Andrew Zaloumis im Zoo Frankfurt
Naturschutz

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„iSimangaliso bedeutet Wunder“

Andrew Zaloumis ist Gründer und Geschäftsführer des Nationalparks iSimangaliso Wetland Park. 220 Kilometer unberührte Küste, aber auch Berge und Feuchtgebiete gehören zu dem Park in Südafrika – insgesamt umfasst er fünf Ökosysteme. 1999 wurde er zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Die KfW Stiftung verlieh Andrew Zaloumis ihren Bernhard-Grzimek-Preis 2017. Ein Interview mit dem Gründer.

Porträt von Andrew Zaloumis im Frankfurter Zoo
Preisträger

Andrew Zaloumis ist Gründer und Geschäftsführer des südafrikanischen iSimangaliso Wetland Park.

Herr Zaloumis, wie gründet man einen Nationalpark?

ANDREW ZALOUMIS: Dazu muss man verstanden haben, dass Südafrika sein weltweit einzigartiges Naturwunder schützen und gleichzeitig sicher stellen muss, dass es zur wirtschaftlichen Entwicklung in der zweitärmsten Region des Landes beitragen sollte, wo 80 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Auch ist es hilfreich, einen visionären Präsidenten wie Nelson Mandela zu haben, der erkannt hat, dass Südafrikas Naturwunder zum Wohle aller geschützt werden muss.

Die Aufnahme in das Welterbe und der Entwurf für eine nationale Naturerbe-Gesetzgebung machten es möglich, den iSimangaliso Park zu konsolidieren. Das Welterbe-Übereinkommen der UNESCO bezieht sich sowohl auf Umwelt wie auf Entwicklung. Diese beiden Aspekte werden nicht als gegensätzlich angesehen. Die universellen Werte, die im „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ festgehalten sind, erlauben es, regionale und wirtschaftliche Entwicklung voran zu treiben und gleichzeitig die Natur zu bewahren. Es zielt auf ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Zielen ab, wobei Gleichgewicht hier nicht unbedingt Gleichheit bedeutet. Dieses zu finden, bleibt eine schwierige Herausforderung.

Wie konnten Sie den wirtschaftlichen Aufschwung des Parks erreichen?

Diese Region war eine der ärmsten in Südafrika. Während der Apartheid wurden Menschen von dort vertrieben, um Schutzzonen einzurichten, aber auch um Plantagen und militärische Raketentestgelände anzulegen. Wir mussten die Ökologie des Parks erst einmal wieder rehabilitieren und stärken. Gleichzeitig ging es um Entschädigung und das Wohlergehen der Menschen, die die Apartheid-Regierung umgesiedelt hatte. Unsere Strategie bestand daher darin, die Region zu renaturieren und gleichzeitig eine wirtschaftliche und spirituelle Entschädigung für die lokale Bevölkerung anzustreben, die unter der Apartheid gelitten hatte. Angesichts der globalen Erderwärmung und des zunehmenden ökonomischen Drucks stärkt dieses ganzheitliche Herangehen die Widerstandskraft des Parks und der 640.000 Menschen, die in und um ihn leben.

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Prof. Bernhard Grzimek

Umweltschutzaktivist Prof. Bernhard Grzimek (1909-1987) war Direktor des Frankfurter Zoos und langjähriger Präsident der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft. Der Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek und seinem Sohn Michael wurde international mit Preisen gewürdigt.

Wie konnten Sie die Herausforderung angehen?

Als neue Organisation konnten wir von Grund auf alle Geschäftsfelder festlegen, so dass wir uns auf eine Strategie fokussieren und ihre Umsetzung voran treiben konnten. Viele Dienstleistungen wurden vergeben an die Privatwirtschaft, aber auch an Agenturen der öffentlichen Hand, die auf diesen Sektor spezialisiert sind. Dies erlaubt uns, dass wir sie verpflichten, lokale Gemeinschaften zu beteiligen.

