung konsequent an den Zielländern ausgerichtet. Das bedeutet vor allem, dass sie günstig sein muss. „Die Versorgung mit Trinkwasser ist ein großes Geschäft, und die Konzerne diktieren die Preise. In Somalia zahlen die Menschen für fünf Liter Trinkwasser einen Dollar – bei einem monatlichen Einkommen von 100 bis 150 Dollar. Das können sich nur wenige leisten. Sie trinken daher verschmutztes Wasser, das häufig Krankheiten verursacht. An unserem WasserKiosk in Somalia kosten 1.000 Liter Wasser 50 Cent“, sagt Ali Al-Hakim.

Die Gründer waren daher nicht überall willkommen. Lizenzen wurden nicht erteilt, die Wasserqualität angezweifelt und Mitarbeiter bedroht. „Wer etwas Gutes entwickelt, wird bekämpft. Entscheidend für eine Veränderung ist, dass die Menschen vor Ort sie akzeptieren“, meint Ali Al-Hakim, der sich so schnell nicht einschüchtern lässt. Gleichzeitig versteht er, dass es in kleinen Dörfern auch Widerstände der Bevölkerung gibt. Denn oft werden von Organisationen Anlagen aufgestellt, die eine Zeit lang das Leben verbessern. Doch sobald etwas kaputt ist oder ein Ersatzteil nicht ausgetauscht werden kann, stehen sie ungenutzt herum.

KfW Award Gründen

Der KfW Award Gründen (ehemals GründerChampions) zeichnete im Oktober 2019 die 16 Landessieger und einen Bundessieger für ihre Geschäftsideen aus.

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Boreal Light verbaut daher nur robustes, handelsübliches Material. Jede Schraube kann ausgetauscht, jedes Rohr mit Werkzeug und Material repariert werden, das es überall auf der Welt gibt. Nichts ist verschweißt, es sind weder Batterien noch Inverter nötig, und selbst die Motoren kosten kaum mehr als 100 Dollar. Der Wasserpreis ist so kalkuliert, dass die Mitarbeiter im Dorf bezahlt und die Wartung, Filter und Ersatzteile auf lange Sicht finanziert werden können.

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Zusammenarbeit über Kontinente hinweg
Zusammenarbeit über Kontinente hinweg

Bei Problemen sind die Gründer für die Betreiber da und unterstützen sie telefonisch.

WasserKioske auf Expansionskurs

Verkauft werden die Anlagen an Hilfsorganisationen in Verbindung mit einer Schulung des Personals. Oder Boreal Light selbst ist der Betreiber. In Kenia gibt es inzwischen so viele WasserKioske, dass eine afrikanische Schwesterfirma mit 15 Mitarbeitern entstanden ist. Dank eines Modems mit SIM-Karte können die Anlagen auch von Berlin aus überwacht werden. Gleichzeitig sind der Verbrauch und die korrekte Bezahlung prüfbar. Die Gründer haben für die Fernwartung eine eigene Norm erstellt und damit auch für andere Anbieter einen Standard gesetzt.

Man merkt Ali Al-Hakim und Hamed Beheshti die Freude über ihr gelungenes Konzept an, auch wenn der Weg steinig war. Kennengelernt haben sich die beiden 2012. Hamed Beheshti schrieb zu der Zeit an seiner Doktorarbeit, Ali Al-Hakim war in einem Unternehmen angestellt. Dort hatte er die Erfahrung gemacht, dass seine Vorschläge oft nicht ernst genommen wurden. Zusammen reifte die Idee einer eigenen Gründung. Sie entwickelten eine Windturbine, doch der Erfolg blieb aus. Bei der Suche nach einer Alternative konzentrierten sie sich auf die Wasseraufbereitung mit Solarstrom.

Finanzierung von Boreal Light gesichert

Nach drei Jahren Arbeit an dem Projekt war die Finanzierung einer Pilotanlage aus privaten Mitteln einfach nicht mehr möglich. Ohne die Erprobung wurde jedoch kein Kredit bewilligt, und von Investoren wollten sich die Gründer nicht abhängig machen. Nur eine Crowdfunding-Aktion konnte diese Phase überbrücken. Kurz vorm Aufgeben sei er gewesen, erzählt Ali Al-Hakim. Doch nachdem sie mit zwei Anlagen in Kenia Erfolge feiern konnten, trafen erste Aufträge ein, und auch die Finanzierung stand auf sicheren Füßen. Endlich konnte Al-Hakim seine Festanstellung kündigen, wenig später zahlten sich beide zum ersten Mal ein kleines Gehalt aus.

Die viele Arbeit und der lange Atem haben sich gelohnt. In wenigen Tagen fliegen die Gründer nach Tansania, um ihren 18. WasserKiosk zu eröffnen. Für die 3.500 Einwohner am Standort bedeutet dies eine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Viele weitere Menschen profitieren bald von der Lösung aus Berlin – 26 Anlagen werden in den nächsten Monaten ausgeliefert. Ziel von Boreal Light ist, bis Ende 2020 mehr als eine halbe Million Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen zu können. Aufgrund der Klimaveränderungen wird für immer mehr Menschen das Wasser immer knapper. Boreal Light hat die Technologie für diese Herausforderungen bereits umgesetzt.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: 18. Oktober 2019