Biologin Tatiana Minayeva an ihrem Arbeitsplatz, dem Moor
Renaturierung

Renaturierung

Rettung für ausgebeutete Moore

Jahrzehntelang zerstört und ausgebeutet, werden die Moore und ihre Klimarelevanz immer noch unterschätzt. Mithilfe der KfW kümmern sich Tatiana Minayeva und die Naturschutzorganisation Wetlands International um die Wiedervernässung riesiger russischer Feuchtbiotope. Wir besuchten die Expertin in Moskau.

Zur Person
Tatiana Minayeva steht vor Birken

Die Biologin Tatiana Minayeva ist eine leidenschaftliche Umweltschützerin. Bei der internationalen Nichtregierungsorganisation Wetlands International koordiniert sie das Projekt zur Wiedervernässung der russischen Moore. Die Arbeit als wissenschaftliche Direktorin der Consultingfirma Care for Ecosystems führt sie auch oft in die Mongolei, nach Uganda oder in die Arktis. Moore beschäftigen Minayeva seit ihrem Studium, ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Pflanzen der Hochmoore. Feuchtgebiete haben für sie „eine eigene Anziehungskraft“.

Was fasziniert Sie an Mooren, Frau Minayeva?

TATIANA MINAYEVA: Sie sind ein ganz besonderes und komplexes Ökosystem, das nach der letzten Eiszeit entstanden ist – also vor 10.000 bis 12.000 Jahren. Ein Moor besteht aus Wasser, Pflanzen und Torf. Ständiger Wasserüberschuss sorgt dafür, dass biologisch angepasste einzigartige Pflanzen entstehen. Wegen des herrschenden Sauerstoffmangels werden sie nach ihrem Absterben nicht vollständig abgebaut, sondern lagern sich ab und werden zu Torf. Der Torf wiederum vermag Wasser wie ein Schwamm aufzunehmen und zu halten. So entsteht ein geschlossenes System: Je mehr Wasser, desto mehr Pflanzen wachsen darin, desto mehr Torf gibt es, desto mehr Wasser hält er.

Das macht Moore zu riesigen Wasserreservoirs.

Ja, ein Moor speichert mehr Wasser als ein See vergleichbarer Größe. Den Typ des Hochmoors kann man sich sogar wie einen nach oben gewölbten See vorstellen. In Russland kann diese Wölbung bis zu fünf Meter messen. In Indonesien können es 21 Meter sein. In Dürrezeiten bieten Moore Zuflucht für viele Arten, weil sie feucht bleiben. Bei Hochwasser helfen sie, Flutkatastrophen zu vermeiden. Sie schützen Permafrostböden vor dem Schmelzen, regulieren den Grundwasserspiegel. Aber noch viel wichtiger ist die Kohlenstoffspeicherung. Grüne Pflanzen sind der weltweit einzige Mechanismus, der anorganischen in organischen Kohlenstoff verwandelt. Das heißt: Pflanzen in Mooren ziehen CO₂ aus der Luft und binden es, solange sie nass bleiben.

Wie viel CO₂ speichern Moore?

Obwohl Moore nur etwa drei Prozent der weltweiten Landfläche ausmachen, speichern sie doppelt so viele Treibhausgase wie alle Wälder der Erde zusammen. Dieses Ökosystem ist unglaublich widerstandsfähig, auch dem Klimawandel gegenüber …

Solange der Mensch dieses Ökosystem nicht zerstört.

Leider ist es so, dass man vielerorts mit Mooren immer noch eine Gefahr für Leib und Leben verbindet oder sie für nutzlose Brachflächen hält. Deshalb werden Gräben angelegt, um Moore zu entwässern und dann den Torf zur Energiegewinnung abzubauen und Landwirtschaft zu betreiben. Das hat auf trockengelegten Moorböden aber wenig Sinn.

Was passiert, wenn ein Moor verletzt wird?

