Müllsammler Indonesien
Naturschutz

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Millionen gegen Müll

Wie kann die Plastikverschmutzung der Meere gestoppt werden? Ein millionenschweres Abfallprojekt der KfW in Indonesien zeigt, dass der Kampf fürs Wasser auch an Land geführt werden muss.

Engagement gegen Plastikmüll

Wie das Abfallmanagement in Indonesien modernisiert wird (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch, Dr. Christian Chua).

Jumini steht auf einem Hügel, den man von seiner mit Gras bepflanzten Seite fast als schön bezeichnen kann. Fährt man um ihn herum, sieht man jedoch, dass der 15 Meter hohe Hügel aus Müll besteht. Jumini scheint sich nichts daraus zu machen, trotz Hitze, Gestank und Insektenschwärmen um sie herum. Im Gegenteil, für sie ist Abfall alles andere als ein Problem. Er ist ihre Existenzgrundlage. Mit dem Sammeln von Flaschen, Glas, Dosen und Kartonagen verdient sie täglich rund 30.000 Indonesische Rupiah, das sind ungefähr 1,80 Euro; nicht viel, aber ausreichend, um ihre beiden Kinder zu versorgen. Sie leben 1.300 Kilometer entfernt bei ihren Großeltern.

Jumini ist eine von rund 150 Abfallsammlerinnen auf einer Müllkippe in Zentral-Sumatra. Sie arbeitet für Taswi, der mit 62 Jahren der Älteste ist und inzwischen seit 21 Jahren auf TPA Talang Gulo tätig ist – so der offizielle Name der in Jambi gelegenen Müllkippe. Für eine Arbeit im informellen Sektor geht es dort erstaunlich formal zu. Es gibt Schichtdienste, ein warmes Mittagessen und einen Teamleiter. Früher hat Taswi auf Kautschukplantagen sein Geld verdient. Das möchte er aber nicht mehr machen, dazu mag er seinen aktuellen Job zu sehr. „Müll wird es immer geben“, ist er sich gewiss. Daher fällt der Blick in seine persönliche Zukunft eher positiv aus.

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Müll Indonesien
Der Weg ins Meer

Rund ein Drittel des Plastikmülls in Indonesien findet seinen Weg in den Ozean. Barrieren wie hier in Jambi sollen groben Müll vorher aufhalten.

Eine gegensätzliche Sichtweise auf den Abfall hat der für maritime Angelegenheiten zuständige Minister Luhut Binsar Pandjaitan. Auf der Weltklimakonferenz COP 23 im November 2017 in Bonn hob der Indonesier Plastikmüll in den Rang „eines der wichtigsten zu lösenden Probleme“. Gleichzeitig kündigte er an, sein Land plane, diesen Müll bis zum Jahr 2025 um 70 Prozent zu verringern.

Keine leichte Aufgabe, immerhin werden in Indonesien jährlich rund 3,2 Millionen Tonnen Plastikmüll nicht ordentlich entsorgt und gelangen in die Umwelt. Mehr als ein Drittel dieses Abfalls endet schließlich im Meer. Mit einem jährlichen Eintrag von circa 1,3 Millionen Tonnen Plastikmüll ist Indonesien damit der weltweit zweitgrößte Verursacher von Meeresmüll. Zahlen wie diese klingen erst einmal abstrakt. Erschreckend deutlich werden sie bei solchen Vergleichen: Die mindestens acht Millionen Tonnen, die jedes Jahr weltweit in die Meere gelangen, entsprechen der minütlichen Entladung eines Müllwagens.

Jonas Dylla
Optimistisch

Jonas Dylla ist KfW-Projektmanager für Abfall in Südostasien und ist froh, dass das Thema Plastikmüll endlich mehr Aufmerksamkeit erhält.

Richtig plastisch wird es aber erst, wenn die Wellen mal wieder einen Wal an Land spülen, so wie im November 2018 vor Sulawesi. Der Mageninhalt des verendeten Pottwals bot bewegendere Motive als alle Fotos von Müllbergen, herumliegendem Abfall und in Flüssen schwimmenden Plastikflaschen zusammen. Sorgfältig listete der WWF die mehr als 1.000 Plastikteile mit einem Gewicht von etwa sechs Kilo auf, darunter 115 Plastikbecher, vier Plastikflaschen, 25 Plastiktüten und zwei Flip-Flops. Keine Zeitung der Welt ließ es sich nehmen, darüber zu berichten.

So schockierend so ein Fund auch ist, er hat eine Wirkung. „Rückenwind“ nennt das der bei der KfW für Abfall in Südostasien zuständige Projektmanager Jonas Dylla. „Das war ein wichtiger Schub für unsere Projekte.“ Er freut sich, dass das Thema nun endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es schon längst hätte haben sollen. Bisher stand Abfall meist am unteren Ende der Prioritätenliste und wurde hinsichtlich finanzieller Aufwendungen und öffentlichen Interesses eher stiefmütterlich behandelt. Jetzt lässt sich der Kontext direkt herstellen: Plastikverpackungen auch in Deutschland erhältlicher Produkte, die aus einem an einem Strand in Indonesien liegenden Wal gezogen werden, haben einen globalen Effekt. Die Lösung des vormals so entfernt scheinenden Problems vom anderen Ende der Welt wird zu einem alle Menschen betreffenden Projekt.

Peter Schoof
Mission

Dr. Peter Schoof ist deutscher Botschafter in Jakarta. Er sieht den Schutz der Meere als globale Aufgabe.

