Demenzkranke mit Therapieball Ichó
Gesundheit

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Ein Ball gegen das Vergessen

Der Umgang mit Demenzpatienten macht oft hilflos, deren Betreuung ist teuer und eine soziale Herausforderung. Doch ein Start-up in Duisburg hatte eine vielversprechende Idee: Die Gründer haben eine Kugel entwickelt, vollgestopft mit Elektronik. ichó gibt den Menschen ein Stück Leben zurück.

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Wie die Therapiekugel ichó Demenzpatienten zurück in die Kommunikation holt (KfW Bankengruppe/n-tv).

Es ist ein magischer Moment, ein Augenblick des kurzen Glücks. Die alte Dame hält eine weiße Kugel in ihren zitternden Händen, ängstlich zunächst, sie könnte den rauen Ball, kaum größer als eine Pampelmuse, fallen lassen. Dann bemerkt sie, wie die Kugel vor ihr zu leuchten beginnt. Bläulich erst, wechselt die Farbe in ein wärmeres Rot. Da huscht ein Lächeln über das Gesicht der Frau, die eben noch in sich versunken dagesessen hatte, und ihre Augen suchen die anderen im Raum.

Kurz darauf wandert die Kugel durch den Stuhlkreis der Tagesklinik in Tönisvorst am Niederrhein und jedes Mal schlägt sie einen Empfänger in ihren Bann. Ein Mann umfasst sie so fest, als hätte er ein Spielzeug aus der Kindheit wiedergefunden. Eine Frau betrachtet ehrfürchtig, was die Kugel in ihrem Schoß tut. Mal wechseln die Farben, mal gibt der Ball Tierstimmen von sich, mal erklingt aus ihm ein Schlagzeug.

Dame mit Ball von Ichó
Anreiz

Licht und Ton und Vibration des Therapieballs sollen bei den Patienten Resonanz erzeugen. Und sei es nur für einen kleinen Moment.

ichó haben die Erfinder diese Kugel getauft, griechisch für Echo. So hieß einst eine Nymphe der griechischen Götterwelt, die Zeus zu Diensten war und dafür von der Göttermutter Hera bestraft wurde, indem sie nur noch die letzten gesagten Worte eines anderen wiederholen durfte.

Während das Echo in der griechischen Mythologie Bestrafung war, erfüllt die nach der Nymphe benannte Silikonkugel voller Elektronik eine ganz andere Funktion: Sie soll bei den Patienten in der Tagesklinik am Niederrhein Resonanz erzeugen. Denn das ist eine der großen Herausforderungen für jeden, der sich mit Demenzkranken beschäftigt: diese in sich gefangenen, in ihren Reaktionen reduzierten und oft verängstigt wirkenden Menschen aus ihrer Gedanken- und Gefühlswelt herauszuholen und eine Verbindung zu ihnen herzustellen, und sei es nur für einen Augenblick.

„Wir können diesen Menschen Momente schenken“, sagt Frauke Zimmermann, Rhythmik-Pädagogin in der Tagesklinik in Tönisvorst. Mit einer Gruppe von Demenzerkrankten macht sie Bewegungsübungen oder Musik, trainiert das verschwindende Erinnerungsvermögen und setzt seit Kurzem auch Prototypen der ichó-Kugel ein.

Gründer von Ichó
Das Gründer-Trio

Mario Kascholke, Medieninformatiker, und die Kommunikationsdesigner Steffen Preuß und Eleftherios Efthimiadis (v. l.) haben ichó gegründet.

„Wir sind immer auf der Suche nach neuen Hilfsmitteln, um die Menschen anzuregen. ichó erweitert unser Angebot. Viele der Dementen sind ja nicht bloß geistig, sondern auch motorisch eingeschränkt. So eine Kugel knüpft anscheinend an die Kindheit der meisten an. Mit Bällen haben alle schon früh einmal Kontakt gehabt. Das Runde und die rau geformte Oberfläche, die sich ertasten lässt, wirkt auf die Menschen ganz unmittelbar. Und dass die darin versteckte Elektronik uns die Möglichkeit gibt, mit Licht und Ton und Vibration zu arbeiten, vergrößert unseren Spielraum enorm“, sagt Zimmermann über ihre Erfahrungen.