Ein umgekehrter Prozess setzt ein: Der organische Kohlenstoff gelangt aus dem Torf als Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre. Was noch schlimmer ist: Aus den Gräben, die das Wasser ableiten, wird aufgrund von Zersetzungsprozessen Methan ausgestoßen – und das hat eine höhere Klimawirksamkeit als Kohlendioxid. Zerstörte Moore werden zu Kohlendioxid- und Methanfabriken. Wenn sich dann keiner mehr kümmert, brennen sie leicht, wie man 2010 in und um Moskau gesehen hat. Dadurch werden noch mehr Kohlenstoffdioxid und andere Giftstoffe freigesetzt. In der Stadt konnte man wochenlang kaum atmen, viele Menschen starben.

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Wie steht es denn aktuell um die russischen Moore?

Das größte Problem ist, dass sie – obwohl sie ein Fünftel der Fläche Russlands ausmachen – offiziell gar nicht existieren: Es gibt Wälder und landwirtschaftliche Flächen auf Mooren, Gewässer, aber keine Moore als eigene Kategorie. Das hat historische Gründe: Als Lenin in den Zwanzigerjahren die Parole „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ ausgab, nutzte Russland weder Öl noch Gas. Der Brennstoff war Torf. Deswegen wurden die Moore dem Energieministerium zugeordnet und dienten einem einzigen Zweck: dem Torfabbau. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Torfgewinnung unrentabel, die Betriebe gingen bankrott. Das Letzte, woran man damals gedacht hat, war die Rückführung der Moore in ihren ursprünglichen Zustand. Eine paradoxe Situation: Russland ist das einzige Land, in dem es den Wissenschaftszweig Moorhydrologie gab. In der Praxis diente sie aber der Entwässerung der Moore und nicht dem Erhalt.

Kann man den Schaden beziffern?

Im europäischen Teil Russlands bis zum Ural wurden fünf Millionen Hektar Moor in Ackerflächen umgewandelt. Sie sind unwiederbringlich verloren. Weitere drei Millionen Hektar wurden für die Forstwirtschaft entwässert. Diese Moore renaturieren sich fast von allein, sobald man aufhört, sich um die Bäume zu kümmern. Und eine Million Hektar Moor liegt wegen der Torfgewinnung brach. Schwarze, trockene Flächen, die Jahr für Jahr bedeutende Mengen CO₂ emittieren. Man kann sie mit einem Pulverfass vergleichen: Jederzeit könnten sie anfangen zu brennen, wenn man nichts unternimmt.

Porträt von Tatiana Minayeva
„Man muss das Denken umlenken von der Entwässerung der Moore hin zum Erhalt des Ökosystems.“

Tatiana Minayeva, Biologin

Und genau das ist Ihre Aufgabe.

Ja, das ist das Projekt, das nach den Bränden von 2010 ins Leben gerufen wurde. Die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) der Bundesregierung finanziert das Projekt über die KfW. Das Projekt wird von der russischen Regierung unterstützt. Allein die Deutschen geben 6,5 Millionen Euro. Die IKI fördert Klima- und Biodiversitätsprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die internationale Nichtregierungsorganisation Wetlands International setzt das Projekt um, dessen wissenschaftlich-technische Leiterin ich bin. 100.000 Hektar konnten wir bereits wiedervernässen, etwa in den Oblasten Moskau, Twer, Wladimir, Rjasan und Nischni Nowgorod.

Moore Fakten

Wie aufwendig ist das?

Das Verblüffendste ist, dass es gar nicht so viel kostet, die Moore zu renaturieren. Pro Hektar sind es 30 Euro für die Projektierung und 30 Euro für die Umsetzung. Den Rest macht die Natur. Wir setzen auf ökologische Wiedervernässung: Um das Regenwasser in den Mooren zu halten, verfüllen wir die Entwässerungsgräben mit Torf und bauen aus lokalem Material Dämme an Stellen, die genau berechnet werden. So fließt das Wasser nicht mehr ab, sondern sickert seitwärts und in die Tiefe, um den ausgetrockneten Torf wieder zu sättigen. Dann setzen der natürliche Torfbildungsprozess und die Schwammfunktion ein.

Das reicht, um die Moore wieder zum Leben zu erwecken?

