Im Labor von PEPperPRINT
Corona-Krise

Corona-Krise

Mit Biotech gegen das Virus

Drei Biotech-Unternehmen aus Heidelberg, Leipzig und Hennigsdorf in Brandenburg gelten als besonders innovativ. Ihre Entwicklungen könnten im Kampf gegen das Coronavirus helfen.

PEPperPRINT baut Genomsequenz von SARS-CoV-2 nach

Das Virus, das die Menschheit bedroht, konnte sich ein Heidelberger Biotechnologie-Unternehmen mal eben so besorgen. Chinesische Wissenschaftler veröffentlichten bald nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie die Genomsequenz des Erregers SARS-CoV-2 in öffentlichen Datenbanken. „Dann haben wir es nachgebaut“, sagt Volker Stadler, „in zwei Tagen.“ Um sogleich zu beruhigen, infektiös sei es nicht.

PEPperPRINT CEO Dr. Volker Stadler

Volker Stadler ist Gründer und CEO des Start-ups PEPperPRINT, des weltweit führenden Anbieters von Peptid-Microarrays.

Stadler ist Gründer und CEO von PEPperPRINT. In dem Namen des Start-ups steckt drin, was es macht. Mithilfe eines Laserdruckers und einer selbst entwickelten Methode bringt es Aminosäuren auf Glasplatten. Zum Beispiel die des Coronavirus. Nicht alle Moleküle, Peptide genannt, müssen dabei gedruckt werden. Es reichten 4.800 Bruchstücke, sagt Stadler.

Der fertige Chip ist ein sogenannter Peptid-Microarray. Den kauft beispielsweise ein Pharmaunternehmen, das an Medikamenten oder Impfstoffen gegen Covid-19 forscht. Im Labor lässt es dann Blut eines getesteten Menschen auf einen SARS-CoV-2-Chip einwirken. Wissenschaftler analysieren in der Folge, ob und welche Antikörper im Blut an die Peptide des Virus andocken. Daraus ergeben sich wichtige Ansätze für Forschung und Entwicklung von Wirkstoffen gegen das Virus.

Bis zu 35.000 Peptide kann PEPperPRINT dank seiner Laserdrucktechnik auf einen Chip drucken. Nach Angaben von Stadler ist seine Firma, die 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, „der weltweit führende Anbieter“ von Peptid-Microarrays. Zu den Kunden zählen fast alle führenden Pharmaunternehmen, die zu einem großen Teil aus den USA kommen.

Der Microarray von PEPperPRINT

Mit den Peptid-Microarrays von PEPperPRINT können Pharmaunternehmen weltweit an Impfstoffen oder Medikamenten gegen Covid-19 forschen.

An dem Heidelberger Start-up aus dem Bereich Life Science ist seit 2010 der High-Tech Gründerfonds (HTGF) beteiligt, zu dessen Investoren KfW Capital gehört, die Beteiligungstochter der KfW Bankengruppe. In jenem Jahr beschloss Volker Stadler, bis dahin Chemiker am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), sich selbstständig zu machen mit der Produktidee, an der er und andere Wissenschaftler über Jahre am DKFZ geforscht hatten. „Wir haben mit unserem sehr frühen Investment dazu beigetragen, dass heute ein Großteil der weltweit führenden Pharma- und Biotechkonzerne die Produkte von PEPperPRINT in der eigenen Forschung und Entwicklung einsetzt“, sagt der HTGF-Partner Bernd Goergen. „Er kann bei Covid-19 einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung dringend benötigter immunologischer Tests und Impfstoffe liefern.“

PEPperPRINT entwickelt Peptid-Microarrays auch für andere Krankheiten, arbeitet gerade etwa an Biomarkern für Brustkrebs. Mit Viren aber hat das Unternehmen bereits große Erfahrung, „deshalb können wir da schnell reagieren wie jetzt bei SARS-CoV-2“, sagt CEO Stadler. Schon beim Zika-Virus, das 2015 eine Epidemie auslöste, „waren wir vorn mit dabei“. Der Erfolg des Geschäftsmodells spiegelt sich in den Bilanzen wider: PEPperPRINT macht seit 2014 Gewinn.

