Ein Mann sitzt mit Schutzmaske im Labor von CureVac
Corona-Impfstoff

Corona-Impfstoff

„Wir haben Anlass zum Optimismus“

Wann erlöst ein Impfstoff die Welt vom Coronavirus? Das ist derzeit die Frage aller Fragen. Das Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac steht kurz davor, die Antwort zu geben. Begehrlichkeiten sind geweckt. Rechtzeitig beteiligte sich die Bundesregierung mit 300 Millionen Euro an der Firma. Ein Ortsbesuch.

Zu den Personen
Porträt von Franz-Werner Haas und Mariola Fotin-Mleczek von CureVac

Vorstandsvorsitzender Franz-Werner Haas und Mariola Fotin-Mleczek als Chief Technology Officer lenken derzeit die Geschicke von CureVac. Vor 20 Jahren ging das Biopharmazieunternehmen aus Arbeitskreisen der Universität Tübingen hervor. Alleinstellungsmerkmal ist die Entwicklung von Arzneien und Impfstoffen auf Grundlage veränderter Botenmoleküle. Dieser hoffnungsvolle Ansatz brachte CureVac mehrere Auszeichnungen ein und viel Investorengeld – etwa von SAP-Gründer Dietmar Hopp und der Bill & Melinda Gates Foundation. Hauptanteilseigner ist aktuell die dievini Hopp BioTech Holding.

Die Rettung der Welt, so wie wir sie bis zum Frühjahr kannten, ist kleiner als ein Stecknadelkopf. Sie ist sogar so winzig, dass Hunderte Millionen in einem solchen Platz fänden. Dieses verschwindend kleine Etwas an Materie könnte reichen, um alle Coronaviren zu stoppen. Und damit die Menschheit vor tödlichen Infektionen von Lunge, Hirn und Herz zu bewahren sowie den Globus auf den Weg wirtschaftlichen Wachstums zurückzubringen. Von offenen Grenzen, unbeschwertem Urlaub oder fröhlichen Festen gar nicht zu reden. Das ist zumindest die Hoffnung, die Milliardeninvestitionen freigesetzt hat.

Was dieses Geld im Alltag bewirkt, lässt sich bei CureVac in Tübingen beobachten. In einem ganz normal wirkenden Gebäudekomplex auf einem Hügel am Rande der Universitätsstadt arbeiten 430 Menschen daran, den Corona-Impfstoff zu erzeugen. Pro Dosis nicht mehr als ein paar Zehntausendstel Millimeter groß, soll er den Sars-CoV-2-Erreger, welcher für die weltweite Corona-Pandemie verantwortlich ist, neutralisieren. Und die Meldungen vom Campus des Unternehmens klingen vielversprechend.

Erste Tests an gesunden Freiwilligen zeigen, dass der Impfstoff in den getesteten Dosierungen so weit gut vertragen wird. Eine notwendige Voraussetzung, um es dem Körper zu erlauben, hoffentlich den Kampf gegen den Erreger aufzunehmen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die nächste Phase der Forschung beginnt, die alles entscheidende: wenn Tausende Menschen den Impfstoff injiziert bekommen, um zu sehen, was passiert, sobald diese Versuchspersonen mit dem Coronavirus in Kontakt kommen. Dann wird sich erweisen, ob die Strategie der Firma CureVac, an der sich die Bundesrepublik mithilfe der KfW mit 300 Millionen Euro beteiligt und so – vor dem erfolgreichen Gang der Tübinger an die New Yorker Börse – einen Anteil von 23 Prozent erworben hat, auch funktioniert. Es wäre der Durchbruch, auf den die Welt wartet.

Überall auf dem Globus versuchen Wissenschaftler und Techniker im Augenblick dasselbe. In mehr als 160 Laboratorien kleiner Start-ups, großer Pharmafirmen und berühmter Universitäten arbeiten Forscher fieberhaft an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. CureVac steht dabei mit an der Spitze dieser Bemühungen. Denn wenn ihnen gelingt, was sie versuchen, werden sie nicht allein einer Seuche den Schrecken nehmen, sondern die medizinische Forschung revolutionieren.

