Illustration Hirschhausen
Kolumne

Kolumne

Ein Nobelpreis gegen den Schwachsinn!

Der menschliche Wunsch nach Bahnbrechendem, die Revolution durch evidenzbasierte Medizin, das Unheil von „Neu ist besser“: Dr. Eckart von Hirschhausen macht sich Gedanken über Nachhaltigkeit.

Die Kolumne zum Anhören

Genießen Sie Dr. Eckart von Hirschhausens Text von ihm selbst vorgelesen (KfW Bankengruppe/Eckart von Hirschhausen).

Als im August 1845, so berichtet eine Anekdote, Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, die neu errichtete Sternwarte der Universität in Bonn besuchte und den Astronomen mit den Worten begrüßte: „Na, Argelander, was gibt es Neues am Himmel?“, erhielt er zur Antwort: „Kennen Majestät das Alte schon?“.

Ich liebe diese Geschichte, weil sie zeigt: Unser Wunsch nach Neuem und Bahnbrechendem ist kein Phänomen der Neuzeit. Wir lieben das, was „heiß“ ist – auch wenn es oft einer kühlen Abwägung nicht standhält und alles andere als nachhaltig ist. In der Medizin hat der Irrglaube „Neu ist besser“ schon sehr viel Unheil angerichtet: von Operationsrobotern, die mehr geschadet als genutzt haben, bis zu Medikamenten, Eingriffen und Früherkennungsmethoden.

Zur Person
Kolumne von Eckart von Hirschhausen zum Thema Nachhaltigkeit

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Komiker, Autor, Moderator und Gründer der Stiftung „Humor hilft heilen“.

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Unter Nachhaltigkeit verstehe ich dauerhafte Ideen und Lösungen, ohne sich und seine Umwelt zu zerstören. Die nachhaltigste Innovation, die die Medizin in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat, war die systematische Aufarbeitung des vorhandenen Wissens. Unter dem Stichwort „Evidenzbasierte Medizin“ hat sie eine stille Revolution ausgelöst. Und die nächste Revolution sind für mich die gemeinsame Entscheidungsfindung und die volle Transparenz aller Befunde und Daten den Patienten gegenüber. Im Projekt „open notes“ bekamen 15 Millionen Patienten in den USA vollen Zugang zu ihren Krankenakten. Mit Erfolg. Sie waren zufriedener, vertrauensvoller und hielten sinnvolle Therapien ein, statt frustriert abzubrechen. Das patriarchale System des ewigen Wissensvorsprungs der Ärzteschaft hat ausgedient. Die Zukunft der Medizin ist patientenorientiert, kommunikativ, interprofessionell. Die Gegenwart an vielen Stellen immer noch über Köpfe hinweg, unkommunikativ und in der Fixierung auf Diagnosen, Fallpauschalen und ökonomische Fehlanreize weit weg von dem, was die Menschen brauchen.

Oft genug stellt sich aber das vermeintlich Nachhaltige als extrem unnachhaltig heraus und wird, wenn sich die Meldungen über gefährliche Wechselwirkungen häufen, zurückgezogen. So verbesserten Mittel gegen Herzrhythmusstörungen zwar das EKG – aber erst nach Datenanalyse wurde klar: Sie kosteten Tausenden Patienten das Leben. Doch etwas Unsinniges abzuschaffen, ist sehr schwierig – denn es bringt wenig Anerkennung. Als Anreiz fordere ich daher einen Nobelpreis gegen den Schwachsinn. Wer die beste Idee hat, um etwas Gefährliches und Überflüssiges abzuschaffen – ob Medikamente, Gesetze oder Atomkraftwerke –, möge geehrt werden! Das ist nicht zukunftsfeindlich – das ist zukunftssichernd!

Quelle
Cover Chancen Nachhaltigkeit

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2018 „Eine bessere Welt ist möglich“.

Zur Ausgabe

Eine der wichtigsten Fragen in jedem Gespräch mit einem Arzt lautet: „Was passiert eigentlich, wenn ich nichts tue?“. Wenn ich das Knie nicht operieren lasse, sondern einfach weiter turne? Wenn ich kein Antibiotikum nehme, sondern warte, ob der Husten nicht von allein besser wird? Doch ein Arzt wird nicht fürs Nichtstun bezahlt. Beim Abwägen aber kommt oft heraus: Mandeln drin, Antibiotika weg, Knie in Ruhe lassen, beobachten, abwarten – und dann reagieren. Bei einem Elfmeter ist es statistisch für den Torwart am sinnvollsten, einfach stehen zu bleiben. Sieht aber uncool aus. Macht deshalb auch keiner. Lieber mit Schwung in die falsche Richtung! Viel zu oft wollen Chirurgen wie ein Torwart in die Ecke hechten, in jeden noch so schwer zu erreichenden Winkel der Bauchhöhle.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 17. Dezember 2018