Über 80 Prozent unserer Ausgaben geben an Dienstleister und Unternehmen, die als Teilnehmer von „Black Economic Empowerment“ akkreditiert sind, einem südafrikanischen Programm zur wirtschaftlichen Stärkung der Schwarzen. Wir stellten fest, dass wir diesen Prozess noch weiter unterstützen mussten und führten ein Unternehmertum-Programm ein. Dieses Programm umfasst nicht nur Ausbildung, sondern stellt auch Startkapital bereit. Wir bezahlen jetzt kleine lokale Unternehmen für den Bau von Zäunen und touristischen Einrichtungen oder für die Bekämpfung invasiver Pflanzenarten. Auf diese Weise schaffen wir jedes Jahr 11.000 befristete Jobs. 8.000 feste Arbeitsplätze im Tourismus werden durch den Park generiert. Letztes Jahr waren 120 kleine, lokale Unternehmen für den Park tätig, davon 12 mit Mehrheitsbeteiligung von Schwarzen. Jede Lodge im Park muss eine lokale schwarze Gemeinschaft als Mitinhaber vorweisen. Es ist nicht ausreichend, dass es sich um einen schwarzen Partner handelt, der Partner muss aus der Region stammen.

Außerdem setzen wir öffentliche Gelder ein für Arbeiten im Dienst der Öffentlichkeit, etwa für das Säubern der Strände. Die meisten unserer Programme werden durch öffentliche Förderung finanziert, dadurch werden auch Lohnhöhen festgelegt. Wo immer möglich, versuchen wir mehr als den Mindestlohn zu zahlen. Dadurch hat sich die Situation vieler Familien im Park verbessert, vor allem Frauen profitieren. Bei allem, was wir tun, achten wir immer auf drei Ziele: ökologischen Schutz, Stärkung der schwarzen Bevölkerung und Tourismus.

Ich möchte noch etwas zu den Landrechten sagen. Als der Park im Jahr 2000 gegründet wurde, wurden 100 Prozent der Fläche als Eigentum beansprucht von indigenen Gemeinschaften, die unter der Apartheid zwangsvertrieben worden waren. Bis heute wurden 72 Prozent dieser Ansprüche geregelt. Wir unterstützen die Antragsteller, Grundeigentümer zu werden, doch das Land bleibt Schutzgebiet. Acht Prozent des Bruttoeinkommens des Parks schütten wir an die Eigentümer aus. Wir nehmen sie auch bevorzugt in unsere eben beschriebenen Programme auf.

Weltnaturerbe

Eindrücke aus einer Schatzkammer der Natur (KfW Bankengruppe/iSimangaliso Wetland Park). Das Video ist nur auf Englisch verfügbar.

Während der Apartheid hatte die schwarze Bevölkerung der Region kaum Zugang zu Bildung. Wie fördern Sie heute Bildung?

Wir laden Schüler in den Park ein. Es gibt etwa 600 Schulen in der Region. Jedes Jahr empfangen wir Schülerinnen und Schüler von rund 200 Schulen. Wir nehmen keinen Eintritt und organisieren Führungen für die Kinder, doch viele Schulen können sich noch nicht einmal die Anreise zum Park leisten. Unsere Herausforderung besteht darin, jedes Jahr die Schülerinnen und Schüler aller 600 Schulen einzuladen.

Wir streben eine Stärkung der Schwarzen an. Wir zahlen 87 Studierenden aus der Parkregion Stipendien, um Universitäten zu besuchen. Sie sind sehr erfolgreich: 83 Prozent beenden ihr Studium, im nationalen Durchschnitt sind es nur 33 Prozent. Unsere Studierenden bekommen auch Praktika bezahlt. Die ersten zehn von ihren sind inzwischen zurück gekehrt und arbeiten jetzt in unserem Junior-Team. Wir unterstützen gezielt die Jugend, um zukünftige Manager und Führungskräfte heran zu ziehen. 40 Prozent unseres Teams sind jung.

Wildhunde in Südafrika
Bemalter Wolf

Die gefährdeten Afrikanischen Wildhunde wurden im iSimangaliso Wetland Park wieder angesiedelt. Ihr wissenschaftlicher Name Lycaon pictus bedeutet „bemalter Wolf". Jedes Tier hat eine individuell einzigartige Fellzeichnung.

Sie haben auch die „Big Five“ afrikanischer Großtiere im Park wieder angesiedelt.