Die Veränderung der Virusprotein-RNA als Schlüssel

Was in Tübingen geschieht, bedarf keiner Hochsicherheitstrakte, um tödliche Viren zu kontrollieren und diese – wie bei der Impfstoffsuche sonst üblich – in abgeschwächter Form in Hühnereiweiß zu vermehren. Hier kann kein lebensgefährlicher Erreger mehr nach außen dringen, weil die Forscher um die Zellbiologin Mariola Fotin-Mleczek nur noch mit minimalen Bestandteilen arbeiten: „Wir konzentrieren uns auf ein einziges Protein auf der Oberfläche des Virus, um das Immunsystem zu aktivieren. Wir wussten schnell, wo wir ansetzen müssen.“

Seit 20 Jahren arbeiten CureVac und seine Gründer daran, mit sogenannter mRNA Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Es ist ein kompliziertes Verfahren, das versucht, körpereigene Prozesse zu imitieren und zu manipulieren, um das Immunsystem eines Menschen gegen Eindringlinge wie Viren oder gegen Tumorzellen zu wappnen. mRNA, auch Boten-RNA genannt, ist so etwas wie die Blaupause zur Vermehrung von Eiweißen in unserem Körper. Sie kopiert aus dem genetischen Code einer Zelle, was zu produzieren ist. Die mRNA variiert je nach der Art der Proteine, die der Körper braucht, und liefert den Plan dafür. Im Falle eines Impfstoffs geht es darum, die Boten-RNA so zu verändern, dass sie etwas anderes bewirkt: Sie soll die Ausbreitung eines Virus in den Körperzellen verhindern, indem sie die Bauanleitung zur Herstellung des Virusproteins in einer im Labor leicht veränderten und darum harmlosen Version liefert und Zellen zur Bildung des Proteins anregt.

Modernes Bürogebäude der Firma CureVac von außen

Im Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac arbeiten 430 Menschen an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

Beim Coronavirus weiß man genau, wo man ansetzen muss. Denn jedes Virus besitzt ein spezielles Protein, dessen Moleküle wie Zacken aus einer Krone herausragen. Daher der Name Coronavirus. Diese Zacken werden Spike-Proteine genannt. Sie bilden die Speerspitze der Virusattacke. Denn sie docken im Körper an einem menschlichen Zellmembranprotein an, das den Eintritt in die Zelle ermöglicht und normalerweise Blutdruck und Wasserhaushalt des Organismus reguliert. Indem die Viren dieses Protein angreifen und aufspalten, setzen sie im Körper den Mechanismus außer Kraft, der für ein gesundes Gleichgewicht der Flüssigkeiten sorgt. Während der Mensch dann Fieber bekommt, sich schlapp fühlt oder sogar stärker erkrankt, vermehrt sich das Virus in den außer Gefecht gesetzten Zellen. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt, wenn das Abwehrsystem zu schwach ist, das Virus zu vernichten.

Ein Impfstoff soll verhindern, dass dieser Prozess beginnt. Dazu nehmen die Forscher von CureVac die mRNA des Spike-Proteins, verändern sie aber an einigen Stellen. So entstehen in Körperzellen Proteine, die normalerweise im Virus vorkommen. Das Immunsystem erkennt diese als fremd und vom Virus stammend und wird dadurch mobilisiert, ähnlich wie im Fall einer Infektion. Von den etwa 4.000 Bausteinen, aus denen die mRNA des Spike-Proteins besteht, genügt es bereits, zwei zu verändern. Schon das reicht aus, um das Immunsystem zu alarmieren. Dessen Abwehrzellen stürzen sich auf die vermeintlich gefährlichen Eindringlinge und vernichten sie. Haben sie den Feind einmal identifiziert und Antikörper gebildet, um ihn zu bekämpfen, patrouillieren solche Antikörper gegen das Protein und sein Virus im Organismus selbst dann noch, wenn der Kampf längst entschieden ist. So wappnet er sich für die nächste Attacke, dieses Mal des echten Virus. Zugleich speichern die Gedächtniszellen der Abwehr, mit welchem Eindringling sie gekämpft haben. Sie sind damit vorbereitet und können zusätzlich neue Antikörper produzieren, sobald sie von einem Virus angegriffen werden, das diese Spike-Proteine besitzt.

Ein Mann hält eine Phiole aus Glas in seinen Händen

Seit 20 Jahren entwickelt CureVac mit sogenannter mRNA Medikamente und Impfstoffe. Dies soll auch zum Erfolg im Kampf gegen das Coronavirus führen.

Klinische Studien seit Sommer

Was im Labor und im Tierversuch funktioniert, muss noch breit in Menschen gezeigt werden. Nach diesem Prinzip gebaute mRNA-Impfstoffe wie der gegen Tollwut von CureVac befinden sich immer noch im Stadium der klinischen Prüfung. Der entscheidende Schritt fehlt also, steht im Fall von Corona jedoch angeblich kurz bevor.