Dr. Peter Schoof, deutscher Botschafter in Jakarta, fällt es daher nicht schwer, das Engagement der Bundesrepublik in Indonesien zu begründen: „Indonesien ist systemisch für das Weltklima, vor allem, wenn wir an die Agenda des Meeresschutzes denken. Wenn wir systemisch in dieser globalen Agenda etwas tun wollen, dann ist es ganz logisch, dass Indonesien ein Schlüsselland für uns ist.“

Im Auftrag der Bundesregierung hat die KfW, gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) und der französischen Entwicklungsbank (AFD), die Clean Oceans Initiative ins Leben gerufen. Ziel sei es, so der KfW-Vorstandsvorsitzende Dr. Günther Bräunig, die „Aktivitäten zum Schutz der Weltmeere zu bündeln und weiter auszubauen“. Konkret stellen die drei Institutionen zusammen zwei Milliarden Euro für Vorhaben zur Reduktion der „Verschmutzung der Meere mit Abfällen, insbesondere Plastikmüll“ und der „Einleitung ungeklärter Abwässer“ zur Verfügung, so heißt es in der gemeinsam veröffentlichten Erklärung.

Projektmanager Dylla muss, wo Abfall nun endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient, mit seiner Arbeit nicht von null beginnen. Schon seit sechs Jahren unterstützt die KfW den Aufbau einer funktionierenden Abfallwirtschaft in Indonesien. „Der Anfang war nicht leicht, aber mittlerweile wächst unsere Kooperation im Abfallsektor stetig, und wir sind stolz darauf, einer der wichtigsten Partner der indonesischen Regierung im Abfallbereich zu sein“, fasst die KfW-Büroleiterin in Indonesien, Angela Tormin, das Engagement zusammen.

Angela Tormin
Wachstum

Angela Tormin, KfW-Büroleiterin in Indonesien, freut sich über die zunehmenden Kooperationen im Abfallsektor Indonesiens.

Aktuell sind es 75 Millionen Euro für den Bau von Deponien mit Sortier- und Kompostieranlagen in Jambi, Sidoarjo, Jombang und Malang. Weitere 7,6 Millionen Euro sollen dazu beitragen, die Städte darauf vorzubereiten, die Anlagen nachhaltig zu betreiben, eine geordnete Müllabfuhr zu organisieren und die Bevölkerung von der Wichtigkeit des Dreiklangs „reduce, reuse, recycle“ – reduzieren, wiederverwenden, wiederverwerten – zu überzeugen.

Was diese finanziellen Aufwendungen ganz konkret bedeuten, wird klar, wenn man mit der Müllsammlerin Jumini auf der alten Müllkippe steht. In Sichtweite, gleich nebenan, wird gerade der Grundstein für den Bau der neuen Deponie gelegt. In absehbarer Zeit – zwei Jahre ist die aktuelle Planung – soll diese dann in Betrieb genommen und sollen die aktuellen Müllberge in grüne, bepflanzte Hügel umgewandelt werden. Und noch wichtiger: Es sollen fortan keine neuen, wilden Müllansammlungen entstehen. Auch die übliche Entsorgung in Landschaft und Flüsse soll dann der Vergangenheit angehören.

Weg mit dem Plastikmüll!

Die KfW Bankengruppe hat Mitte Oktober 2018 gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank und der französischen Entwicklungsbank Agence Française de Développement die Clean Oceans Initiative gestartet. Die Partner stellen zunächst zwei Milliarden Euro bereit, um die Verschmutzung der Weltmeere zu reduzieren.

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Man mag seine Zweifel daran haben, ob das Begrünen von Müll der Weisheit letzter Schluss ist. Bernhard Schenk, der als freier Sachverständiger seit 15 Jahren für die KfW Abfallprojekte begleitet, kennt diese Bedenken. „Die Art der Entsorgung, die in Zusammenarbeit mit der indonesischen Regierung entwickelt wurde, ist in puncto Kosteneffizienz und Umweltschutz derzeit der beste Kompromiss“, entgegnet er. Ein Verbrennen sei zu teuer und verschwende Ressourcen. Bemühungen zur Vermeidung und Recycling von Müll müssten parallel laufen, betont Schenk.

Ganz andere Bedenken äußert Müllsammlerin Jumini. Sie hat Angst davor, ihre Einnahmequelle zu verlieren. „Wenn die neue Anlage steht, weiß ich nicht, ob wir weiterhin auf die Deponie gelassen werden“, sagt sie. Ganz unberechtigt ist diese Sorge nicht, denn aus Sicherheitsgründen spricht vieles gegen eine Öffnung der neuen Deponie für den informellen Sektor.

Bauarbeiter Talang Gulo, Indonesien
Neubau

Lagebesprechung auf der Baustelle. Hier soll eine neue Deponie entstehen.

KfW-Projektmanager Dylla verweist aber auf die Inbetriebnahme von Recycling- und Sortieranlagen. Damit sei auch die Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen wie Jumini verbunden. Ob das Jumini beruhigt, will sie nicht verraten.

So wenig die neue Müllanlage in Jambi die Armut abschaffen kann, so wenig kann sie das Müllproblem Indonesiens lösen. Aber sie ist ein wichtiges Puzzleteil im Gesamtbild dieser großen Kraftanstrengung, die Weltmeere zu saubereren Orten zu machen. Und wenn alles passt, kann Jambi als Modell dienen für andere Regionen – nicht nur in Indonesien.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 22. Januar 2019

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