ichó ist die Idee dreier junger Gründer, zwei von ihnen sind noch Masterstudenten an der Hochschule Düsseldorf. Im Social Impact Lab in Duisburg-Ruhrort, das gemeinsam von der Prof. Otto Beisheim Stiftung, der Franz Haniel & Cie. GmbH und der KfW Stiftung betrieben wird, steht das Trio kurz davor, mit einer eigenen GmbH ein Produkt auf den Markt zu bringen, dessen Prototypen schon jetzt bei Experten auf Fachmessen für Heil- und Hilfsmittel großes Interesse geweckt haben.

KfW Stiftung

Seit 2013 hat sich die KfW Stiftung zum Ziel gesetzt, bei der Auseinandersetzung mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, der Globalisierung oder dem Klimawandel zukunftsweisende Impulse zu setzen und Lösungsansätze zu unterstützen. Im Themenfeld Kunst & Kultur liegt der Fokus auf dem interkulturellen Dialog.

Denn der Umgang mit einer wachsenden Zahl von Demenzkranken auf der Welt – allein in Deutschland sind 1,6 Millionen Menschen davon betroffen, jeder elfte Bürger über 65 Jahre ist dement – gehört zu den größten Herausforderungen unseres Gesundheitssystems. Solange es keine medizinischen Lösungen gibt, um Patienten zu heilen, kostet allein die Betreuung von Dementen in Deutschland etwa zehn Milliarden Euro im Jahr.

Und es ist schwer, genügend Pfleger zu finden, die bereit sind, sich auf die anstrengende Tätigkeit einzulassen. „Angesichts des Pflegenotstandes generell sind wir ständig auf der Suche danach, wie die Entwicklung von Elektronik und künstlicher Intelligenz uns in der Arbeit helfen kann“, sagt Philipp Hünersdorf, Geschäftsführer der Artemed Pflegezentren mit 550 Betten in Deutschland. 85 Prozent davon sind mit dementen Menschen belegt. „Seit einer Weile schon gibt es Tablets auf dem Markt, mit denen Demenzkranke sich beschäftigen können. Das funktioniert aber nicht wirklich. Ganz anders, so mein Eindruck, die ichó-Kugel. Wir warten nur darauf, dass sie in Produktion geht, damit wir sie einsetzen können.“

Demenzkranke mit Ball von Ichó
Abwechslung

Der Ball von ichó kann auch Stimmen von Angehörigen oder die Lieblingsmusik des Patienten abspielen.

Dem Betriebswirt Hünersdorf geht es nicht bloß um Beschäftigung und Anregung für die Bewohner in den Heimen. Viele demente Menschen leiden unter großer Unruhe. Das macht den Umgang mit ihnen schwierig. Waschen, selbst kämmen wird schnell zur Tortur für den Kranken wie für den Betreuer. „Ihnen einen Ball zu geben, mit dem sie spielen können, der ihre Lieblingsmusik gespeichert hat oder die Stimmen ihrer Angehörigen hören lässt, beruhigt sie ungemein“, sagt Philipp Hünersdorf.

Und auch die KfW Stiftung sieht in der ichó-Kugel eine große Chance. „Ob in den Social Impact Labs in Frankfurt oder Duisburg – wir haben uns ja zum Ziel gesetzt, Social Entrepreneurs auszubilden, nicht nur junge Menschen, die mit ihren Ideen dazu beitragen wollen, Lösungen für die sozialen Probleme unserer Gesellschaft zu finden“, sagt Martina Köchling, von der KfW Stiftung. „Dabei lernen wir viele spannende Projekte kennen. Aber selten ist das Ergebnis solcher Anstrengungen ein konkretes Produkt wie ichó.“

Wenn es den drei Gründern – den Kommunikationsdesignern Eleftherios Efthimiadis und Steffen Preuß sowie dem Elektrotechniker und Medieninformatiker Mario Kascholke gelingt, die Produktion der Kugeln im Laufe des Jahres zu starten, hat das nicht allein mit der Unterstützung vonseiten ihrer Universität, des DuisburgerLabs, der KfW Stiftung oder ihrem eigenen unermüdlichen Einsatz zu tun. Es liegt mindestens genauso sehr daran, dass alle drei ganz persönliche Gründe hatten, sich mit Demenz und den Folgen dieser Krankheit intensiv auseinanderzusetzen. Die Großmütter von Efthimiadis wie von Preuß glitten beide im Alter in die Demenz ab, bei Kascholke war es der Großvater, und so begann ein langer Prozess auf der Suche danach, wie man sich diesen Menschen gegenüber verhält und wie man ihnen das Leben erleichtern kann.