Ja, das ist der sexy Teil der Geschichte. Wir haben Tierarten wieder angesiedelt, die früher einmal hier vorkamen, aber ausgestorben waren durch die Jagd während der Kolonialzeit und der Apartheid. Dazu gehören Büffel, Elefanten, Giraffen, Oribi-Gazellen, Leierantilopen, Löwen, Geparde sowie das schwarze und weiße Nashorn. Für mich ist die Wiederansiedlung der Afrikanischen Wildhunde ein besonderes Highlight. Der Afrikanische Wildhund ist der am meisten gefährdete Beutegreifer in Afrika überhaupt. In Südafrika leben nur noch 450 von ihnen in freier Wildbahn. Sie brauchen sehr große Gebiete, um zu jagen. Sie akzeptieren keine Zäune. Es war sehr schwierig, sie wieder anzusiedeln, denn nachdem sie sich vor Sonnenaufgang zur sozialen Interaktion treffen, laufen sie bei der Jagd viele Kilometer. Wir haben sie mit Sendehalsbändern versehen, damit wir überhaupt wissen, wo sie sind. Zunächst haben wir versucht, acht Wildhunde wieder anzusiedeln. Doch das Alphaweibchen wurde mit ihren Welpen von einer Hyäne getötet. Vier weitere starben in Fallen von Wilderern. Wir zögerten, den Wiederansiedlungsversuch zu wiederholen, weil es nur noch so wenige Exemplare der Wildhunde gibt und sie zu wertvoll sind für vergebliche Versuche. Aber dann haben wir es doch noch mal versucht. Heute leben zwei Rudel im Park. Etwa 40 erwachsene Tiere stöbern wieder durch den Park, wie früher, vor mehr als 100 Jahren.

Bernhard-Grzimek-Preis

Der Schutz von Klima und Umwelt ist eines der vier Tätigkeitsfelder der KfW Stiftung. Mit ihren Projekten möchte die Stiftung das Thema Biodiversität, das zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zählt, in das öffentliche Bewusstsein rücken und auf die Notwendigkeit des Artenschutzes hinweisen. Der international renommierte KfW-Bernhard-Grzimek-Preis wird alle zwei Jahre an herausragende Persönlichkeiten oder Organisationen verliehen, die sich mit ihrer Kreativität und Innovationskraft in besonderer Weise für die Erhaltung der Artenvielfalt einsetzen. Die KfW Stiftung würdigt hiermit gleichzeitig das Lebenswerk des Frankfurter Zoodirektors und Naturschützers Prof. Bernhard Grzimek, der sich weit über die Grenzen Deutschlands hinaus um die Naturschätze der Erde verdient gemacht hat.

Erstmals wurde der Preis 2013 an die Frankfurter Zoologische Gesellschaft verliehen. Die Preisträger des zweiten KfW-Bernhard-Grzimek-Preises 2015 waren Emmanuel de Merode und Pavan Sukhdev.

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Was haben Sie als nächstes vor?

Sobald die Regenzeit beginnt, wollen wir die Elen-Antilope wieder einführen. Wenn wir das geschafft haben, sind alle jagdbaren Tierarten, die vor 100 Jahren in der Region lebten, wieder angesiedelt, und sogar mehr. Die Elen-Antilope hat eine spirituelle Bedeutung für die Buschleute. Sie wandern im Jahresrhythmus von den Bergen zum Meer und wieder zurück. iSimangaliso wird der einzige Ort in Südafrika mit einer Küstenpopulation sein. Wie vor der Kolonialzeit werden die Antilopen frei zwischen Bergen und Meer wandern können.

Auf welche Weise wird der Bernhard-Grzimek-Preis Ihre Arbeit unterstützen?

Durch die internationale Anerkennung unserer Naturschutzarbeit. Dies ist besonders wichtig, weil der Entwicklungsdruck stärker wird in dem Maße, wie wirtschaftlicher Druck zunimmt und die Politik schwieriger wird. Der Preis wird uns helfen, Forschung und Unterstützung aus anderen Ländern zu bekommen, um unser Projekt voran zu treiben.

iSimangaliso bedeutet in der Sprache der Zulu „Wunder“. Und es ist wirklich eins! Wir haben über 6.500 Arten und haben bisher jedes Jahr, seit der Park als erstes südafrikanisches Welterbe anerkannt wurde, neue Arten entdeckt, die der Menschheit bisher unbekannt waren. Und das in einer Zeit, in der durch menschliches Tun der Artenschwund 1.000 mal schneller voran schreitet als er es natürlicherweise würde. Präsident Nelson Mandela sprach über die Großartigkeit der Natur und über die Erhabenheit der Vorfahren in iSimangaliso. Es handelt sich um einen Ort von weltweiter Bedeutung, der die lokale Entwicklung voran treiben muss, um zu überleben. Der Bernhard-Grzimek-Preis der KfW Stiftung wird uns helfen, Nelson Mandelas Vision umzusetzen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 9. Mai 2017