Illustration von Jörg Thadeusz mit Wasserglas
Kolumne

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„Ich lasse mich gern belügen“

Er ist ein kritischer Verbraucher. Eigentlich. Doch wenn unser Kolumnist Jörg Thadeusz wählen darf zwischen Leitungswasser und Felsquell-Nass aus Luxusflaschen, verlässt ihn der klare Verstand.

Der Autor
Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz ist Journalist und Moderator. Im rbb ist er regelmäßig mit „Thadeusz” und „Thadeusz und die Beobachter” auf Sendung.

Sie nimmt mich nicht. Ich bin nicht ihr Typ. Wegen des Wassers. Es war einer dieser deutschen Spielfilme im Abendprogramm. Produziert für Menschen, die fiebrige Halsschmerzen haben und in ihrem Dämmerzustand nicht gestört werden sollen. Mir ist also nur in Erinnerung geblieben, wie die Figur der eigentlich viel zu aufregenden Hauptdarstellerin Männer aussuchte: Wer sich mit der Frage des Kellners nach „still“ oder „sprudelnd“ gar nicht lange aufhielt, sondern direkt nach Leitungswasser verlangte, der war ihr Auserwählter.

Wasser aus der Leitung, so entscheidet der unverblümte Typ. Der Naturbelassene, der Auskenner, der sich nicht nur beim Wasser nichts vormachen lässt. Nun saß ich da. Kratzender Hals, Temperatur und keine Chance bei dieser Frau. Denn ich lasse mich bei Trinkwasser gern belügen.

Bei anderen Produkten bin ich so kritisch, wie es die Verbraucherzentrale von mir erwartet. Es gab und gibt keine Piemont-Kirsche. Ich bin sicher, dass sich meine Zahnhälse einen Ast lachen, wenn ich mit einer ganz speziellen Zahncreme ihren Kariesbefall zu verhindern trachte. Allein der Besuch eines Baumarkts stellt noch nicht sicher, dass bei mir zu Hause etwas klappt. Gleichgültig, wie lange die in der Werbung etwas anderes behaupten.

Das feine Felsquellwasser

Ich möchte aber unbedingt glauben, dass ein frischer junger Mann in der Nähe eines Alpendorfs die Kühe den Berg hinauftreibt. Bis er plötzlich ein Plätschern hört. Er verfolgt das Geräusch, sieht das Nass und probiert. Das Lächeln will nicht mehr von seinem Gesicht weichen, bis er im Dorf ankommt und atemlos ruft: „Ich habe eine Felsquelle mit feinstem Felsquellwasser entdeckt.“

Ich lasse mich gern belügen

Jörg Thadeusz liest seine Kolumnen auch vor (KfW Bankengruppe/Jörg Thadeusz).

Genau dieses Wasser landet dann in einer sehr kostspieligen Flasche auf dem Tisch, an dem ich sitze. Allein das Design verführt mich, bringt mich also um den klaren Verstand.

Wird auf dem Etikett ein „Heilbad“ erwähnt, fährt meine Fantasie erst recht mit mir Karussell. Im Heilbad und eigentlich nur im Heilbad promenieren Menschen noch. Keiner schreibt SMS, und keiner spricht in sein Headset. Alle gehen langsam und lauschen der Musik des Kurorchesters, das in einer Konzertmuschel aufspielt.

Ich kann keinem richtig böse sein, der mir solche illusionären Bocksprünge erlaubt. Auch wenn er nur Wasser abfüllt, das sich nur von meinem Leitungswasser unterscheidet, weil ich dafür noch einmal extra zahlen muss. Zu Hause erliege ich weiterhin der süßen Lüge von einem weltgewandten Exklusivwasser.

Quelle
CHANCEN-Cover

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2016 „Die Macht des Wassers”.

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Im Restaurant rufe ich allerdings schon laut nach Leitungswasser, ehe der Kellner überhaupt am Tisch ist. Damit sie es auch hört, falls sie da ist.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 20. Februar 2017