Doppelportrait Sigrid Nikutta und Stefan Wintels
Klimaschutz

Klimaschutz

„Ein erfolgreiches Jahrzehnt“

DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta und KfW-Chef Stefan Wintels über das Jahrzehnt der Entscheidung, die Transformation zur Klimaneutralität und den Wettbewerb um die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die KfW Bankengruppe und DB Cargo haben viel gemeinsam: Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Erfüllung der Klimaziele der Bundesregierung. Die KfW soll die Klima- und Digitalisierungstransformation von Wirtschaft und Gesellschaft begleiten sowie als Co-Wagniskapitalgeber wirken. Von der Bahn erwartet die Bundesregierung eine Verdopplung der Fahrgastzahlen im Personenverkehr und einen deutlichen Anstieg im Güterverkehr. Gleichzeitig sind beide Unternehmen als Krisenmanager der Bundesregierung gefragt: Die KfW unterstützt große Energieunternehmen sowie mittelständische und kleine Unternehmen bei der Bewältigung der Folgen des Krieges in der Ukraine. DB Cargo beugt mit der sogenannten Getreidebrücke den weltweiten Hungersnöten vor.

Dr. Sigrid Nikutta
Portrait von Sigrid Nikutta

ist seit 2020 Chefin von DB Cargo. Als Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe verantwortete sie zuvor unter anderem die preisgekrönte Kampagne „Weil wir dich lieben“. Die promovierte Psychologin hat fünf Kinder.

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Frau Nikutta, 66.000 Menschen folgen Ihnen auf LinkedIn. Liegt das an Ihrem optimistischen Blick auf die Dinge?

SIGRID NIKUTTA Ich kommuniziere gerne! Und durchaus auch viel, denn es gibt viel zu erzählen. Die Wichtigkeit guter Kommunikation kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Optimismus kommt vom lateinischen „optimum“ und bedeutet das Beste. Und genau darum geht es in meinen Posts und auch in meinem beruflichen Alltag: das Beste mit einer Organisation zu machen, das Beste für unsere Kundinnen und Kunden zu machen und eben auch das Beste zu kommunizieren.

Ist der Hang zu Optimismus eine Voraussetzung für eine Führungsposition?

NIKUTTA Es hilft enorm. Als Führungskraft sind Sie ja nur so gut wie das Team und die Mannschaft, die mit Ihnen arbeitet. Und um seinem Team Motivation und Energie geben zu können, gerade in unserer herausfordernden Zeit, braucht es einen positiven Blick auf die Zukunft. Denn wir können diese Zukunft gestalten.

Stefan Wintels
Stefan Wintels gestikuliert

leitet seit Oktober 2021 die staatliche Förderbank KfW. Sein Ziel ist, die KfW so aufzustellen, dass sie einen wirkungsvollen Beitrag zur nachhaltigen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft leistet. Er ist Vater von vier Kindern und leidenschaftlicher Fan von Werder Bremen.

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Herr Wintels, als Sie im Oktober 2021 als KfW-Chef antraten, war die Welt noch eine andere. Wie motivieren Sie sich und Ihre Mitarbeitenden in einer Situation, in der es wenig Grund für Optimismus gibt?

STEFAN WINTELS Deutschland und Europa stehen in diesem Jahrzehnt der Entscheidung vor enormen Aufgaben und Herausforderungen in einer äußerst großen Dimension. Es gilt, die Grundlagen unseres gesamten Wirtschaftsmodells neu zu gestalten. Die KfW ist gefragt, all ihre Erfahrung und ihr Know-how einzubringen, um diesen Prozess wirkungsvoll zu unterstützen. Das spornt uns alle unheimlich an. Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Die KfW blickt im Jahr 2023 auf eine 75-jährige Geschichte zurück. Ihre Gründung ist mit der Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft und unserer Demokratie eng verbunden. Seither hat die KfW immer wieder dazu beigetragen, epochale Herausforderungen zu bewältigen – und sich selbst diesen Herausforderungen gestellt und sich verändert. Die KfW weiß, wie Wandel geht.

Welches sind Ihre Schwerpunkte?