„Natürlich können wir nicht garantieren, dass unser Impfstoff funktioniert. Ist er sicher? Regt er die Produktion von genug Antikörpern an? Das werden erst die klinischen Studien zeigen, die bereits im Sommer gestartet wurden“, sagt Vorstandschef Franz-Werner Haas. „Aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass wir Erfolg haben. Ich gehe sogar davon aus, dass wir im nächsten Jahr mehrere Impfstoffe auf dem Markt sehen werden. Das ist wahrscheinlich auch gut so, weil Menschen unterschiedlich auf die Stoffe reagieren. Ältere haben ein schwächeres Immunsystem als Jüngere. Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthma werden andere Reaktionen zeigen als solche ohne. Da kann es nützlich sein, Impfstoffvarianten im Einsatz zu haben.“

Im Wettlauf um den ersten Impfstoff geht es um Milliarden an Investitionen und Milliarden an Gewinnen und Verlusten. Schon die Berichte über die Gründer einiger Biotech-Firmen, die mit guten Nachrichten Stimmung und dann Kasse machen, oder die Behauptungen, dass russische und chinesische Hacker dabei seien, im Geheimdienstauftrag die Computer von Biotechnikfirmen zu knacken, zeigen, dass dabei noch weit mehr auf dem Spiel steht. So, wie den ersten Schritten auf dem Mond vor 50 Jahren nicht bloß eine technologische Meisterleistung vorausging, sondern sie auch Ausdruck für Amerikas Überlegenheit in Zeiten des Kalten Krieges waren, steht die Herstellung eines Impfstoffs – zumal eines der neuesten Generation wie bei CureVac – für biotechnische Avantgarde, für ökonomische Stärke, wenn nicht gar Vorherrschaft.

Eine Probe im Labor wird untersucht

Die Vorbereitung der Proben für die Qualitätsanalyse ist ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den bestmöglichen Kandidaten für einen Impfstoff.

Und wie sich solche Macht in einer Zeit einsetzen lässt, da Konfrontation oft vor Kooperation geht, zeigte sich schon zu Beginn der Corona-Krise. Beim Kampf um die knappen Masken zum Schutz vor dem Virus war manchem jedes Mittel recht. Beim Verteilen eines Impfstoffs an die Bevölkerung der Welt klingen Politiker unterschiedlicher Nationen, allen voran US-Präsident Donald Trump, nicht anders. In Deutschland ist vielen Entscheidern erst seit Corona klar geworden, was es bedeuten könnte, wenn man von anderen abhängig ist. Bei Rohstoffen und Fertigungshallen für Medikamente etwa. So könnte China als großer Produzent von Arzneimitteln den Nachschub lebenswichtiger Mittel stoppen, wenn es wollte, und damit mindestens vorübergehend für Chaos und Elend sorgen.

Eine solche Entwicklung lässt sich jedoch auch ins Positive drehen. Eine Firma wie CureVac bietet im Erfolgsfall nicht bloß die Chance, für eine überschaubare Summe öffentlichen Geldes dem Gesundheitssystem Milliarden Euro an Ausgaben zur Behandlung einer Seuche zu ersparen. Sie könnte auch dazu beitragen, die Volkswirtschaft vor einem neuen Absturz zu bewahren. Und: Ein solches Unternehmen kann für Deutschland Kern einer Zukunftsindustrie sein, im Falle von CureVac zufällig wenige Kilometer entfernt von dem Ort, an dem Carl Benz Ende des 19. Jahrhunderts das Auto entwickelte und damit einen Motor für den Aufstieg Deutschlands zur Industrienation schuf. In diesem Sinne sind 300 Millionen Euro vom Bund bei CureVac ein strategisches Investment in den Standort Deutschland.