Bis zum Urzustand der Moore sind es mehrere Tausend Jahre. Deren Funktion reaktivieren wir weit schneller. Drei bis fünf Jahre dauert es, bis der Wasserkreislauf des Moors komplett wiederhergestellt ist. Schon davor siedeln sich Pflanzen an, das Moor beginnt, CO₂ zu speichern. Die Pflanzenarten verändern sich mit der Zeit, nehmen immer mehr Kohlenstoff auf. Es dauert aber ein paar Jahre, bis kein Methan mehr emittiert wird, weil in den Gräben noch das Wasser steht.

Das Projekt geht in die dritte Phase. Was steht jetzt an?

Russland ist 2019 offiziell dem Pariser Klimaschutzabkommen beigetreten. Dieses sieht vor allem vor, dass Mitgliedsstaaten nationale Klimaschutzziele ausarbeiten. Auch Russland arbeitet gerade aus, in welchem Umfang und mithilfe welcher Maßnahmen es die Emission der Treibhausgase reduzieren will – und hier kommt unser Projekt ins Spiel. Unser Ziel ist, dass die Wiedervernässung der Moore dem russischen Klimabeitrag zugerechnet wird. Dafür müssen wir genau kalkulieren, was wir pro Jahr wiedervernässen können und wie viel CO₂-Äquivalent dadurch eingespart wird. Genau das tun wir derzeit.

Preisgekrönt

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank finanziert das Projekt zur Wiedervernässung der russischen Moore im Auftrag des Bundesumweltministeriums mit 6,5 Millionen Euro. Es ist eines der größten Projekte der Welt zur Wiederherstellung von Torfmoor-Ökosystemen. Neben der Organisation Wetlands International sind das Forstinstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften, die Universität Greifswald, die Michael-Succow-Stiftung sowie russische Behörden beteiligt. Mit den Mitteln werden Flächen in diversen
russischen Provinzen wiedervernässt, etwa in Moskau, Twer, Rjasan, Wladimir und Nischni Nowgorod. Darüber hinaus werden ein Monitoringsystem aufgebaut sowie russische Partner ausgebildet, damit sie die ökologische Wiedervernässung bald eigenständig umsetzen können. Das Projekt wurde vom UN-Klimaschutzsekretariat mit dem Momentum for Change Award ausgezeichnet, weil es einen großen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen leistet.

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Wie kann man das denn messen?

Ein wiedervernässtes Moor durchläuft – vom trockenen bis zum nassen Stadium – verschiedene Vegetationsstufen. Bei jeder dieser Vegetationsstufen kann man messen, wie viele Treibhausgase eine bestimmte Fläche ausstößt. Das macht man, indem man Plastikhauben über die Pflanzen stülpt und Gasmessungen direkt an der Vegetation vornimmt. Dann werden die Werte entsprechend der Fläche hochgerechnet. Die Methode ist international anerkannt. Wir schätzen, dass pro Hektar und Jahr etwa fünf bis zehn Tonnen CO₂ eingespart werden können.

Mit welchen Herausforderungen sind Sie konfrontiert?

Das Bewusstsein für die Wiederherstellung von Ökosystemen ist in Russland nach wie vor nicht vorhanden, in der russischen Gesetzgebung – abgesehen von einer Erwähnung im Umweltschutzgesetz – fehlt diese Begrifflichkeit. Wenn darin von der Natur die Rede ist, dann im Zusammenhang mit der Rekultivierung, also der Rückführung in einen nutzbaren Zustand. Dabei ist doch das wissenschaftliche Know-how vorhanden: Man muss nur das Denken umlenken von der Entwässerung der Moore hin zum Erhalt des Ökosystems.

Die Wiedervernässung der Moore in Russland hängt also vor allem von deutscher Hilfe ab?

Leider ja. In Deutschland wurde die Wichtigkeit des Erhalts der Ökosysteme lange erkannt. In Russland muss das ganze System neu entwickelt werden: der gesetzliche und politische Rahmen, die Zuständigkeiten der Behörden, die Richtlinien für nationale Treibhausgasinventarisierungen. Ein zäher Prozess, mit dem meine Organisation und ich uns auch beschäftigen müssen. Aber gelingt es uns am Ende, Moorschutz und Wiedervernässung zum Teil des nationalen Klimaschutzplans zu machen, wäre das ein Durchbruch.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 27. August 2020.