WINTELS Es gibt drei zentrale Herausforderungen: Von der Bewältigung des Klimawandels und unseren Anstrengungen, den Technologiestandort Deutschland zu stärken, hängt unsere Zukunft ab. Diese beiden Ziele bedingen einander: Digitalisierung und Innovationen beschleunigen die Transformation zur Klimaneutralität. Seit dem Angriffskrieg in der Ukraine ist eine dritte Dimension dazugekommen. Wir müssen die Souveränität und Resilienz Deutschlands, Europas und der westlichen Welt stärken. Das Positive daran: Indem wir uns jetzt von Energie aus Russland unabhängig machen, tragen wir zur Klimaneutralität bei. Die Hebel dafür sind Energieeffizienz und der Ausbau von erneuerbaren Energien.

Sigrid Nikutta gestikuliert
"Das ökologisch sinnvollste Verkehrsmittel sollte auch das ökonomisch sinnvollste werden."

Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der DB Cargo AG

Frau Nikutta, wo liegt Ihre Priorität?

NIKUTTA Der Wunsch, mehr Waren und Güter auf die umweltfreundliche und sichere Schiene zu verlagern, wird seit 50 Jahren konstant wiederholt. Passiert ist allerdings kontinuierlich das Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass wir jetzt das historische Zeitfenster haben, um die Weichen zu stellen: Das ökologisch sinnvollste Verkehrsmittel sollte auch das ökonomisch sinnvollste Verkehrsmittel werden. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag konkret wie nie den Schienengüterverkehr verankert. Fachbegriffe wie „Einzelwagenverkehr“, „digitale automatische Kupplung“ oder „kombinierter Verkehr“ zeigen, dass sich die Regierung wirklich damit beschäftigt hat, welche Schritte erforderlich sind. Eine Rettung des Klimas ist nur mit der Schiene möglich. Das macht mich sehr optimistisch.

Wie kann Güterverkehr auf der Schiene auch wirtschaftlich erfolgreich werden?

NIKUTTA Wir haben in Deutschland ein großes Umweltnetzwerk – mit 35.000 Kilometern Schienennetz und über 2.000 Zugangspunkten in dieses Netz. Wirtschaftlich erfolgreich sind einfache Shuttlestrecken von Punkt zu Punkt. Für unsere Umwelt ist es aber entscheidend, dass wir das gesamte Güternetz pflegen. Im Fachjargon heißt das Einzelwagenverkehr. Also wir holen auch einzelne Wagen bei den Kunden ab, auch im ländlichen Raum, und bilden aus vielen einzelnen Wagen dann ganze Züge, die wir quer durch Europa fahren. Das ist ökologisch sinnvoll – ökonomisch wird es aber erst, wenn wir den geplanten Digitalisierungs- und Automatisierungsschub machen. Über Jahrzehnte hieß es: Lass uns so viel wie möglich auf die Straße bringen. Weil Lkws schnell und flexibel sind, war das lange Zeit auch kostengünstiger. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten sind aber nie betrachtet worden. Besonders die Umweltkosten spielten keine Rolle. Hier spiegelt sich unser zentraler Irrglaube wider: Die Umwelt sei kostenlos. Deshalb blieb die Verschmutzung der Umwelt jahrzehntelang ohne Konsequenzen. Hier sind wir jetzt alle böse erwacht. Deshalb geht es uns alle an, wie unsere Waren und Güter transportiert werden.

Sie konkurrieren mit dem Personenverkehr, der ebenfalls auf die Schiene gebracht werden soll. Wie gehen Sie damit um?

NIKUTTA In Deutschland teilen sich Personen- und Güterverkehr eine gemeinsame Schieneninfrastruktur. Da ist es in der Tat wichtig, die Kapazitäten bestmöglich zu nutzen. Wenn mehr in die Schieneninfrastruktur investiert wird, ob getrieben durch Ausbau von Personen- oder Güterverkehr, ist das aus Sicht von DB Cargo positiv. Der beste Weg ist, schnell die Kapazität zu erweitern und – das geht noch schneller – Digitalisierung und Automatisierung zu steigern. Denn die Kapazität der Infrastruktur ist der limitierende Faktor in Deutschland. Ich betone „in Deutschland“. Andere Länder haben hier eher angefangen, mehr in die Infrastruktur der Schiene zu investieren. Das holen wir jetzt mit Hochdruck nach. Das Gute ist: Die Unternehmen in Deutschland und in Europa haben verstanden, dass umweltfreundliche Lieferketten extrem wichtig sind. Die Reduktion des CO2-Fußabdrucks ist das Ziel aller Unter?nehmen – da sind die Verlagerung auf die Schiene und die gute Kombination von Lkw und Schiene wichtige Schlüsselelemente.