CFO Thomas Pfaadt und CEO Marc Struhalla von c-LEcta

CFO Thomas Pfaadt und CEO Marc Struhalla wollen mit ihrem Unternehmen c-LEcta einen Beitrag in der Corona-Krise leisten.

c-LEcta liefert Enzym zur Impfstoffherstellung

Die schwarzen Zahlen hat die Firma mit der Leipziger c-LEcta gemein, auch ein Unternehmen aus der Biotechnologiebranche, das in der Bekämpfung der Corona-Pandemie eine wichtige Rolle spielt. Mit den Risiken, die diese für das Unternehmen bedeuten könnte, „haben wir uns früh beschäftigt“, sagt Marc Struhalla, CEO von c-LEcta, mit Mitarbeiterschutz beispielsweise, Rohstoffbeschaffung, Lieferketten. Probleme größerer Art traten dabei aber nicht auf. Im Gegenteil: Die Bedrohung durch das Virus treibt den Umsatz. Das liegt vor allem an dem Enzym Denarase, das c-LEcta mit einer patentgeschützten Technologie produziert.

Denarase entfernt unerwünschte DNA bei der Herstellung biopharmazeutischer Medikamente und auf klassischer Basis entwickelter Impfstoffe. Mehr als 100 Unternehmen aus der Pharmabranche, darunter einige Impfstoffhersteller, beziehen das Produkt aus Leipzig. Es wird auch in der Gen- und Zelltherapie eingesetzt. Aber jetzt ordern es jene Firmen verstärkt, die an einem Impfstoff gegen Covid-19 forschen. Der Bedarf an Denarase für den Fall, dass es für die tatsächliche Impfstoffherstellung gebraucht würde, sei schwer abzuschätzen, sagt Marc Struhalla, aber man sei zuversichtlich, „die erforderlichen Mengen produzieren zu können“.

Im Labor von c-LEcta

Hersteller von Impfstoffen gegen Covid-19 ordern zurzeit verstärkt das von c-LEcta in Leipzig produzierte Enzym Denarase.

Gemessen am Umsatz ist dieses Enzym eines der wichtigsten Produkte von c-LEcta– und es wird an Bedeutung zunehmen. Die Fähigkeit, Enzyme so zu verändern, dass sie einen Nutzwert für den Menschen haben, setzt die Biotechnologiefirma auch im Lebensmittelsektor ein. So bewirkt ein Produkt von c-LEcta, dass der Zuckerersatz Stevia seinen bitteren Beigeschmack verliert, oder ein anderes, dass potenziell krebserregendes Acrylamid aus Kartoffelchips oder Kaffee verschwindet. c-LEcta ist in vielem drin, ohne draufzustehen.

2004 gründete der Biochemiker Struhalla sein Unternehmen als Spin-off der Leipziger Universität. Zwei Jahre später investierte der HTGF in c-LEcta, 2008 beteiligte sich die KfW mit Mitteln aus dem ERP-Startfonds an dem Unternehmen. „Mit dem Risikokapital des HTGF haben die Gründer marktfähige Produkte entwickelt, deren Wachstumspotenziale von der VC-Gesellschaft SHS gesehen und zusammen mit dem ERP-Startfonds der KfW weiter finanziert wurden“, sagt der HTGF-Partner Marco Winzer. Es mache sie stolz, „dass c-LEcta in der Covid-19-Krise einen Beitrag leisten kann“.

Die Ambitionen in Leipzig sind groß. „Jedes Jahr wollen wir ein neues Produkt herausbringen“, sagt Struhalla. „Wir streben ein jährliches Wachstum von 40 Prozent an“, sagt CFO Thomas Pfaadt. 2019 hatte sich der Umsatz gar verdoppelt. Ständig werden neue Mitarbeiter eingestellt. Mittlerweile zählt das Unternehmen 85 Beschäftigte, knapp die Hälfte davon arbeitet im Bereich Forschung und Entwicklung.