Porträt von CureVac-Forschungsvorstand Mariola Fotin-Mleczek
„Wir wussten schnell, wo wir ansetzen.“

Mariola Fotin-Mleczek, Forschungsvorstand CureVac

Aufbau weiterer Produktionsanlagen

„Natürlich befinden wir uns in einem Wettlauf unter hohem Druck“, sagt Franz-Werner Haas. „Aber es ist erst mal keiner gegen die anderen, sondern einer gegen das Virus. Gleichzeitig sind wir wie alle anderen dabei, schon jetzt die nötigen Produktionsanlagen zu bauen. Unsere im Dezember des vergangenen Jahres fertiggestellte Fabrik – damals war von Covid-19 noch keine Rede – ist eine Zehn-Gramm-Anlage. Das heißt, wir können mit einem einzigen Produktionslauf zehn Gramm Impfstoff herstellen. Zwar wissen wir derzeit noch nicht, wie viel Impfstoff man pro Patient braucht, um die optimale Dosis zu finden. Wäre ein Mikrogramm genug, könnten wir bereits jetzt zehn Millionen Dosen herstellen, würde man zwei Mikrogramm benötigen, wären es dementsprechend fünf Millionen. Und unsere neue Anlage, die gerade entsteht, reichte dann aus, um eine Milliarde Dosen Impfstoff herzustellen. Streng genommen produzieren wir im Moment ins Risiko hinein, weil der ultimative Beweis noch fehlt. Aber wir haben aufgrund der ersten Daten allen Anlass zu Optimismus.“

160 Laboratorien forschen weltweit an einem Impfstoff

Tatsächlich gibt es Wissenschaftler, die weiterhin bezweifeln, dass ein wirksamer Impfstoff gegen Corona schnell gefunden wird. Sie verweisen darauf, dass trotz aller Forschung längst nicht gegen jedes dem Menschen gefährliche Virus ein Impfschutz besteht. Der Aids-Erreger ist dafür ein Beispiel. Und im Falle der Grippeviren funktioniert der Schutz nicht perfekt, weil Mutationen, veränderte Grippeviren, jedes Mal einen neuen Impfstoff erfordern.

Bei CureVac glauben Investoren wie Verantwortliche so sehr daran, mit ihrer Strategie Erfolg zu haben, dass sie nicht nur den Staatsfonds von Katar dafür gewonnen haben, in das Unternehmen einzusteigen. Auch der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline hat eine Beteiligung erworben und darüber hinaus seine Bereitschaft erklärt, in verschiedenen Schritten eine weitere Milliarde Euro in die Entwicklung von Medikamenten und den Aufbau von Produktionsstätten zu stecken. Zudem ist CureVac nun dort an der Börse, wo der größte Markt wartet, in den USA.

„Wir haben keinen Zweifel daran, dass wir weitere Investoren finden werden. Denn ganz unabhängig vom Erfolg eines Impfstoffs gegen Corona stellt die mRNA-Technologie eine Plattform dar, auf der sich noch viele andere Impfstoffe und Medikamente bauen lassen. Stoffe, die die natürlichen Prozesse unseres Körpers imitieren und gegen Zellen wirken, die krank machen, sind die Stoffe der Zukunft in der Behandlung von Kranken“, sagt Franz-Werner Haas.

Quelle
Titelbild des CHANCEN-Magazins Herbst/Winter 2020

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2020 „Jäger des Virus“.

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Und die Mikrobiologin Mariola Fotin-Mleczek ist sogar davon überzeugt, dass die Herangehensweise ihres Teams noch besser sein könnte als die manchen Mitbewerbers. „Die Zuversicht geben uns die Daten des Tollwutimpfstoffs, bei dem wir eine ganz ähnliche Strategie verfolgt haben“, sagt sie. „Wir arbeiten, im Unterschied zu anderen, ohne jede chemische Behandlung des Vakzins. Wir brauchen daher nur geringe Mengen, um Schutz herzustellen, wie wir beim Tollwutimpfstoff gezeigt haben.“

Millionen Menschen auf der Welt warten darauf, sich bald gegen Corona schützen und nach Monaten von Einschränkungen und Entbehrungen wieder ein Leben führen zu können wie vor dem Ausbruch der Seuche. Denn was Sars-CoV-2 anrichten kann, selbst wenn man überlebt, hat der belgische Virologe Peter Piot eindringlich beschrieben. Sein Leben lang hatte er vor allem in Afrika Aids und Ebola erforscht, ohne sich je anzustecken. Vermutlich in London infizierte er sich mit Corona und landete schließlich auf der Intensivstation. „Ich hatte immer schon Respekt vor Viren“, schrieb Piot nach dem Ende der Krankheit. „Doch seit ich die alles beherrschende Anwesenheit eines Virus im eigenen Körper gespürt habe, hat sich mein Blick auf sie verändert. Ich fühle mich viel verletzlicher als zuvor.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am 13. Oktober 2020.