Sigrid Nikutta und Stefan Wintels diskutieren an einem Tisch
Gipfeltreffen

Sigrid Nikutta und Stefan Wintels im Innovation Lab der KfW in Frankfurt

Herr Wintels, Sie haben der KfW eine Transformationsagenda verpasst. Was steckt dahinter?

WINTELS Wir können nur dann die wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation begleiten, wenn wir uns selbst transformieren. Das Jahrzehnt der Entscheidung ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung – insofern sollte jeder seinen Beitrag leisten. Wir wollen die KfW in diesem Jahrzehnt zu der digitalen Transformations- und Förderbank entwickeln. Teil der Transformationsagenda „KfW plus“ ist der Anspruch, als „leistungsstark KfW“ auf der operativen Ebene die notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen. Dies umfasst die Themen Digitalisierung sowie ein modernes Operating and Governance-Modell – und nicht zuletzt auch Aspekte wie Förderung von Mitarbeiterpotenzialen und Agilität. Gleichzeitig arbeiten wir an den Themen Wirkungsmanagement sowie Mobilisierung von privatem Kapital. Deshalb schauen wir ganz genau hin, was unsere Förderung bewirkt – und zu welchem Preis.

Die KfW steckt momentan sehr viel Geld in die Rettung der großen deutschen Energieunternehmen. Leidet darunter das tägliche Geschäft?

WINTELS Die KfW ist krisenerprobt: Zuletzt konnten wir rund 160.000 Unternehmen in Deutschland mit unserem Corona-Sonderprogramm unterstützen. Das Förderjahr 2022 ist wieder ein besonderes Jahr, in dem wir im Auftrag der Bundesregierung der deutschen Wirtschaft bei der Bewältigung der Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine unter die Arme greifen. Gleichzeitig konnten wir im ersten Halbjahr das Geschäftsvolumen nicht nur im Bereich Klimawandel und Umwelt, sondern auch im Bereich Digitalisierung und Innovation deutlich steigern. All das zeigt, dass wir uns treu bleiben und weiterhin Wirtschaft und Gesellschaft dabei unterstützen, die Herausforderungen der Transformation zu bewältigen. Aber ohne Zweifel: Es gibt noch sehr viel zu tun!

NIKUTTA Das Thema Krisenmanagement beschäftigt uns natürlich auch, spätestens seit der Corona-Pandemie. Denn damals standen viele Lkws an den Grenzen fest. Und genau das war – wie eigentlich immer, wenn es eine Krise gibt – der Moment der Schiene. Weil wir mit unseren Zügen durch ganz Europa problemlos gefahren sind und mit einem Zug bis zu 52 Lkws ersetzen. Damals haben wir nicht nur sehr schnell Masken und Sanitärmaterialien aus China in Europa verteilt, sondern auch Grundstoffe für die Hygienemittel- und Papierindustrie. Jetzt transportieren wir Hilfsgüter in die Ukraine und Getreide aus der Ukraine. Wir sind diejenigen, die Kohle und Mineralöl zur Energieversorgung im Winter transportieren. Gerade in Krisen zeigt sich die Bedeutung der Schiene. Ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen der ukrainischen Eisenbahn, die unter schwersten Bedingungen und in Lebensgefahr die Transportketten für Personen und Güter aufrechterhalten.

Frau Nikutta, DB Cargo hat vor Kurzem ein neues Konzept zum Transport von Wasserstoff vorgestellt. Gleichzeitig ist die Bahn selbst Opfer der aktuellen Krise wegen der steigenden Energiekosten. Wie passt das zusammen?

NIKUTTA Krisen bieten auch Chancen. Unser Konzept zum Transport von Wasserstoff ist genau eine solche Chance. Die Bahn ist unstrittig das umweltfreundlichste Transportmittel. Im Güterverkehr sind wir zu 95 Prozent elektrisch unterwegs. Angesichts der aktuellen Entwicklung der Energiepreise ist es für die gesamte deutsche Industrie wichtig, schnell eine große Lösung für unsere Stromversorgung zu finden. Wasserstoff ist eine solche: Wenn wir in Deutschland Wasserstoff in den nächsten Jahren in größerem Umfang importieren und transportieren, können wir am schnellsten auf das Schienennetz setzen: Wasserstoff wird für den Transport in flüssigem Ammoniak gebunden, den wir seit Langem transportieren. Diese Lösung ist sofort umsetzbar, mit dem bestehenden Material. Genau diese Lösung erproben wir jetzt mit großen Energieanbietern und sind schnell transportbereit.