Pantherna Therapeutics entwickelt Medikament gegen Atemnot

Bei Pantherna Therapeutics sind sie derzeit zu sechst, Chemiker, Biochemiker, Biologen und ein Jurist. Sie arbeiten an einem Medikament gegen das akute Atemnotsyndrom, ein lebensbedrohliches Lungenversagen, das auch in den schweren Verläufen einer Covid-19-Erkrankung auftreten kann. Im vergangenen Jahr hat das 2017 gegründete Start-up aus dem brandenburgischen Hennigsdorf seine ersten beiden Finanzierungsrunden abgeschlossen. Seit 2019 ist der HTGF an Pantherna Therapeutics beteiligt mit Mitteln aus einem Fonds, in den auch KfW Capital investiert hat. „Das erfahrene Gründerteam hat früh den medizinischen Bedarf bei der Behandlung des akuten Atemnotsyndroms erkannt“, sagt Anke Caßing, Senior Investment Manager beim HTGF. Man freue sich, dass Pantherna inzwischen mit einer weiteren Finanzierung sein Entwicklungsprogramm beschleunigen könne.

„Wir haben einen therapeutischen Ansatz für eine akute Krankheit gewählt, die zu unseren Technologieplattformen passt“, sagt Klaus Giese, CEO von Pantherna Therapeutics. „Unsere mRNA-Technologie ermöglicht eine effiziente Proteinproduktion in Endothelzellen der Lunge.“ Außerdem verfüge Pantherna Therapeutics über eine Transporttechnologie, die die potenten mRNA-Moleküle in die Endothelzellen der Lunge einschleusen könne.

„Wir wissen genau, was wir machen, was uns erwartet und was es kostet“, sagt Giese. Seit Beginn des Jahres 2020 arbeiten sie mit dem Wirkstoffkandidaten. 35 Millionen Euro kosten Forschung und Entwicklung, bevor er sich in fortgeschrittenen klinischen Studien befindet. Das könnte in zwei, drei Jahren der Fall sein. Dann wäre zwar die Bedrohung durch SARS-CoV-2 wohl vorbei, das akute Atemnotsyndrom aber gehört auch zu den Komplikationen viraler und bakterieller Lungenentzündungen und verläuft allein in den USA jährlich im Schnitt in mehr als 100.000 Fällen tödlich. Wer die Krankheit überlebt, ist oft über Monate, manchmal über Jahre arbeitsunfähig.

CEO von Pantherna Therapeutics Klaus Giese
„Vielleicht denken die Investoren mal um. Ein Smartphone macht schließlich nicht gesund.“

Klaus Giese, CEO Pantherna Therapeutics

Den Vorteil seines Unternehmens sieht Giese in den praktischen Erfahrungen des Teams: „Wir haben schon mit ähnlichen nukleinsäurebasierenden Wirkstoffen in anderen Indikationen gearbeitet. Wir wissen, wie wir funktionelle Formulierungen für die klinische Anwendung herstellen müssen.“

Kapitalgeber

KfW Capital investiert in europäische Venture-Capital-Fonds, die sich an Unternehmen in der Wachstumsphase in Deutschland beteiligen und so deren Kapitalbasis stärken.

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Wenn Giese von „wir“ spricht, meint er sich und die drei anderen Gründungsmitglieder von Pantherna Therapeutics. Das Start-up ist nicht, wie so oft in der Biotechnologiebranche, ein Spin-off einer Universität oder Forschungsgesellschaft. Vielmehr haben die Gründer vorher viele Jahre in Biotechfirmen in den USA und danach in Deutschland gearbeitet. Als sie sich vor drei Jahren trafen, entschieden sie sich, ihre Erfahrungen in die Entwicklung von neuartigen mRNA-Wirkstoffen einzubringen, und gründeten Pantherna Therapeutics – auch um das akute Atemnotsyndrom besser behandeln zu können.

Giese wirbt für die Unterstützung seiner Branche. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung fänden leichter Risikokapital, weil der Gewinn dort höher sei und schneller komme. Aber „vielleicht denken die Investoren mal um. Ein Smartphone macht schließlich nicht gesund.“

Bei der KfW muss Giese nicht mehr werben. Risikokapital der Beteiligungstochter KfW Capital gehört im Biotechsektor schon zur Normalität. Alexander Thees, Geschäftsführer von KfW Capital, betont die Relevanz der Investitionen gerade auch in Zeiten wie diesen: „Die Beispiele PEPperPrint und Pantherna Therapeutics zeigen, dass hoch spezialisierte innovative Life-Science-Unternehmen während der Corona-Krise wichtige Bausteine zur Bekämpfung von Covid-19 liefern können. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen dieser Art langfristige Partner wie den HTGF finden, in dessen drei Fondsgenerationen KfW Capital investiert ist.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am 25. Mai 2020.