Illustration mit einem Porträt von Dietmar Wischmeyer
Kolumne

Kolumne

Phantasmen einer Pandemie

Autor und Satiriker Dietmar Wischmeyer schreibt in seiner Kolumne über die menschliche Marotte, kaum klüger aus Krisen hervorzugehen.

Zur Person
Porträt von Dietmar Wischmeyer

Dietmar Wischmeyer, Stammgast in der „heute show“ des ZDF, musste aufgrund der Corona-Pandemie seine Tournee ins Jahr 2021 verlegen.

Für die Zeit nach Corona gibt es zwei große Befürchtungen. Zum einen, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, und zum anderen, dass alles so bleibt wie zuvor. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, und deshalb wird wohl beides eintreten. Allein die Verteilung der Ereignisse auf das, was bleibt, und jenes, welches sich ändert, gehört zur dritten großen Befürchtung: Es wird alles noch viel schlimmer und von ganz anderem Übel als erwartet.

Der Mensch in seiner biologischen Beschränktheit ist, was die Zukunft betrifft, von zwei großen Irrtümern befallen. Der erste lautet: Nach schlecht kommt gut, quasi automatisch, weil man sich ja so doll angestrengt hat beim Das-Schlechte-Abschaffen. Diesem gravierenden Irrtum erlagen alle bisherigen Revolutionen in der Geschichte, von Robespierre bis Robert Mugabe ist es immer die gleiche Leier. Der zweite grundsätzliche Irrtum ist ähnlich verheerend, in ihm wird intuitiv unterstellt, wenn man eine Plage am Hals hat, dann wird man von weiteren verschont, deshalb rauchen Beinamputierte weiter, denn sie haben ja bereits bezahlt.

Dieser dem Menschen nicht auszutreibende Schwachsinn lässt Schlimmes befürchten für die Zeit während und erst recht nach Corona. Nummer eins bildet sich ab in den positiven Phantasmen der Nach-Corona-Weißmaler. Dort heißt es, „das wird uns eine Lehre sein“, „wir werden umdenken müssen“, „die Natur hat uns einen Wink gegeben, dass es mit immer weiter, höher, schneller nicht so weitergehen kann“, bla, bla, bla … Das ist eine durch nichts belegte Zuversicht, und für genau das Gegenteil gibt es mindestens ebenso viele Indizien, siehe die Renaissance der Kohle weltweit und die des persönlichen Pkw bei uns.

Hören Sie hier die Kolumne in unserem Podcast (KfW Bankengruppe/Dietmar Wischmeyer).

Nummer zwei zieht die Zuversicht aus dem bestehenden und irgendwann überstandenen Leiden, das in einer gerechten Welt ja wohl nicht sofort den nächsten Schlamassel nach sich ziehen darf. Schön wär’s, wenn dieser kindliche Glaube Wirklichkeit würde. Meist ist sogar das Gegenteil der Fall. Steckt der Karren erst mal im Dreck, fällt auch noch das Pferd tot um. „Ein Unglück kommt selten allein“, Volkes Weisheit wusste es doch längst, warum lügen wir uns dann ständig einen in die Tasche, nach Corona ginge es wieder aufwärts? Weil wir Menschen sind, wir können nicht anders, wir sind unbelehrbare Optimisten – selbst die Pessimisten, die glauben, dass sie recht haben.

Um doch noch gegen Ende etwas reale Zuversicht zu verbreiten: Das Coronavirus hat uns zweierlei gelehrt. Erstens: Auch wenn wir den ganzen Planeten zerstören können und es auch tun, sind wir nicht die eindeutigen Herren der Welt. Zweitens: Die Natur ist keine Waldorfschule. Seitdem wir jedes Tier nach Belieben ausrotten und eher heute als morgen den ganzen Amazonas-Urwald abholzen können, hielten wir uns als Menschen für die eindeutig Bösen und die Natur für das an und für sich Gute und hatten dabei vergessen, dass sich deren Teilnehmer ständig gegenseitig auffressen und auch vor uns keinen Halt machen, wenn’s passt.

Quelle
Titelbild des CHANCEN-Magazins Herbst/Winter 2020

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2020 „Jäger des Virus“.

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Erst ein winzig kleines Virus hat uns Bescheidenheit gelehrt. Die Natur ist weder gut noch böse, sie ist aber mit Sicherheit auch nicht per se unser Freund, der Golden Retriever auf unserem Sofa täuscht. Werden wir diese Zeit überstehen? Auf jeden Fall! Wird danach alles besser? Wenig wahrscheinlich, aber immerhin nicht völlig ausgeschlossen, das reicht doch als Beweggrund allemal.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Pfund Gehacktes im Sonderangebot kaufen. Das ess’ ich dann als Vorspeise zum Jüngsten Gericht. So sind wir Menschen eben, kann man nichts dran machen, zu doof für diese Welt!

Auf KfW Stories veröffentlicht am 24. November 2020.