Frau Nikutta: Was bedeutet für Sie Transformation?

NIKUTTA Transformation und Veränderung sind für mich sehr positiv besetzte Begriffe. Als Chefin eines Unternehmens ist es mir wichtig, klarzumachen, dass die konstante Transformation unsere gemeinsame Aufgabe ist. Denn auch die Anforderungen an Unternehmen sind in einem ständigen Veränderungsprozess. Und hier ist wichtig, dass Veränderung für alle Mitarbeitenden im Unternehmen und für Kundinnen und Kunden greifbar und positiv ist. Abrupte externe Veränderungen bieten dabei große Möglichkeiten. Und wenn wir es richtig machen, glaube ich, haben wir die Chance, als Gewinner aus der Krise hervorzugehen.

Stefan Wintels am Tisch
Silvester 2030 werden wir zurückblicken und sagen: Es war ein erfolgreiches Jahrzehnt.

Stefan Wintels, KfW-Vorstandsvorsitzender

Für die Transformation braucht man gute Leute. Wie gewinnen Sie neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

WINTELS Wir haben einen extrem positiven, nachhaltigen Unternehmenszweck, neudeutsch Purpose. Wir gestalten die Transformation, wir stärken die Resilienz, wir sind global tätig und wir sind Bestandteil des ökonomisch-politischen Ökosystems. Viele glauben, dass die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, sich nur im Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft lösen lassen. Deswegen sind wir sehr attraktiv als Arbeitgeber.

NIKUTTA Die Schülerinnen und Schüler von heute achten bei ihrer Berufswahl deutlich mehr darauf, wie sinnvoll ihre Arbeit für Gesellschaft und Umwelt ist. Da haben wir als Bahn einen natürlichen Vorteil, das merken wir bei den Zahlen von Bewerberinnen und Bewerbern. Die Bahn bietet als großes Unternehmen viele Entwicklungsmöglichkeiten – oft für ein ganzes Berufsleben.

Transformation zur Klimaneutralität
Titelbild des Stories-Heftes mit Sigrid Nikutta und Stefan Wintels

Das Heft zum "Jahrzehnt der Entscheidung"

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WINTELS Aber wir müssen unsere Mitarbeitenden auch fördern und entwickeln. Gleichzeitig gibt es gerade in Deutschland einen knallharten Wettbewerb im Bereich der IT-Fachkräfte. Da müssen wir zum einen offen sein für gezielte Einwanderung und zum anderen konsequenter in die Bildung investieren, weil die Fachkräfte von morgen heute zur Schule gehen.

NIKUTTA Dabei darf soziale Herkunft keine Rolle spielen. Noch immer bestimmt der Beruf der Eltern sehr stark die Bildungskarriere. Da sollten wir ansetzen. Hinzu kommt der demografische Wandel: Wir sollten die älteren Potenzialträgerinnen und -träger stärker fördern und weiterentwickeln. Wir wissen heute, dass gemischte Teams, nicht nur geschlechtergemischt, sondern auch nationalitäten- und altersgemischt, am erfolgreichsten sind. Bei uns gehen auch Menschen mit 55 Jahren in eine Ausbildung, um etwas ganz Neues zu erlernen. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt für die Mitarbeitenden und die Unternehmen.

Sigrid Nikutta und Stefan Wintels diskutieren an einem Tisch
Erfahrungsaustausch

KfW und DB Cargo haben viel gemeinsam. Beide Unternehmen sind derzeit als Krisenmanager der Bundesregierung sehr gefragt.

Herr Wintels, wird es 2030 heißen: Ende gut, alles gut?

WINTELS Ich bin zuversichtlich: Wenn wir weiter mutige Entscheidungen treffen und diese zügig umsetzen, werden wir das auch schaffen. Deshalb möchte ich diese Frage mit einer mutigen These beantworten. Wir werden Silvester 2030 auf dieses Jahrzehnt zurückblicken und sagen: Es war ein erfolgreiches Jahrzehnt.

Frau Nikutta, Herr Wintels: Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht auf KfW Stories am 10. November 2022.