Therapieball von Ichó
Vorbild

Gewöhnliche Bälle sind ein zentrales Werkzeug der Therapie bei Demenzkranken – und die Basis der elektrischen Variante.

Efthimiadis startete dazu eine regelrechte Feldforschung. Er besuchte Kindergärten, Schulen und Heime, die sich um Kinder und Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen kümmern. Er beschäftigte sich mit basaler Kommunikation, dem heilpädagogischen Konzept der körperlichen Kontaktaufnahme zu Menschen, mit denen Verständigung über Sprache nicht oder nicht mehr möglich ist. Dabei geht es um Berührung, um Massage, um Anfassen und Fühlen, um mit den Kranken in Kontakt zu treten. Der Kommunikationsdesigner sah sich dazu die Hilfsmittel an, die bei der Arbeit mit solchen Patienten zum Einsatz kommen. So kam er schließlich auf Geräte, die Geräusche erzeugen, und er stieß auf den Ball als ein zentrales Werkzeug der Therapie.

Um diese Ideen weiterzuentwickeln, tat er sich mit Steffen Preuß zusammen. „Mir leuchtete nicht bloß die Idee ein“, sagt Steffen Preuß. „Was wir hier machen, verbindet mich jetzt, da meine Oma gestorben ist, gewissermaßen weiter mit ihr.“ Beide wiederum holten Mario Kascholke dazu, der die Ideen technisch umsetzte. Inzwischen haben sie Firmen gefunden, um die Gussformen für die Silikonkugeln herzustellen und die Platinen zu produzieren, das Hirn der Kugel. Mit Anwälten beraten sie sich über die Patentierung ihrer Idee. Nun geht es darum, Investoren zu finden, damit aus dem Projekt ein Geschäft werden kann.

„Man muss im Umgang mit dementen Menschen erst lernen, dass sie anders reagieren.“

Eleftherios Efthimiadis, Gründer von ichó

„Interessant ist bei unseren Vorführungen von ichó, dass Leute, die mit dementen Menschen arbeiten, vom Potenzial unseres Produkts begeistert sind und kaum erwarten können, die ersten Kugeln in ihren Heimen und Tageskliniken einzusetzen. Es sind Leute ohne Erfahrung mit Demenz– wie professionelle Investoren –, die sich oft nicht richtig vorstellen können, was eine leuchtende Kugel mit Geräuschen an Fortschritt darstellt“, sagt Steffen Preuß. Eleftherios Efthimiadis ergänzt: „Man muss im Umgang mit dementen Menschen erst lernen, dass sie anders reagieren.“

Einen großen Erfolg haben die drei schon erreicht: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat sie für den Start-up-Wettbewerb „Ideas from Europe“ nominiert, bei dem sie über den Vorentscheid in Tallinn bis ins Finale im April in Den Haag gelangt sind. Das Team denkt aber bereits weiter Richtung Zukunft. Sie träumen davon, einem jeden Kranken eine Kugel zur Verfügung stellen zu können, die auf seine speziellen Interessen und Vorlieben zugeschnitten ist und sich je nach Phase der Krankheit anpassen lässt.

Quelle
Cover CHANCEN „Innovation“

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2018 „Innovation“.

Zur Ausgabe

Der Schriftsteller Arno Geiger hat in dem Buch „Der alte König in seinem Exil“ die Demenz seines Vaters beschrieben und seinen eigenen Umgang mit der Krankheit: „Uns Gesunden öffnet die Alzheimer-Krankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verloren gegangen, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer zu reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts zu reden.“ In diesem Sinne könnte ichó ein kleiner, ein technischer Schritt sein, damit besser umzugehen. Zum Wohle der Patienten wie der Gesellschaft.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 17. April 2018